mit Dem KreisLlatt für die Kreise Marburg und Kirchham
bet verwandten Frage der Heranziehung der Industrie zu den Kosten für die Ausbildung des handwerklichen Nachwuchses. Die Industrie leiste dieser Forderung entschieden Widerstand. Jedenfalls sei bei dem Handwerk die ehrliche Absicht zu einer Verständigung mit der Industrie vorhanden. Auf diesem Boden könnte auch die Frage der Gesellenprüfung am besten geklärt werden. Aus der Tatsache, daß die Verhandlungen zwischen der Regierung und den Vertretern wegen Aufhebung des § lOOq der E.-O. auf Wunsch der Handwerker vertagt worden sei, habe der Bund der Handwerker gegen die Regierung und die Vertreter des Handwerks den Schluß gezogen, daß die Frage damit endgilttg fallen gelassen sei. In einem Artikel sei gesagt worden, die Handwerker hätten sich zum willenlosen Werkzeug der Regierung degradieren lassen. Diese unerhörte Insinuation weise er mit aller Entschiedenheit zurück. — Di« Sozialpolitik des Reiches mit ihren heutigen Tendenzen bedeute eine Belastung der der nichtkapitalkräftige Kleinhandwerker schlechthin nicht gewachsen sei. Diese Art einer sozialen Gesetzgebung, wobei zu Gunsten eines Standes andere für den Bestand des Staates dringend notwendige Stände allmählich ruiniert werden, müße aufhören. Diese Erkenntnis habe auch der evangelisch-soziale Kongreß zum Ausdruck gebracht. Weiter müsse der Staat Schutzmaßnahmen gegen die Vergewaltigung arbetts-
sei ein gewißer Fortschks bald in der Praxis erwei
-erzielt worden, das würde sich hoffentlich t. Weniger günstig seien die Aussichten bei
47. Jahrg.
1912.
Franzosen intrigieren würde. Man möchte ihn deshalb am liebsten in Casablance festsetzen, wo er nur von französischen Truppen umgeben wäre. Der Nachfolger Mulay Hafids ist noch nicht bestimmt. Die Kolonialpolitiker, welche sich besonders für die geschäftliche Ausbeutung Marokkos interessiren, treten für die Wiedereinsetzung von Abdel Asis ein, der in ihren Händer allerdings ein gefügiges Werkzeug wäre. Es scheint aber bisher, daß man im Ministerium des Aeußern dem jüngeren Bruder der beiden abgedankten Sultane, Zussuf, den Vorzug gibt.
Parlaments oder die Bildung einer Eegenregierung für unrichtig. — Die Beschlüsse des Ministerrats betreffend die Forderungen der Albanesen sind bisher dem Sultan zur Sanktion nicht unterbreitet rrorden, wie die Antwort der Albanesen auf einzelne Abänderungen noch aussteht. — Die in Sofia wegen der Vorfälle in Kotschona herrschende Erregung scheint auf die offiziellen Kreise Eindruck zu machen. Die Pforte versprach, ein unparteiische llnter- suchnng einzuleiten, die Schuldigen zu bestrafen und bet? Geschädigten Ersatz zu leisten. Die nach Kotschana entsandte Kommission ist dort eingetroffen und hat mit der Untersuchung bereits begonnen.
Marburg
Tonne! siag, 15 August
Das Erdbeben in der Türkei.
K o n st a n t i n o p e l, 13. Aug. In den vom Erdbeben heimgesuchten Ortschaften dauern die Erdstöße fort. Die Berge zwischen Ganos und Chora sollen sich gesenkt haben. Es heißt, daß sich auf dem Berge Tekfurdagh ein Krater gebildet habe, aus dem Rauch aufsteigt. Unter den Trümmern befinden sich noch zahlreiche Leichen. 50 000 Menschen sind obdachlos. Ein Torpedoboot bringt fortgesetzt Hilfe, die jedoch bei der großen Zahl der Verunglückten nicht ausreicht.
