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1912
Marburg
Donnerstag, 13. Juni
und den Beilagen: „Nach Feierabend",
mit dem KreisLlatt für die Kreise MarLmg und Kirchhcnn
Fürs Haus" und Landwirtschaftliche Beilage"
^te „Oberhesstsche Rettung" erschcmr täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 JA lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen _..L l._ I^peditton (Markt 21) 2.00 JA frei in» HauS. (Für unver« langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. L. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Der Empfang der deutschen Seeleute in Newyork.
N e w y o r k, 11. Juni. Gestern abend fand im Hotel Astor das offi- »ielle Bankett der Stadt Newyork zu Ehren der deutschen Offizier« statt, das sich zu einem glanzvollen offiziellen gesellschaftlichen Ereignis ge- staltete, das überhaupt jemals in Newyork stattfand. Die Elite des Amerikanertums war anwesend, über 700 Personen. An der Spitze der Tafel sah Bürgermeister Gaynor, zu seiner Linken Konteradmiral von Rebeur-Paschwitz, zur Rechten der deutsche Botschafter Graf Bernstorff. Der Saal war mit verschlungenen deutschen und amerikanischen Flaggen ausgeschmückt, die Tische waren mit Kornblumen verziert. Bürgermeister Gaynor führt« in seiner mit herzlichem Beifall aufgenommenen Red« die verschiedenen Gründe an, warum Newyork die deutsche Flotte so herzlich begrüße. Die Angelsachsen seien die Mutter, die Deutschen die Großmutter Amerikas. Von letzteren stamme alle Zivilisation. Amerika bewundere Deutschland, das seit der Gründung des Reiches für di« ganze Welt den Schritt angebe, besonders unter der Regierung bee jehiegen Kaisers, den die Amerikaner als eine Art Amerikaner ansehen. Fallstrgend« wo in der Welt Eifersucht über die großen Fortschritte Deutschlands herrsche, in Newyork besteh« diese nicht. Falls er im Namen der Nation sprechen könnte, würde er versichern, daß solche Eifersucht in Amerika nicht bestehe. Amerika bewillkommne die intelligente Rivalität in der ganzen Welt. Di« Deut- schen zählten zu den besten Bürgern des Landes, di« di« angesehen st en Stellungen innehätten. Niemand in Deutschland könne auf den Kaiser ein herzlicheres Hoch ausbringen, als di« Newyorker. Graf Bernstorfs führte aus: Ich hoffe, daß di« deutsch« und die amerikanisch« Flotte imer so einig sein mögen, wie heute auf dem Hudsonfluß. Amerika sei das Land der unbegrenzten Freundschaft. Er toastete sodann auf den Präsidenten Taft. Hierauf ergriff Admiral v. Rebeur-Paschwitz mit Minuten langem Beifall begrüßt, das Wort. Gr dankte für den glänzenden Empfang und erinnerte an den Empfang des Prinzen Heinrich und brachte «in Hoch aus auf den Bürgermeister Gaynor. Rearadmiral Winslow führte halb im Scherz aus, Amerika brauche Schiff«, wi« den „Mottke", um pünktlich auf die Minute einzutreffen. Die Anwesenden sollten bei dem Kongreß darauf dringen, solch« Schiffe zu bau«n. Die Schiffe kämen als Friedensfreunde. Kein« Nation könne ohne starke Flott« im Frieden leben. Sie sei die beste Friedensgarantie. Bürgermeister Low führte aus: Deutschland und Amerika haben geistig.vieles gemeinsam . Amerika sei seit Anbeginn Deutschland verpflichtet. Der erzieherische Einfluß Deutschlands auf Amerika sei fetzt ebenso wahrnehmbar, wie der Englands. Der Redner pries dann die Verdienste der Deutsch-Amerikaner, denen die Erhaltung der Gold- Währung mit zu verdanken sei. Die Mission Amerika» sei, an der gegen- fettigen Verständigung aller Nationen mitzuwirken.
Newyork, 11. Juni. Der „Herald" bringt heute einen deutschen Leitartikel, in dem es heißt, dem Flottenempfang wohn« mehr als ein offizielles Moment inne. Die deutsch-amerikanische Freundschaft erstarke fortwährend weiter. Es wird an Steuben tinb andere Männer erinnert. Das glanzende Auftreten der deutschen Mannschaften sei Gegenstand allgmeinen Lobes.
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Italien und die Türkei.
