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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" und ,Landwirtschaftliche Vellage"

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DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 M lohne Bestellgeld), bei unseren Leitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 <H frei ins Haus. (Für unver« langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. Telephon 65.

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Donnerstag, 6. Juni

Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 M amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 -4, für Reklamen di« Zeile 60 A. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Zeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Bei« Kindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglieferung ausge­schlossen. Zahlungen im Postscheckverkehr ohne Portokosten unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.

47. Jahrg.

1912.

Erstes Blatt.

Rundschau.

K Das deutsche Geschwader in Amerika.

Die Newyorker Blätter widmen dem deutschen Besuchs- geschwader spalienlange illustrierte Artikel und betonen die Herz­lichkeit des Empfanges in Norfolk. Das Besuchsgeschwader nimmt den Ehrenplatz an der Spitze von acht Schlachtschiffen ein, unter denen sich auch diejenigen befinden, die seinerzeit Kiel besuchten. Als Konteradmiral v. Nebeur-Paschwitz und die Offiziere die Prä­sidentenjachtMayslower" bestiegen, schritt ihnen Präsident Taft entgegen, schüttelte dem Admiral die Rechte und versicherte, der Besuch freue ihn, und er hoffe, die deutschen Gäste würden sich in Amerika gut amüsieren. Dann fand im Salon ein Gabelfrühstück statt, bei dem Präsident Taft aus den deutschen Kaiser toastete. Das ganze hatte familiären Anstrich. Nach halbstündigem Auf­enthalt erfolgte die Rückkehr nach demMoltke". Später machte Präsident Taft einen Gegenbesuch an Bord des Moltke, wo die gesamte Besatzung in Paradeuniform aufgestellt war. Präsident Taft schritt die Ehrenkompagnie ab. Abends fand auf dem SchlachtschiffFlorida" ein Bankett statt. Rear-Admiral Ward hielt eine deutsche Ansprache und sagte: Zn Abwesenheit des Oberkommandeurs der Flotte fällt mir die angenehme Pflicht zu, Eie willkommen zu heißen. Hierfür bin ich sehr dankbar; denn ich erhalte so Gelegenheit, das unvergessene Gefühl meiner Verpflich­tung für die Gastfreundschaft, welche mir als Marineattachee vor zwanzig Jahren in Berlin erwiesen wurde, auszudrücken. Die deutsche Flotte in ihrer modernen Entwicklung ist zum großen Teil das Resultat der Bemühungen eines einzelnen Mannes, Ihres Kaisers! Zu seinem entscheidenden Einfluß müssen wir noch die Bemühungen des Deutschen Flottenvereins, gleichfalls einer seiner schöpferischen Gedanken, hinzurechnen. Die beneidenswerte Lei­stungsfähigkeit Ihrer Flotte ist weiter eine Folge der deutschen Gründlichkeit. Ich möchte jedem Kriegsschiff als Motto den deut­schen Satz beigeben: Lerne laufen, ehe du versuchst, zu rennen! Redner schloß mit einem Toast auf den deutschen Kaiser, v. Ra- beur-Paschwitz antwortete in englischer Sprache. Er wies auf die gewaltige Entwicklung der amerikanischen Marine hin. Tafts Be­such aufMoltke" zeige, daß er sich gleichfalls für die Marine interessiere. Er, der Admiral, fühle sich hier unter Freunden. Er sei bereits dreimal in Amerika gewesen. Redner schloß mit einem Hoch auf Taft.

Aufruhr in Belgien.