13. Teutscler Handwerk- u. Kewerbekanimertag
S. & H. Würzburg, 13. August 1912.
Nachdem bereits gestern eine geschlossene Vorversammlung stattgefunden hatte, trat heute Vormittag hier der 13. Deutsche Handwerks- unb Gewerbekammertag zu seiner ersten Hauptversammlung zusammen. Der Vorsitzcnbe Obermeister Plate (Hannover) eröffnete die Verhandlungen und erteilte das Wort dem Generalsekretär des Handwerksund Gewerbekammertages Dr. Mensch (Hannover), der sich ausführlich über die augenblickliche Lage der deutschen Handwerkspolitik verbreitete. Die Lage des Handwerks sei nicht rosig, aber man habe doch ehrlich versucht, frühere Schäden auszugleichen. Notwendig sei dem deutschen Handwerk vor allem ein Stanbesbewußtsein. Die Pufferstellung des Handwerks zwischen Industrie und Arbeiterschaft erfordert Schutzmaßnahmen, die das Handwerk allein nicht schaffen kann. Im Vordergründe der Wünsche des Handwerks stehen die nach einer Regelung des Sub- misiionswefens. Ein lebhaftes Interesie hätten die Vertreter des deutschen Handwerks an einer befriedigenden Lösung bet Frage „Fabrik unb Handwerk". In den Konferenzen, die sich hiermit beschäftigten.
S^antwortüng.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdrucketei I. A. Koch sInh.- Dr. E. Hitzeroih), Markt 21. - Telephon 55.
Politische Umschau.
Zur Reise Poinearös.
* Petersburg, 13. Aug. Nach dem Festdiner unterhielt sich der russische Ministerpräsident mit PoincarS während zwei Stunden über die finanzielle Lage, die als eine vorzügliche zu bezeichnen sei. Das Ergebnis der Besprechungen bis jetzt ist, daß eine vollständige Uebereinstimmung beider Regierungen über alle Fragen festgestellt wurde. — Paris, 13. Aug. Als Resultat der Besprechungen zwischen dem Ministerpräsidenten Poincarö und dem russischen Minister des Aeußern Sassonow wird mitgeteilt, daß ein Abkommen mit Frankreich und Rußland über die chinesische Anleihe erzielt worden ist. Rußland vertrat bisher den von Frcnkreich nicht geteilten Standpunkt, daß die Verwendung und Kontrolle der Anleihe durch das Konsortium der sechs Großmächte mit der besonders privilegierten Stellung Rußlands in China nicht in Widerspruch stehen dürfe. Frankreich wird diesen Gesichtspunkt Rußlands, welcher von den anderen Großmächten nicht geteilt wird, künftig als seinen eigenen vertreten. — Dem „Echo de Paris" wird aus Petersburg berichtet, daß Ministerpräsident Kokowtzow erklärt habe, es sei ihm wegen seiner Beschäftigung und wegen der nahe bevorstehenden Wahlen zur Duma vollständig unmöglich, in diesem Jahre nach Paris zu kommen. Dagegen werde der Großfürst Nikolai Nikolaijewitsch, desien Besuch bereits für dieses Frühjahr angekündigt war, in 14 Tagen offiziell nach Paris kommen, um als Vertreter der russischen Armee den großen fran- zösischen Armeemanövern beizuwohnen.
• • Muley Hafid.
Gibraltar, 13. Aug. Mulay Hafid traf hier an Bord des „Du Chayla" ein und setzte seine Reise nach Marseille an Bord des fE englischen Dampfers „Maccedonia" fort.
Paris, 13. Aug. Der abgedankte Sultan Mulay Hafid hat dem Mitarbeiter des „Matin,, folgende Gründe für seinen Rücktritt angegeben: Meine Abreise ist der voll''''nbiMe Beweis meiner Aufrichtigkeit und Offenheit. Ich bleibe nicht, weil ich fühle, daß mein Temperament zweifellos Zwischenfälle verursachen würde und gerade weil ich sie vermeiden will, ziehe ich mich zurück. Ich Habe den Wunsch und sogar das Bedürfnis mit Frankreich in gutem Einverständnis zu bleiben. Meine Familie und mein Vermögen befinden sich in Marokko in Frankreichs Händen. Außerhalb aller sonstigen Erwägungen ist es also mein wohlverstandenes Interesie, Frankreichs Freund zu bleiben.
M a z a g a n, 13. Aug. Aus Marrakesch wird unterm 10. Aug. gemeldet: Der Prätendent El Hiba stehe zwei Wegstunden vor der Stadt und sei von allen Kaids des Susgebietes zum Sultan ausgerufen worden. In Mazagan ist alles ruhig. Oberst Mangin ist zum Kommandanten des Hauzgebietes ernannt worden.
