mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen; „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage”.
1912
Marburg
Mittwoch, 20. März
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Der Berqarbeilerstreik.
Nun hat der Streik der Bergarbeiter auch im Abgeordneten- haufe seine Besprechung gefunden. Scharf wurde dabei mit der Sozialdemokratie ins Gericht gegangen, die allein verantwortlich gemacht wurde für das Elend, das der Streik über viele Familien gebracht hat. Wie recht einzelne Abgeordnete hatten, wenn jte in dieser ganzen Bewegung lediglich eine Machtprobe des Alten (sozialdemokratischen) Verbandes sehen und wenn sie hervorheben, daß der ganze Kampf von Anfang an nur einer Vernichtung des verhaßten christlichen Bergarbeiterverbandes gegolten hat, beweisen die Ausbrüche der Wut bei den sechs Genossen im Abgeordnetenhaus. Ein Schimpfwort nach dem anderen warfen die Genossen, allen voran natürlich Dr. Liebknecht, den Vertretern der bürgerlichen Parteien und der Regierung zu.
Im Ruhrgebiet flaut indessen der Streik weiter ab, und auch in England scheint er seinem Ende entgegen zu gehen. Dagegen lodert er auf in Sachsen, und auch in Böhmen und Frankreich gährt es. Es liegen darüber folgende Nachrichten vor:
Bückeburg, 18. Marz. In den gestern in mehreren Dörfern des Fürstentums Schaumburg-Lippe abgehaltenen Bergarbeiterversammlungen des Bergamtes Obernkirchen wurde beschlossen, am 19. März früh nicht einzufahren, auch wenn das Bergamt die von den Arbeitern gestellten Forderungen bewilligen sollte. Heute nachmittag findet eine Konferenz zwischen dem Arbetterausschuß und den Vertretern des Bergamtes statt.
Hannover, 18. März. Wie die Bergwerksinspektion Barsinghausen mitteilt, traten die Bergleute des Deister-Reviers in die Lohnbewegung ein. Da die Bergbehörde die geforderte fünfzehnprozentige Lohnerhöhung nicht bewilligt hat, sondern sie nur allen in Schichtlohn arbeitenden, den Kohlenhauern aber nur für den Fall, daß sich die Konjunktur dauernd bessert, in Aussicht stellt, beschlossen die Bergarbeiter gestern in mehreren Versammlungen den Ausstand. Von 2300 Arbeitern sind heute früh etwa 15 Proz. erschienen. Die Bergarbeiter des Eemeinschaftsbergwerks Oberndorf, das dem preußischen Fiskus und Schaumburg-Lippe gemeinsam gehört, werden wahrscheinlich heute über den Ausstand beschließen.
Zwickau, 18. März. Auf dem Wtthelmsschacht sind unter Tage55 Prozent der Belegschaft in den Ausstand getreten. Heber Tage ist die Belegschaft fast vollzählig eingefahren. Vom erzge- birgischen Steinkohlen-Aktienverein streiken 43 Prozent unter Tage, über Tage insgesamt 30 Prozent; bei der Bürgergewerkschaft streiken unter Tage 24 Prozent, während über Tage alles angeiah- ren ist. Beim Brückenbergschacht sind unter Tage 54 Prozent, über Tage 39 Prozent ausständig; beim Morgensternschacht streiken von den Grubenarbeitern 51 Prozent, über Tage 16 Prozent; beim Vereinsglück streiken insgesamt 37 Prozent, bei E. E. Kaestner 60 Prozent; bei Florentin Kaestner und den Arnimschächten in Planitz sind die Belegschaften vollzählig eingefahren.
Prag, 18. März. Gestern fanden im böhmischen Braunkohlenrevier Versammlungen der Bergarbeiter statt. Die Versammlungen der Sozialistischen Union beschlossen, daß, falls die Forderungen der Union nicht erfüllt werden sollten, die Bergleute den einzelnen Schächten nochmals ihre Forderungen überreichen sollen. Man glaubt annehmen zu können, daß ein allgemeiner Streik im Braunkohlenrevier nicht oder wenigstens nicht unmittelbar bevorsteht. Im Brüxer Gebiet sind von 608 Bergarbeitern 149 nicht eingefahren.
Teplitz, 18. März. Die Delegiertenversammlung der sozialdemokratischen Bergarbeiterunion in Turs beschloß, den Zechen hi» zum 20. März die neuen Forderungen zu überreichen. Wenn diese nicht spätestens bis zum 28. März beantwortet sein sollten, werden die Forderungen am 31. März abermals überreicht und
die Arbeit niedergelegt. Die Deutschnationalen Bergarbeiter beschlossen gestern in Brüx das solidarische Vorgehen mit den Sozialdemokraten. Die tschechisch-nationalen und tschechisch-anarchistischen Bergarbeiter dürften in demselben Sinne entscheiden.