In Belgien haben jetzt die allgemeinen Wahlen stattgefunden, die wider Erwarten für die Liberalen und die Sozialisten sehr un­günstig ausgefallen sind. Diese überraschende Tatsache hat die Bolksmassen in Brüssel und anderen Städten derart aufgeregt, daß sie sich zu schweren Ausschreitungen haben hinreißen lassen. In Brüssel durchzogen Montag abend Gruppen von mehreren tausend Personen die Marseillaise singend die Straßen. Die gesamte Po­lizei und mehrere Kompagnien Soldaten waren aufgeboten wor­den. Von Minute zu Minute wuchs die Unruhe und die Erregung. Aus einer etwa 2000 Köpfe zählenden Menge wurde auf die Be­amten geschossen. Es kam zu einem Handgemenge, wobei die Passanten mit Messern und Flaschen angegriffen wurden. Die Soldaten und Schutzleute waren gezwungen, zu schießen. In der Wirtschaft Koekelberg sind 4 Personen getötet und 12 schwer ver­letzt worden. Um 12 Uhr nachts fanden in verschiedenen Teilen der Stadt gleichzeitig große Kundgebungen statt, bei denen die Führer der Sozialisten Brandreden hielten. Sämtliche Fenster­scheiben der Redaktionsräume der beiden katholischen Zeitungen Le Patriote" undLe Nationale" wurden zertrümmert. Schließ­lich drang die Menge mit Gewalt in die Redaktionen und die Druckräume ein und zertrümmerte sämtliches Mobilar und alle Maschinen. Berittene Polizei versuchte, die Menge auseinander­zutreiben. Diese war jedoch so erbittert, daß sie selbst vor den Hufen der Pferde nicht wich. Militär und Gendarmerie waren gezwungen, zu schießen. Ein Gendarmeriewachtmeister wurde ge­tötet. 15 Manifestanten sind verletzt worden. Gegen 1 Uhr nachts gelang es der Polizei, die Leute aus den Zeitungshäusern zu ver­treiben.

Auch aus anderen Städten werden schwere Ausschreitungen gemeldet. In Lüttich kam es abends ebenfalls zu Zusammen­rottungen. Katholiken und Adligen wurden die Fenster einge- fchlagen und ihr Eigentum zerstört. Dabei kam es zu blutigen Zu­sammenstößen mit der Polizei. Aus der Menge wurden einige Schüsse abgefeuert, die die Polizei erwiderte. Der Streit dauerte bis V/2 Uhr. 8 Tote blieben auf dem Platze, 25 Verletzte waren zu verzeichnen. Unter den Schwerverwundeten befindet sich auch der Eendarmerieoberst. Um 2 Uhr nachts hatte die Meuterei einen gefahrdrohenden Charakter angenommen. Auch die Feuer­wehr der Stadt ist alarmiert worden.

Auch in Gent, Brügge, Verviers, Mons, Charleroy und an­deren Industriestädten kam es zu blutigen Kämpfen und schweren Ausschreitungen des Pöbels. An vielen Orten wurde die Arbeit niedergelegt, und man befürchtet schon einen allgemeinen Streik. Die Regierung hat die weitgehendsten Maßregeln getroffen, um den Aufruhr im Keime zu ersticken. Sie hat zunächst drei Jahr­gänge Reservisten zu den Waffen gerufen und den neuesten Mel­dungen zufolge soll sie auch noch beabsichtigen, weitere 5 Jahrgänge (19031907) einzuziehen. Alle Versammlungen werden verboten enb wenn die Ruhe nicht bald wiederhergestellt wird, dürfte wohl

der Belagerungszustand über ganz Belgien verhängt werden. Aus alledem ersteht man, daß das Kabinett die durch den klerikalen Wahlsieg geschaffene Lage für äußerst bedrohlich hält.

Der Zweimächtestandart im Mittelmeer.

Paris, 4. Juni. In einem Attikel über die Seestreitkräfte Frankreichs, Italiens und Oesterreich-Ungarns behauptet der Matin", daß die französische Regierung schon jetzt fest entschlossen sei, im gesamten Mittelmeerbecken die Regel des Zweimächte- Standards anzuwenden. Frankreich werde immer und in jedem Fall im Mittelmeer eine Flotte besitzen, die stärker sein werve, als die beiden wichtigsten Kriegsflotten des Mittelmeeres zusammen. Wenn also Oesterreich-Ungarn oder Italien bis zum Jahre 1916 einen Beschluß fassen sollten, durch den ihre Kriegsmarine irgend­eine Verstärkung erfahren würden, so würde die französische Re­gierung unverzüglich die erforderlichen Kredite verlangen, um die französische Kriegsflotte im Mittelmeer in demselben Verhältnis zu vermehren.

