mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nack Feierabend". ..Fürs Saus" und „Landwirtschaftliche Vellage.'
!
M 155
< iC cliu.llft ■ <L|.l, . ..-•u Ulli mioulyuu M.L eouu-
und Feiertage. — Ter Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2'.25 jft (ohne Best.^geld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 frei ins HauS. (Für unver- langt zugefandte Manuskripte übernimmt die Redaktion kemerlm Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hltzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Freitag, 5. Juli
.tei an geigenpreis Ocitagi jui die igripatrene Zeile oder deren Raum 15 L, bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen die Zeile 60 L. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Verbindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglieferung ausge- schloffen. — Zahlungen im Postscheckverkehr — ohne Portokosten — unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
47. Jahrg.
1912.
Rundschau.
Der Kaiserbesuch in den Schären.
Kaiser Nikolaus verlieh am Dienstag morgen an Bord seiner Jacht „Standard" Peterhof, um sich nach Vahtischport zu begeben, wo er vormittags eintraf. Kurz vor der Abfahrt traf eine Drahtung Kaiser Wilhelms ein, die den Zaren einlud, den die deutsche Kaiserjacht begleitenden Kreuzer „Moltke" zu besichtigen. Der Zar dankte sofort in herzlichen Worten für diese Aufmerksamkeit und wird der Einladung entsprechen. Dadurch wird der Ursprünglich auf 2 Tage bemessene Aufenthalt Kaiser Wilhelms vermutlich bis zum 6. Juli ausgedehnt werden. Wie immer bei diesen Gelegenheiten, so knüpfen sich auch an diese Zweikaiserzusammenkunft die unkontrollierbarsten Gerüchte. So meldet jetzt der Berliner „Salon", daß bei der Zusammenkunft des Kaisers mit dem Zarenpaare die Verlobung des Prinzen Adalbert von Preußen mit der ältesten 17jährigen Tochter des Zarenpaares, Großfürstin Olga Nikolajewka, erfolgen werde. Man wird dieser durchsichtigen Kombination zunächst reichlich skeptisch gegenüber- stehen muffen.
Die heutige Zusammenkunft der Herrscher Deutschlands und Rußlands in den russischen Eewäffern beschäftigt naturgemäß, obgleich sie sich in aller Ruhe und bar jedes höfischen Gepränges abspielen wird, die gesamte politische Welt. In besonderer, geradezu lächerlich wirkender Aufregung aber sehen wir die russischen Vundesgenoffen, unsere „Freunde" jenseits der Vogesen, und die Deutschland feindliche russische Preffe des großen Augenblicks harren. Infolge des eng bemeffenen und unzugänglichen Schauplatzes werden sie zu ihrem Schmerze so wenig erhaschen, daß sie notgedrungen im Trüben fischen muffen, ein Metier, auf das sich aber jene Kreise wohl verstehen und deffen Produkte wir binnen kurzem in den Organen des In- und Auslandes vorgesetzt bekommen werden.
Während man sich auf der einen Seite darin gefällt, die Begegnung beider Kaiser als völlig harmlos hinzustellen und ihr jede politische Bedeutung abzusprechen, sehen wir eine andere Preffe teils in melancholischer Kassandrastimmung verharren, teils mit wütendem Grimme gegen uns toben, da sie für das" französisch- russische Bündnis eine neue schwere Gefahr gekommen wähnen. Daß sie mit all dem auf dem Holzwege sind, müßten sie die Folgen früherer, ähnlicher Zusammenkünfte der beiden Kaiser gelehrt haben. An eine Lockerung oder Aufhebung der Bundesverhältniffe wird hierbei ebensowenig gedacht, wie es sich andererseits um bloße Besuche ohne politischen Hintergrund handelt, so sehr es den durch aufrichtige Freundschaft verbundenen Monarchen auch auf den Herzen liegen mag, neben ihren Staatsgeschäften ihre engen Privat- und Familienintereffen zu besprecheS*und über dies und jenes jhre Meinungen auszutauschen. In der Tat beweist die gleichzeitige Anwesenheit der leitenden Staatsmänner beider Reiche zur Genüge, daß auch heute wieder alle weltbewegenden politischen Fragen, wie die gegenseitigen Beziehungen der zwei großen Nachbarstaaten, eine wichtige Rolle in den Besprechungen zu spielen berufen sind. Doch werden hier keine Jntriguen gesponnen und Ränke geschmiedet, um anderen Staaten Schwierigkeiten zu schaffen, sondern die Beratungen verdienen im Gegenteil allerseits vertrauensvoll als ein wertvolles Friedenswerk aufgefaßt zu werden, da man sich ehrlich bemüht, den vielerlei Fragen der äußeren Politik, die Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten Hervorrufen könnten, den Stachel abzubrechen und zu einer möglichst gleichen, wenigstens aber ausglsichenden Avffaffung der Sachlage zu gelangen. Für Anhänger von Revancheideen werden die Beschlüsse
Tas Tor des Ledens.
