OberheWe Zeitung
zweites Blatt
Nr. 174
j
Sonnabend, 27. Juli
i Deutsches Reich.
* ' — Veteranen und Veteranenhilfe. Der Tod eines alten Veteranen auf einer Strafe in Berlin, der angeblich verhungert sein soll, in Wirklichkeit aber an Altersschwäche gestorben ist, hat erneuten Anlaß zu Klagen über die Veteranennot gegeben. Bei diesen Klagen wird leicht über das Ziel hinausgeschossen. Wenn es auch natürlich außerordentlich zu wünschen wäre, daß man den Veteranen größere Hilfe angedeihen lassen könnte, als es zur Zeit möglich ist, so muß doch der Auffassung entgegengetreten werden, daß das Reich seine Ehrenpflicht gegenüber den Veteranen vernachlässige, daß die Behörden nicht das genügende Wohlwollen für die alten Krieger besäßen und daß man, wie sogar behauptet wurde, den Veteranen die Beihilfe mißgönne. Diese Behauptungen entbehren jeder Grundlage. Das Reich hat seit nunmehr 17 Jahren ganz erhebliche Beträge zur Gewährung von Monatsbeihilfen an die Veteranen zur Verfügung gestellt. 1895 wurden 1 800 000 M. für 1500 Beihilfen gegeben, 1900 bereits 4 800 000 M für 34 000 Beihilfen, 1905 14188 700 M für 118 239 Beihilfen, 1910 23 620 000 'M für 196 833 Beihilfen und 1912 29 000 000 M für 241666 Beihilfen. Es sind also im ganzen deutschen Reich bisher 225 Millionen für Veteranenbeihilfen bereitgestellt worden. In diesen Summen sind die sonstigen sehr erheblichen Leistungen für die Kriegstnvalidcn nicht enthalten. Mit der Summe dieses Jahres werden nicht nur diejenigen Veteranen unterstützt, die ein Einkommen von weniger als 600 M haben, sondern auch viele, die 600 M und mehr beziehen. Der Wunsch nach Bereitstellung noch größerer Mittel ist gewiß beachtenswert, es darf aber nicht vergessen werden, daß die Reichsbeihilfen nicht Pensionen sind, auf die der Kriegsinvalide zur Bestreitung seines vollen Lehensunterhaltes einen Anspruch hat, sondern freiwillige Zuschüsse zum Unterhalt bedürftiger Kriegsteilnehmer. Es ist aber nach allen Aeuße- rungen der Regierung ihr fester Wille, bei der Würdigung der «eihilfengesuche den alten Kriegern mit größtem Wohlwollen und weitgehendster Weichherzigkeit entgegenzukommen.
— Ein« wichtige staatsrechtliche Frag« wird in nächster Zeit zur Entscheidung des Bundesrats und des Reichstages kommen. Der Rechnungshof übt die Praxis, in denjenigen Punkten, die zur Erledigung seiner Revisionsbemerkungen noch nicht abgeschlossen find, sich weitere Bemerkungen für später vorzubehalten. Der Reichstag pflegte auf solche Vorbehalte bei der Entlastungserteilung kein« weitere Rücksicht zu nehmen. Es erscheint nun von Wichtigkeit die Frage der unbeschränkten Entlastung gegenüber den Vorbehalten des Rechnungshofes klarzustellen. Die Reichsverwaltung nimmt an, daß es nicht die Absicht des Reichstages sein kann, mit der Erklärung der Entlastung für den Rechnungshof die spätere Nachprüfung der noch unerledigt gebliebenen Fratzen auszuschließen. Der Entscheid des Reichstages wird dahin »ufgefaßt. daß damit stillschweigend dem Vorbehalt des Rech
nungshofes zugestimmt wird. Da dies aber nicht zweifelsftei als feststehend anzusehen ist, so erscheint es wünschenswert, daß ausdrücklich entweder die Entlastung unter Anerkennung der Vorbehalte des Rechnungshofes erfolgt oder die zur Entscheidung noch nicht reifen Punkte von der Entlastung ausgeschlossen werden. Der Bundesrat hält es deshalb für zweckmäßig, bei nächster Gelegenheit eine unzweideutige Stellungnahme herbeizuführen.