Paris, 13. Aug. Die französische Regierung stellt Mulay Hafid für die Kosten des Aufenthalts in Vichy 400 000 Franks zur Verfügung. Mulay Hafid erhält außerdem eine Jahrespension von 377 000 Franks. Der frühere Sultan Abdel Asis bezieht eine Iahrespenfion von nur 120 000 Franks. Was den zukünftigen Aufenthalt Mulay Hafids anlangt, so hat, nach der „Franks. Ztg.", die französische Regierung noch keine endgültige Bestimmung getroffen. Mulay Hafid selbst möchte in Tanaer bleiben. Doch fürchtet man, daß er dort mit den übrigen " ropäern gegen die
Zum Grubenunglück in Gerthe.
G e r tch e, 12. Aug. Zwei Vorfälle, die sich bei der Rettung der Verunglückten ereigneten und die Zeugnis von treuer Kameradschaft ablegen, verdienen, so schreibt die „Rh.-W. Ztg.", an die Öffentlichkeit gebracht zu werden. Der Bergmann Zimmermann aus Holthausen, der seinen 60 Jahre alten toten Vater auf die schwierigste Weise barg, mit ihm zutage fuhr und ihn in die Leichenhalle schaffte, fuhr wieder ein, um sich weiter an den Rettungsarbeiten zu beteiligen. Ein anderer Knappe brachte seinen toten Bruder bis an den Schacht und eilte dann seinen bedrängten Kameraden wieder zu Hilfe. Die Ankündigung des Kaisers bei seiner Anwesenheit in Gerthe, daß er die Personen, die sich bei den Rettungsarbeiten hervorgetan haben, auszeichnen wolle, geht ihrer Verwirklichung entgegen, denn Bergrat Dobbelstein hat aus Allerhöchsten Befehl eine Liste der zur Auszeichnung vorzuschlagenden Leute eingereicht.
E e r t h e, 13. Aug. Bei dem gestrigen Begräbnis dM Opfer des Unglücks auf der Zeche „Lothringen" wurden selbstveMindlich von den Kränzen die roten Schleifen mit Inschriften beseitigt. Eine der Schleifen trug die verhexende Inschrift: „Den Opfern des Kapitals." Nach den gestrigen Veer>ioungsfeierlichkeiten stattete der Bischof von Paderborn den verletzten Bergleuten im Krankenhause „Vergmannsheil" einen Besuch ab.
‘ Wien, 13. Aug. In der Stadtratssitzurch ist ein Dringlich- keitsantrag einstimmig angenommen worden, in dem die Gemeindevertretung ihre' innige Anteilnahme an dem- Schicksal der Hinterbliebenen der bei der Grubenkatastrovbe bei Bochum verunglückten Bergarbeiter ausdrückt und zur Linderung der Notlage 5000 Kronen spendet.
Die Lag« in der Türkei.
Konstantinopel, 13. Aug. Der abgesetzte Kefängnis- direktor im Kriegsgericht, Unterleutnant Salem, wurde wegen Aufwiegelung der Truppen gegen die Negierung zur Füstlierung verurteilt. — M o n a st i r, 13. Aug. Das Komitee fetzt hier seine Agitation gegen das Kabinett fort. Es wurde eine Gegenbewegung organisiert, so daß die Lage in Monastir unverändert kritisch ist. Da Unruhen befürchtet werden, ziehen starke Gendarmerie- Patrouillen durch die Straßen der Stadt. Die militärische Bewachung der Eisenbahnlinie Saloniki-Monastir wurde angesichts der zunehmenden Bomben-Anschläge in Macedonien verdoppelt. — K o n st a n t i n o p e l, 13. Aug. Der Kommandant der Kriegsschule Bebib Bey, ein Anhänger des Komitees, ist durch den Obersten Schewki ersetzt worden. Auch die Kommandanten der Krieasvorbereitungsschulen sind abgelöst worden. — Das Organ des jungtürkischen Komitees „Terdjiman-Hakikat" erklärt die Nachricht, das Komitee beabstchtiae die Einberufung eines Rumpf-
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „LandwirtschaMche Beilage"
Ter Anzeigenpreis betragt für bte Igejpaltene yetie ober beten Raum 15 4, bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 i, für Reklamen die Zeile 60 4- Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Verbindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglieferung ausgeschlossen. — Zahlungen im Postscheckverkehr — ohne Portokosten — unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
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tangr zuge,unv^ , - Hnin .«nAhnnferet T 91 Koch
(Nachdruck verboten.)
Das Tor des Lebens.
Roman vonAnnyWoth e.
