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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.--

.1° 170

DieLberl,elfische Rettung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 dH (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 dH frei ins Hans. (Für unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der llniv.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Dienstag, 23. Juli

Ter Anzeigenpreis beträgt für die 7gcspaltene Zeile oder deren Raum 15 L, bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 für Reklamen di« Zeile 60 Ä. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt al, Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Ver­bindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglieferung ausge­schlossen. Zahlungen im Postscheckverkehr ohne Portokosten unter Nr. 5015 des Postscheckamte» Frankfurt a. M.

47. Jahrg.

1912.

Die Dardanellen-Aktion der Italiener.

Es wird niemals soviel gelogen als vor der Wahl, nach der Jagd und während des Krieges". Was aber gerade während des italienisch­türkischen Kriegs zusammengeschwindelt worden ist, stellt alles bisher da­gewesene in den Schatten. Die famose Agenzia Stefani mutz wirklich bald dahin kommen, daß sie selbst nicht mehr das Richtige von dem Fal­schen, die Wahrheit von dem Erdichteten unterscheiden kann. Setzt es dadrüben in Tripolis für die Italiener mal tüchtige Prügel, dann wird schleunigst der erstaunten Mitwelt ein belangloses Vorpostengefecht sugge­riert, haben aber die edlen Erben des römischen Bodens einmal ein paar elende Maulesel und lendenlahme Kamele eingefangen und obendrein ein paar Wüstensöhne getötet, dann wird daraus ein großer Sieg fabri- ziert und dank des Entgegenkommens der offiziösen und sonstigen Tele- graphenbureaus singt die gesamte Presse ein Loblied auf die tapferen Jtalianos, bis es sich dann herausstellt, daß sie wieder einmal düpiert worden ist. Es ist wirklich angebracht, hinter jede italienische Meldung mehr als ein Fragezeichen zu setzen und auch bei den neuesten Nachttchten über die Dardanellenaktion ist das recht nötig. Wir geben in folgendem einige der neuesten Meldungen, die über die dunklen Vorgänge wenig­stens etwas Licht verbreiten, wieder. Zunächst bestätigt die Agenzia Stefani, daß die italienschen Torpedoboote am Freitag unbemerkt 20 Kilometer in die Dardanellen einge­fahren, trotz des Kreuzfeuers der Forts die tür­kische Verteidigungsstellung aufgeklärt haben und tn voller Ordnung und ohne Verlust in das Aegäische Meer zurückgekehrt sind. Die von derAgenzia Stefani" ver­öffentlichte Note besagt dann weiter: Obgleich die Torpedoboote von zahlreichen Scheinwerfern entdeckt und von de nvielen Forts an den bei­den Ufern, sowie aus Gewehren und Maschinengewehren beschoßen wur- 'ben, gingen sie doch weiter vor, bis sie festgestellt hatten, daß das feind, liche Geschwader sich in einer wirksamen Verteidigungsstellung befand und durch eine Sperrkette geschützt war. Sie entschloßen sich, dann erst zurückzugehen, da sie feststellten, daß es vollständig unmöglich sei, Angriffe auf die verankerten feindlichen Schiffe auszuführen. Der Rückzug ging tn voller Ordnung vor sich, obschon sich die Fahrt bei dem sehr lebhaften Feuer aller Forts der Daredanellen und der Schiffe zu einer Fahrt auf Leben und Tod gestal t-ete, gewann doch das italienische Geschwader das ägäische Meer wieder, ohne daß die feindlichen Torpedo- bootszerstörer auch nur wagten, sie zu verfolgen. Dank der maritimen militärischen Geschicklichkeit (!) und der getroffenen Maßnahmen und in­folge des mangelhaften Zielens (sic!) der Feinde, verließen unsere Tor­pedoboote vollkommen unbeschädigt und ohne Verluste an Menschenleben die Dardanellen. So konnte die sehr kühne Erkundung ausgeführt wer­den die der königlichen Marine zur Ehre gereicht und eine Probe dar­stellt von der bewundernswerten Fähigkeit und Kühnheit des Komman- danten sowie der Disziplin und Kaltblütigkeit der Besatzung. (!)

