mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen' ..Nack Feierabend". „Mrs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage."
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iie „Cberi)tfiifrt)e Leitung” erjcycuir tagiicy nttt tiusnagme Der ssonn-- und Feiertage. — Ter Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 <M, (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 M frei inS Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Dienstag, 18. Juni
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47. Jahrg. j 1912.
Italien und die Türkei.
Rom, 16. Juni. (Agenzia Stefani.) Von Bord „Re Umberto" wird funkentelegraphisch gemeldet: Heute früh besetzte General Mara mit einem Bataillon Matrosen und anderen Truppen eine Höhe im Süden von Bushaifa, zu gleicher Zeit trieb der „Re Umberto" durch Ee- schützfeuerabteilungen von Arabern, die versuchten, sich der Landung zu widersetzen, in die Flucht. Um 6 Uhr wurde auch das Heiligtum von Bushaifa besetzt, während die Ausschiffung der Mannschaften und Kriegsmaterial ihren Fortgang nahm.
Konstantinopel, 15. Juni. Die umfassenden militärischen Maßnahmen in der Türkei dauern fort. Gerüchtweise verlautet, daß auch die Redifdivision in Adrianopel den Mobilmachungsbefehl erhalten hat Die Nachricht, daß zwei Konstantinopeler Haubitzenbatterien nach Smyrna expediert wurden, scheint unrichtig zu sein. 72 Italiener haben Dede-Agatsch verlaßen.
Konstantinopel, 15. Juni. Etwa 500 Italiener sind gestern nach dem Pyräus, Varna, Triest und Odesia abgereist. Morgen geht der deutsche Dampfer „Ella", der vom italienischen Wohltätigkeitsverein gechartert wurde, mit etwa 1000 Italienern^ darunter 200 Arbeitern der Bagdadbahn, ab.
Rom, 16. Juni. (Agenzia Stefani.) Von Zanzur sind die Verwundeten heute in Neapel angekommen, vom Herzog von Aosta, dem Kriegsminister und einer großen Volksmenge empfangen. Die aus der Türkei ausgewiesenen Italiener treffen ständig weiter ein und werden überall mit großen Kundgebungen empfangen.
K o n st a n t i n o p e l, 15. Juni. Ein Artikel des „Tanin" beschäftigt sich mit der Vündnisfrage. Cs heißt darin u. a., das Thema sei nicht aktuell, da in der gegenwärtigen Lage weder der Dreibund noch die Tripleentente die Türkei als Verbündeten wünschten. Auch würde die Türkei Gefahr laufen, sich unter das moralische Protektorat einer Macht oder Mächtegruppe zu stellen. Die Türkei müße ihre Kräfte der inneren Wiedergeburt widmen und den Zeitpunkt abwarten, wo sie ein Bündnis auf der Basis der Gleichheit schließen könne.
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Deutsches Reich-
— Som Kaiser. Berlin, 15. Juni. Der Kaiser empfing heute vormittag den Botschafter Frhrn. Marschall von Bieberstein in Audienz. — Potsdam, 15. Juni. Anläßlich des Sterbetages Kaiser Friedrichs III. legte der Kaiser, der um %10 Uhr in Begleitung der Kaiserin und der Prinzessin Viktoria Luise hier eingetroffen war, im Mausoleum in der Friedenskirche einen prachtvollen Lorbeerkranz mit Blumen nieder. Außerdem wurden von einer großen Anzahl Fürstlichketten und Offizieren sowie von Angehörigen der jenigen Regimenter, deren Chef Friedrich III. war, Kränze niedergelegt. — Hamburg, 16. Juni. Der Kaiser, Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich und Prinzessin Viktoria Luise sind heute früh 8 Uhr auf dem Dammtorbahnhof eingetroffen. Sie nahmen Wohnung auf der „Hohenzollern", die an den St. Pauli-Landungsbrücken liegt. — Der erste Tag des Sommerrennens des Hamburger Rennklubs begann unter strömendem Reaen, war aber trotzdem sehr gut besucht. Der Kaiser, Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich und die Prinzessin Viktoria Luise trafen in Automobilen gegen 3 Uhr auf der Rennbahn ein.