Roman von AnnyWothe.
*4 (Nachdruck verboten.)
(Copyright 1910 by Boll & Pickardt, Berlin.) (Fortsetzung.)
Heinrike Gehrmann fiel es nicht auf, daß die Rosen, die für ihren Vetter Sibo von Eschenbach bestimmt waren, ein anderer leuchtenden Auges eingefangen hatte und nun heiß an die Lippen preßte. Sie hörte auch nicht, wie er, im Wagen aufstehend, begeistert ausries:
„Fridunen-Frauen hoch!"
„Hoch, hoch!" pflanzte sich der Ruf von Wagen zu Wagen.
Ditta Hellwig warf jauchzend den ganzen Vorrat ihrer Blumen hinab, und Mirjam ließ langsam eine Blüte nach der anderen durch ihre Finger gleiten zu stummem Gruß. Ihre Augen blickten in die Ferne, Sibo nach, der noch immer zu ihr hinübergrüßte.
„Fridunen-Frauen hoch!" klang es immer wieder empor.
Um Heinrike Gehrmanns Herz hatte sich plötzlich ein eiserner Reif gespannnt.
Sie sah nicht die besorgt fragenden, grauen Augen des scklanken Burschen, der ihre Rosen aufgefangen hatte, nicht das dunkle Grübeln, das plötzlich feine Stirn durchfurchte, ihre Augen hingen rwch immer an dem strahlenden Gesicht des Vetters, deffen Augen noch immer. Mirjam grüßten.
Auch ihren alten Vater, der, den weißen Stürmer auf den grauen Locken, mit hellen Augen zu ihr emporlachte, sah sie nicht.
Nicht eine Blume hatte Heinrike für den Vater. Wie durch einen Nebelflor sah sie den Festzug verschwinden. Die ganze Stube drehte sich mit ihr im. Kreise, und doch war nichts geschehen, nichts anders geworden seit gestern, wo sie mit Sibo unter dem Fliederbusch im Garten gestanden und et ihr gesagt hatte, daß er sie liebe.
Sie hatte es ja schon lange gewußt. Und sie hatte sich auf das Fest der Fridunia so sehr gefreut und auch auf die Ankunst der beiden Kousinen, die mit ihrem Vater vom grünen Rhein herbeigeeilt waren, das Verbindungsfest mitzufeiern. Und nun war plötzlich ein erstickender, grauet Nebel auf Heinrikes Festesfreude gefallen.
und Beratungen in den Schären freilich keinen erfreulichen Ausblick er öffnen. Wir aber in Deutschland wollen unserem Kaiser dankbar sein, daß wir ihn immer erneut bemüht sehen, der Welt und speziell unserem Vaterlande den Frieden zu erhalten, und können daher den beiden Herrschern und ihren Ratgebern für ihre heutige Begegnung nur die besten Erfolge im Jntereffe beider Reiche wünschen.
Italienische Angriffe gegen Freiherrn v. d. Goltz.