— Nunquam retrorsum! Wieder ist eine Anzahl deutscher Düter in polnische Hand übergegangen: Der Pole Wozniak hat die 25 Morgen große Wirtschaft des Deutschen Bagulke in Zechau im Kreise Enesen für 21 000 M gekauft: Gutsbesitzer Schulz in Alt- mark (Kr. Stuhm) verkaufte sein etwa 63 Hektar großes Grundstück für 150 000 M an einen Polen der Graudenzer Gegend; Schulz wohnte etwa 7 Jahre darauf und verdiente an diesem Verkauf 45 000 M; Josef Vogt au» Oftrowo hat sein 440 Morgen großes Gut Duneyken im Kreis Oletzko für 133 000 M an den Polen Sa- winski in Kempen verkauft; der Pole Wisniewski aus Jezewitz« Münsterwalde (Westpreußen) bietet ein 405 Morgen großes Gut im Kreise Dirschau aus deutschen Händen zum Verkauf an; in der Zwangsversteigerung erwarb die Posener „Bank Parcelacyjna" die 170 Morgen große Wirtschaft des Besitzers Kühnast in Breitenfelde, Kreis Witkowo, für 59 000 M; Kühnast hatte vor einem Jahre 72 000 M gezahlt.
— Sparsamkeit bei Schulbauten. Berlin, 24. Juli. Ein gemeinsamer Erlaß des Kultusministers und des Finanzministers fordert zur Sparsamkeit bei Schulbauten auf. In der Verfügung heißt es: „In Zukunft kann Gesuchen der Schulunterhaltungs- pflichtigen auf Bewilligung von Staatsbeihilfen zu Reu- und Erweiterungsbauten nur dann nähergetreten werden, wenn sich diese Bauten an Umfang und Art ihrer Ausführung im Rahmen der notwendigen Bedürfnisse halten, und wenn sie mit der erforder- lichen Sparsamkeit ausgeführt werden. Die königlichen Provin- zialschulkollegien werden daher angewiesen, derartige Gesuche einer eingehenden Vorprüfung in der gedachten Hinsicht zu unterziehen und schon vor der Bauausführung dahin zu wirken, daß in Gemeinden, die bei Schulbauten auf Staatsunterstützungen angewiesen sind, kostspielige und über das Bedürfnis gehend« Bauten, für höhere Lehranstalten besonders solche für die weibliche Jugend vermieden werden."
Marburg und Umgegend.
Nachdruck aller Orginalarttkel ist gemäß 8 18 des Urheberrecht» nur mit der deutlichen Quellenangabe „Oberhess Ztg." gehottet.)
Marburg, 26. Juli.
• Ein« brennende Steuerfrage nähert sich ihrer Entscheidung. Bisher hatten die Steuer-Einschätzungsbehörden es in der Regel al» nicht zulässig bezeichnet, wenn Arbeiter und Eewerbegehilfen ihr« Beiträge zu einer Eewerkschastskasse von ihrem steuerpflichtigen Einkommen abzogen. Such di« Gerichte waren dieser Bestimmung betgetreten. Jetzt
liegt aber ein Urteil vor, welches den Abzug dieser Beiträge gestattet. Erledigt ist die Lache damit indessen schwerlich, denn der LteuerfiskuG wird gewiß darauf htnarbeiten, eine böchstgerichtliche Entscheidung he« berzuführen, damit wirklich« Sicherheit hierüber herrscht. G» bleibe« ja auch dann noch mancherlei Meinungsverschiedenheiten in Steuersache«, und es wäre vielleicht garnicht so unvorteilhaft, wenn der t« Reichstes schon einmal gemachte Borschlag, eigene Eteuergerichtshöfe tm Jniere« einer schnellen Erledigung von Streitsachen elnzuführen, verwirklicht würde.