$9 tFortsetzung 1
„Die Kranke auf Nr. 17 ist unglaublich unruhig, Herr Doktor", bemerkte bte Krankenschwester, eine hübsche Blonbine mit hellen, grauen Augen, zu Rolf Banbener, als er im Korribor hastig seinen Ueberzieher abwars. ..Wollen Sie nicht, bitte, selber mal nachsehen?"
„Gewiß, Schwester Renate, ich komme sofort."
Unb dann fianb er mit bem prüsenben Blick bes Arztes an Fränzes Lager.
„Sie leibet bie Eisbeutel nicht", berichtete bte junge Schwester flüsternb. „Sie Hot unglaublich getobt. Wir haben sie kaum auf ihrem Lager halten können. Jetzt ist sie ruhiger geworben. Fast scheint es. als ob sie uns sieht unb erkennt."
Der Doktor hielt bas abgezehrt« Handgelenk der Kranken umfaßt und schüttelte bedenklich den Kopf.
„Haben Sie bie Fiebertemperatur gemessen?"
„Noch immer 10 Grab. Herr Doktor."
Die großen, bunklen Augen der Kranken, die erst wild im Zimmer herumgeirrt, waren jetzt fest auf Rolf Banbener gerichtet, dem ein eigenes Unbehagen unter diesen Augen kam.
Wo hatte et nur dieses Gesicht schon gesehen?
Er forschte umsonst unter vielen, bte schon seinen Lebensweg kreuzten. Nein, bieses armselige Weib mit hageren, eingefallenen Wangen kannte et nicht.
„Sie rebet so merkwllrbigrs Zeug, Herr Doktor", berichtete Schwester Renate. „Fast scheint es, als ob die Arme doch das Opfer eines Verbrechens geworden. Die Frau Oberin, bie vorhin hier war, meinte, wir würben boch wohl bei Staatsanwaltschaft Anzeige machen müßen."
Rolf winkte befchwichtigenb mit bet nervigen Hanb.
„Die laust uns ja nicht bavon, Schwester. Erst wollen wir die Arme boch mal gesunb pflegen."
„Unb wenn bei Mörder inzwischen entkommt, wenn seine Spur verloren geht, wenn es zu spät ist, seiner habhaft z« werben?"
„Schwester, Schwester",lächelte bet Arzt. „Sie scheinen mir ja ganz gefährlich in bem Bestreben, hier eine Senfationsgeschichte sestzustellen. 8ch bin vielmehr ber Meinung, baß bie Kranke aus Verzweiflung selbst Ihr Gnbe gesucht. Doch lasten wir bas einstweilen, Schwester Rennte. 6inb alle Anordnungen pünktlich befolgt?"
„Ganz genau, Herr Doktor."
„Dann lasten Sie mich, bitte, mit ber Kranken allein. Um sechs Uhr noch ein Bab unb Nachtwack>e. Schweller Beatrix kann Sie ablösen."
„Ich bin nicht mübe, Herr Doktor."
Die Schwester sagte es mit btttenben Angen.
„Nichts ba, hier bestimme ich! Sie wollen sich wohl voMänbig zunichte machen? Ich finbe Sie ohne bi es blaß unb angegriffen, Schwester Renate."
Purpurglut flog über bas hinge Gesicht bet Scknvesier, unb ihre Augen hingen mit angstvollem Flehen an bes Arztes Zügen. Unter ber weißen Haube stahlen sich bie blonben Locken reizvoll hervor unb gleißten wie Sonnenfäben auf ber weißen Stirn.
Rolf Banbener bachte: „Was ist sie boch lieb, unb rote aufopfetnngs- fäbig. unb wie hübsck Re aussieht! Wenn sie in bie Krankenzimmer kommt, ist es immer, als bringt Re den Frühling mit." *’*'
Schweiler Renate stand ftban an ber Tür
Die Augen ber Kranken, bie bei ber leise geflüsterten Unterhaltung unrubig von einem zum aübern roanberten. witeten sich.
„Nun ist sie fort," lachte sie plötzlich auf, „unb ich kann reben, reden Kommen Sie doch naher", flüsterte sie. „Kommen Sie doch ganz nahe. Soll ich Ihnen sagen, wer mich ins Master gestoßen? Soll ich es Ihnen sagen?"
Rolf Banbener legte seine kühle Hand beruhigenb auf die fieberheiße Stirn der Kranken.
