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1912

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Marburg

Freitag, 7. Juni

Otto sah am Tisch und stützte den Kopf in die Hand. Wie war es möglich, daß in einer so schönen Hülle so häßliche Eigenschaften wohnten, daß sich hinter dem süßen Lächeln kalter Egoismus und grausame Herz­losigkeit per barg? Er heftete einen langen traurigen Blick auf das rosige Gesicht seiner Braut. 6te mochte fühlen, daß sie zu weit ge­gangen war. Schmeichelnd legte sie den Arm um den Hals ihres Ver­lobten und bat mit ihrer süßesten Stimm«:Das wird sich alles finden, Schatz, laß uns heut« noch nicht darüber streiten. Ich sehe eben weiter, als du. Solch« alte Damen mit ihren Launen und Schrullen können sehr unbequem werden. Die Tante kann sich doch ein« Pflegerin nehmen, wenn sie jemand braucht. Vorläufig ist st« ja ganz gesund und rüstig."

Otto schüttelte finster den Kopf. Der Eindruck, den er soeben ge­wonnen, ließ sich nicht wieder so rasch verwischen.

Tante hatte stets eine Antipathie gegen fremde Personen, sie will Niemand um sich dulden!"

Länger konnte Liese nicht an sich halten. Sie trat neben Otto und sagte, indem sie der jungen Braut einen verächtlichen Blick zuwarf:Da­rüber sorge dich nicht, Otto; ich werde Tante Lina nicht verlassen, das gelobe ich dir. Ich will bei ihr bleiben und sie pflegen. Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht."

Otto reichte ihr die Hand hin.

Ich danke dir, Liese, das beruhigt mich!"

! Charlotte brach in ein lautes, spöttische» Gelächter aus.

, »Sieh, da, die barmherzige Samariterin, ach, das ist rührend!" rief 'le und betrachtete durch ihr Umaftieliae» Lorgnon von oben herab das

Ter Parlamentarismus.

Es scheint, als ob die letzten Ereignisse nur dazu angetan seien, In jedem denkenden Menschen das Gefühl wach zu rufen, daß der Parlamentarismus für die entschlossensten seiner Vertreter in Wirklichkeit nicht die letzte Form der Volksvertretung ist. Von unseren Demokraten hört man es fortgesetzt, dah die Mehrheit des Volkes das Recht und die Pflicht habe, die Regierung zu bilden, die eine selbständige Bedeutung neben ihr nicht hat und nur als der Vollstrecker ihres Willens gilt. Die Mehrheit des Volkes, wie sie sich nach dem allgemeinen gleichen Wahlrecht im Parlament zusammenfindet. Diese Anschauung beruht naturgemäß darauf, daß die Minoritäten die Beschlüsse der Majorität achten, daß der Radikalismus sich nicht einfach als den Vertreter des Volks­willens betrachtet, selbst wenn die allgemeinen Wahlen gegen ihn entschieden haben. Tut er das nicht, so zeigt er damit, daß auch das parlamentarische System für ihn nur ein llebergang ist zur Herrschaft der Masien, die sich wieder durch die Hetze der Agitatoren leiten lassen. Wenn in Brüssel der Ausfall der Wahlen gegen den Radikalismus entscheidet, nun so trägt dieser selbe Radikalismus den Kampf auf die Straße, schlägt die Fenster ein und macht ein Revolutiönchen. In Pest aber versucht die Minderheit die arbeits- freudige Mehrheit mit Kindertrompeten und wüsten Szenen an der Ausübung der verfassungsmäßigen Rechte zu hindern. Die bewaffnete Macht ist gezwungen, mit dem Säbel in der Faust Ord­nung zu halten. Dazu liegen auch im Ungarlande die Fäden zwischen den kürzlich stattgehabten revolutionären Straßen- auftritten, die sich jeden Tag wiederholen können, und der Oppo­sition im Parlament klar zutage. In Brüssel wie in Pest sehen wir aber, daß diese selbe parlamentarische Opposition, nachdem sie durch ihre Brandreden das Feuer angezündet hat, ihre Hände in Unschuld wäscht, und darum wirken die nachträglichen Ermahnun­gen zur Ruhe aus dem Munde der sozialistischen Führer, wie wir sie auch in Deutschland zu kritischen Zeiten gewöhnt sind, unendlich abstoßend. Sie sind auch nicht geeignet, die Einsicht zu verwischen, daß es der radikalen Opposition im wesentlichen darauf ankommt, die schärfste Tyrannei auszuüben. Geht es mit dem Parla­mentarismus gut, geht es nicht, so werden die Probleme auf die Gasse getragen und die Straße mobil gemacht.