— Der Kaiser und der Zar. Berlin, 15. Juni. Rach einer Petersburger Meldung der „Franks. Ztg." wird Kaiser Wilhelm zu der in den finnischen Schären beabsichtigten Zusammenkunft mit dem Zaren vom Reichskanzler oder dem Staatsiekretär des Auswärtigen begleitet sein. Die politische Bedeutung der Zusammenkunft dürfte nach amtlicher russischer Auffasiung in der Feststellung der bestehenden Uebereinstimmung in allen wichtigen Fragen liegen. Für die Beilegung des Krieges und die Lösung der daraus entstandenen Schmierigkeiten erwartet man in russischen Kreisen keine unmittelbaren Ergebnisie, falls nicht in den nöck-ll 'n Wachen unerwartete Erpianille d'e Grundlage ein-'r Ver-
Nachdr. verboten.
Das Haus am Nixensee.
Original-Roman von Irene v. Hellmuth.
ßl l Fortsetzung.)
Grete schritt rasch ans. Die Mutter sollte sich nicht wieder äng- fttgen. Bald lag der Nixensee mit seinem schimmernden Master hinter der eilig Dahinschreitenden. Sie schaute kam auf, doch spürte sie, daß sie langsamer gehen mußte. Sie drückte die Hand auf das vom raschen Lauf heftig pochende Herz und blieb stehen. Da vernahm sie auf einmal lebhafte Stimmen, doch gewahrte sie noch niemand. Sie drückte sich schnell in das Haselgesträuch nebenan, um nicht gesehen zu werden. Denn einmal waren Grete schon ein paar junge Burschen hier draußen begegnet. Dieselben hatten dann sofort Kehrt gemacht, waren ihr nachgegangen und hatten sie bis zur Stadt verfolgt. Das wollte Grete vermeiden, deshalb duckte sie sich, um die Herankommenden erst vorübergehen zu lasten. Weit und breit zeigte sich außer den Näherkommenden keine menschliche Gestalt. Die dichten Haselbüsche verdeckten Grete vollständig, so ahnten die Vorübergehenden auch nichts »sn der hier verborgenen Lauscherin.
Gretes Herzschlag stockte fast. Es war Charlotte Walter mit ihrem Begleiter von gestern. Und was sie da iah, versetzte ihr Blut in Wallung. Der junge elegante Herr beugte sich gerade tief nieder und küßte seine Begleiterin mehrmals leidenschaftlich. Sie ließ es willig geschehen.
Grete vermochte kaum an sich zu halten. Am liebsten wäre sie hervorgesprungen und hätte der Treulosen tüchtig ihre Meinung gesagt.
„Schändlich, schändlich," murmelte "fie empört, „was nur Otto sagen wird, wenn er erfährt, wie er hintergangen wird. Und erfahren muß er jetzt, daß jenes Mädchen ein frivoles Spiel mit ihm treibt, daß er betrogen wird."
Grete überlegte nicht lange. Kaum waren die Schritte der Borüber- gehenden verhallt, schlüpfte sie aus ihrem Versteck hervor und eilte, ohne ihnen nachzusehen, im raschen Lauf der Stadt zu. Daß Eharlotte |
ständigung bieten. Bekanntlich wird auch der Zar von seinen verantwortlichen Ministern begleitet werden.
— Die neuen kommandierenden Generale. Zum kommandierenden General des durch die Militärvorlage bewilligten neuen Armeekorps in Saarbrücken ist, wie die „Tgl. Rdsch." aus militärischen Kreisen erfährt, der Generalleutnant Scholz, Kommandeur der 21. Division in Frankfurt a. M., in Aussicht genommen. Als künftiger kommandierender General des neuen Armeekorps in Allenstein wird der Kommandeur der 1. Eardedivision Generalleutnant v. Below genannt.
