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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marbmg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und »Landwirtschaftliche Beilage"
Sie „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 (ohne Bestellgeld), bet unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 * frei in» Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt di« Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Mittwoch, 5. Juni
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I
47. Jahrg. 1912.
Erstes Blatt.
Rundschau.
Italien und die Türkei.
Trotz der türkischen Drohung, bei weiterem Vorgehen der Italiener gegen die Inseln im ägäischen Meere die neutralen Mächte durch Wiederschließung der Dardanellen von neuem in Mitleidenschaft zu ziehen, ist kaum noch daran zu zweifeln, datz die Besetzung der Inseln Chios und Mytilene durch die Italiener unmittelbar bevorsteht. Damit würde eine ernste Wendung in dem türkisch-italienischen Kriege eintreten, und die dann folgende erneute Sperrung der Dardanellen dürfte eine, für die Türkei bedenkliche Stellungnahme der bisher neutralen Mächte zur Folge haben. Im übrigen präzisiert jetzt die Pforte in einer Zirkularnote an die Mächte ihren Standpunkt zu dem Entschlüsse, die Italiener aus der Türkei auszuweisen. Die Note, die im Gegensatz zu den offiziellen italienischen Communiqu^s relativ sachlich gehalten ist, erinnert an die Vergänge der letzten Wochen in Tripolis, geht dann auf die Dardanellenaktion der Italiener über und schließt: „Die Italiener landeten auf Rhodos und führten Vertreter der Behörden, die an den militärischen Operationen unbeteiligt sind, als Kriegsgefangene mit, sogar Eerichtsbeamte. In der Absicht, unter der Bevölkerung Zwietracht zu säen, machte Jta- jlien viele Einwohner unter dem Vorwande, sie gehörten dem Komitee für Einheit und Fortschritt an, zu Kriegsgefangenen und gab s- chden Anschein, die Christen zu begünstigen, indem es eine Einschränkung der Freiheiten der Muselmanen vornahm. Dadurch wurde bei den Ottomanen das Matz der Entrüstung voll. Die Pforte sah sich nunmehr nach dem so lange bewiesenen Langmut genötigt, zu der Ausweisung der Italiener Zuflucht zu nehmen. Die Art und Weise des Vorgehens, wie das Italiens, ist grötzren- teils von der Haager Konferenz formell untersagt, während das Ausireisungsrecht jener Gattung der Kriegsmatznahmen angehört, gegen welche die Konferenz sich nicht aussprechen wollte."
Die Abreise der ausgewtesenen Italiener geht unterdesien, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, nach und nach vor sich. Vorgestern ist eine grotze Anzahl Italiener auf einem russischen und einem griechischen Schiff abgereist. Ungefähr 700 Italiener verließen bisher die Türkei. Am Sonntag ist ein griechischer Dampfer, von der italienischen Wohltätigkeitsgesellschaft gechartert, mit Ausgewiesenen abgegangen. Weitere Dampfer werden am Donnerstag in See gehen. Einige Italiener begeben sich nach dem Piräus und nach Aegypten. Die bei der Banque Ottomane sowie bei anderen Banken angestellten Italiener erhalten einen dreimonatigen Urlaub mit dem Auftrage, in den nahegelegenen Stedten Aufenthalt zu nehmen, um möglichst schnell zurückkehren zu können.
Konstantinopels 2. Juni. Türkischen Nachrichten zufolge feuerte ein italienischer Kreuzer am 31. Mai bei der Verfolgung eines türkischen Seglers, der an der Küste des Vilajets Smyrna Schutz suchte, gegen die Ruinen der alten Festung Kadi- kale 93 Schüsse und richtete auch gegen Rounhaseki bei Soalanuova einige Schüsse.
Konstantinopel,3. Juni. Das Kriegsministerium ver- Lffentlicht folgende Mitteilungen: In der Nacht zum 30. Mai fand bei Derna ein Kampf statt. Die Italiener zogen sich mit einem Verlust von 20 Toten zurück. Am nächsten Morgen fand ein neues Gefecht mit einer italienischen Infanterieabteilung statt, die zum Straßenbau ausgerückt war. Die Höhe der italienischen
1 Rachdr. verboten.
Das Haus am Nixensee.