Paris, 18. März. Unter den Bergleuten in Pas de Calais wo sich einzelne Gruppen für den Streik aussprechen, herrscht eine gewisse Bewegung. Die Bergleute im Denain-Revier erklärten trotz des Beschlusses des Syndikats den Streik; ihre Delegierten werden sich morgen nach Lens begeben, um den Exekutivausschutz zu veranlassen, die Aufforderung zur sofortigen Erklärung des Generalstreiks zu erlassen. Im Loirebecken und im Nordbecken mit Ausnahme von Denain ist die Anfahrt der Schichten normal.
London, 18. März. (Unterhaus.) Im Verlaufe der Sitzung ergriff Premierminister Asquith das Wort und teilte mit, daß er morgen den Gesetzentwurf über die Gewährung eines Mindestlohnes an die Bergarbeiter, die in den Kohlenbergwerken unter Tage beschäftigt seien, und über andere damit zusammenhängende Fragen einbringen werde. Er werde über die Verhandlungen und die Gründe zu dem Gesetzentwurf erst in der morgen stattfindenden Sitzung eine Erklärung abgeben. Rach Ansicht der Regierung sei die Erledigung der Gesetzesvorlage durch das Unterhaus so schnell als möglich, nämlich bis nächsten Donnerstag, geboten. In diesem Falle würde sie Freitag vom Oberhause beraten werden und Samstag die Zustimmung des Königs erhalten.
London, 18. März. Der Lordmayor von Sheffield erklärte als Vorsitzender der Versammlung der Aktionäre der William Jessops and Sons Limited-Sheffield, daß infolge des Streiks in diesem Jahre nur für 10 Monate auf Geschäfte zu rechnen sei, während für 12 Monate Ausgaben gemacht werden müßten. Allein in der letzten Woche sei ein großer Auftrag von 5000 Pfund an Materialwert der Gesellschaft verloren gegangen und nach Deutschland gewandert.
Middlesbro,18. März Die Differenzen mit den hiesigen Hafenarbeitern, die sich geweigert hatten, eine Ladung deutscher Kohle zu löschen, sind beigelegt.
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Deutsches Reich-
— Zur Kaiserreise. Wien, 18. März. Das „Fremdenblatt" erfährt, Kaiser Wilhelm werde am 26. März von Venedig in Brioni eintreffen, wo er eine Zusammenkunft mit dem Erzherzog Franz Ferdinand haben werde. Der Aufenthalt des deutschen Kaisers in Brioni werde einige Stunden dauern. Von Brioni begebe sich der Kaiser nach Korfu. — Rach einer Meldung des „Neuen Wiener Tageblattes" bat Kaiser Wilhelm Kaiser Franz Josef, ihn bei Ankunft in Wien nicht am Bahnhof zu erwarten und mit Rücksicht auf den streng privaten Charakter des Besuches von einem offiziellen Empfang und von der Zuteilung eines Ehrendienstes abzusehen.
— Ministerpräsident Freiherr von Hertling bei dem Prinzregenten. Wie aus München gemeldet wird, sind der bayerische Ministerpräsident Frhr. v. Hertling und der Finanzminister v. Breunig nach ihrer Rückkehr von Berlin am Montag vom Prinzregenten zur Berichterstattung in Audienz empfangen worden.
— Der preußische Unterrichtsminister bewilligt für die Teilnahme von Landlehrern an Lehrkursen für Nutzgeflügelzucht Beihilfen für den Kursus- und Reisetag von 3 J*. und den Ersatz der Eisenbahnfahrkosten 3. Klasse.
— Zum Rücktritt des Hansabundesdirektors Oberbürgermeisters (t. D. Knobloch teilt der Hansabund gegenüber den Nachrichten von einer hohen Abfindungssumme, die der Hansabund an den Oberbürgermeister o. D. Knobloch gezahlt haben sollte, mit, daß das Präsidium Oberbürgermeister a. D. Knobloch in Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste die Weiterbezahlung des Gehalts für zwei Quartale bewilligt hat. Alle übrigen Mitteilungen seien unzutreffend.