Ein genauer Beacht über die Aktion liegt jetzt von dem Vizeadmiral Liale vor, der mittels Funkenspruch von Bord des LinienschiffesRegina Elena" vom 20. Juni meldete: In der Mitternacht vom 18. auf 19. Juli gelang es einem Geschwader, das aus den HochseetorpedobootenSpien", Eentauro",Astore",Climene" undPerseo" gebildet war, durch List in die Dardanellenmündung hineinzufahren. Das TorpedobootAstore", das am Ende des Geschwaders dampfte, wurde bald entdeckt. Sofort er­öffneten die Batterien der beiden Küstenufer das Feuer auf das Schiff. Die Wachen, die am Ufer zahlreich in geringer Entfernung aufgestellt waren, gaben das Alarmsignal weiter. Die Torpedobootsflotille. stets von ungefähr einem Dutzend Scheinwerfer beleuchtet, verfolgte kühn in enger Formation mit einer Geschwindigkeit von 21 Knoten ihren Weg und hielt sich sehr dicht an der europäischen Küste. Als ungefähr Kilid- bahr erreicht war, wurde das Feuer lebhafter. Das TorpedobootSpiea", die Spitze der Flotille bildend, rannte gegen eine Stahltroße. Nachdem es losgekommen war, dampfte es weiter und stieß wiederum mit einer Troße zusammen, von der es ebenfalls loskam, indem es Volldampf setzte. Jen- feite Kilidbahr und Tschanak war die Waßerfläche durch Scheinwerfer von der Küste und den türkischen Kriegsschiffen hervollständighell beleuchtet. Vom Lande und den Schiffen aus wurden sie durch hef­tiges Artilleriefeuer bestrichen. Die sich kreuzenden zahlrei- chen Lichtkegel und Scheinwerfer machten es u n m ö g l i ch, die türkischen Kriegsschiffe zu erkennen oder auch nur eine annähernde Fe st st e l -

19 (Nachdruck verboten.)

Das Tor des Lebens.

Roman von AnnyWothe.

(Fortiehung.)

Nein!" gab der Profeßor fest zurück.Er hat mir mehr genommen als Geld und Gut: meines einzigen Kindes Vertrauen. Zugrunde ge­richtet hat er dich, der leichtfertige Patron. Mit dieser meinen eigenen Hand will ich ihn züchtigen, diesen ehrlosen Buben, der mein Vertrauen mißbrauchte und die Liebe, die ihm hier entgegengebracht wurde, mit Füßen trat. Ich werde auf dem Konvent erscheinen und keine Nach­sicht üben, wenn er sich nicht glänzend rechtfertigen kann", wandte er sich an Bandener, der in dunipfem Schweigen verharrte.

Heinrtke sah hilfesuchend in Bandener» verschloßenes Gesicht.

Ich glaube, es wird notwendig sein, sofort an Sibos Vater zu te­legraphieren", mahnte jetzt Rolf mit ernstem Blick.

Da wußte der alte Eehrmann genug.

Da war noch mehr im Werke als die Unglücksgeschichte mit der Brosche und dem Eingriff oer Fränze in die Kaße ihres Vaters. Da war etwas, was Sibo an Ehre und Leben hing.

Er ist verloren!" weinte Heinrikr auf.Sei doch barmherzig, Vater, hilf ihm doch! Nimm alles, was ich habe, das ganze Erbteil meiner Mutter, ich bitte dich,' nur laß ihn nicht zugrunde gehen, mach' ihn frei!"

Profeßor Eehrmann schüttelte kummervoll das graue Haupt.

>Du bist auf falschem Wege, Kind. Du hast ihm ja immer geholfen. Und was hat es genützt? Unaufhaltsam ist er dem Verderben entgegen« gerast. Ich fürchte und darf dir diese Befürchtung nicht verhehlen, meine arme Rike, Sibo sitzt so tief im Schlamm, daß wir ihn nicht mehr retten können."

Wir wollen es doch versuchen", mahnte Bandener.

Wie danke ich Ihnen!" rief Heinrtke mit überströmenden Augen, «nd ehe es Rolf hindern konnte, hatte sie ihre weichen, jungen Rippen uf seine Hand gedrückt.

lung ihrer Lage vorzunehmen. Daher hielt es der Komman­dant Millo für unnütz, einen Angriff zu unternehmen, der den Verlust der meisten Torpedoboote zur Folge gehabt hätte. Da er sich weitersagt«, daß die Erkundungsfahrt im übrigen vollständig geglückt sei, gab er den Befehl zur Rückfahrt, die in Ruhe und Ordnung vorgenom­men wurde. Obgleich das Feuer der türkischen Battetten an Stärke zu­nahm, haben die italienischen Torpedoboote nur geringe Beschä.« btgung erlitten.