Zu Haldanes Reise nach Deutschland.

Im englischen Unterhaus« richtete der Abgeordnete King die Frage an Sir Edward Grey, ob er in Bezug auf den letzten Besuch des Kriegsministers Haldane in Berlin irgend welche Mitteilun­gen machen könne. Grey entgegnete: Es tut mir sehr leid, daß ich Mitteilungen, wie King sie wünscht, nicht machen kann, da Hal­dane während seines Urlaubs überhaupt nicht nach Berlin ge­gangen ist. (Heiterkeit.) Allerdings hat er gemäß seiner lang­jährigen Gewohnheit auch seinen diesjährigen Urlaub in Deutsch­land verbracht, aber er stand dort weder in mündlichem noch in schriftlichem Verkehr mit irgend einer politischen Person. Sein Urlaub war tatsächlich ohne jeden politischen Anstrich. (Heiter­keit.) Allerdings bin ich von glaubwürdiger Seite davon unter­richtet, daß er von einem Freunde begleitet gewesen sei, der in Deutschland infolge seiner Varttracht mit Asquith oder mit mir identifiziert worden ist. (Große Heiterkeit.) (Notiz: Weder Grey noch Asquith tragen einen Bart.)

Deutsches Reich.

Der preußische Kriegsminister ». Heeringen hat zu der Mel­dung der ultramontanenSchles. Volksztg.", daß seine Stellung er­schüttert sei und er sich mit Rücktrittsabsichten trage, an dieNa­tionalzeitung" aus Karlsbad telegraphiert:Rücktrittsgesuch glatt erfunden."

Der preußische Eiseilbahnminister hat für den beginnenden Reiseverkehr eine Beachtung der geltenden Bestimmungen über die glatte Abwicklung des Reiseverkehrs erlassen. Die Kontrolleure und Zugrevisoren sollen angewiesen werden, das Zugpersonal in Bezug auf die Erfüllung seiner Obliegenheiten dauernd unter Kontrolle zu halten. Es wird sich empfehlen, daß die Dezernenten der Eisenbahndirektionen und die Amtsvorstände sich die Beob­achtungen über die Tätigkeit des Zugpersonals, die Abfertigung der Züge, die Eepäckbehandlung usw. von Zeit zu Zeit mündlich zum Vortrag bringen lassen.

* Freiherr v. Hertling beim König von Sachsen. Dresden, 4. Juni. Der König empfing heute mittag im Residenzschloß den bayrischen Ministerpräsidenten v. Hertling in Audienz. Anschlie­ßend hieran fand Frühstückstafel statt. Der König verlieh Frei­herrn v. Hertling das Eroßkreuz des Albrechtordens mit goldenem Stern.

Freiherrn ». Marschalls Abschied von Konstantinopel. Kon­stantinopel, 4. Juni. Frhr. v. Marschall verließ Konstantinopel gestern abend. Am Bahnhof hatte sich als Vertteter des Sultans der Minister des Aeußern eingefunden, außerdem mehrere Mi­nister. das diplomatische Korps, Mitglieder der Gesellschaft und der deutschen Kolonie. Schulkinder sangen Lieder. Die Gemahlin v. Marschalls wurde mit Blumen förmlich überschüttet. Unter Hurrahrufen verließ der Zug die Halle. Freiherr v. Wangenheim, der gestern hier eingetroffen ist, kehrt morgen nach Athen zurück.

Die Ermordung des Deutschen Beel. Mexiko, 4. Juni. Wegen des Mordes an dem Deutschen Hugo Beel sind energische Maßregeln eingeleitet. Der Präsident der Republik wies zwei Kommandos der Regierungstruppen telegraphisch an, San Miguel wieder zu nehmen und die Familie Beel zu schützen und die am Morde Beteiligten ohne weiteres zu erschießen. Der Minister des Innern erteilte an die nach San Miguel auf dem Wege befind­lichen Hurales gleiche Befehle.

Unfall Beim Exerzieren. Freiburg i. Br., 4. Juni. Belm Eeschützexeizieren des Feldartillerieregiments Nr. 76 wurden drei Kanoniere von einem Geschütz überfahren. Einer wurde schwer, die anderen leicht verletzt.