Original-Roman von Irene 9. Hellmuth.
(Fortsetzung.)
„Otto ist ein guter Mensch, ein offener ehrlicher Karakter, er wird sehr bald einsehen, daß er dir unrecht tut, daß er dich kränkt durch sein Benehmen", tröstete Liese in überyugenbem Ton.
Die alt« Dame schüttelte trübe den Kopf.
„Er ist blind und taub, seit er in die Rehe dieses Mädchens geraten ist. Du hörst es ja, daß sie ihn gegen mich aufhetzt. Und ich hatte immer meine Freude an dem hübschen gutmütigen Burschen; er hat den Sonnenschein in mein einsames Haus getragen, doch jetzt wird es bald wieder ganz still werden bei mir."
Die alte Dame seufzte tief und schmerzlich auf, dann trocknete sie mit energischer Bewegung die Tränen und stand auf. Sie bemühte sich sichtlich, einen heiteren Ton anzuschlagen; indem sie Liese leicht auf die Schulter klopfte, fuhr sie fort: „Gelt, armes Kind, ich mache dir nun mit meinen Sorgen auch noch das Herz schwer, und du hast doch mit dir genug zu tun. Da sitze ich und verplaudere die Zeit; komm mit, ich möchte nach Grete sehen."
Sie stiegen dann zusammen die etwas steile Treppe hinan. Als sie in das freundliche, peinlich saubere Zimmer traten, fanden sie Frau Sommer in dem alten Lehnstuhl, den sie sich dicht an das Bett gerückt hatte, ttngenickt. Sie schlichen sich auf den Zehen heran, um die Schlummernde nlt$ zu stören.
„Die Mutter hat die ganze Rächt kein Auge geschlossen", flüsterte Liefe, „nun hat der Schlaf die Aermste doch übermannt."
Grete lag mit offenen Augen, aber ohne jemand zu erkennen, in den g, Kissen, ihre Hand fuhr unruhig auf der Bettdecke hin und her raushörlich bewegten sich die Lippen. Doch konnte man nichts oct.
Da, reiche Haar hatte sich gelöst, und hing in dichten Wellen um rrlichen Kopf. Unter den Augen lagen dunkle Ringe, da, schmale war blaß, es schimmerte wie Elfenbein aus der dunkle« Ummh-
: toxng be» Kaares. __
Verluste ist unbekannt. Ein Teil der Bevölkerung von Benghast ist wegen Lebensmittelmangel in da» türkische Lage geflüchtet. Eine türkische Abteilung rückte bis zum Fort Kophan vor und griff eine italienische Kavallerie-Abteilung an. 14 Italiener wurden getötet.
Rom, 2. Juni. Heute am Tage des Nationalsestes ist ganz Italien der Schauplatz großer patriotischer Kundgebungen, die besonders den Truppen, die an den Paraden teilnahmen, bereitet wurden. Die aus der Türkei Ausgewiesenen wohnten ebenfalls den Paraden bei und wurden von der Bevölkerung herzlich begrüßt. Heute ist auch der Todestag Garibaldis, deffen man überall gedachte. Im Mailand traf ein Zug Patrioten, die am Denkmal Garibaldis einen Kranz niedergelegt hatten, bei der Rückkehr mit Truppen zusammen, die von der Parade kamen. Es kam zu begeisterten patriotischen Kundgebungen, während die Musik die Königshymne und die Garibaldihymne spielte. Auch der 77. Geburtstag des Papstes ist heute und wurde im Vatikan festlich gefeiert. Der Papst empfing mehrere Persönlichkeiten, viele Kinder und 700 Gläubige aus den Psarrgemeinden Roms.
Rach fünfundzwanzig Jahre«.