Die neuesten Betrachtungen des Feldmarschalls Frhr. v. d. Goltz über die Aussichten des tripolitanischen Krieges machen, wie der „Voff. Ztg." aus Rom telegraphiert wird, gewaltig böses Blut, weil sie geradezu als Aufhetzung der Türken zum Widerstande ausgelegt werden. „Elorniale d'Jtalla" überschüttet den Feldmarschall mit Schmähungen und fragt: Worauf wartet die italienische Regierung, um in Berlin Vorstellungen zu erheben? Eine derartige Handlungsweise eines Generals einer verbündeten Ration ist unzuträglich. Herr v. d. Goltz verstoße gegen die elementarsten Pflichten der Neutralität. — Die Verärgerung auf italienischer Seite ist, wie die „Voff. Ztg." dazu bemerkt, offenbar auf den am 29. Juni in der „Wiener Neuen Fr. Pt." erschienenen Artikel des Frhrn. v. d. Goltz zurückzuführen, in dem dieser eine Untersuchung darüber anstellt, ob es den Türken möglich ist, über die Köpfe der Araber hinweg Frieden mit Italien zu schließen. Frhr. v. d. Goltz erwähnt darin, daß die jungtürkische Herrschaft in Gefahr geriete, von der Reaktion abgelöst zu werden, wenn sie zu einer neuen Verminderung des Staatsgebietes die Hand reichen wollte, und daß ferner das türkische Kalifat bedroht wäre, da der Friedensfchluß von der ganzen islamitischen Welt als eine Abdankung des Konstantinopeler Kalifats ausgelegt werden würde. Er kommt zu dem Schluffe, daß die arabische Bevölkerung Trlpolitaniens von der Türkei nicht im Stiche gelaßen werden dürfe.
Ei« neuer Block!
Der bekannte Reichstagsabgeordnete Marx hat zu Mühlheim eine Rede gehalten, in der er sich wenig freundlich über die Konservativen äußerte. Die jungliberale „Köln. Ztg." bemerkt hierzu: „Die Ausführungen bestätigen, was man allerdings schon seit einiger Zeit weiß, daß der Draht zwischen Zentrum und Konservativen endgültig zerrißen ist. und sie bestätigen weiter, daß auch die alte Verbindung mit der roten Partei sich bei der heutigen Konstruktion des Zentrums nicht wieder Herstellen läßt. Es bleiben also, wenn das Zentrum praktisch Mitarbeiten will, nur die Nationalliberalen Übrig. Die Nationalliberalen ihrerseits haben natürlich keinen Anlaß, die Mitarbeit des Zentrums da abzulehnen, wo nationale und liberale Ziele gefördert werden. Das ist aber die Grundbedingung. welche sie ihrerseits stellen müßen." Diese Auseinandersetzung bedeutet nicht mehr und nicht weniger als — einen neuen Block diesmal zwischen dem Liberalismus und dem Zentrum!
Man darf immerhin gespannt sein, ob die liberale Preffe, die gewöhnt ist, jede politische Verbindung mit dem „schwarzen" Zentrum als kulturfeindlich, blamabel und verabscheuungswürdig zu verfolgen, diese Taktik auch jetzt beibehält. Oder heißt es wieder: „Ja Bauer, das ist ganz was anderes"? Die schamhafte Aufforderung der besonders zentrumswütigen „Köln. Ztg." an das Zentrum in Zukunft liberale Politik zu machen, soll scheinbar einlenken. Die ganze Erörterung zeigt aber, daß die wirklich ausschlaggebende Partei des neuen Reichstages das Zentrum ist.
-----*-----
Deutsches Reich,
— Eine Reise des Kaisers nach Frankfurt a. M. Wie verlautet, beabsichtigt der Kaiser im Laufe des nächsten Monats zur Besichtigung des Osthafens nach Frankfurt a. M. zu kommen. Vorgesehen sind die Tage des 21. und 22. August. Die Universitätsgründung soll bis.dahin vollzogen werden.
— Die Reise der Kaiserin nach Wilhelmshöhe verschoben. Die Ankunft der Kaiserin auf Schloß Wilhelmshöhe, die Sonntag früh
Sie hätte auffchluchzen mögen, und doch lächelte sie der Tante und den Cousinen entgegen, die sich jetzt rüsteten, mit ihr heimzugehen in ihr liebes, kleines Idyll am Wall, in welchem Heinrike mit ihrem Vater so friedlich hauste. —
Die Musik war verstummt, der Jubel des Festzuges verhallt.
Langsam, seltsam versonnen gingen die vier Frauen über die welken Rosenblätter am Wege, dem Hause Profeßor Gehrmaenns zu.
Es lag ganz in rosig schimmerndem Blütenschnee versteckt, und sein rotes Dach leuchtete wie ein dunkler Blutstropfen weithin im Sonnengold.
Im (Barten des Eehrmannschen Hauses war der Kaffeetisch gedeckt. Der Flieder duftete und die Weißdornhecken trugen ihr schimmerndes Blütenkleid.