Es ist natürlich, daß derartige Ereignisse dem Gedanken selbst schaden, den die Herren angeblich doch vertreten. Sie zeigen, daß der reine Parlamentarismus nicht die höchste Form ist, in der ein Staat sich selbst verwaltet, und sie wirken geradezu als Schul­beispiele für die Notwendigkeit der konstitutionellen Monarchie, in der eine starke Regierung neben einem Parlamente steht, das auch oft nur Zeugnis ablegt von dem Erfolg geschickter oder ge­wissenloser Agitatoren. Was eine kräftige Leitung zu erreichen vermag, davon gibt uns der Präsident des ungarischen Abgeord­netenhauses Graf Tisza zur Zeit ein klassisches Beispiel. Er er­klärte, auszuharren, selbst wenn der persönliche Kampf in das Parlament getragen würde; er dient mit seiner Tätigkeit nur dem Gedanken des Parlamentarismus selbst, aber er zeigt zugleich, daß es immer noch die Männer und nicht die Phrasen sind, denen der Erfolg winkt.

In Deutschland haben wir in den Fällen Borchardt, Leinert, Scheidemann erst die Anfänge einer derartigen Taktik erleben müssen. In unserem ruhiger denkenden Volke hat man weniger zu befürchten, daß selbst die Genossen von solchen Szenen großen Erfolg erwarten. Ja, einer der ihrigen, E. Bernstein, meint, daß den Beispielen, wo Lärm und Gewaltszenen zur Steigerung der Macht von Parlamenten geführt haben, sich aus der Geschichte sehr viel Beispiele entgegenstellen lassen, wo solche Szenen das Gegen­teil bewirkt haben. Es hieße auch dem politischen Fortschritte ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellen, wenn man behaupten wollte, daß er nur durch Versündigungen an der Kultur zu erzielen sei. Richt wir, die Reaktionsparteien baben ein Interesse daran, den Parla-

Rachdr. verboten.

Das Haus am Nixensee.

Original-Roman von Irene ». Hellmuth.

(Fortsetzung.)

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: »Nach Feierabend«, »Fürs Haus« «nd »Landwirtschaftliche Beilage"

mentarismus zu degradieren." Die Worte Bernstein, der von seinen radikalen Genossen ja überhaupt nicht ernst genommen wird, dürfte zunächst freilich wirkungslos verhallen. Die Vor­gänge bei uns, in Budapest und in Brüssel aber stnd ein klassischer Beleg für seine Mahnung, den Parlamentarismus nicht selbst zu diskreditieren.

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Deutsches Reich.

Wermuth bestätigt. DieVoss. Ztg." will aus gut unter­richteter Quelle erfahren haben, daß die Wahl des Staatssekretärs a. D. Wermuth zum Oberbürgermeister von Berlin vom Kaiser be­reits bestätigt sei. Die Bestätigungsurkunde soll am Dienstag vom Oberpräsidium in Potsdam abgegangen sein.

Freiherr v. Hertling. Dresden, 5. Juni. Der bayrische Ministerpräsident v. Hertling begab sich heute nachmittag in Be­gleitung des Gesandten v. Lerchenfeld nach Berlin.

Zur Frage einer Ostmarkenuniversität. Posen, 4. Juni. Der hiesige nationalliberale Verein hat sich nach einem Vortrage des Akademieprofessors Dr. Lehmann einstimmig für die Umwand­lung der Posener Akademie in eine Universität ausgesprochen. Die Regierung steht bekanntlich auf dem Standpunkte, daß die Uni­versität Posen aus nationalen Gründen abzulebnen sei.