* 3« Reichsversicherungsordnung. Zur Ausführung der §§ 783 842 der Reichsverficherungsordnung wird bestimmt: 1. Di« Unternehmer längerer Bauarbeiten (§ 798 Ziff. 1) und die Unternehmer der nach § 836 Abs. 1 und 2 versicherten Betriebe haben die durch die 88 799 und 839 vorgeschriebenen Nachweise dem Gemeindevorstande (Ziff. 5 des Erlasses vom 7. Dezember 1911, HMBl. 6. 447) einzureichen. Erstrecke» sich Bauarbeiten ehtes Baubetriebes über mehrere Gemeinden, so ist der Eemeindevorstand des Betriebssitzes zuständig. Die Ortspolizeibehörde hat den Eemeindevorstand bei den zur Ausstellung der Bescheinigung (§ 801 Abs. 2, §840 Abs. 2) und zur Prüfung, Aufstellung oder Ergänzung der Nachweise (« 800, 839 Abs. 3) nötigen Ermittelungen zu unterstützen. 2. Die Vergütung an die Gemeinde für die Einziehung der Prämie» (§§ 810, 842) wird im Einvernehmen mit dem Reichsversichers ungsamt auf vier vom Hundert de, abzuführenden Betrag» festgesetzt. Dabei bleiben di« Prämien für eigene Bauarbeiten der Gemeinden und für da» nicht gewerbsmäßige Halten von Reittieren und Fahrzeuge» durch diese außer Ansatz. Die Gemeinde kann die Bergütung und da» Postgeld (§§ 809, 842) von dem einzusendenden Betrag abziehen. Sin« Berechnung ist beizufügen. 8. An Stelle der Gemeinden übernehmen di« Kreise die Last, die aus der Unfallversicherung kurzer Bauarbeiten bei der Zweiganstalt erwächst. Die Mittel werden nach den für Kreisabgabe« geltenden Grundsätzen aufgebracht (§ 798 Ziff. 2, § 828).
• Ei» neuer «rbschaftsschwinvel. Die „Rorddeusche Allgemeine Zeitung" schreibt unter der Spitzmarke: Ein neuer Erbschaftsschwindel: Vom Porto Alegre (Brasilien) au» versendet ein angeblicher Advokat (Advo- gado) Schreiben, i» denen er die Adressaten auffordert, sich über die Annahme einer ihnen zugefallenen Erbschaft in beträchtlicher Höhe zu erklären. Die Erbschaft soll au» dem Nachlasse einer aus Deutschland ein- gewandetten, kürzlich in Brasilien verstorbenen Person stammen. Zugleich wird zur Einsendung von 70 M für Registereintrag, Stempelmarken, Bollmacht, Adressenermittlung»- und Portokosten, sowie Schreibe gebühren aufgefordert. Für Anfertigung einer Testamentsabschrift werde» weitere 20 M verlangt. E, ist dringend zu empfehlen, solchen Aufforderungen nicht ohne weiteres zu entsprechen, sondern sich zunächst mit dem Kaiserlichen Konsulat in Porto Alegre oder dem Auswärtigen Amt in Verbindung zu setzen.
• verbandst»«. In der Zeit vom 8—7. August findet hier in Marburg der hessische Berbandstag des Bäckermeister-Berbande» „(Setmonle* statt.
--------*------r ■■■ '. . r;
Hessen-Nassau und Nachbargebiete.
Bad Nauheim, 25. Juli. Der frühere Reichskommissar fikg, Deutsch-Ostafrika Dr. Earl Pete« Ist hier etugetroffe» nnl M Hotel Bristol abgestiegen.
sehen uns zu Vorsichtsmaßregeln gegen die mogt.chen x>orgen veranlaßt. Zu diesen Vorsichtsmaßregeln gehören unsere internationalen Freundschaften. Wir pflegen diese Freundschaften, aber es find in keinem Sinne exklusive Freundschaften und sie haben keine Spitze gegen irgend eine Macht oder Nation.
Ein Sozialdemokrat gegen die „Hetzreden!"