„Ja. Sie sollen mir später alles sagen: nur jetzt mästen Sie schlafen."
„Schlafen? Ich kann nicht mehr schlafen. Es brennt mir die Seele rontib. Haben Sie mein Kinb gesehen? Es hat Lacken, biete, dunkelblonde Locken rote er unb seine Augen. Er hat mir auch bas Kinb gestohlen. Alles nahm et mir. Er will es nicht roieber hergeben. Er will es behalten. Aber er soll es nicht. Jrmele würde ja schlecht bei ihm werben. Nicht wahr, Herr Doktor, grunbschlecht!"
Die Kranke hatte sich hastig aufgerichtet unb hielt nun mit ihren hageren Fingern bie Hänbe bes Doktors krampfhaft umklammert.
Rolf Banbener hatte plötzlich bas Gefühl, als brächen bie Mauern bes Hauses über ihm zusammen. Eine unsagbare Angst erfaßte seine Seele. Es war ihm, als würge ihm etwas in seiner Kehle. Aber et mußte boch fragen.
„Wer, Traute?" Er glaubte es wäre gut, sie mit bem Namen an» gureben, ben er von Heinrike wußte. „Wer hat Ihnen denn bas alles getan?"
Die Kranke strich sich mit ber Hand bas wirre, schwarze Haar aus dem fieberhaften Gesicht. Es war, als lausche sie auf einen fernen, verlorenen Klang
„Traute", sagte sie ausieuszend. „Ja, so hieß ich lange; aber früher ganz früher, da hat man mich anders genannt. Wissen Sie es denn nicht mehr 2"
Des Doktors Blick haftete gespannt an dem abgezehrten Antlitz der Kranken.
Wo war sie ihm denn schon begegnet?
"Nun flog ein wehmütiges Lächeln über die blutleeren Lippen bei Kranken.
„Wissen Sie nicht mehr, Herr Doktor, den Buchenwald? Große, weiße Tische standen aus bem weichen Moosboben, unb hochbepackt kamen bie Wagen mit ben Paukgeräten unb ben FrühstÄkskörben. An Stricken hing bas Fäßchen Münchener zwischen den Bäumen. Wissen Sie noch, wie ich bas Bier in bie Gläser füllte?"
Rolf hgtte beinahe laut ausgeschrien. Mit stierem Blick sah er auf bie Kranke, bie jetzt mit klaren Augen zu ihm aussah unb schmerzlich lächelte, während sie fortfuhr:
„Silentium für eine Mensur! Ich höre noch immer ben Ruf, unb ich sehe ihn noch immer, ben Schläger in der Faust, so groß, so herrlich dem Gegner gegenüberstehen. Sehen Sie ihn nicht? Seine Augen leuchten!
Aus bie Mensur! Binbet bie Klingen! hallt ber Ruf.
Cebunben sind! antwortet ber Sekunbant.
Los! schallt es roieber.
Run kommt ber Ehrengang.
„Er ist ihn nie in Wirklichkeit gegangen. Hel, roste möchte ich lachen, unb muß boch meinen, meinen immerzu."
„Fränze!" tief bet Doktor. „Friinze Garsten!"
Die Kranke saß aufgerichtet auf ihrem Saget. Sie hatte ben Kopf vorgebeugt, als lausche sie in ferne Weiten.
„So hieß ich einst", sagte sie bann, immer roieber mit bet Hanb über bie Stirn streichenb. „So hieß ich als Kinb. Meine Mutter nannte mich so, unb mein Vater verstieß mich, weil" — sie legte bte Hanb jetzt geheimnisvoll gegen die Lippen — „weil ich ihn — bestohlen! Für ihn, für Sibo, weil er es so wollte! Der Vater sagte auch, baß es Sünde sei. ein Kind zu haben, ein kleines, süßes Kind. Ich mußte es hergeben, Sibos Kind. Und ich habe es bann gesucht, immer gesucht, rote ihn. Nun hat er mir es wieder gestohlen. Doch nein, seine Frau nahm es mit. Sie ist so gut und sanft, aber sie darf Jrmele nicht behalten. Irmela gehört mir, ganz allein mit. Ich sagte es ihm, nichts wollte ich mehr von ihm, der mich betrogen, bet mich so grenzenlos elenb gemacht, nut bas Kind, mein und sein Kind. Da stieß et mich ine Wasser, tue SBafietj*
Aechzend fiel bie Kranke zurück, (Fortsetzung folgt)