Als die bulgarische Nationalversammlung am 7. Juli 1887 den 26jährigen Prinzen Ferdinand von Koburg-Kohary zum Fürsten erwählte, wurde dieses Ereignis in der öffentlichen Mei- nnug Europas weder mit Sympathie, noch Vertrauen ausgenommen. In Deutschland, wo das unerfreuliche Schicksal des allgemein beliebten Battenbergers lebhafte Teilnahme ausgelöst hatte, brachte man dem unbekannten Sproß einer Seitenlinie des Koburg- Saalfelder Herzogshauses sogar unverhülltes Mißtrauen und starke Abneigung entgegen. Wenn man sich auch nicht verhehlte, daß der Prinz für das bulgarische Projekt in den Traditionen seiner Familie, die in England, Belgien, Portugal und Brasilien neue Dynastien begründet hatte, in seinen ausgedehnten verwandtschaftlichen Beziehungen und in seinen reichen finanziellen Mitteln, die aus der Mitgift seiner Mutter, der klugen Prinzessin Klementine, einer Tochter des Bürgerkönigs Ludwig Philipp von Frankreich herstammten, eine wertvolle Unterstützung fand, so waren doch die über seine persönlichen Eigenschaften in Umlauf gesetzten Gerüchte nicht dazu angetan, daß man dieser neuen koburgischen Thronbegründung eine längere Dauer hätte voraussagen mögen. Prinz Ferdinand entbehre, so hieß es, aller militärischen Eigenschaften, habe vorwiegend wissenschaftliche Neigungen, sich bis dahin hauptsächlich nur mit zoologischen und speziell ornithologischen Arbeiten und Forderungen beschäftigt und gelte weder für besonders energisch, noch für umsichtig und weitblickend. Der „Koburger" ging, unbekümmert um die Kritik seiner Zeitgenosien, nach Sofia und unternahm es, mit jugendfrischem Mute und unterstützt von seiner energischen und klugen Mutter, die ungeheuren Schwierigkeiten, die aus den inneren Verhältnisien des Landes, dem Verhältnis zur Türkei und zu den Großmächten erwuchsen, zu überwinden. Wie glänzend ihm diese Riesenaufgabe gelungen ist, zeigt die Entwicklung Bulgariens vom abhängigen Fürstentum zum souveränen Königreich, die sich in dem Vierteljahrhundett seit der Wahl Ferdinands I. durch die große Eobranje, dank seiner diplomatischen und staatsmännischen Befähigung vollzogen hat. Am 7. Juni trifft König Ferdinand, Zar der Bulgaren, mit seiner Gemahlin, dem Kronprinzen Boris, dem Prinzen Kyrill und großem Gefolge am deutschen Kaiserhofe in Potsdam ein, um in seiner neuen königlichen Würde eine offizielle Staatsvisite abzustatten. Seitens des Kaisers und der kaiserlichen Familie können die bulgarischen Herrschaften einer glänzenden und herzlichen Aufnahme gewiß sein, aber auch das deutsche Volk, das längst seine Ansichten über den
„So liegt sie den ganzen Tag!" flüsterte Liese. „Ach, Tante, mir ist so furchtbar bang, ich möchte vergehen vor Angst und Sorge."
Tante Lina war tief erschüttert.
„Ich will die Rächt hier bleiben", sagte sie, „bamit deine atme Mutter sich ruhig niederlegen kann."
Das Gespräch wurde im Flüsterton geführt, dennoch fuhr Frau Sommer aus dem leichten Halbschlummer empor.
„Was ist, habe ich geschlafen?"
Als sie Tante Lina erblickte, fügte sie rasch hinzu: „Ach, du bist da. Lina, hast wohl schon gehött von unserem neuen Unglück? Meine arme liebe Grete, mein gutes Kind!"
Sie streichelte zärtlich da» weiche Haar der Kranken. Dabei kamen ihr schon wieder bte Tränen.
Lina Burkhardt faßte die Hand bet Freundin und drückte sie teilnehmend.
„Laß mich für die Nacht hierbleiben", bat sie herzlich, „lege dich nieder, du wirst sonst auch noch krank werden."