Daß die italienische Preße alle Register zieht, um auf bte Tüchtigkeit ihrer Flotte einen begeisterten Hymnus anzustimmen, ist selbstverständlich. So hebt derMeffaggero" die Bravour in dem Vorgehen der italienischen Torpedobootsflotille hervor, bte bei Türkei bewiesen habe, baß Italien währenb bes Krieges sich seine Bewegungsfreiheit gewahrt habe. Das Blatt rühmt bis nicht nachlaßenbe Vorsicht bei türkischen Flo tte gegenüber der Kühnheit der italienischen Marine.Popolo Romano" charakterisiert den Vorstoß der Torpedoboote als eine glänzend gelungene Aufklärungsfahrt. Vita" schreibt: Das italienische Torpedobootsgeschwader voll­brachte mit dem Eindringen in die Dardanellen die geschicht­liche Tat, die eine unvergleichliche Ehre der italienischen Ma­rine bleibe. Die gesamte Provinzpresie bringt ähnliche Artikel. DemMeffaggero" zufolge ist der Marineminister von allen mili­tärischen Behörden, Militär- und Marineattachees und Botschaften beglückwünscht worden. Der Marineattachee der eng­lischen Botschaft drückte seine hohe Bewunde­rung für die Aktion der Torpedoboote aus, die er als eine hel­denmütige bezeichnete. Von allen Seiten gingen dem Marine- minister aus Italien Glückwunschdepeschen zu. (I)

Von türkischer Seite liegen offizielle Meldungen über den Angriff auf die Dardanellen nicht vor. Die Konsular- und bte privaten Meldungen erwähnen bloß den Beginn der Kanonade noch vor 12Vo Uhr nachts. Den Blättern zufolge wurde das ita­lienische Geschwader von dem in der Meerenge kreuzenden tür­kischen TorpedobootKutahia" bemerkt, das stch unter den Schutz der Festungen flüchtete. Da itälienische Torpedoboote denKuta­hia" angreifen wollten, erwiderten die Festungen das Feuer, an dem sich derKutahia" beteiligte. Außer den zwei gesun- kenen Torpedobooten wurden an zwei anderen die Masten und Rauchfänge zerstört. Laut Beschluß des Ministerratee wer- den die Dardanellen vorläufig nicht gesperrt. Es wird aber die Rinne für freie Fahrt um die Hälfte enger gemacht. Die Schiff­fahrt durch die Dardanellen verlief gestern nach amtlicher Fest' stellung ungestört.

Konstantinopel, 20. Juli. (Amtlich.) Einige Stunden nach dem Gefecht bei den Dardanellen find gestern drei italienische Kriegsschiffe bet der kleinen Insel Venettko tn bei Nähe bet Süd- spitze von Ehios angekommen.

Konstantinopel, 21. Juli. Das Ministerium des In­nern gibt bekannt, baß um 6 Uhr früh brei italienische Panzer­schiffe und zwei Torpedoboote im Hafen von Kalamontt und zwei Panzerschiffe im Hafen von Chios einliefen und sich nach zwei Stunden wieder entfernten. Zwei Panzerschiffe und sechs Tor­pedoboote, die von Zara in südlicher Richtung fuhren, find gesichtet worden.

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Die Krisis in der Türkei.

Wie aus Konstantinopel vom 20. b. M. berichtet wird, soll Tewfik Pascha die Einladung des Kabinetts unter der Bedtngung angenommen haben, daß er in der Wahl der Mitglieder freie Hand behalte. Die juNgtürkifche Partei ist zur Beratung der Lage zu­sammengetreten. In der Partei besteht starke Strömung, jedes Kabinett, Tewfik selbst mit Kiamil und ohne einen einzigen jung-

Ein Schauer jubelnden Glückes und doch des schmerzlichsten Wehe» durchzuckte seine Seele.

Morden können hätte et den Erbärmlichen, der dieses unsagbare Leid und Weh über das arme Geschöpf dort brachte, für welches tm Frühling schon der Winter kam.