Der Vaterländische Frauenverein. Berlin, 4. Juni. Heute vormittag erschien die Kronprinzessin im Abgeordnetenhause, um in Vertretung der Kaiserin der Eröffnungssitzung der Delegierten­versammlung des Vaterländischen Frauenvereins beizuwohnen. Staatsminister v. Möller verlas bei Beginn der Sitzung ein Tele­gramm der Kaiserin an die Gräfin v. Jtzemplitz, in dem sie ihr Bedauern ausspricht, wegen ihres Gesundheitszustandes am per­sönlichen Erscheinen verhindett zu sein. Dann sprach Frau Prä­sident Eromsch-Posen über die Einrichtung von Wanderhaushal- tungsschulen. Ein zweiter Vortrag von Prof. Witzel-Düsseldorf behandelte das Thema: Der Vaterländische Frauenverein und die Kriegsdtenstpflicht der Fran. An die Vorträge schloß sich die Vor­standswahl.

Der Saatenstand in Preußen. Berlin, 4. Juni. Der Saatenstand in Preußen zu Anfang Juni 1912 war. wenn 2 gut,

3 mittel und 4 gering bedeutet, für Wmterweizen 2,5, Sommer­weizen 2,4, Wtnterspelz 2,1, Winterroggen 2,7, Sommerroggen 2,9, Sommergerste 2,4, Hafer 2,5, Erbsen 2,6, Ackerbohnen 2,6, Wicken 2,7, Kartoffeln 2,8, Zuckerrüben 2,8, Futterrüben 2,8, Winterraps und Rübsen 2,9, Flachs 2,7, Klee 3,6, Luzerne 3,0^ Rieselwiesen 2,6, andere Wiesen 3,1.

Unter Spionageverdacht. Köln, 4. Juni. Gestern wurde in einem Hotel der Hauptmann a. D. Kyriazi-Sondrup aus Berlin verhaftet. Wie es heißt, ist er der Spionage verdächtig. Rach seiner Verhaftung erschoß er sich in einem unbewachten Augenblick«

Ein Exportverband deutscher Fabrikanten. Düsseldorf, 1. Juni. Hier wurden mehrere Versammlungen abgehalten zweck» Gründung eines Exportverbandes deutscher Qualitätsfabrikanten. Den Anlaß zu dieser Gründung bildet die Erfahrung, daß Deutsch­land noch immer viel zu sehr als Fabrikationsland für billige und schlechte Ware angesehen wird infolge der vielen, nur auf billige Preise ohne Rücksicht auf gute Qualität hinzi elenden deutschen Angebote. Dem Exportverband sind bereits zahlreiche bedeutende Firmen aus allen Teilen Deutschlands beigetreten, und es sollen demnächst auch Versammlungen in Berlin, Dresden, Eisenach, Frankfurt a. M. und Stuttgart stattfinden. Die verläufige Ge­schäftsführung befindet sich in Remscheid-Vieringhausen in den Händen des Herrn David Dominicas.

Die Pflege und Erhaltung der Naturdenkmäler erfordert nicht unerhebliche Aufwendungen. Soweit nicht fiskalisches Eigen­tum in Frage kommt, bleibt die Aufbringung der Kosten den un­mittelbar Beteiligten überlassen. Eine Uebernahme der Natur­denkmalpflege auf den Staat lehnt die preußische Staatsregierung ab, da sich hieraus ganz erhebliche Verpflichtungen ergeben könn­ten. Es bleibt aber die Möglichkeit offen, daß die Provinzen sich dieser wichtigen Sache annehmen, denen durch das Dotationsgesetz auch bereits die Denkmalpflege zugewiesen worden ist. Seiten« verschiedener Provinzen sind übrigens schon Mittel für die Natur­denkmalpflege bereit gestellt worden. Die staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege läßt es sich zudem angelegen sein, bei den ört­lichen Stellen auf die Bewilligung von Mitteln hinzuwirken.

--------- Ausland.