Es geschehen noch Wunder und Zeichen! Man sollte es kaum für möglich halten und doch ist es geschehen, daß ein „Genosse" in öffentlicher Versammlung vor den bekannten Hetzreden seiner Parteifreunde warnt. In einer Konferenz der Metallarbeiter Nordbayerns hat sich der sozialdemokratische Arbeitersekretär Segitz wie folgt ausgelassen: „Mag ein Agitator von Norden oder Süden kommen, man hört immer dieselbe Rede. — Die Rede besteht in einer wüsten Schimpferei über den Unternehmer, berechnet auf den Machtkitzel der Arbeiter, wodurch bei diesen falsche Ideen hervorgerufen werden. Anstatt die Arbeiter zu erziehen, werden ihnen häufig Versprechungen gemacht, durch die sie sich später getäuscht sehen." Ob der Mann wohl auf den letzten, großen, vollständig mißlungenen Streik im Ruhrgebiet hat anspielen wollen!? Allerdings wird dieser „weiße Rabe" kaum Schule machen, oder gar den Anstoß zum Beginn einer neuen, gemäßigten Richtung in der sozialdemokratischen Agitation geben. Viel wahrscheinlicher ist es, daß ihm seine offenherzige, ehrliche Rede böse Stunden unter seinen Genossen bereiten wird, die ihn möglicherweise als allzu „bürgerlich" Gesinnten aus der Partei ausschließen werden.
24 x (Nachdruck verboten.)
"/"• Das Tor des Lebens.
TT" ' Roman von AnnyWothe.
! V (Fortsetzung.)
„Ich habe wirklich gar nicht an Sie gedacht, mein gnädiges Fräulein, verzeihen Sie. Man vergißt so manches, was so weit zurückliegt; aber da Sie die Vergangenheit berühren, die wir doch beide vergessen wollen, so ist es mir lieb, daß wir uns heute hier, bevor wir uns in Bonn in der Gesellschaft gegenüberstehen, sagen können, daß wir versuchen wollen, so zu verkehren — wenn es sein muß — als hätten wir uns nie gekannt. Es war mit, wie Sie sich denken können, höchst peinlich, Ihr Haus zu betreten. Da ich aber, wie ich hörte, eigentlich auf Wunsch und Empfehlung Ihres Herrn Balers nach Bonn berufen wurde, ließ sich der Besuch nicht gut umgehen. Ich hoffe, die offizielle Einladung, die Sie mir übermitteln werden, unter.irgend einem schicklichen Vorwand ablehnen zu können."
Mirjam wandte jäh den Kopf zur Seite. In ihren Augen glühte e» seltsam auf.
„Sie werden die Gründe für Ihre Ablehnung, mein Herr, bei mei- »em Valet vertreten."
„Wenn Sie es wünschen, mein gnädige» Fräulein! Ich glaube nut, tn Ihrem Interesse ju handeln, denn soviel ich weiß, ist damals glücklicherweise nichts durchgesickert, wer e» war, der dem armen Wolfert .den Denkzettel fürs Leben gab."
Mirjam blieb stehen. In ihrer Stimme zitterte ein dunkler Ton, als sie mit Ueberwindung sagte:
„Sie haben mit soeben noch klar gemacht, daß wir die Vergangenheit vergessen wollten. Sie sind ein schlechter Schachspieler, mein Herr Professor."
„Das muß ich wohl erst noch beweise». Aber Sie haben recht; es ist wenig ritterlich von mir, Ihnen immer das zu sagen, was Sie nicht hören wollen, und ich gelobe feierlichst, mich zu bessern."
Ein befreiender Atemzug hob Mirjams Brust. Das war der leise, ^herzende Ton von einst, den sie zwar in feinem Sarkusmus etwas fürchtete; aber er gab ihr doch die Gewähr, daß et nicht al» ihr Feind »ach Bon» gekommen wat. . »
taub verliehen. — Darmstadt, 26. Juli. Der wroßyerzog yar dem Generalmajor a la suite der Kavallerie, Frhrn. v. Heyl zu Darmstadt das Komthurkreuz 1. Klasse mit der Krone des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
— Die Nichtbestätigung sozialdemokratischer Bürgermeistrr. München, 26. Juli. In der gestern tagenden Kommission des bayrischen Reichsrats erklärte der Minister des Innern Freiherr von Soden, daß mit einer grundsätzlichen Nichtbestätigung sozialdemokratischer Bürgermeister die bayrische Regierung in erfreulicher , Uebereinstimmung mit der preußischen Regierung stehe.
