Marburg
Sonntag, 19. Mai
47. Jahrg.
1912.
mit dem Kieisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend«, „Fürs Haus« und „Landwirtschaftliche Beilage^
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Erstes Blatt
Lturmscenen im Neichstage.
Mit dem „Novembersturm", den man gegen den Kaiser wegen seiner freimütigen Worte inszenieren wollte, ist es nichts. Die selbstverständliche Tatsache, daß es nicht angenehm ist, daß die in zwanglosem Gespräch gefallenen Aeuherungen, die nicht den Zweck hatten, programmatisch zu wirken, durch Indiskretion weiter getragen wurden und als politische Staatsaktion ernsthaft erörtert werden, dürfte von keinem bestritten werden. Darüber hinaus aber handelt es sich darum, Ruhe zu bewahren und die tatsächlichen Ueußerungen in dem Rahmen aufzufasien, in dem sie gefallen sind) »ls ; .ichen des Unmuts über die Verhältnisse in unserem Grenz- lande dürften sie aber von allen Deutschen von ganzem Herzen verstanden und gewürdigt werden. Sehr richtig führte der reichsparteiliche Abg. Schulz gestern im Reichstage aus: „Festgestellt ist, erst heute an einem einzelnen Falle aktenmäßig durch den Herrn Reichskanzler, daß die Dinge in Elsaß-Lothringen seit Gewährung der neuen Freiheit nicht im nationalen Sinne, sondern gegenteilig laufen. Gerade der Kaiser ist für die Wünsche der Elsaß- Lothringer immer eingetreten und hat ihnen die neuen Rechte gewähren wollen, aber gerade gegen ihn ist man undelikat vorgegangen. Jetzt hat er gewarnt, mit Recht — über die Form, die wir nicht kennen, läßt sich streiten, aber von Staatsstreichgelüsten ist keine Rede, kann keine Rede sein, der in 24jähriger Regierung nie an die Verfassung gerüttelt hat. Das tun ganz andere Leute. Das tut die Sozialdemokratie, hat noch heute wieder Verfaffungs- änderungen in Preußen androhen wollen. Aber sie mögen, wie der heutige Redner dieser Partei, ihre Schmähungen bergehoch auf den preußischen Staat häufen, sie werden nicht heranreichen an die Verachtung, die wir für solches Vorgehen haben! Wir sind stolz auf diesen Staat, den sie so Haffen; würde der Staat Friedrichs des Großs»ttmöcht mehr so gehaßt, so stände es schlimm um das Deutsche Reich:" In der Tat, es gewährt einen komischen Anblick, wenn tnttn wie gerade die Leute einen Derfaffungsbruch vermuten «nd ihrem Publikum vor einem Staatsstreich Angst zu machen suchen, deren ganze politische Betätigung auf einen Umsturz der Verfassung hinarbeitet. Roch komischer freilich ist es, daß es Politiker gibt, die vorgeben, auf dem Boden der bürgerlichen Wirtschaftsordnung zu stehen und doch diesem Gebaren fortgesetzt Vorschub leisten.