Tripolis, 11. Juni. (Agenzia Stefani.) Gestern früh machte eine Kavalleriebrigade einen Erkundungszug bis über Gibt ab del Eilt hinaus. Inder Nähe der Verschanzung, wo die Brigade Rainaldi kämpfte, fand man zahlreiche Gefallene der Ma- halla Tuareds. Sodann durchforschte die Brigade die Oase Zanzur und steckte das an der südlichen Grenze gelegene feindliche Lager, besten Baracken soeben verlosten worden waren, in Brand. Zahlreiche von den Türken benutzte Telephon- und Telegraphenleitungen wurden zerstört. — Wie Kundschafter und Kriegsgefangene übereinstimmend versichern, nahmen am Kampf bei Zanzur außer regulären türkischen Truppen sämtlich- Mahallas, auch diejenigen aus den entferntesten Lagern teil. — Wie aus Benghasi gemeldet
Rachdr. verboten.
Das Haus am Nixensee.
Original-Roman von Iren« e. Hellmuth.
2? (Fortsetzung.)
VIII.
Als Grete nach Hause kam, fand sie die Mutter in begreiflicher Aufregung. Di« arme Frau hatte sich wegen des langen Ausbleibens unsäglich beängstigt.
„Mein Cott," klagte sie, die Tränen ttocknend, die ihr bie Angst um die kaum genesene Tochter entlockt hatte, „was habe ich ausgestanden! Ich fürchtet«, es fei dir etwas zugestoßen. Wie konntest du nur so lang« aus- bleiben. Die Sorge um dich warf mich fast nieder. Am liebsten wäre ich selbst fortgelaufen, dich zu suchen, aber ich wagte es nicht, denn der Vater hat keinen Schlüstel, und wenn er heimgekommen wäre, und hätte die Tür verschlosien gefunden, würde es wieder einen Krach gesetzt haben. Liese kommt auch so lange nicht. Sie ging schon vor 2 Stunden zu Tante Lina — so war ich mit meiner Angst und Sorge ganz allein. Ich meinte, vergehen zu muffen. Ruhelos wanderte ich umher, hundertmal habe ich zum Fenster hinausgesehen, aber du kamst nicht. Es war zum Verzweifeln."
Gespannt blickte Frau Sommer die Tochter an und diese berichtet« nun ihr Erlebnis.
Die Mutter war ttef erschüttert.
„So hat halt jeder Kreuz auf der Welt", meinte sie dann nachdenklich. „Die Leute sind nun reich und dennoch unglücklich. Was hilft ihnen das viele Geld?"
Sie seufzte tief auf und fuhr dann fort: „Die Hoffnung, daß bet Batet sich bessern würde ist nun auch wieder geschwunden. Ich möchte wohl wiflen, was er noch im Besitz hat von dem vielen Geld, bas er von Frau Gronau erhalten hat."
Sie bereute im nächsten Augenblick, von ber Sache gesprochen zu haben; denn Grete war tief erblaßt, sie schien noch immer nicht ohne Erregung an bas Geld denken zu können, von dem ber Vater keine« Pfennig herausgegeben hatte. Es frogt« ihn auch niemand danach,
wird, zerstreuten Kamelreiter und italienisch« Kavallerie gestern früh bet einem Erkundungszug einige Gruppen Beduinen.
L o n d o n, 11. Juni. Das Reuterbureau meldet vom 10. Juni aus Smyrna: Am Sonnabend sollen 19 italienische Kreuzer auf der Höh« der Insel Jsros bemerkt worden fein. Eie bewegten stch in der Richtung auf die türkische Küste.
Konstantinopel, 11. Juni. In einer Sitzung der Kammer teilte das Kammerbureau den Inhalt der Depesche mit, die der tripolitanische Deputierte El-Baruni an di« Kammer richtete. Der Deputierte von Saloniki Ralmi führte aus, er glaube, daß stch, solange die stegreichen Kämpfe der Türken und Araber andauern, keine ottomanische Regierung finde, di« der Kammer Vorschlägen werde, auch nur einen Zoll des nationalen Territoriums preiszugeben. Selbst wenn die Regierung einen ähnlichen Vorschlag machen sollte, würde kein ottomanische» Parlament ihn annehmen. Der Deputierte von Konstantinopel Cchewfik erklärte, die Kämpfenden in Tripolis dürften sicher sein, daß die Türken st« niemals im Stich lasten werden. Er hob hervor, daß der Kommandant von Tripolis Resched Pascha unter den Kämpfenden 1350 türkische Pfund für die Flotte und Enver Bey 750 Pfund für Aeroplane gesammelt haben. Die Kammer beschloß, den Deputierten Varuni im Sinn« der Ausführungen Ralmi» zu antworten.