Wie Sonntagsfrieden lag es über dem Garten, der, an der einen Seite von der alten, grauen Wallmauer geschützt, wie ein schlafendes Blütenkind zu Füßen der alten Wall-Linden lag, die so seltsam feierlich sich von dem schneeigen Weiß des Gartens abhoben, der sich bis zu den Ufern der Seine hin dehnte.
Ein jeder, der kam, empfand den Frieden in dieser Blütenwildnis, und es kamen ihrer viele am heutigen Tage in das stille Haus.
Tante Vabett geriet gar nicht aus dem Entzücken heraus. All die bunten Zereviskäppchen der alten Herren, die in unveränderter Freun- bcstreue das Haus des Philisters Gehrmann aufluchten, machten ihr altes Herz schneller klopfen, sobald sie nur wieder eins zwischen den Blütenbüfchen aufleuchten sah.
Mit dem weißbärtigen Alten dort, der so fröhlich lachte, hatte sie auf dem ersten Tanzstundenball ein Vielliebchen gegeßen, und mit dem kleinen, vertrockneten Akännchen, das so oergnättert tns Leben blickte, hatte sie bei Onkel Grimm gelacht und Studentenlieder gesungen. Heinrich Hellwig, auf deffen Wiedersehen sie sich so sehr gefreut, mit dem sie vor fünfzig Jahren bis zur Bewußtlosigkeit getanzt, hatte sie auch gleich wiedererkaimt und ihres Hand gepreßt, wie einst in den Jugendtagen. Was tat es, daß et sagte:
„Verflucht alt find wir geworden, Babettchen, was? Aber das schadet nichts. Wenn das Herz nur jung ist. Weißt du noch, wie ich dich in Mariaspring herumschwenkte? Du hattest das »Rosenrote" en. Weißt du noch?" j....... J ...
7 Uhr 52 Min. erfolgen sollte, ist plötzlich vom Hofmarschallamte um drei Tage verschoben worden. Die Kaiserin wird nunmehr mit Prinzessin Viktoria Luise Mittwoch in Wilhelmshöhe eintreffend.
— Der Bundesrat und die Erbschaftssteuer. Wie die „lagt Rdsch." „von durchaus zuverlässiger Seite" hört, ist von der bayrischen Regierung ein Widerstand gegen die Erbansallsteuer nicht mehr zu erwarten. Es darf vielmehr, nach Aeußerungen des bay- richsen Ministerpräsidenten Frhrn. v. Hertling, angenommen werden, daß Bayern im Bundesrate für die Erbansallsteuer stimmen wird, wenn der Reichskanzler sich entschließen sollte, einen Entwurf über die Erbansallsteuer vorzulegen. Voraussichtlich dürfte im Laufe des Septembers eine Zusammenkunft der bundesstaatlichen Minister in Berlin stattfinden, um zu den Vorschlägen des Reichsschatzamtes Stellung zu nehmen.
— Bundesrat und Mischehen. Ein Telegramm der Deutschen Kabelgramm-Eesellschaft meldet unterm 3. Juli aus Swakopmund: Staatssekretär Dr. Solf erwiderte gestern aus die Ansprache des Landesratsmitgliedes Sievers, der Rehobother Bezirksrat und die Reichsbehörden seien gegen die Mischehen. Die Regierung hoffe, den Reichstag umzustimmen. Der Bundesrat werde der Reichstagsresolution keine Folge geben. Es sei ausgeschloffen, daß die Anerkennung der Mischehen jemals Gesetz werde. Die Anschlußbahn von Rehoboth werde sobald als möglich gebaut werden.. Der Bastardrat erklärte bei dem Empfang, auch die Bastards seien all« gegen die Mischehe.
— Deutschland und Rußland. Köln, 3. Juli. Die „Köln. Ztg." verweist die Meinung, Deutschland wolle versuchen, Rußland von dem französischen Bündnis mit dem englischen Einvernehmen abzusprengen, in das Reich der Phantasie, da die deutsche Politik immer den Standpunkt einnahm, anderen Staaten in keiner Weise zu verwehren, politische Kombinationen einzugehen. Wir erwarten, schreibt das Blatt, von der Kaiserreise keine Aenderung in der aktuellen Politik Rußlands, sondern nur die Wiederherstellung und Befestigung vertrauensvoller Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland. Gelingt es, das in manchen Kreisen Rußlands noch vorherrschende Mißtrauen gegen Deutschland zu be. fettigen und an seine Stelle Vertrauen zu setzen, ist alles erreicht, was wir erwarten können. Bei der Ueberzengung, daß zwischen beiden Staaten keine ernsten Streitpunkte vorhanden sind, wird sich ganz von selbst eine politische Orientierung in friedlichem Sinne ergeben.