Die gestrige Sitzung des Reichstags gab tn ihren stürmischen Szenen ein Bild davon, wie von dieser Seite systematisch gearbeitet wird. Sie bietet in gewiffem Sinne nur ein Gegenstück zu dem, was kürzlich im Abgeordnetenhause vorging, nur daß dort ein Präsident an der Spitze steht, der den systematischen Beschimpfungen unseres Vaterlandes mit der nötigen Ruhe und Entschlossenheit entgegentritt, was man von Herrn Kämpf gestern nickt behaupten konnte Die entschuldigende Aufforderung an Herrn Scheidemann, daß er ihn dazu zwinge, ihm einen Ordnungsruf zu erteilen, macht, wenn man bedenkt, daß dieser selbe Herr Scheidemann sich in den unflätigsten Ausdrücken gegen den mächtigsten deutschen Bundesstaat erging, einen geradezu kläglichen Eindruck. Und wir sind überzeugt, wenn dasselbe Verfahren von einem Präsidenten der Rechten eingeschlagen worden wäre, so hätte die Linke nicht gezaudert, von den „parteipolitischen Rücksichten" des Präsidenten zu reden. Der Kanzler tat mit den Mitgliedern der Regierung das einzige, was er tun konnte, da der Präsident nicht den Mut fand, Herrn Scheidemann in genügender Weise auf die Ungebührlickkeit seines Benehmens hinzuweisen, er verschwand und ignorierte Herrn Scheidemann, der ihm im übrigen die Zerückweisung der Vorwürfe gegen die Aeußerung des Kaisers recht leicht gemacht hatte. Es war schon im gewißen Sinne bezeichnend, daß die sozialdemokratische Partei Herrn Scheidemann, der bekanntlich das Wort prägte, daß der Wortbruch die erhabenste Tradition der Hohenzollern sei, zum Redner wählte. Was aber dieser Herr, der einst mit Hilfe bürgerlicher Parteien auf wenige Tage zum Vizepräsidenten des Deutschen .Reichstages gewählt wurde, sich gestern leistete, war doch das stärkste. Es ist einfach ein Skandal wie er sowohl als auch seine Freunde in Zwisckenrufen jede Empfindung mit Füßen trat, die auch der Demokrat für sein Vaterland noch hat, und man kann nur hoffen, daß derartige Ausfälle wenigstens den Nutzen haben, daß sie denen, die sich immer noch nicht über die wirklichen Ziele, über das wirkliche Gesicht dieser Partei klar sind, die Augen völlig öffnen. Dann wird ihre Methode wirkungslos bleiben, die ersichtlich den Zweck verfolgt, das eigene Vaterland fortgesetzt herabzusetzen, die aber nur den Erfolg zeitigen wird, daß die Achtung vor dem Parlament noch weiter finkt. Neben der traurigen Seite, welche diese unschönen Vorstöße der Sozialdemokratie gegen den preußischen Staat aufweisen, haben fie aber eine andere, die erfreulicher ist. Die „Genoffen" würden kaum gerade diesen Staat zur Zielscheibe ihrer Gehässigkeit machen, wenn sie nicht von dem sehr richtigen Gefühl geleitet würden, daß hier der stärkste Damm gegen ein Fortschreiten ihrer Macht zu suchen wäre. An dem festen Gefüge des preußischen Staates sind ihre Angriffe noch immer zum Stehen gekommen. Das kann jMen nur mit Stolz erfüllen. Preußens Verdienst ist es, wenn wir heute ein Deutsches Reich unser nennen dürfen; seine Pflicht ist es, diese sein« Schöpfung auch zu erhalten. Ge hieße das Reich zerstören, wollte man auch in Preußen der roten Flut die Schleusen öffnen, wollte man abgehen von der Auffaffung von den Pflichten des Staates, wie sie hier so lange Jahrhunderte zum Heil de» Volkes -«standen.
Das W. T. B. schreibt zu den Vorgängen: Der Vorgang in | der gestrigen Reichstagssitzung, der den Reichskanzler und die Mitglieder des Bundesrats veranlaßte, den Saal zu verlaffen, hat sich wie folgt zugetragen: Als der Abgeordnete Scheidemann die schweren Beleidigungen gegen Preußen aussprach, bemerkte der Präsident: „Herr Abgeordneter, mäßigen Sie sich, sonst müßte ich Sie zur Ordnung rufen!" Da dies kein Ordnungsruf war, in Wirklichkeit ein Einschreiten des Präsidenten nicht stattgefunden hatte, verließen der Reichskanzler und die übrigen Mitglieder des Bundesrats den Saal, in den sie erst wieder zurückkehrten, nachdem der Präsident auf Grund des stenographischen Protokolls den Ordnungsruf nachträglich verhängt hatte.
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Die ettdliffe und die bentfrihc Rlotte.