Gut", sagte der Profeßor langsam,du sollst deinen Willen haben. Ich verspreche dir, bis an die Grenze des Möglichen für Sibo mit Gut und Blut cinzutreten, um ihm wenigstens, wenn es noch geschehen kann, die öffentliche Schande zu ersparen. Ich verlange aber von dir, daß du von dem Augenblick an, wo du die Gewißheit hast, daß et wirklich eine Ehrlosigkeit beging, nicht mehr daran denst, dein Leben an da» Schicksal dieses Ehrlosen zu knüpfen. Versprichst du mir da», Heinrtke?"

Ja, Vater, alle», was du willst, verspreche ich dir. Rur retten sollst du ihn, wenn es noch möglich ist. Eile, Vater, ich bitte dich, eile, ehe es zu spät ist!"

Einige Minuten darauf verließ der Profeßor mit Rolf Bandener das Haus.

Sie gingen gesenkten Hauptes unter den blühenden Linden den Wall entlang.

Der Abend sank und überall war ein Duften und Glühen.

In ihrem Zimmer aber lag Heinrike verzweifelt auf den Knien und betete:

Rette ihn, lieber Gott, laß ihn nicht untergeben! Nicht meinet­wegen hilf ihm, ich will nichts für mich, nur alles für ihn! Höre mich, du Allerbarmer oder laß mich sterben, so daß ich seine Vernichtung nicht sehen muß, et, dem so herrlich, so sorglos das Leben lachte. Errette ihn, du mein Herr und Gott, errette ihn ff'

Das Bild des Gekreuzigten, zu dem Heinrike so schmerzvoll bittend aufsah, blickte unbewegt tn stummer Größe von der Wand.

Da schlug Heinrike laut aufschluchzend die Hände vor ihr tränen­naßes Gesicht.

Sie fühlte, daß ihr Gebet vergeben» wat.

Dunkel, drohend schloß sich für fie unb Sibo de» Leben» Pforte.

*

Run wat Ws Korn schon gemäht ** in Garben standen die «ehren.

türkischen Minister anzunehmen, sich jedoch der Kammerauflösung zu widersetzen. Der Sultan lichtete an bte Armee eine Prokla­mation, bte vor ben Truppen unb in allen Kasernen bet Stabt verlesen würbe. Sie hatte folgenben Wortlaut: Infolge bet Demission de» Kabinetts habe ich gemäß bet Verfassung nach vor­heriger Beratung mit bent Präsidenten bes Senates unb bet Kammer Tewfik Pascha aufgeforbett, bas Großwesirat zu überneh- tnne. Ich wünsche und halte es für notwendig, daß das neue Gesetz aus Persönlichkeiten zusammengesetzt ist, die große Erfahrung unb eine unabhängige Meinung besitzen und frei von allen Einflüßen sind. Die gestern im Namen einiger Offiziere formulierten For­derungen Widerstreiten der Verfaffung unb ben Hoheitsrechten besm. Sultanats unb bes Kalifats, welche von allen geachtet werden müßen. Hebeizeugt, daß es in bet Armee, beten oberster Chef ich bin, keinen einzigen Soldaten gibt, der Forderungen aufstellen könnte, die gegen die Verfaffung verstoßen, auf die er seinen Eid geleistet hat, nehme ich an, daß bte Eolbaten, bte für einen Augen­blick ihre Verpflichtungen vergeßen haben, eine verschwindende Minderheit bilden. Pflicht des Soldaten ist es, Disziplin, Ord­nung unb Suborbination zu halten, bte bte Erunblagebei An­hänglichkeit an bas Kalifat unb ben Thron bilden. Die Sol­daten müssen sich fern von bet Politik halten, bie Befehle ihiei Voigesetzten wöitkich aus- führen und sich ausschließlich bet Veiteibigung besVateilanb es widmen. Gegen biese Vorschriften Han- beltt, hieße Vertat an bet Nation unb am Vaterlande üben. Diese ernsten Zwischenfälle find es, bte ben Feinb ermutigt haben, gestern nacht bis vor bte Tore bet Hauptstadt zu kommen. Ich geb«; das vorstehende Jrade bekannt, indem ich den Kriegsminister be- aufttage, es in allen Kasernen bet Hauptstadt verlesen zu laßen unb gut Kenntnis aller Truppen zu bringen."