Mädchen, das, errötend vor Zorn, sich heftig abwandte, indes die schöne Braut mit scharfer Stimme fortfuhr:Weshalb mischen Sie sich eigent­lich in unsere Angelegenheit. Man hat Sie doch nicht gefragt! Kümmern Sie sich bitte nicht um Sachen, die Sie absolut nicht» angehen!"

Liese wollte eben heftig erwidern, aber das Gespräch wurde unter­brochen, da di« Tante soeben ins Zimmer trat.

So, Kinder," sagte sie heiter,das Abendessen ist fertig, Liese, bitte, hilf mir rasch den Tisch decken, dann kann» losgehen. Du bleibst doch den Abend hier?"

Liese schüttelt« den Kopf.

Nein, Tante, laß mich nach Haus« gehen."

Di« Tante faßt« das Mädchen schärfer ins Auge.

Was hast du. Kind? Du siehst ja so erregt aus!«

Sie zog die leise Widerstrebende an sich, indem sie ihr leicht über das wellige Blondhaar strich.

Hat dir jemand etwa» zu leide getan, Liese?"

Sie schüttelte heftig den Kopf und wandte das Gesicht zur Seite, um die Tränen zu verbergen, die sich nicht mehr zurückdrängen lassen wollten.

Ich mußte dem Fräulein eine Heine Lektion erteilen, das hat sie wahrscheinlich gekränkt," wandte Charlotte mit ironischem Lächeln ein.

Ach so," niachie Tante Lina, und warf der Braut ihres Neffen einen unfreundlichen Blick zu.2afj es dich nicht verdrießen, mein Kind," tröstete die Tante liebevoll,komm, nun sage mir, was geschehen ist."

Liese schüttelte stumm den Kops und fuhr sich verstohlen über di« Augen.

Bitte, erzählen Sie doch alles," warf Charlotte giftig ein,SU tun es ja doch, und dann hinter meinem Rücken, e» ist mir schon lieber, es geschieht in meiner Gegenwart!"

Fürchten Sie nichts, mein Fräulein,« sagte Liese,ich klatsche nicht. Die Tante weiß schon Bescheid, ohne daß ich etwa» sage; st» weiß ge>

Die Vorgänge im ungarischen Abgeordnetenhause.

Auch gestern, am Mittwoch, befand sich Budapest förmlich im Belagerungszustande. 25 000 Soldaten und Gendarmen find auf­geboten und halten alle Straßen und Plätze, speziell am Parla­mente, militärisch besetzt. An mehreren wichtigen Punkten stehen auch Maschinengewehre. Um 10 Uhr morgens marschierte die ge­samte Opposition des Parlaments in geschlossenem Zuge auf und begab sich in den Sitzungssaal, auch alle gestern gewaltsam ent­fernte Abgeordnete. Als Präsident Graf Tisza im Sitzungssaal erschien, brachen neuerdings Sturmszenen aus. Er wurde mit einer Flut von Beschimpfungen und Verwünschungen empfangen. Rufen Sie die Polizei herbei!" wurde ihm entgegengerufen; dabei herrschte ein entsetzlicher Lärm. Zum Toben, Stampfen und Zischen wurden die verschiedensten Lärminstrumente angewendet. Graf Tisza ließ sich mit eiserner Ruhe nieder, machte einige Auf­zeichnungen und suspendierte unter großem Lärm die Sitzung. Die Abgeordneten sowohl der Regierungspartei als auch der Oppo- fition bliebeit auch während der Pause im Sitzungssaal, wobei sich ein leidenschaftlicher Wortwechsel entspann. Gegen Schluß der Pause entfernten sich die Abgeordneten der Regierungspartei aus dem Saal. Polizisten betraten den Saal und entfernten 30 oppo­sitionelle Abgeordnete aus dem Haufe. Der Quästor verlas die Liste jener Abgeordneten, deren Ausweisung der Präsident wegen systematischer Ruhestörung angeordnet hatte. Die Polizisten for­derten die Abgeordneten auf, sich zu entfernen, die nach langem Sträuben und lebhaften Auseinandersetzungen an die Eingangs­pforte des Abgeordnetenhauses geleitet wurden. Nachdem die Ausschließung vollzogen war, erschien Graf Tisza neuerdings auf der Präfidentenestrade, abermals mit ungeheurem Lärm empfan­gen. Sämtliche Oppositionelle verließen hierauf den Saal. Zwei Oppositionelle, die beim Hinausgehen einen Höllenlärm verur­sachten, wurden wegen renitenten Benehmens in den Ausschuß verwiesen. Graf Tisza verlas hierauf das Urteil des Jmmunitäts- ausschusses, wodurch der Abgeordnete Julius Justh wegen der gestern verübten Widersetzlichkeit gegen den Präsidenten und we­gen Störung der Beratung im Rückfälle zur Ausschließung von 15 Sitzungen verurteilt wird. Die Abgeordneten Bilady, Polinyi, Eitner und Lovaszy wurden von 10 Sitzungen ausgeschlossen, die übrigen 31 Abgeordneten find zur Abbitte verurteilt worden. Hierauf ging das Haus zur Beratung der Militürstrafprozeßord- nung über.