■ Der englische Minister Winston Churchill führte anläßlich des Banketts der Schiffbauer u. a. aus: „Es ist meine Pflicht, in diesem Jahre das Parlament wieder um Mannschaften, Geld und Kriegsmaterial anzugehen, und wenn auch der Ergänzungsetat nicht"so groß ausfällt, wie einige hoffen und andere fürchten, so hat die Regierung keinen Zweifel, daß sie das Unterhaus davon wird überzeugen können, daß das Geforderte notwendig und ausreichend ist. Wir müffen uns gegenwärtig halten, daß mit jeder Entwicklung der Flatten auf dem Kontinent, mit jedem frischen Geschwader, das im Auslande aufs Waller kommt, mit jedem weiteren Schritt in der rastlosen Anhäufung der Flottenmackt, die weltberühmte Scklaafertiakeit der britischen Flotte merklich eingeschränkt wird. Wenn die Hauptaufgabe der Flottenentwicklung in den letzten zehn Jahren darin bestand, die britische Flotte an entscheidenden Orten zu kan-entrieren. so scheint es mir nicht unwahrscheinlich. daß bei Flattenentwicklung in den nächsten zehn Jahren ein Wachstum der Flottenstärke in den großen Dominions über See bringen wird."
Im Unterhaus beantwortete der Marineminister verschiedene Fragen über die Wirkung des neuen deutschen Flottengesetzes auf den englischen Flottenbau: , Es wird notwendig sein, dem Haus in diesem Jabre einen ErgänzunosUattenetat vorzulegen. Ich kann nock nicht sogen, wann die Abstimmung stattfindet." Der Konservative Kavitan Faber fragte Bremierminister Asaoitb, ob Deutschland Enaland informiert hätte, daß es zu dem Flatten- gesetz von 1908 keine weiteren Bauten beabsichtige, und ob Deutschland trotz der Erklärung fetzt seine Flotte um drei Dreadnouabts vermehre. Asauith entgegnete: „Deutschland gab seine Zusicherungen und ich kann nickt sagen, welcke Absichten Deutschland zu dieser und iener Zeit hatte, da es Deutschland offen stand, seine Ansicht zu andern."
D-Mckes Reick,
— Ans der Bvdgetkommission. Die Nationalliberalen brachten folgende Resolution ein: „Bis zum 31. Dezember 1913 soll ein Reichsgesetz, welches eine allgemeine Besteuerung des Besitzes vor- schreiüt, eingeführt werden. Dieses Gesetz ist dem Reichstage bis zum 1. April 1913 vorzulegen. Sechs Monate nach dem Inkrafttreten desselben tritt in Art. V des Gesetzes betreffend Sten« derunaen im Finanzwesen vom 15. Juli 1909 vorgesehene Ermäßigung der Zuckersteuer in Kraft." Weiterhin brachten die Freisinnigen folgende Resolution ein: „Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage den Entwurf eines Gesetzes betreffend Aenderung des Erbschaftssteuergesetzes, wie er dem Reickstag bereits am 14. Juni 1909 vom Bundesrat vorgelegt worden ist, so rechtzeitig wieder vorzuleqen, daß er mit dem 1. Januar 1913 in Kraft gesetzt werden kann." Es dürfte also am Sonnabend zu einer ausgedehnten Debatte in der Budgetkommission über die Frage der Erbschaftssteuer kommen.
— Landtagsabgeordneter v. Baumbach ch. Berlin, 17. Mai. Heute verschied in der Sitzung der Budgetkommission am Herz- ' schlage das Mitglied der Kommission Abgeordneter v. Baumbach.
Abg. v. Baumbach wurde am 31. Dezember 1851 zu Cassel geboren, er stand von 1869 bis 1880 im aktiven Militärdienste und war Fideikommißbefitzer aus Roppershau'en. Mitglied des Abgeordnetenhauses ist er fei 1888. Er vertrat den Wahlkreis Caffel 8 (Hombera-Ziegenhain), in welchem nunmehr eine Nachwahl nötig wird; 1908 wurde v. Baumbach mit 167 von 180 Wahlstimmen gewählt
— Zur Borchardt-Affär«. Stuttgart. 17. Mai. Die Mehrheit der bürgerlichen Kollegen hat den Stadtvorstand ermächtigt, dem preußischen Gesandten das Bedauern auszusprechen über den Demonstrationszug, den am Dienstag einige hundert Sozialdemokraten nach einer Versammlung wegen der Vorgänge im Preußischen Abgeordnetenhause vor dem Gesandtschaftspalais ausführten.
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Ausland.