** Tumultszenen im ungarischen Abgeordnetenhause. Im ungarischen Abgeordnetenhause fand cm letzten Dienstag wieder einmal eine recht stürmische Sitzung statt. Sie begann schon unter ungeheurem Tumulte, als der Präsident Tisca die Sitzung er­öffnete. Auf der Tagesordnung stand die Generaldebatte über die Wehrvorlage. Mehrere Abgeordnete der äußersten Linken wünsch­ten das Wort zur Geschäftsordnung. Der Präsident verweigerte dies und ebenso die Abhaltung einer geschlossenen Sitzung. Es erhob sich ein ungeheurer Tumult. Dem Präsidenten wurde zu­gerufen, er sei parteiisch und halte die Geschäftsordnung nicht ein. Zahlreiche Abgeordnete wurden zur Ordnung gerufen. Die äußerste Linke setzte den Lärm fort. Einige Abgeordnete tram­pelten mit den Füßen, schlugen mit den Pultdeckeln und bliesen mit Trompeten. Die Worte des Präsidenten waren kaum ver­ständlich. Auf Antrag des Präsidenten wurden einige Abgeord­nete an den Jmmunitätsausschuß überwiesen. Der Präsident brachte dann die Wehrvorlage zur Abstimmung. Die ganze Rechte erhob sich unter stürmischem Beifall, Händeklatschen und Hoch- und Eljen-Rufen. Der Präsident erklärte, daß die Wehrvorlagen in den allgemeinen Details angenommen seien. Sodann beraumte er eine Sitzung für nachmittags 4 Uhr an mit der Tagesordnung Verhandlung des Landwehrgesetzes". Hierauf wurde um 10% Uhr unter ungeheurem Tumult die Sitzung suspendiert. Die meisten Abgeordneten blieben im Saal. Der Lärm dauerte un- geschwächt fort. Während der Pause waren im Abgeordnetenhause 100 Polizeileute erschienen, und zwar entgegen der ergangenen Weisung, daß die Polizisten erst am Schluß der Sitzung Aufstellung nehmen sollten. Der Zweck dieser Maßnahme war, daß etwaige Gewaltakte der Opposition vermieden würden. Beim Eintritt der Polizisten brach die Opposition in laute Pfui-Rufe aus. Um 11^ Uhr eröffnete Graf Tisca von neuem die Sitzung. Auf der äußersten Linken brach wiederum ungeheurer Lärm aus. Man rief dem Präsidenten zu: Hinaus mit Ihnen! Pfui! Die Abgeordneten pfiffen, bliesen auf Trompeten und trommelten auf den Bänken. Während des ungeheuren Lärms ließ der Präsident das Protokoll verlesen. Der Präsident erklärte unter stürmischem Beifall, Hände­klatschen und Eljen-Rufen der Rechten, daß das Protokoll der Sitzung authentifiziert sei und schloß 5 Minuten nach y212 Uhr die Sitzung unter andauerndem Pfeifen und Schreien der Linken. Die Abgeordneten blieben in erregter Diskussion beisammen.

** Die Lage in Marokko. Paris, 4. Juni. Vor den Toren von Fez hat am 1. Juni eine Schlacht stattgefunden, bei der die Marokkaner über 600 Tote verloren. Die Stimmung der Bevöl­kerung in der Stadt und der Umgebung ist dadurch sehr beeinflußt worden. Der Sultan soll in drei oder vier Tagen, von Regnault begleitet und von zwei Bataillonen eskortiert, seine Reise nach Rabat antreten, falls keine unvorhergesehenen Ereignisse ein­treten. In Pariser Regierungskreisen hofft man, daß die letzten Verstärkungen, sobald sie in Fez angelangt find, zur Aufrechterhal-1 tung der Ruhe hinreichen werden.

* Generalstreik. Madrid, 4. Juni. Die Arbeiter von 54 Bergwerken in Asturien beschlossen den Generalstreik. Ein starke« Aufgebot Gendarmerie ist beordert worden.

Der Transportarbeiterstreik in England. London, 4. Juni« Das Gebäude der Hafenbehörden ist von Arbeitswilligen belagert«, Rur die Stauer bleiben fest. Infolgedessen ist die Arbeit auf da« Entladen und den Weitertransport der Güter aus den Dock»