Di« bisherigen Verlust« der Italiener.
Rom, 11. Juni. Rach Mitteilungen des Kriegsministerium» sind bis jetzt auf den Schlachtfeldern oder infolge von Verwundungen während des italienisch-türkischen Krieges 57 Offiziere und 588 Soldaten gestorben. Zwei vermißte Offiziers und 325 Mann, die größtenteils dem elften Bersaglieri-Regiment angehören und seit dem 23. Oktober 1911, dem Tag des Gefechtes bei Schara-Schat nicht mehr gesehen wurden, sind hierin nicht einbegriffen.
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Deutsches Reich.
— Die Nachfolge de» Frhrn. e. Erssa. Als Nachfolger des verstorbenen Landtagspräsidenten Frhrn. v. Erffa werden di« konservativen Abgeordneten v. Arnim-Züsedom, Frhr. v. Richt- Hofen-Mertschütz und der frühere Reichstagspräsident Graf Schwerin-Löwitz genannt. Frhr. v. Arnim soll die besteren Aussichten haben, da er schon seinerzeit mit in engerer Wahl mit Erffa stand.
— Geheimrat Rießer Frankfurter Oberbürgermeister? In den Kreisen der Frankfurter Bürgerschaft ist, wie die „$off. Zig." meldet, eine Kandidatur des Präsidenten de» Hansabundes, Geheimrat Rießer. für den Oberbürgermeisterposten angeregt wor- den. Rießer entstammt, wie hierbei erwähnt sein mag, einer alt- eingesestenen Frankfurter Familie.
— Der Landtagsabgeordnete Bürgermeister Dr. Roth-Burg- städt ist aus der freisinnigen Fraktton des sächsischen Landtages ausgeschieden. Dieser Austritt dürfte der letzte Akt in dem künstlichen Entrüstungsrummel, der von linksliberaler Seite wegen der Nichtbestätigung Dr. Roths inszeniert wurde, sein. Jedenfalls läßt dieser Schritt die Vermutung zu, daß die Gründe für die Nichtbestätigung des Bürgermeisters hinter den Kulisten der Fraktion zu Auseinandersetzungen geführt haben, die Roth veranlaßten seinen Austritt aus der Fraktion zu erklären.
— Zur Herabsetzung des Diskont«. Berlin, 10. Juni. In der Sitzung des Zentralausschustes der Reichsbank führte Präsident v. Havenstein aus. daß die Anlagen der Bank in Wechseln und Lombarden noch um hundert Millionen höher seien als Tn der gleichen Zeit des Vorjahres. Unverkennbar sei, daß die An-
ffirete lehnte müde und abgespannt in ber Sofaecke, und die Mutter betrachtete sie mit besorgten Blicken. Sie war froh, als braußen Schritte vernehmbar würben und gleich darauf Liese, gefolgt von Tante Lina, ins Zimmer trat. Das brachte Grete auf andere Gedanken. Das Mädchen richtete sich denn auch sofort in bie Höhe und sah den Ankomenben freundlich lächelnd entgegen.
„Ist bas eine angenehm« Ueberraschung, daß du noch zu uns kommst, Tante Lina," sagte sie in heiterem Ton, und auch Frau Sommer nickte ber Jugendfreunbin zu, und reichte ihr herzlich die Hand.
„Liese wollte nicht länger mehr bei mir bleiben", begann Tante Lina halb entschuldigend, „so entschloß ich mich, noch auf ein Stündchen zu Euch zu kommen: denn allein bleiben wollte ich nicht, ich muß jemand haben, mit dem ich mich über meine bangen Besorgnisse aussprechen kann. Mein Gott, wenn ich nur wüßte, wie alles enden soll, ich habe eine Angst in mir, ein« Angst vor der Zukunft!"