** Marokko. Fez, 17. Mai. Das Kriegsgericht verhandelte gestern gegen 14 Zivilpersonen und Askaris, die der Teilnahme an den Maffakres in Fez angeklagt sind. 9 wurden zum Tode, 4 zu Zwangsarbeit verurteilt, einer freigesprochen. Wie gemeldet wird, sammeln sich die Hyaiffas in Trul 20 Kilometer von Fez. — Casablanca, 17. Mai. Lyautey reist heute von Rabat ab und wird am 24. Mai in Fez erwartet.
*♦ Der Krieg um Tripoli». Mailand, 17. Mai. Bei Psythos hat gestern den ggozen Tag ein Gefecht gedauert und mit einem | vollen Siege der Italiener geendet. Die Türken haben sich heut«
morgen ergeben und es wurden ihnen die militärischen Ehren be« , willigt. Die italienischen Truppen rückten in drei Kolonnen in drei verschiedenen Richtungen auf Psythos vor, wobei die Kriegsschiffe die Aufmarschstraße säuberten. Trotz der Schwierigkeiten des Geländes dringen die Italiener unaufhörlich vor und erbe«.
teten 122 Gewehre sowie 200 Kisten Munition. Die Türken hatte» । 33 Tote und 27 Verwundete. Gestern abend schickte der türkische i Kommandant einen Parlamentär, und heute früh wurde die Uebergabe festgesetzt. Richt nur die bei Psythos stehenden Kräfte, ■ sondern die gesamte türkische Streitmacht auf der Insel wurde vom türkischen Kommandanten übergeben, sodaß die Italiener unbestreitbar Herren von Rhodos sind. Eiolitti kündete heute nachmittag das Ergebnis in der Kammer an, wo es mit einem Sturm der Begeisterung ausgenommen wurde und zu einer großen Ova- . tion Anlaß gab.
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Die Hessische Landesuniversitäl.
Wir hatten kürzlich einen Artikel veröffentlicht, der sich mit den Marburger Universitätswünschen beschäftigte. Bon geschätzter Seite werben wir im Anschluß daran auf einen Artikel aufmerksam gemacht, den das „Casseler Tageblatt" in der gleichen Angelegenheit veröffentlichte. Wir entnehmen demselben:
Es ist eine Frage und bedarf gar keiner Beweisführung, daß ein« Universität Frankfurt eine ernste Schädigung für unsere Landesuniverfi- tät Marburg bedeuten würde. Eine solche Schädigung aber kann unser Marburg nur sehr schwer ertragen, zumal es sich nicht gerade des besonderen Wohlwollens der preußischen Regierung erfreuen kann. Eine Notiz, die kürzlich durch die hessischen Zeitungen lief, wies zahlenmäßig nach, wie schlecht Marburg vom Staate bedacht wird im Verhältnis zu anderen — der Zahl der Studierenden nach — kleineren, ja bedeutend kleineren preußischen Universitäten. Greifswald, Königsberg, Kiel läßt sich be- Staat bis zu 600 000 M jährlich mehr kosten als unlere Landes- Hochschule.
Wie kommt das? Hat das Königreich Preußen bei der Ernoer- leftung des Kmstaates nicht die Verpflichtung übernommen, angemessen fib bie Lv.rdesuriversität Sorge zu tragen? Oder ist etwa Marburg ge- ri'igwertioer als die Hochschulen der alten preußischen Provinzen? Doch «jeioiij nicht
Al- Landgra, Philipp der Großmütige bie erste prorestauttsche Hoch- schule in Marburg gründete, da befahl er im derben Tone der oamaligen Zeit daß faule Professoren hier nicht geduldet werden festen. Die» Fürstenwort hat Geltunq behalten durch vier Jahrhunderte: in Marburg ist allezeit treu gearbeitet worden. Lassen wir unseren Blick in tie Vergangenheit schweifen, so treffen wir eine Fülle berühmter Namen auf Marburgs Lehrstühlen. Die Namen Eobanus Heffus, Vultejus, Deni» Papin sind jedem Gebildeten geläufig. Wir denken an Johann Christian Wolff, deffen Bild die Universitätsaula schmückt, an Lonicer, deffen Namen das Geißblatt trägt, an Savigny unb viele anbere. In hessischen Zeiten erfreute sich Marburg stets der wärmsten Fürsorge bet Regierung. Noch in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stand unser« Landesuniversttät in hoher Blüte. Bilder der Lebrer aus dieser Zeit zeigen uns den Chemiker Bunsen, den Philosophen Zeller, den Historiker v. Sybel, Gauhens Freund unb Schüler Gerling, den Leiter der Sternwarte unb bes hessischen Bermessunaswesens — ihm war es zu danken, daß mit der hannoverschen die hessische Landesvermeffung die beste in Deutschland war und auch bie neue preußische an ihr nicht viel zu ver- beffern fanb. Wo mögen übrigens Gerlings Instrumente geblieben sein? —, die Theologen Rancke, Hencke und Vilmar, welch' letzterer sich als Literarhistoriker einen bleibenden Namen geschaffen, den Juristen Bangerow, den Geologen Dunäer, dir Mediziner v. Heusinger und Beneke, den Begründer der Nauheimer Kuren und der Seehospize. Minister Hassenpflug — mag man auch sonst seine Wirksamkeit für unheil- voll halten — ließ sich die Pflege der Marburger Hochschule sehr angelegen fein.
