Tie „Oberhrffifche Zeitung" erscheint täglich mit Luknahme der Sonn-
und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch
-■« z*-l die Post bezogen 9.25 dH (ohne Bestellgeld), bet unseren Leitungsstellen
0*1 und der Expedition (Markt 21) 2.00 JL frei ins Haus. (Für unver«
1912
Marburg
Sonntag, 17. Mürz
langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung). Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Kreise Marburg und Kirchhain
„Fürs Haus" und »Landwirtschaftliche Beilage".
mit dem Kreisblatt für die und den Beilagen: „Nach Feierabend",
Der Anzeigenpreis deträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren
■Roum•, S?’ ""d auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen in
bte Beile 60 Set Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt xl« tUUyrfl.
M alS Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Verbindlichkeit für Platz- Datenvorschttst und Beleglieferung ausgeschloffen. — Zahlungen im Post- scheckoerkehr — ohne Pottokosten — unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
i
Erstes Blatt.
Die heutiflc Nummer umfaßt 12 Seiten.
Der Bergardeiterstreik.
Nach einer Meldung der „Köln. Ztg." ist in der Zahl der Ausständigen ein weiterer Rückgang zu verzeichnen. Statt 61 Prozent streiken nur noch 59 Prozent. Schuld daran ist erstens einmal die Nachricht, daß die Ausständigen in England die Arbeit bald wieder aufnehmen würden und dann das Einrücken von Militär in das Ausstandsgebiet. Die Möglichkeit, Arbeitswillige durch Terrorismus zum Streiken zu zwingen, ist damit gesunken. Unter diesem Gesichtspunkte hat wohl auch der Führer des Alten Verbandes, Huö, kürzlich in einer Versammlung in Essen behauptet, „Wenn einmal Militär im Streikgebiet ist, dann ist der Ausstand für die Arbeiter verloren." Ueber die Haltung der Polizei schreibt die „Köln. Ztg.": „Es muß noch einmal hervorgehoben werden, daß Polizei und Gendarmen beschimpft, vchchöhnt und verfolgt worden sind in einer Art und Weise, die zum Gebrauch der Waffe führen mußte. Besonders in den Straßen, die zu den Zechen führen, wurden die Schutzmannschaften mit Steinen, Flaschen, Ziegelsteinen und Nachtgeschirren beworfen. Es kam soweit, daß die Schutzmannschaft in den Straßen verlangen mußte, daß die Fenster geschlossen blieben. „Fenster zu oder wir schießen!" war vielfach der Zuruf der Schutzmannschaften."
Selbst die „Franks. Ztg." muß aus Bochum berichten: „Die Betriebsführer der Zeche „Konstantin" Schacht 1 und 2 haben der Polizei ein Schreiben unterbreitet, worin die Lage der Arbeitswilligen geschildert wird. Die Arbeitswilligen klagen im allgemeinen über ungenügenden Schutz und wollen nicht mehr einfahren, wenn nicht für größere Sicherheit gesorgt würde." Diese Meldung nimmt sich komisch aus gegenüber den Versuchen, die im Streikgebiet vorgekommenen Ausschreitungen gegen Arbeiiswil- stge und gegen die Polizei als harmlos hinzustellen oder auf die Konzentrierung einer hinreichenden Polizeimannschaft im Ruhrrevier zurückzuführen, für jeden Einsichtigen ist jedoch klar, daß derartige Ausschreitungen die Folgen der sozialdemokratischen Lehre sind, wonach Arbeitswillige keine, Streikende alle Rechte haben. Jeder, der sich noch einen freien Blick für das Recht jedes Individuums auf Betätigung seiner Arbeitskraft unter allen Umständen bewahrt hat, wird gegen Streikende aufgebracht werden, die das ihnen nicht bestrittene Koalitionsrecht zum Koalitionszwang umgestalten und damit der Sozialdemokratie zur Herrschaft im Staate verhelfen wollen. Soviel steht fest, daß die allgemeinen Sympathien diesmal nicht auf Seiten der Streikenden find. Man hat ein Gefühl dafür, daß der Streik im wesentlichen den Machtgelüsten der Sozialdemokratie dienen soll, die sich ganz ungeniert als. Staat im Staate suhlt, was sie besonders dadurch zeigt, daß sie dem Staate sogar zumutet, daß er auf die Durchführung seiner Sicherheitsmaßnahmen verzichtet und dafür die Sozialdemokratie als Hüterin der Ordnung anstellt.
Ueber die Lage liegen noch folgende Nachrichten vor:
Dortmund, 15. März. Nachdem gestern gegen 5 Uhr der Borstg- platz durch ein größeres Polizeiaufgebot gesäubert worden war, sammelten sich nach der Entlastung des größten Teils der Polizeibeamtep wieder mehrere hundert Menschen an Die Beamten, die zu zweien die Meng« zerstreuen wollten, wurden verhöhnt und beschimpft und mit Steinen beworfen. Gegen 6 Uhr wurden di« Scheiben eines vorüberfahrenden Straßenbahnwagens eingeworfen. Der Borstgplatz wurde schließlich unter Zuhilfenahme von berittener Polizei zum zweitenmal geräumt. In der Schlosterstraße wurden hierbei auf mehrere Beamten Schüste abgefeuet. Auch aus den Häusern wurde nach den Beamten mit Flaschen, Töpfen und anderen Sachen geworfen Pe^' Zungen der Be> amten sind nicht vorgekommen.