Frau Sommer blickte fragend auf die Freundin und diese fuhr seufzend fort: „Seit Ottos Verlobung hab« ich fast kein« Nacht mehr ruhig geschlafen. Die Sorge um ihn läßt mich nicht los. Ich hab« ihn lieb, wi« mein eigenes Kind, und die Befürchtung, baß er unglücklich werben wird, kann ich nicht abschütteln. Ich habe feine Braut genau beobachtet, und bin zu der lleberzeugung gelangt, daß sie ihn nicht liebt, daß sie ihn nur genommen, weil sie weiß, daß er einst mein ganze» Vermögen erben wird. Und der dumme Junge will auf keine Vorstellung hören, läßt sich durch nichts überzeugen. Was habe ich nicht schon versucht, ihm klar zu machen, daß Eharlotte Walter ein herzloses, kokettes Geschöpf ist, — umsonst, e» hilft alles nichts. Aber vielleicht kommt er doch noch zur Einsicht. Wenn es bann nur nicht zu spät ist. Ich hab« sogar erfahren, baß sie sich genau erkundigte, wie hoch sich mein Vermögen beläuft, und ich bin fest überzeugt, wenn ein anderer kommt, der ihr mehr zu Meten hat, läßt sie den armen Otto laufen. Aber m geschähe ihm schon recht, — warum hört er nicht auf mich. Alles läßt er sich von ihr gefallen, weil er wie blind in sie oetHebt ist; aber sie verdient doch seine treue Liebe gar nicht; denn wie sie e» in der letzten Zeit treibt, ba» setzt allem bi« Kron» auf. Schon dreimal war Otto nun bei ihr, um st» zu einem Spaziergang abzuholen, und jedesmal war sie nicht pl Haus«. Ist da» «tu Benehmen von einer Braut? Otto brfixgt nun Bit bet Hochzeit, aber Eharlotte hat kein»
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spannung in der ersten Juniwoche wesentlich stärker abgenommen hat, al» im gleichen Zeiträume de» Vorjahre». Am 81. Mai betrug der Rückstand der steuerfreien Notenreserve noch 46 Millionen, am 7. Juni nur 6 Millionen. Der Metallbestand sei um lOOMillionen höher al» im Vorjahre, deshalb wolle das Reichs- bank-Direktorium nicht mehr zurückhalten, dem wirtschaftlichen Leben eine Erleichterung durch di« Herabsetzung de» Diskonts um
Prozent zu gewähren. Es sei wünschenswert, daß auch fernerhin die Banken bestrebt seien, den Reichsbankstatus zu bessern. Der Geldmarkt sei noch immer angespannt, aber der Privatdiskont bewies eine bemerkenswerte Neigung zur Abschwächung. Zum Ultimo seien sehr starke Ansprüche an die Bank zu erwarten. Hoffentlich würden auch die Banken in Zukunft Zurückhaltung in der Kreditgewährung üben, damit die Diskontermäßigung nicht nur für einige Wochen, sondern bi» Herbst bestehen bleibe. — Wi« weiter gemeldet wird, find dem Beispiele der Reichsbank die Sächsische Bank, sowie die Bayrische Notenbank gefolgt. Die schwedische Retchsbank setzt ab morgen den Diskont von 5 auf 4V2 Proz. herab.
— Die frühere Zulassung zur Einjährigenprüfung. Berlin, 11. Juni. Die Aenderung der Wehrordnung, durch welche für Abiturienten neunklasfiger Mittelschulen die Zulassung zur Einjährigenprüfung vor Vollendung des 17. Lebensjahres gestattet wird, ist nunmehr vom Kaiser vollzogen und damit in Geltung getreten. Die Ersatzbehörde dritter Instanz, die bisher eine früher« Zulasiung zur Prüfung nur bewilligen durste, „sofern e» sich nur um einen kurzen Zeitraum handelte", ist danach an diese Einschränkung nicht mehr gebunden, so daß die Mittelschulabiturienten sich der Einjährigenprüfung künftig gleich nach Verlassen der Schul« werden unterziehen können.
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Ausland.