— Direktor Heyler vom Erafenstadener Werk der Elsässischen Maschinenbaugeellschaft wurde nunmehr zum Direktor der Filiale der Gesellschaft in Belfort ernannt. Dort an der Grenze kann er nun nach Herzenslust unter den Refraktären französisieren. Pekuniären Schaden hat ihm seitens seiner Firma die „Affäre" nicht gebracht.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." über die Vorgänge im Abgeordnetenhause. Berlin, 15. Juni. Die „Nordd. Allg. Z." schreibt in ihren Rückblicken: Zu den noch im Stadium der Kommissionsberatung im Abgeordnetenhause befindlichen Materien gehört auch der konservative Antrag auf Aenderung der Geschäftsordnung, zu dem bekanntlich abstoßende, der Würde eines deutschen Parlaments hohnsprchende Lärm- und Obstruktionsszenen der kleinen sozialdemokratischen Minderheit Veranlassung gegeben haben. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, der durch eine feste, gerechte und furchtlose Handhabung der Geschäftsordnung das parlamentarische Ansehen nach Möglichkeit gewahrt und sich die fast allgemeine und unbedingte Anerkennung aller bürgerlichen Kreise und des Volkes erworben hat, Freiherr v. Crffa, ist in dieser Woche durch den Tod abberufen worden. Das Abgeordnetenhaus sieht sich abermals vor die Notwendigkeit einer Neuwahl des Präsidenten gestellt. Der Eindruck aber hat sich schließlich doch als Niederschlag der Szenen im Reichstag und im Abgeordnetenhaus ergeben, daß die Sozialdemokratie sich durch Verleugnung nicht bloß alles besten, was jedem guten Deutschen hoch und heilig sein muß, in der Gesinnung, sondern auch alles desten, was gesittet und gebildet heißt, in der Form von allen anständigen Elementen des Volkes von selber scheidet. Diese Selbstentlarvung der Sozialdemokratie hat augenscheinlich ihrer Isolierung wesentlich vorgearbeitet.
— Aus dem „Reichsanzeiger". Berlin, 15. Juni. Der „Reichsanz." meldet: Botschafter Graf Wolff-Metternich wurde seinem Antrag gemäß abberufen und in den Ruhestand versetzt. — Dem Oberbürgermeister Dr. Adickes (Frankfurt a. M.) ist der König!. Kronenorden 1. Klaffe verliehen worden.
— Elsaß-Lothringisches. Metz, 15. Juni. Der Souvenir Francais macht wieder einmal von sich reden, diesmal seine Ortsgruppe Saargemünd. Nach der „Rhein.-Westf. Ztg." kamen Mitglieder der Ortsgruppe zu einer Versammlung in einen Saal des Kaffeehauses Niklaus, in dem von einer Festlichkeit her noch eine Kaiserbüste im Saale stand. Man stellte die Büste verkehrt und hielt französische, den Kaiser beleidigende Ansprachen. Vor dem Kreisdirektor sanden bereits Vernehmnn-ren in der Angelegenheit statt mit dem Ergebnis, daß gegen den Fabrikanten Schatz von der Fayencerie in Saargemünd amtlich Anzeige wegen Majestäts- belcidigung bei der Staatsan. mltschaft eingereicht wurde. Die Direktion der Fayence-Fabrik forderte kürzlich von ihrem gesamten Beamtenpersonal die schriftliche Erklärung gegen eine geplante Verlegung eines preußischen Regiments rarü <r>or""mnnb.
— Zum Besuch des deutschen Geschwaders in Amerika. Berlin, 16. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt in ihrer Wochenrundschau: Die Festlichkeiten zu Ehren des deutschen Eeschwader- besuches in Amerika erreichten mit dem Empfang der Offiziere
Walter noch einmal den Kopf zurllckwandte, bemerkte Grete nicht in ihrem Eifer. Fast atemlos kam sie bei Tante Lina an; schon unter der Türe fragte sie: „Ist Otto zu Hause?"
Das alte Fräulein schaute erschreckt auf das erregte Mädchen und rief: „Du bringst nichts Gutes, das sehe ich dir an, was ist denn geschehen?"
Grete berichtete, auf einen Stuhl sinkend, mit fliegenden Worten, was sie gesehen und fügte hinzu: „Wenn Otto, sich beeilt, so kann er seine schöne Braut noch treffen. Er muß ihr begegnen, wenn er die Lindenallee hinaufgeht, und von da aus gleich rechts nach dem Nixensee einbiegt. Er wird sich doch um eine solche Person nicht grämen. Sie ist es nicht wert. Und später wird er froh sein, daß er sie los geworden ist."