Hamborn, 15. März. In der vergangenen Nacht ist es hier zu kleinen Ausschreitungen gekommen. Ein Maschinist der Gewerkschaft Deutscher Kaiser erhielt von drei Burschen vier Schrotschüste. die ihn leicht verletzten. Bei der Verhaftung einer Tschechin, die mit einer Hack« auf Abeitswillige eingedrungen war, griff diese die Beamten mit einem Brot mester an. ,
Köln, 15. März. Im Lauf« des gestrigen und vorgestrigen Tages wurden im rheinisch-westfälischen Ausstandsgebiet über hundert Personen festgenommen. Es handelt sich in de nmeisten Fällen um halbwüchsige, radaulustige Burschen.
Bochum, 15. März. Bei den gestrigen Ausschreitungen in Hamborn wurde ein lOjähriges Mädchen von einem blindlings um sich Schießenden durch die Lung« geschaffen und mußte ins Hospital gebracht werden.
Essen, 15. März. Di« Konferenz des Eewerkvereius christlicher Bergarbeiter stellte fest, daß von den Mitgliedern des Gewerkvereins lediglich einige hundert streiken, etwa zehn Prozent feierten unfreiwillig, was jedoch ausschließlich in den Bezirken mit einer sozialdemokratischen Ueber macht der Fall sei.
B o ch u m, 15. März. Die Vorstände der drei Vergarbeiterverbände haben einen Aufruf «rlasten, in dem sie die Streikenden und die ganze Bevölkerung auffordern, für die Aufrechterhaltung der Ordnung mitzu- forgen, damit den Sicherheitsorganen und dem Militär kein Dorwand zu blutigen Angriffen geboten werde. Eine von den Vorständen abgehalten« Konferenz sprach die Erwartung au-, daß die Sicherheitsorgane und das Militär besonnen bleiben.
Düsseldorf, 15. März. Di« Regierung hat di« Ortsbehörden angewiesen, die Schulzeiten so einzurichten, daß die Kinder zur Zeit des Schichtwechsels in den Schulen sind.
Spittel, 15. März. Auf Schacht 6 der Grube Spittel der Saar» Mosel-Bergwerksgesellschaft sind zur Frühschicht von 600 Bergleuten nur 200 eingefahren. Schacht 2 streikt vollständig. Auf Schacht 5, wo der Streik bereits vor einigen Tagen «usgebrochen ist, find noch 120 Mann weniger angefahren al, gestern.
Zwickau, 15. März. Nachdem das Königliche Bergamt in Freiberg auf Antrag der Bergarbeiter sich zur Vermittlung bereit erklärt hat, hat sich di« genannt« Behörde auch an die Werk« mit der Anfrage gewandt, ob sie ihrerseits eine solche Vermittlung wünschen. Die Antwott der Bergwerksverwaltungen steht noch aus, doch ist die Hoffnung, daß es zu keinem Streik kommt, sehr gering. Die Werke erklären, die Forderungen der Bergarbeiter nicht erfüllen zu können. Die Belegschaften sind an ein« Kündigungsfrist nicht gebunden. Die Kohlenpreis« haben bereits stark angezogen.
Aus England wird gemeldet, daß di« Verhandlungen zwar noch keine Fortschritte gemacht haben, daß aber der Streif trotzdem seinem Ende entgegengehe. Die Arbeiter lehnen sich teilweise gegen die unnach- giebige Haltung der Führer auf. In zwei Gruben in Lancashire und auch in einer von Sheffield ist gestern der Betrieb wieder ausgenommen worden. In London hat der Streik, abgesehen von den Eisenbahnen, noch zu keiner nennenswerten Arbeitseinstellung geführt. Die Zahl der Arbeitslosen ist geringer als zu der entsprechenden Zeit der beiden letzten Jahre. Der „Daily Chronicle" verzeichnet, daß in den letzten Tagen vier große Fußballwettkämpfe in Lancashire und Porkshire, di« hauptsächlich von Arbeitern besucht werden, an Eintrittsgeldern die Summe von etwa 160 000 M erbracht haben.
----♦----
Deutsches Reich-
— Die Besprechung der Wehrvorlagen. Berlin, 15. März. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: In der Besprechung, die der Reichskanzler gestern mit den leitenden Staatsmännern der Bundesstaaten gehabt hat, wurde einstimmig das grundsätzliche Einverständnis mit den Wehrvorlagen ausgesprochen und die Notwendigkeit ihrer baldigen Durchführung anerkannt. Ferner bestand Einmütigkeit darüber, daß die geltenden Grundsätze für die Finanzgebarung des Reiches aufrecht zu erhalten feien und daß daher die Deckung der neuen Kosten auch neue Einnahmen erfordert. Endlich war man allerseits einig darin, daß neue Steuern auf Verbrauch und Verkehr nicht vorgelegt werden. Die danach sich ergebende Möglichkeit wurde eingehend durchgesprochen und ein Plan einstimmig gutgehetßen, der auf Grund der bereits vor- bereiteten Unterlagen nunmehr seine endgiltige Gestalt erhalten kann.