** vom ungarischen Parlament. Budapest, 11. Juni. Da» Parlament ist durch Militär abgesperrt. An einem Punkt der Ad- sperrungskette stehen ein Polizeibeamter und der Saalkommisiar des Abgeordnetenhauses, vor dem sich die Eintretenden zu legitt« mieren haben. Als die oppositionellen Abgeordneten mit dem Grafen Apponyi und v. Justh an der Spitze korporativ erschienen, wurden Apponyi und einige nicht ausgeschlossene zugelasien, dagegen den Ausgeschlossenen der Zutritt verweigert. Apponyi erklärt«, er nehme die Begünstigung nicht in Anspruch und alle Oppositionellen zogen stch unter Schmährufen auf Graf Tisza zurück, ohne weiter als bis zum Eingangstor des Abgeordnetenhauses gelangt zu sein.— Das Abgeordnetenbaus hat stch auf eine Woche vertagt. Hebet die Wehrvorlage wird am Samstag im Magnatenhau» verhandelt. — Nagy-Varad, 11. Juni. Die So- zialisten hielten eine Volksversammlung ab. Nach Beendigung derselben zerstreuten stch die Teilnehmer scheinbar, kamen jedoch später wieder zusammen und verübten große Exzesse. Ein Polizeiwachtmeister wurde von einem Revolverschuß getroffen, ein anderer Polizeibeamter wurde blutig geschlagen. Die Fenster de» Tiszaschen Hauses wurden zertrümmert. Militär zerstreute die Ruhestörer. Der Sozialistenführer Kondor, den die Budapester Parteileitung nach Nagy-Varad sandte, wurde verhaftet. — Bek der Verhandlung über die Revision der Hausordnung ergriff der Präsident Tisza von seinem Abgeordnetensitz aus das Wort und führte aus: Die Obstruktion ist ein chronisches Hebel geworden, das nur durch eine gründliche, wenn auch schmerzliche Operation zu heilen ist. Der Organismus der Nation muß einen Reinigungsprozeß durchmachen, um wieder die Voraussetzungen zu einer gesunden und friedlichen Wirksamkeit des Parlaments zu erlangen.
„Aber was sagt beim ihr« Mutter zu allebern?" warf Frau Som
mer ein.
„Ach bie“, macht« Tante Lina verächtlich, „bie ist nicht besser als ihr« Tochter. Sie zuckt immer nur bebauemb bie Achseln, und sagt, Charlotte fei ausgegangen, um Besorgungen zu machen. Das Mädchen habe sehr viel Kopfweh und müßte an bi« frische Luft. Ja, prost Mahlzeit, dahin» ter steckt etwas anderes. Aber ber dumme Junge will ja an nichts glauben. Und doch sehe ich es ihm an, wi« es ihn wurmt, et ist schon gan- blaß und schmal gemoren bei ber Geschichte. Was war er früher für ein lustiger, heiterer Gesellschafter. Wenn wir bes Abends beisammen sahen, ging die Unterhaltung nicht aus. Nun sitzt et oft ba, und spricht fein Wort, es ist nicht mehr zum Aushalten.
„Ich merke es," fuhr die Tante fort, „bie Geschichte geht ihm im Kopfe herum, wenn et es auch leugnet. Aber was soll ich machen? Heut« nun ist es das drittemal, baß Charlotte nicht zu Hause war. Vorhin kam Otto mit allen Zeichen einer großen Erregung heim, und warf sich auf bas Sofa, daß es in allen Fugen krachte. Ich meinte, es müsse zerbrechen. Und als ich fragte, was geschehen sei, ba bekam ich zuerst keine Antwort, als ich aber nicht abließ, ba gestand Otto mit vor Zorn bebender Stimme: Charlotte war wieder nicht daheim. Tante, was soll man davon hatten? — Gleich darauf stand er auf und lief wie rasend im Zimmer umher, dabei murmelt« er etwas, bas ich nicht verstand. Plötzlich blieb er dicht vor mir stehen, ballte die Faust und rief drohend: „Wenn ich erst erfahre, was dahinter steckt,--wenn sie mich betrügt, — bann gnade ihr
Gott!" Er knirschte mit den Zähnen vor Wut, riß seinen Hut vom Haken, und stürzte fort. Liese und ich waren so betroffen, daß wir uns rar« stumm ansahen. Mein Gott, wenn nur keinllnglück geschieht! Ich hab« solche Angst. Seit einer Stunde warte ich nun schon auf feine Heimkehr. Wer weiß, wo der arm« Junge herumläuft. Gr tut mir so leib, benx ich fürchte, früher ober später wirb er eine groß« Enttäuschung erleben!"
„Ja, bas glaube ich auch", fiel Grete, die aufmerksam zugehört hatte, rasch ein. Liese saß ganz stumm dabei, fit wischte heimlich «in paar Tränen fort und blickte erst auf, als Grete mit Eifer erzählte, was st» heute beobachtet hatte und daß st« jetzt fest überjeugt sei, Charlotte Walter gefthen zu haben. »
(Fortsetzung folgt^ 1