Ein leises Geräusch an der Türe ließ Grete sich rasch umwenden. Otto war unbemerkt eingetreten, und der Ausdruck seines Gesichtes verriet, daß er alles gehört hatte. Die Augen starrten entsetzt das Mädchen an; mit einem Schritt stand er neben ihr und umklammerte ihr Handgelenk, daß sie leicht auffchtte.
„Sprachst du die Wahrheit, Grete?" knirschte der Erregte.
„Die lautere Wahrheit, Otto! Ich habe selbst gesehen, wie deine Braut sich von einem anderen küssen ließ. Jetzt geh und mach ein Ende, denn es ist deiner unwürdig, dich von ihr an der Nase herumführen zu lasten. Zeige ihr deine Verachtung, jetzt gleich mußt du fort, damit du sie ertappst, denn morgen leugnet sie vielleicht alles und umschmeichelt dich aufs neue.
Otto riß seinen Hut vom Nagel und stürmte fort. Grete bereute nun fast, daß sie etwas gesagt hatte, ober Tante Lina beruhigte sie: „Laß gut sein, Kind, einmal mußten ihm die Augen geöffnet werden, mir ist es lieb, daß alles so kam. Vielleicht, — wer weiß — vielleicht erfüllt sich mein Lieblingswunsch doch noch."
Grete mußte lachen. Die Tante schmiedete schon neue Pläne für die Zukunft, ehe noch bas Band gelöst war, das Otto mit der anderen verknüpfte.
IX.
Es war schon eine Woche vergangen «nb noch immer würbe in bet
und Mannschaften in Newyork ihren Abschluß. Dies war zugleich der Höhepunkt der großartigen Eastfteundschaft. Das Verhalten der amerikanischen Behörden, wie aller an dem Empfang Beteiligten ließ keinen Zweifel, daß man in den Vertretern unserer Flotte Deutschland selbst zu ehren wünscht. Die freundlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika ruhen auf der ge- sunden Grundlage der wechselseitigen und willigen Anerkennung der beiden Völker, die sich in ihren tüchtigen Eigenschaften mehr und mehr kennen lernen. Der Anteil des deutschen Elements in den Vereinigten Staaten an dieser erfreulichen Entwicklung ist in den Newyorker Festtagen gebührend hervorgetreten. Die Herzlichkeit der unseren Schiffen erwiesenen Gastfreundschaft war in allen amerikanischen Kreisen außerordentlich aufrichtig. Dankbar blicken wir auf den schönen Verlauf dieses Flottenbesuches zurück und hoffen, daß die Erinnerung an die Tage gemeinsamer Freude im Sinne wachsender Wertschätzund und Verständigung zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fortwirken wird.
— Preffetagung. München, 16. Juni. Unter Beteiligung von Vertretern staatlicher und städtischer Behörden, zahlreicher Delegierten aus allen Teilen Deutschlands, sowie Vertretern der Preffe Oesterreichs und der Schweiz wurden heute morgen im Festsaal des Künstlerhauses die Verhandlungen des Delegiertentages des Reichsverbandes der deutschen Preffe und des Verbandes deutscher Journalisten und Schriftstellervereine begonnen. Es gelangte einstimmig eine Resolution Bernhard zur Annahme, in der verlangt wird, daß sich die Preffe der Berichterstattung über den Teil von Prozeffen, in dem von sexuellen Verfehlungen die Rede ist, enthält, falls die Oeffentlichkeit ausgeschlossen ist, dagegen die Preffe zugelaffen bleibt, ebenso soll die sensationelle Ausschmückung solcher Prozesse unterbleiben. Schließlich sollen Konflikte zwischen Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern nicht zum Gegenstand sensationeller Darstellung gemacht werden. Einstimmig gelangte eine Resolution zur Annahme, welche die Reichsregierung auffordert, bei der Strafprozeßreform dafür Sorge zu tragen, daß nicht nur beim Strafverfahren der Zeugniszwang aufgehoben wird, sondern auch bei den Bundesstaaten dahin gewirkt wird, daß beim Disziplinarverfahren von diesem Zeugniszwang kein Gebrauch mehr gemacht wird.