— Zu d«n kommenden preußischen Landtagswahlen wird der „Neuen politischen Correspondenz" aus Abgeordnetenfreisen geschrieben: Es liegt zunächst kein Grund zu der Annahme vor, daß die Landtagswahlen zu einem anderen Zeitpunkte als dem Frühjahr 1913 stattfinden werden. Eine Verschiebung der Wahlen bis zum Herbst 1913 müßte aus verschiedenen Gründen ganz erheblichen Bedenken unterliegen. Das Abgeordnetenhaus wird auch, sofern in den Kommissionen die Parteien bereits ihre Stellung zu den wichtigeren Gesetzentwürfen geklärt haben, die Arbeiten so fördern können, daß der Etat noch rechtzeitig zur Erledigung gelangen kann. Für die Beratungen im Herrenhause bliebe ebenfalls noch hinreichend Zeit, so daß bei der Tagung von Ende Oktober d. I. bis Anfang oder Mitte April k. I. und fleißiger Arbeit die wichtigsten Vorlagen aufgearbeitet sein könnten. Zweifelhaft bleibt nur das Schicksal des Einkommensteuergesetzes, das in der Kommissionsbe-
Jn Oberwesel flammten jetzt traulich die Lichter auf. Sie spiegelten sich in dem breiten Strom, und die rote, gotische Stiftskirche hob sich malerisch von dem blaugrünen Abendhimmel ab.
Aus dem Rhein tauchte plötzlich eine dunkle Klippengruppe empor.
„Die sieben Jungfrauen" hieß man die Felsen, die einst der Flußgott, wie die Sage ging, ihrer Sprödigkeit wegen in Felsen verwandelt hatte. Der Schiffskapitän erklärte es einem Reisenden, den die dunklen Klippen erschreckt hatten.
Mirjams und Gerhard Bendheims Blicke begegneten sich. Hier hatten sie sich schon einmal tief in die Augen geschaut.
Zu beiden Seiten des Stromes stiegen jetzt steile Felsgebirg« empor.
Vom Hinterdeck des Schiffes, von dem schon lange Becherklang und Gesang herLberschallten, löste sich jetzt wehmutsvoll das alte, bekannte Zauberlied:
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin."
„Lurlei!" drängte es sich wider Willen von Bendheims Lippen. „Lurlei!"
Mirjams Herz klopfte plötzlich zum Zerspringen.
Sie wollte ihm antworten, abwehren, sie vermochte es nicht.
Aus zerrisienen, mächtigen Steinblöcken trat jetzt die gewaltige Felsenmasse, die „Lurlei", in den Strom vor, weithin über das rauschende Wasser ragend.
Der Mond umschmeichelte mit mattem Silberglanz den Zauber- felsen, und die Studenten am unteren Ende des Schiffes sangen weithin über den Rhein:
Dort oben wunderbar,
Ihr goldenes Geschmeide blitzet.
Sie kämmt ihr goldenes Haar, Sie kämmt es mit goldenem Kamme Und singt ein Lied dabei, Und das hat eine wundersame, gewaltige Melodei."
„Es ist das alte, uralte Lied," murmelte Gerhard Bendheim, „das Lied, das die Fee dort oben auf hohen Felsen seit Jahrhunderten singt, das Lied von der Sehnsucht nach Liebe."
Mirjam lachte hell auf. Sie hatte plötzlich ihre Sicherheit wiedergefunden.