— Für die Revision des preußischen Kommunalabgabengesetzes find bereits feit einiger Zeit umfangreiche Vorbereitungen im Gange. Voraussichtlich wird den preußischen Landtag die Frage in der laufenden Legislaturperiode nicht mehr beschäftigen, sondern ein entsprelbender Gesetzentwurf erst in der nächsten Legislaturperiode zur Vorlage kommen. Im Hinblick auf diese Sachlage ist die Staatsregierung nicht geneigt, die Lösung einzelner Fragen im Wege der Gesetzgebung vorweg durchzusühren.
— Lohnbewegung. Köln, 18. März. Bei dem Schiffspersonal der Nheindampfer ist eineLohnbewegung eingetreten, der sich die Schisssleute in den Ruhrhafen angeschlossen haben. Es wird u. a. der Fortfall der Nachtarbeit gefordert; die Reedereien verhalten sich ablehnend. Ein eventueller Streik ist für den 1. April in Aussicht genommen.
— Der Verband süddeutscher Brennereivereine hat folgenden Beschluß gefaßt: Das süddeutsche Brennerei-Gewerbe verwahrt sich auf das entschiedenste gegen die Aufhebung der Brennsteuerkontingentierung. Durch die erwähnte bezügliche Maßnahme werden die unter der Konkurrenz mit dem norddeutschen Gewerbe schwer um ihre Existenz ringenden süddeutschen Brenner dem wirtschaftlichen Ruin entgegengeführt. Das süddeutsche Brennereigewerbe vertraut daher auf die Regierungen der süddeutschen Reservatstaaten und auf die süddeutschen Reichstagsabgeordneten aller Parteien, daß sie für den Fall der tatsächlichen Aufhebung der Vrennsteuerkontingentierung zum Schutze des süddeutschen Brennerei-Gewerbes verlangen werden, erstens: daß eine gesetzliche Bestimmung herbeigeführt wird, die ähnlich dem Monopolentwurf von 1908 den Brennern der süddeutschen Reservatstaaten eine Entschädigung gewährleistet, zweitens: daß der Berechnung das Kontingent vom Jahre 1909 zugrunde gelegt wird, da durch
die Reichsgesetzgebung das süddeutsche Gewerbe schwer geschädigt und durch den damit verbundenen Produttionsrückgang zu einem extensiveren Bettieb gewungen wurde, und drittens: daß die die» bezüglichen gesetzlichen Bestimmungen unter Reservattecht gestellt werden.
— Dr. Heim schwer erkrankt. Der bayrische Zentrumsbauern- führer und langjährige Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Heim, der sich eines Herzleidens wegen vom politischen Leben zurückgezogen und auch die letzten Wahlkämpfe nicht mehr mitgemacht hat, ist an Diphtherie erkrantt und auf seinen Wunsch mit den Sterbesakramenten versehen worden.
— Ein Irrtum Bassermanns. Wie aus Leipzig gemeldet wird, hat bei der diesjährigen Sitzung des Landesausschusses des natto- nalliberalen Landesvereins für das Königreich Sachsen der Abg. Basserman u. a. erklärt, daß die Verhandlungen bei der endgültigen Wahl des Reichstagspräfidiums an dem Widerstände der Rechten gegen Bassermanns Vorschlag, einen Reichsparteiler zum zweiten Vizepräsidenten zu wählen, gescheitert seien. Gegen diese Behauptung wenden sich Berliner konservative Blätter, die betonen, daß der deutschkonservativen Fraktion seitens des Herrn Basser- mann kein Anerbieten gemacht worden sei. Sollten aber derattige unrichtige Meldungen wiederkehren, so würden sie sich gezwungen sehen, näher auf die betreffenden Verhandlungen einzugehen.
— Vermehrung der Offizier bei der Infanterie. Am 1. Oktober 1911 betrug die Anzahl der Offiziere aller Dienstgrade bei der Infanterie 10 532. Zu demselben Zeitpunkte im Jahre 1908 waren nur 10 092 Jnfanterieoffiziere vorhanden. Es fand also eine Vermehrung um 440 Offiziere statt. Im Jahre 1910 betrug der Bestand nur 10 341, so daß die Vermehrung im letzten Jahre 191 Offiziere betraf. Der Offiziersmangel ist dadurch naturgemäß geringer geworden und beläuft sich jetzt auf ungefähr 600 Offiziere. Im Jahre 1907 betrug der Offiziersmangel noch 944, im Jahre 1908 noch 878 und im Jahre 1909 657.