— Aus der sozialdemokratischen Partei. Berlin, 16. Juni. Nach einer Mitteilung der „Chemnitzer Volksstimme" hat der Abgeordnete Ledebour die Mitglieder des linken Flügels der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu heute (Sonntag) nach Eisenach eingeladen. Man will Stellung zum bevorstehenden Parteitag nehmen und sich darüber aussprechen, wie man die Lösung einiger schwebender Parteifragen im radikalen Sinne beeinflussen kann.
— Reiche Stiftungen. Magdeburg, 15. Juni. Anläßlich des 50jährigen Bestehens der Firma R. Wolf, Lokomobilenfabrik, Magdeburg-Buckau machten die Inhaber Schenkungen und Stiftungen von einer halben Million.
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Ausland-
** Die Wehrvorlage im ungarischen Abgeordnetenhaus. Budapest, 15. Juni. Das Magnatenhaus verbandelte in lebhafter Debatte über die Webrvorlagen. Graf Aurel D"llemffn beantragte Rückverweisung der Vorlage zur verfassungsmäßigen Verhandlung an das Abgeordnetenhaus, da die Vorlage mit Verletzung der Hausordnung des Abgeordnetenhauses votiert worden sei. Nachdem mehrere Redner den Antrag einerseits verteidigt, andererseits bekämpft hatten, ergriff Ministerpräsident Lukacs das Wort. Er verteidiate die Noiwendiakeit des Vorgehens. wennaleich eine formelle Bestimmung der Hausordnung nerl-^t rrarhon fei. Die
Stadt von allen Bekannten eifrigst die letzte Neuigkeit — die Auflösung der Verlobung — besprochen. Fräulein Charlotte Walter und deren Mutter hatten dafür gesorgt, daß sie beide rein und unschuldig aus bet Affäre hervorgingen. Man erzählte auf allen Kaffeekränzchen die inter- esiante Geschichte: Daß diese Liese Sommer schon längst in den hübschen Neffen Fräulein Burkhardts verliebt war, wollten einige Kluge schon lange wissen. Doch der Neffe machte sich nichts aus dem kleinen Gänschen, obwohl ihm Liefe ihre Absicht oft genug merken ließ. Als nun Charlotte Walter eines Tages mit ihrem Vetter eine kleine Promenade machte, und von Grete Sommer dabei gesehen wurde, da lief besagtes Fräulein im Sturmschritt zu Fräulein Burkhardt und jagte den jungen Neffen auf die Spur der anscheinend treutofen Braut. Natürlich, die Sommers, die keinen Pfennig Vermögen hatten, hofften auf diese Weise den Neffen Fräulein Burkhardts wieder für sich zu gewinnen. Denn er war doch eine anständige Pattie.
Fräulein Charlotte Walter wußte das alles so glaubwürdig vorzubringen, daß niemand an der Wahrheit zweifelte. Besonders betonte sie dabei, sie hätte an nichts Schlimmes gedacht, als sie mit ihrem Vetter spazieren ging. Sie wollte dem Verwandten die Umgebung der Stadt zeigen, etwas Unrechtes könne gewiß niemand daran finden. Natürlich hätte man ihren Verlobten derartig gegen sie aufgehetzt, daß er schließlich an ihre Untreue glaubte. „Gegen Verleumdungen ist man eben machtlos," schloß sie meistens derartige Reden. „Mein ehemaliger Verlobter ist ein guter, leichtgläubiger Mensch: es war nicht schwer, ihn gegen mich aufzustacheln. Nun, mag er Fräulein Sommer doch heiraten, ich habe nichls dagegen, ich kann mich wieder verloben, so bald ich will, ich brauche nur die Hand auszustrecken."
Da die Familie Sommer mit niemand verkehtte, so kam von ihnen auch keine Widerlegung unter die Leute. Und Otto wollte nach dem Bruch mit Charlotte niemand sehen. Er schloß sich jeden Abend, wenn er vom Büro nach Hause kam, in fein Zimmer ein, berührte die Speisen kaum, die Tante Lina ihm brachte, und ging oft stundenlang ruhelos umher, ohne auf irgend einen Zuspruch der geängstigten alten Dame zu hören. Ihr ganzer Trost in diesen schweren Tagen war Liese, die nach Kräften bemüht war, die Tante aufzuheitern. (Fortsetzung folgt.)