„Sie vergessen, Herr Professor, daß die schön« Hex« da oben mit
de», nicht verwechseln'mit der untgtersgruppe „yaiastiaran" zerrett er), welche gestern die Proklamation in den Blättern veröffentt lichte und die Absendung des Briefes, in dem die Auflösung bet Kamer binnen 48 Stunden verlangt wird, an den Präsidenten det Kammer veranlaßte. — Der Sultan sanktionierte die für die Mission, die nach Albanien abgereist ist, ausgearbeiteten Instruktionen. Die Mission wird die Beschwerden gegen die Beamten anhören und eine Untersuchung anstellen. Sie wird ferner die Beamten, die Unzufriedenheit veranlaßten .sofort absetzen und neue Beamte ernennen, die der albanischen Sprache mächtig sind und wird den Eigentümern der im Lause der militärischen Operationen zerstörten Häuser Entschädigungen gewähren. Der Eroßwesier, Kiamik Pascha und Hussein Hilmi Pascha erhielten Elückwunschdeveschen von Albanern von Prischtina und der Umgegend, in welchen diese der Regierung ihre Treue versichern. — Die „Perri Eazetta" veröffentlich einen Brief aus Prischtina, welcher besagt, nur die Kommerauflösung würde die Albaner vollständig beruhigen. — Saloniki, 26. Juli. Die Lage in Prischtina und Djakowa ist andauernd ernst. Die Führer der Aufständischen erhalten täglich Verstärkungen. Ganz N"td-Kossowo beteiligt sich an der Bewegung. — Konstantinopel, 26. Juli. Beim Einmarsch in Prisiina waren die Aufständischen etwa 10 000 Mann stark. Der Gendarmeriekommandani schloß sich den Aufständischen an. Sie bemächtigten sich der Waffendepots, bewaffneten die Bevölkerung und brachen in der Richtung auf Vorisowitsch in der Absicht auf, den Marsch nach Ueskub fort«
diesem Lied, das so süß klingt, nut die Schiffer betören wollte; sie selber lachte dazu, da sie selbst die Liebe nicht kannte."
„Er glaubte eben noch an die alte Sage, daß im Lurleiberge de« Nibelungenhort verzaubert läge. Wer ihn nicht besaß, den zehrte bet Neid."
„Und wer ihn hatte, den zehrte die Sorge", ergänzte Mirjam bitter. „In dem Lurleiberge ist das Feuer des Nibelungenhorts längst verloht. Niemand hütet mehr das heilige Feuer, nachdem der Fluch des grausigen Alberich sich erfüllte. Sehen Sie nur, wie der Strom dahinrast über die verborgenen Klippen, die da unten tückisch emporragen. I» diesem Gewirr, in diesem Eebrause erstirbt selbst das Sehnsuchtslied der goldhaarigen Fee. Vergessen wir das Zauberlied, Herr Professor. Da schimmern schon die Lichter von 6t. Goar, und dort über St. Goarshausen ragt auch die Feste Katzenellenbogen auf. Hier bin ich am Ziel."
„Wie, Sie fahren nicht bis nach Bonn?" i
Mirjam lächelte wieder.
Klopfte es nicht wie Angst in seiner Stimme?
„Nein, das würde mit doch zu spät werden. Ich raste in St. Goar bei einer Freundin, denn vor Mitternacht würden wir kaum Bon» erreichen. Es war heute einer von den selten schönen Herbsttagen, die ich gern zu kleinen Rheinfahrten ausersehe, an deren Erinnerung ich zehre, wenn der Winter kommt. Leben Sie wohl, Herr Professor."
Sie neigte flüchtig den blonden Kopf. Ihr lichter Schleier weht« tm Winde.
Gerhard stand mit abgezogenem Hut.
Die Schiffstreppe sank hernieder.
Die Kehle war ihm plötzlich wie zugeschnürt. Er wollte Mirjam noch ein Abschiedswort sagen, aber er brachte es nicht über die Lippen.
Noch eine stumme Verbeugung und Mirjam schritt über die Schiff« treppe ohne den Blick zu wenden.
Was hatte et ihr eigentlich noch sagen wollen?
Nichts! Was ging ihn überhaupt dieses seelenlose, kalte Geschöpf an, das mit bezauberndem Lachen und flimmernden Augen die Herze» betörte?
Et hatte die Sache abgetan, ehe er nach Bonn kam, vollständig, den» «r hatte längst einsehen gelernt, daß in dem Felsenherze dieser Lurlei kei» verborgener Schatz zu heben war, . 'j
.»■;>; (Fortsetzung folgtjf f.