DieOberhessffch« Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. - Der Bezugspreis beträgt vrertelMrlrch durch die Post bezogen 2.26 4 (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 X frei in, Hau». (Für unver- langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Warft 21. Telephon 55.________

Die Wahlmännerwahlen zu« Gothaischen Landtag. Gotha, 5. Juni. Nach dem Gesamtergebnis der gestrigen Wahlmänner­wahlen stnd als gewählt zu betrachten: Sech« Vertreter der rechts­stehenden Parteien, zwei Fortschrittler, zwn Nation'.liberale, neun Sozialdemokraten. Die Rechtsstehenden gewinnen Man­dat, die Sozialdemokraten zwei, die Liberalen verli^en dreß Mandate.

Wegen Wahlbetrugs verurteilt. Darmstadt, ü. Juni. Di« Strafkammer verurteilte heute den Steind"vkerg»hilfen Sturm, der den Dienstknecht Haas verleitet hatte, bei der Reichstagswahj auf einen anderen Namen zu wählen, zu 3 Monaten Gefängnis Haas, dem mildernde Umstände zugebilliat wurden, wurde zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt.

Die Kamerun-Kongo-Konferenz. Auf der einleitende« Kamerun-Kongo-Konferenz, die am 15. Juni V* Bern zusammen» tritt, wird die deutsche Kolonialverwaltung durch ihren Referenten für Kamerun, Geh. Regierungsrat Dr. Meyer und ihren geogra­phischen Referenten Hauptmann a.D. Dr. Marquardsen ver­treten sein.

Eine Preußen-Bereinigung. DieKreuzzeitung" führt in einem Artikel aus, daß in keinem deutschen Bundesstaate der Staatsgedanke so sehr hinter dem Reichsgedanken zurücktretr, als in Preußen. Deshalb sei jetzt, wo die Angriffe auf das Wesen des führenden Bundesstaaten sich derartig vermehrten,etwas preu­ßischer Chauvinismus" nötig. EinePreußen-Vereinigung" würde ein reiches Feld fruchtbarer Tätigkeit finden, schon in der Be­kämpfung des politischen Radikalismus und der Reichs- und Staatsverdrossenheit. Die Redaktion derKreuzzeitung" hat sich bereit erklärt, ernstliche Interessenten an dem vorstehend angedeu- teten Plane mit dem Verfasser de« Artikels in Berührung zu bringen.