Das war in hessischen Zeiten. Was tat nun Preußen? Zunächst nichts. Die Untätigkeit der ersten Jahre mögen bie großen Fragen der äußeren Politik entschuldigen — doch nein, man war gar nicht untätig: bie Eewerbeakademie zu Caffel, bie man heute als Technische Hochschule bezeichnen mürbe, wurde aufgelöst. Damit entzog man der Universität eine wertvolle Ergänzung unb Unterstützung. Dann kam eine zweite preußische Periode, in der auch Marburg seinen Anteil am Millionen- fegen erhielt. Neue Kliniken wurden gebaut, das neue Univerfitätsge- bäude unb mehrere naturwissenschaftliche Institute. Ein großes Verdienst ist hier fraglos dem Phvsiologen Külz zuzuschreiben, der mit «lt- hoff. dem Allmächtigen des Kultusministeriums, eng befreundet war. Marburg konnte in dieser Zeit einen großen zahlenmäßigen Aufschwung — bis zu tausend Studierenden — verzeichnen. Aus dieser Blütezeit seien als Lehrer genannt der Chirurg Rosen, der Jurist Enneccerus, der Historiker Nissen, der Hygieniker Rubener (jetzt in Berlin), der Germanist Edward Schroeder (jetzt in Göttingen), der Rationalökonom Paasche, der gegenwärtige Vizepräsident des Reichstages, und der Mathematiker SPeber (jetzt in Straßburg).
Die kurze Svanne, während deren sich unsere Landeshochschule der Gunst der preußischen Regierung zu erfreuen hatte, war mit dem Anfang der neunziger Jahre zu Ende. Die neue Anatomie ist im wesentlichen das einzige, was Marburg nach dieser Zelt noch erreicht hat. Ist es trotzdem nicht zurückgegangen, fe hat es da» nur den ausgezeichneten Lehrern zu danken, deren sich bie Universität auch heute noch erfreuen kann. In der Tat hat es, trotzdem ihm keines Medizäers Güte lächelte, zahlenmäßig doch einen weiteren Aufschwung genommen. Bis an dl« zehnte Stelle unter den deutschen Universitäten hat sich unsere Landeshochschule emporgearbeitet. Diese Stelle soll unb muß si« behalten. Gewiß wirb bie Perle des Hessenlandes immer wieder di« Studenten anziehen, wird die alte Musenstadt auch fürderhin bi« Burschenherzen begeistern, wie sie einst Ernst Koch begeisterte, den Dichter bes Prinzen Rosa-Stramin, und Eugen Höfling, den Sänger der alle« Burschenhenllchkeit. Dennoch: dl« Hochschule kann der staatlichen Fürsorge nicht entarten.
Was fehlt Marburg? Wir wollen nicht Vergangenem nachtrauern, nicht von den Schäden sprechen, die man ihm zufügte, indem man ihm das Seminar für Archivwesen und die landwirtschaftliche Versuchsstation nahm. Nur einiger tatsächlicher Notstände sei gedacht: Da» Personalverzeichni» beweist, daß eine ganze Reihe von Sonderfächer« gar