— Die Frauen bei den Handelskammerwahlen. Berlin, 3. Juli. Der Ausschuß des Deutschen Handelstages sprach sich dafür aus, daß denjenigen Frauen, die Inhaber von in das Handelsregister eingetragenen Firmen sind und im übrigen den Anforderungen bezüglich der Teilnahme an den Handelskammerwahlen entsprachen, die Ausübung des Wahlrechts in eigener Person und nicht wie bisher durch Prokuristen zugestanden werde.
— Unfall beim llebungsschießen. Itzehoe, 3. Juli. Auf dem Lockstedter Lager wurden, den „Jtzehoer Nachr." zufolge durch einen fehlgegangenen Schuß, der in den Beobachtungsturm eindrang, Oberleutnant König vom Lauenburgischen Feldartillerie- Regiment Nr. 45, Sergeant Wulf, Unteroffizier Schnabel, Unteroffizier der Res. Freudenreich (Verletzung unbekannt) vom Feldartillerie-Regiment (schleswigsches) Nr. 9 schwer, Leutnant Böhm von demselben Regiment leicht verwundet. Die Kanoniere Schilling und Hensel von demselben Regiment wurden getötet.
— Der Prozeß gegen die Abgeordneten Borchardt und Leinert. Berlin, 3. Juli. Die Verhandlung gegen die Abgeordneten Borchardt und Leinert wegen der bekannten Vorfälle im Abgeordnetenhause, wozu Termin vor der Strafkammer auf den 8. Juli
Ob sie es wußte! Jedes Wort hatte sie ihm wiederholen können, das er damals zu ihr gesprochen. Und der Jobst? Recht unnahbar und hochmütig sah er aus, und er konnte sich ihrer absolut nicht mehr erinnern. Das schadete aber nichts, sie wußte ja doch noch jede Einzelheit von damals, wie er. die Studentenmütze auf den Locken und das bunte Band über der Brust, an ihrer Seite gesessen und immer wieder der Ruf erklungen:
„Vivat Fridunia!"
Jobst von Eschenbach mit dem weißen, auf die Brust herabwallenden Bart, den Kneifer am schwarzen Bande auf der scharfgebogenen Nase, das Zerevis keck auf dem kurzgeschorenen, weißen Haar, hörte mit gesenkter Stirn auf die Mär aus Jugendtagen, die Tante Babett vor ihm auffrischte.
Er hatte lange gebraucht, um die Erinnerung wiederzufinden. War es wirklich möglich, daß die alte Frau mit den groben Zügen das schöne, schlanke, schwarzhaarige Mädchen gewesen, das er einst unter den alten Linden — jetzt wurde die Erinnerung wieder wach — geküßt hatte?
Was waren das für Zeiten geroefen9 O alte Burschenherrlichkeit! Und wieviel lag zwischen einst und jetzt! Wie viele waren heute nicht hier, die damals mit ihm in überschäumender Jugendlust gezecht, geliebt und gelacht! Wie viele waren schlafen gegangen! Und doch war der heutige Tag wie ein ewiges, köstliches Wiederfinden.
Im Garten wimmelte es jetzt von Fridunen-Alten und -Jungen. Heinrike und Ditta konnten gar Nicht genug Kaffeetaffen füllen, und Tante Babett sorgte eifrig, daß die Berge Kuchen, die im Umsehen verschwanden, immer wieder durch neue ersetzt wurden.
Mirjam beteiligte sich nicht an der Bewirtung der Gäste. Lächelnd lehnte sie in dem weißen, lang herabwallenden Kleide bald hier, bald da an einem der rosig blühenden Aepfelbäume, Sonnenglod auf den rotblonden Flechten und in den Augen einen flackernden Schein. Sie sprach mit den Alten und Jungen, und jeder, zu dem ihr roter Mund ein fteundliches Wittt redete, ging reich beschenkt, strahlenden Auges von bannen.
(Fortsetzung folgt.)