Die Straßburger Indiskretion. Berlin, 5. Juni. Bekannt­lich war der Präsident der Zweiten elsaß-lothringischen Kammer Dr. Ricklin gleich nach der Veröffentlichung der bekannten kaiser­lichen Mabnworte imMatin" beWrHat tnder Urheber dieser Indiskretion gewesen zu sein. Erst einige Zeit später kam eine Art Dementi. Run schreibt dieAugsburger Abendzeitung" unter Berufung auf den Sohn des Staatssekretärs Zorn von Bulach:Nach der Darstellung des jungen Zorn, der ein Teil­nehmer des Kaiserbanketts war. hat der Kaiser, nachdem die Tafel aufgehoben war, den Oberbürgermeister der reichsländischen Hauptstadt zu sich in eine Nische des Bankettsaales rufen lassen und dort längere Zeit mit ihm in auffallender und lebhaft ge­führter Unterhaltung verweilt. Der Inbalr des Gesprächs ist an diesem Abend nicht bekannt geworden. Die erste Kunde erhielt die Familie des Staatssekretärs am nächsten Morgen beim Lesen de« Depenschenteils desMatin". Man traute seinen Augen nicht. Einer richtigen Vermutung folgend, interpellierte der Staats­sekretär sofort telephonisch den Herrn Oberbürgermeister. Dieser bestätigte die Richtigkeit der aufsehenerregenden Nachricht und gab zu, die Drohung des Kaisers keiner Menichenseele anvertraut zu haben, außer seinem Freunde Ricklin. Ricklin, der Präsident eines deutschen Parlaments, hat die Neuigkeit alsbald durch Telephon demMatin" mitgeteilt." Man kann begierig sein, was Herr Dr. Ricklin zu der gegen ihn erhobenen Beschuldigung sagt. Sie würde jedenfalls ein eigenartiges Licht auf das Verhalten des elsaß-lothringischen Kammerpräsidenten werfen.

Herr Leinert vor Gericht. Berlin, 5. Juni. DemVor­wärts" zufolge sollte Herr Leinert am Montag nachmittag vor dem Landgerichte Hannover über die beka. nten Vorgänge im preu­ßischen Abgeordnetenhause vernommen werden, hat sich aber ge­weigert, Aussagen zu machen. Er soll hinzugefügt haben, was er getan habe, das habe er nach pflichtgemäßem Ermessen (!) getan. Ferner soll Herr Leinert auf die Vorlesung des von dem Polizei- leutnant verfaßten amtlichen Berichts über den Vorfall verzicht"t haben.

nau, wie sie mit mir daran ist und was sie von mit zu baden Hai, denn sie kennt mich von jüngster Kindheit an.«

Liese hatte mit zitternden Fingern den Hut auf dem Blondhaar be­festigt, und war in die Jacke geschlüpft. Dann reicht« st«, ohne ein Wort zu sprechen, der Tante die Hand, die beiden andern keines Blickes wür­digend, und schlüpfte hinaus, das filberne Lachen Charlottes tönte hinter ihr drein.

Puh. die beleidigt« Unschuld!« rief sie, di« Hände zusammenschlagend, was die für Augen machen kann!"

Di« Tante saß mit finsterer Miene dabei. Sie dachte gar nicht mehr an ihr Abendessen, auf das sie so viel Sorgfalt verwendet hatte.

Ich will nicht, daß Sie mir das Kind kranken, Charlotte!" begann st« in^zurechtweisendem Ton. Die Kleine ist mir ans Herz gewachsen, ich höbe sie sehr lieb gewonnen, sie ist ein offenherziges, liebenswürdiges Geschöpf, dessen Gesellschaft ich nicht entbehren möchte. Sie dürfen mir Liese nicht von der Schwelle scheuchen, ich würde meine junge Freundin sehr fdimer vermissen."

Charlotte biß sich zornig auf die Lippen.

Naseweis ist sie, weiter nichts! Ihr tut ja gerade, als wäre fi« eine Prinzessin. Ich kann fie nun einmal nicht leiden!"

Sie hatte Ihnen doch nicht das Geringste zu leide getan! Mein Gott, nein aber ich bin eifersüchtig auf fiel Das klang sehr gereizt und ungeduldig.

Otto fuhr heftig in di« Höhe. Er kämpft« mit den widerstreitendsten Gefühlen. Es tat ihm plötzlich leid, dah Liese gegangen war. Ihm kam es vor, als fehle ihm etwas. Er blieb verstimmt und wortkarg den ganzen Abend über, und es wollte kein« rechte Unterhaltung mehr auf« kommen. So trennte man sich viel früher al» gewöhnlich.

(Forliepui'.a V lat )