Der interimistische Leiter bes Kriegsministerium, bei gestern im Jilbis bte Proklamation bes Sultans an die Aermee verlas, begründete bte Proklamation in einer längeren Rede. Er fat- berte bie ben verschiedenen Komitees unb Parteien angeböten- ben Offiziere auf, aus biesem auszutreten. Der Minister fügte hinzu, man befand es für gut, dem Sultan ein Schriftstück zu übet» reichen, bas von einem geheimen Offizierkomitee gefertigt wat unb Fotberungen enthielt. Der Sultan wat sehr betroffen unb et erließ diese Proklamation. Jeder Offizier müße eine Erklärung unterschreiben, baß er bie ungesehmaßigen Fotberungen nicht über­reichte. Er, bet Minister, überlaße es ben Offizieren, sich übet jene ein Urteil zu bilden, welche diese Erklärung verweigern wür­den.Tanin" verlangt die Bestrafung der Offiziere, die dem Sultan .bie Fotberungen unterbreiteten. Falls sie straflos aus­gingen, müße befürchtet werben, baß bas Janitscharentum, welche» ben Verlust bet Hälfte bes Reiches herbeiführte, nun auch bie zweite Hälfte in Gefahr bringe. Seit gestern entwickelt auch bie hiesige geheime Militärliga ihre Tätigkeit. Heber bie bent Palais unterbreiteten Forderungen fehlen genaue Angaben, doch dürsten die Forderungen mit den Bedingungen Razim Paschas identisch sein, welche gestern durch eine geheime Proklamation in der Stadt verbreitet wurden unb in ber auch bie Erhebung ber Anklage gegen bas Kabinett Hckkki Pascha geforbert wirb. Der Senatsprastbent erhielt Depeschen au» Kanja, Kalknakelen, Djakowa, Monastit unb Mitrooitza, wonach bie Bevölkerung sich in Aufregung befinde und ben Wunsch hege, baß ein vertrauenswürdiges Kabinett ans Ruber komme. Eine Depesche verlangt auch die Einstellung einet Expebition nach Albanien. Die Depeschen werden dem Sultan vor­gelegt. Aus Daruzza wird gemeldet: Gestern sind ein Major, mehrere andere Offiziere unb 20 Soldaten desertiert. Nach Mel­dungen aus Skutari haben sich mehrere Miriditenfamilien der Auf­standsbewegung angeschloßen. Salonik, 21. Juli. Die albani-

Di« alten Linden am Wall waren ganz dunkel und schattig ge­worden, und im allerletzten Hau» mit dem roten Ziegeldach blühten schon Geranien und Verbenen.

Semesterschluß!

Bald roütoe es still fein in der fröhlichen Musenstadt.

Auch Rolf Bandener rüstete zur Abreise. Er stand am Fenster seiner Studentenbude und blickte hinüber nach Professor Eehrmann» Hau», das er heute zum letztenmal sah. und wo er gestern zum letztenmal vor- gesprochen, um Abschied zu nehmen.

Wie schwer das war.

Und doch hatte er immer die Zeit, wo er endlich ins Examen steigen konnte, so fieberhaft herbeigesehnt.

Die bunte Mutze mußte er nun vertauschen mit dem steifen Philister­hut. Als Inaktiver würde er nun mit ernstem Gesicht, die Bücher unter dem Arm, dahinwandern, um sich auf die Examensarbeit vorzu­bereiten, uno heimlich, voll tiefen Herzwehes, würde er an Göttingen zurückdenken und an die herrliche Burschenzeit. Und dann an die eine, die hinter den Eeranienstöcken mit ihrem blaßen Gesichtchen saß und ihm vielleicht heute noch einen letzten Gruß zuwinkte.

Wochenlang hatte Heinttke Eehrmann in einem hitzigen Nerven­fieber zwischen Tod und Leben geschwebt, als ihr Vater vom Konvent zurückgekehrt war und ihr nur da» eine gesagt hatte:

Exkludiettl"

Im wilden Kampf hatte sie immer wieder in ihren Fieberphan­tasien gerungen mit der Liebe, die nicht laßen wollte, obwohl sie längst den Unwert de» Geliebten erkannt.

Rolf Bandener hatte genug zu tun gehabt, Heinttke» gebrochenen Vater aufzurichten und zu trösten, der saft mit seinem verzweifelten Kinde zugrunde ging.

Endlich aber hatte Heinrike» Jugendkrast gesiegt. Sie genes langsam.

Nie fragte sie i^ten Vater nach Sibo. Wie einen Toten betrauert* sie ihn. j

Auch zu ihm, bei jetzt so oft in ihr Hau» kam, sprach fie nicht. ' . (Fortsetzung folgt.)