Die Mutter schüttelte den Kops.
„Du weißt nicht, was man alles aushalten kann aus Liebe zu den Kindern. Schlafen könnte ich ja doch nicht."
Du mußt es eben versuchen; wenn du nur ein paar Stunden schläfst, so wird dich das kräftigen."
Sie gab endlich dem Drängen nach und legte sich gehorsam in das Bett, in dem Liese sonst schlief. Diese machte sich ein Lager auf dem Sofa zurecht. Bald tagen sie beide in sanftem Schlummer und Lina Burkhardt freute sich, daß es ihr gelungen war, bet schwergeprüften Frau ein paar ruhige Stunden zu verschaff«».
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Viele Wochen gingen so dahin. Der Winter kam mit Schnee und Eis. Am Weihnachtsabend war Grete so schwach, daß ihr Lebenslichtlein am Verlöschen war. Es schwankte hin und her wie ein Flämmchen, dem die Nahrung fehlte und bei dem ein schwacher Lufthauch genügt, um es ganz zu verlöschen. Selbst Gretes Vater stand tief erschüttert an dem Lager und hielt die schmale, durchsichtig gewordene Hand i« bet feinen. Seit Grete so krank geworden wat, nahm et sich sichtlich zusammen. Ete hatte« natürlich die» Jahr keine« Bau» geputzt.
Nachfolger des Battenbergers einer gründlichen Korrektur unterzogen hat, begrüßt den erfolgreichen Begründer des bulgarischen Königtums, den Stifter der koburgischen Balkandynastie auf deutschem Boden. Deutschland wird, wenn auch engere polittsche Fragen nicht in Betracht kommen, dem jungen Königreiche doch stet» eine glückliche Fortentwicklung auf wirtschaftlichem Gebiete, eint Festigung seiner politischen Verhältnisse aufrichtig wünschen!
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Die Lage in Marokko
Paris, 8. Juni. Der Korrespondent des „Matin" meldet aus Tanger, man habe mit Ueberraschung wahrgenommen, daß dis Fez bedrohenden Harken zum großen Teil aus Rifstämmen bestanden, die noch jüngst gegen die Spanier gekämpft hätten. Man frage sich, welcher Anstiftung diese Stämme gehorcht hätten, um den langen Marsch nach Fez zu unternehmen und die Franzosen anzugreifen.
Paris, 8. Juni. General Lyautey beabsichtigt wegen der Haltung der Bewohner in Fez während der letzten Ereignisie die der Stadt auferlegte Kriegskontribution zu erlassen. Die Bevölkerung ist darüber sehr befiiedigt.
P a r i s, 3. Juni. Aus Fez wird gemeldet: Der vorgestrige Angriff der Kolonne des Obersten Gouraud auf die Harka war von vollem Erfolg begleitet. Die Marokkaner erlitten sehr beträchtliche Verluste und flohen in großer Unordnung über den Sebafluß. Ihr Lager wurde in Brand gesteckt. Die Franzosen hatten 10 Tote, darunter einen Leutnant, und 28 Verwundete. Unter den Toten befindet sich auch ein englischer Unteroffizier namens Redmann, der der ehemaligen englischen Militärmission angehört hatte. Bel dem Begräbnis Redmanns hielt General Lyautey eine Ansprache, in der er nach einer Blättermeldung sagte: Der Tod dieses im Kampf für Frankreich gefallenen Soldaten sei ein ergreifendes und sinnbildliches Vorzeichen.