— Der arme Freisinn. Berlin, 15. März. In der Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie: „Die Neue Zeit" wird ein Kübel von Liebenswürdigkeiten über die Fortschrittliche Volkspartei ausgeschüttet. Es wird dem Freisinn nachgesagt, daß er kein Wüstenroß aus Alexandria sei, sondern ein Renner, dem weder eitler Mut zieme noch fromme. An anderer Stelle wird dem Freisinne die ehrenvolle Bezeichnung eines spathlahmen Gauls zuteil. Es wird weiter sehr nett auseinandergesetzt, daß in der Angelegenheit des Abkommens die freisinnigen Bankerotteure die Erpresser gespielt hätten. Es wird ihnen ferner die Anerkennung gezollt, daß sie die Geriebenheit altgedienter Roßtäuscher entwickelt hätten. Liebenswürdige Wotte wie „olle, ehrliche Seemänner", „Verräter", „Wanzentaktik", „Dreistigkeit" usw. schwirren umher. Der Aufsatz, der ein echter und rechter Mehring ist, schließt mit der Bemerkung, es könne den Sozialdemokraten höchst gleichgültig sein, ob die Fott- schrittler auf der Landstraße liegen bleiben oder sich in die böhmischen Wälder der politischen und sozialen Reaktion schlagen wollten.
— Verseuchte Manöverpferde. Die Frage der Ersetzung des Schadens seitens des Militärfiskus für Verseuchung von Viehbeständen durch Mi- litärpferbe gelegentlich der Quartierleistung hat neuerdings wiederholt landwittschaftliche Körperschaften beschäftigt und es ist hierbei auch die gesetzliche Regelung dieser Frage angeregt worden. Es handelt sich hauptsächlich darum, daß die Schadensersatzpflicht des Militärfiskus auch in solchen Fällen anerkannt wird, in denen eine Fahrlässigkeit des Truppenteils hinsichtlich bet Verseuchung der Pferdebestände nicht nach- weisbar ist. Die Regelung dieser Frage hat bereits seit einiger Zeit zu einer festen Praxis geführt, wonach Schadenersatzansprüche der obenerwähnten Art nach Billigkeitsgründen behandelt werden, d. h. es werden Entschädigungen gewährt, sobald eine nachweisbare Vermögensrecht» liche Schädigung vorliegt.
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Ausland.
* * Tripolis. Rom, 18. März. Die Agenzia Stefani meldet aus Benghasi: Im türkisch-arabischen Lager befinde sich kein italienischer Kriegsgefangener. Jedes gegenteilige Gerücht sei falsch. — Am 16. März schleuderten italienische Flieger einige Bomben, welche ungefähr zehn Feinde töteten.
* * Chauffeurstreik. London, 18. März, lieber 1000 Chauffeure der Londoner Automobildroschken erklärten den Streik mit der Begründung, daß sich die Fuhrherren nicht an die Bedingungen hielten, die bei dem letzten Streik durch den Schiedsspruch festgesetzt worden find.
* * Mexiko. Washington, 18. März. Rach Berichten aus Mexiko griff der Jnsurgentenführer weiße Frauen an und nahm sie gefangen, wobei mehrere Frauen getötet wurden. Dor kurzem nahm Zapata eine arme deutsche Frau gefangen. Sie wurde beraubt und in grausamer Weise getötet.
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Schwurgericht.
* Marburg, 18. März. (Schluß der Verhandlung gegen den Tagelöhner Werner aus Weipoltshausen wegen Brandstiftung.)
Die Vernehmung der ärztlichen Sachverständigen Geh. Rat Prof. Dr. Tuczek, sowie des Kreisarztes Prof. Dr. Hildebrand ergab, daß Werner, der einige Zeit der hiesigen Landesheilanstalt zur Beobachtung überwiesen war, nicht geistesoestört ist. Werner fei im Gegenteil ein ganz intelligenter Mann Der Bürgermeister Willershausen aus Weipolts- Hausen wies die Behauptung, daß die Gemeinde das Anwesen Werners zur Verwendung als Armenhaus hätte taufen wollen, zurück. In feinem Otte sei bereits ein Armenhaus vorhanden. Einige weitere Zeugen gaben Auskunft über allerhand Gespräche, die Werner nach dem Brand in Selbach mit ihnen geführt hätte. Ein Zeuge namens Schmidt behauptete dabei, der Angeklagte habe ihm den Rat gegeben, seinen in Zwangsverkauf geratenen Hof anzuzünden. Wenn er ihm gefolgt hätte, stände er jetzt an des Angeklagten Stelle. Der Zeuge bekundete ferner, daß er den Nachbar Werners gewarnt habe, weil dieser nichts Gutes im, Schilde führe. Zu einem anderen Zeugen soll Werner gesagt haben, et möge in feinem eiten Hause nichts machen lassen, er bekäme ja bald