DeuMes Reich-
— Die deutsch« Flotte in Amerika. Pott Monroe, 3. Juni« Die dritte Division der Atlantic-Flotte begab sich bei Tagesanbruch nach der Lynhaven Bay und eskortierte das deutsche Geschwader in Begleitung von Torpedobooten nach Hamptonroads. — Newyork, 3. Juni. In einem Leitartikel erklärt die „Newyork Tribüne" zum Besuch des deutschen Geschwaders, solcher Verkehr zwischen den beiden Ländern sei angemeffen bei den regen Beziehungen, die seit Beginn des nationalen Lebens zwischen den beiden Ländern herrschte und hebt hervor, datz die Vereinigten Staaten hinwiederum auch einer großen Menge deutscher politischer Flüchtlinge ein Asyl gegeben habe, die mit tiefer Sympathie die Entwicklung des deutschen Konstitutionalismus verfolge»». Vom technischen Stundpunkt aus sei der Besuch des Geschwaders desbalb intersiant, weil der „Moltke" das letzte Wort im modernen Schlachtschiffbau darstelle, auch deshalb weil die Schiffe eine der machtvollsten Flotten der Welt repräsentierten, aber noch nie in einen Krieg verwickelt gewesen seien.
— Der König von Bulgarien i« Berlin. Der König von Bulgarien trifft mit seiner Gemahlin, dem Kronprinzen Boris und dem Prinzen Kyrill am 7. Juni in Berlin ein. Dieser erste Besuch des Bulgarenkönigs beim deutschen Kaiser trägt offiziellen Charakter und wird sich dementspreibend mit allem bei solchen Gelegenheiten üblichen Zeremoniell abspielen.
— Schwedische Stadtverordnete in Berlin. Berlin, 3. Juni. Im Sitzungssaal der Stadtverordneten fand heute vormittag die Begrüßung der schwedischen Stadtverordneten durch OberbLrger-
Liese ftanb am Fenster und starrte in die hemiederfinkenbe Dämmerung des heiligen Abends. Und als in der Nachbarschaft ringsum bie Fenster sich erhellten, unb strahlender Kerzenglanz verkündete, daß m»n Millionen von Menschen in jubelnder Freude das lieblichste aller Feste zu feiern sich rüsteten, als die Glocken hehr und voll mit feierlichem Klang herntederiönten, hinaus in die stille Winternacht, — da weinte Liese heiße Tränen Hefften Schmerzes. Ihr war es, als könnte dieser Nacht kein Tag mehr folgen, als würde nie mehr bie Sonne scheinen. Sie vergaß, baß auch bet dunkelsten Nacht doch wteber ein Heller Morgen folgen muß.
Doppelt schwer erschien ihr bas Leib an diesem Abend.wo alles in Freude und Frohlocken schwelgte. Waren die Freuden de» Weihnachtsabends bei ihnen auch immer nur bescheiden gewesen, so hatten doch kleine Geschenke nie gefehlt. Liese empfand es wie eine Erlösung, als endlich Tante Lina erschien. Die alte Dame hatte sich in den schweren Tagen des Leidens als wahre unb treue Freundin erwiesen. Sie brachte auch heute allerlei Gaben mit, so daß wenigsten» etwas an bie Bedeutung des Abend» erinnerte. UeberHaupt kam sie nie mit leeren Händen. Sie versorgte bie Familie mit allen möglichen Stärkungsmitteln unb legte eine Umsicht unb Fürsorge an den Tag, die wirklich rührend nxn.
Al- der Leidenden allmählich die Kare Besinnung zurückkehrte, schien sie das Vergangene völlig vergesien zu haben. Sie fragte nie nach bem Gelbe, und bie andern hüteten sich wohl, sie daran zu erinnern. Rur wenn ihr Vater an das Bett trat, unb sich freundlich nach ihrem Befinde« etfunbigte, wurde sie unruhig und gab kurze Antworten. Sonst lag sie meist apathisch unb ohne an irgend etwas Interesse zu zeigen, in be« Kissen.
Unb al» bet Arzt ihr eine» Tages lächelnb verkündete: „Na. na, über den Grabe« wären wir jetzt. Fräuleinchen, nun heißt es recht kräftig essen unb trinken, bamit Sie bald wieder auf die Seine kommen," be irrte ein wehmütiges Lächeln um den bleichen Mund.
„Ach, lieber Doktor", flüsterte die Kranke, „es lohrtt sich gar nicht, daß Sie sich so viel Mühe «m mich machen, ich wäre ganz gerne gestorben." (gortjegung folgt.)