—“ Ein« neu« Offizierreitschule. Für Bodenerwerb und erste Einrichtung einer Offizierreitschule in Soltau (Hannover) werden im neuen Heeresetat 400 000 Jl gefordert. Diese Offizierreitschule wird nebst der bereits bestehenden in Paderborn und der in Sprottau, wo die Verhandlungen mit der Stadtvertretung zu einem Abschluß gelangt sind, die dritte preußische Offizierreitschule werden. Die viert« soll nach Beeskow kommen. Die dort zurzeit garnisonierende 2. Abteilung des 3. Earde- Feldartierieregiments soll dann nach Berlin (Tempelhof) herangezogen werden.
-----♦-----
Marburg und Umgegend.
Nachdruck aller Orginalartikel ist gemäß § 18 des Urheberrechts nut mit der deutlichen Quellenangabe „Oberheff. Ztg." gestattet.)
Marburg, 16. März.
* Frage der Frankfurter Universität haben neben den Nationalliberalen nun auch die Konservativen im Abgeordnetenhause einen Antrag eingebracht, der wie folgt lautet: die Regierung zu ersuchen: 1. vor Begründung einer staatlichen Universität in Frankfurt a. M. Vorsorge dahin zu treffen, daß ihre finanzielle Selbständigkeit für die erste Einrichtung und die Dauer festgestellt wird und die Ordnung der Verhältniffe dieser Universität nach den Grundsätzen festzulegen, die für die übrigen preußischen Universitäten gelten; 2. für den Fall der Begründung der Universität in den Staatshaushalt einen sie betreffenden blinden Titel einzustellen." Daß unser Abgeordneter Herr Prof. Bredt mit seiner Partei den gesamten Einfluß gegen das Projekt in die Wagschale wirft, haben wir bereits bei der Besprechung der Kommisfionsver- handlung hervorgehoben. In Frankfurter Blättern werden diese Anträge als das „Signal" für alle Freunde der Frankfurter Universität aufgefaßt, zusammenzustehen, und in der Tat gehen sie darauf hinaus, das Projekt der Frankfurter Universität im Abgeordnetenhaus aufs neue zu kritisieren und zu Fall zu bringen. Wenn die Regierung und die Volksvertretung den überreichen und schwerwiegenden Gründen gegen eine neue, völlig anders geartete Universität auch nur einigermaßen ein offenes Ohr leiht, so sollte man glauben, daß es nicht schwer sei, die „menschenfreundlichen" Frankfurter Pläne bald und gründlich zu Fall zu bringen. Freilich wird man damit rechnen muffen, daß in hohen Kreisen Strömungen bestehen, die dem Frankfurter Projekt günstig sind. Darüber haben die letzten Erklärungen des Kultusministers volle Aufklärung geschaffen. Hoffentlich gelingt es dem zähen Widerstande der preußischen Volksvertretung, das Projekt, das selbst in Frankfurt nicht ungeteilten Beifall findet und im wesentlichen auf das Konto des Herrn Adickes zu setzen ist, zu zerstören. Es sind uns verschiedene Kundgebungen zugegangen, die sich zum Teil in persönlicher Weise mit dem preußischen Kultusminister befaffen, der als Mitglied der hessischen Ritterschaft und früherer Marburger Landrat und Landtagsabgeordneter, sich nicht so hätte entscheiden dürfen. Wie wir darüber denken, haben wir bereits gesagt. Für den Kampf gegen das Frankfurter Projekt scheint es uns wichtiger, sich auf rein sachlichem Gebiet zu halten. Das aber halten wir durchaus für angebracht, daß jetzt die Bürgerschaft sich rührt, um gegen falsche Auffassungen zu protestieren, die an manchen Stellen über unsere Stadt zu herrschen scheinen.
* Universität. Wie wir erfahren, wird der Göttinger Privatdozent Dr. Paul Jacobsthal auch im Sommersemester 1912 die Vertretung einer Professur für Archäologie an der hiesigen Universität (für den in den Ruhestand getretenen Geh. R«g.-Rat Prof. e. Sybel) wahrnehmen.
* Ernennung. Eerichtsassessor W. Harff ist vom 1. Mai ab -um Amtsrichter in Salmünster bei Hanau ernannt worden.
- - Die Abiturienten und di« Prüfungsarbeiten. Im Hinblick auf die gegenwärtig an den höheren Lehranstalten stattfindenden Reifeprüfungen ist verschiedentlich angeregt worden, den Abiturienten Einsicht in ihre Prüfungsarbeiten zu gewähren, damit sie sich über vorhandene Fehler unterrichten können. Wie die „Reue polit. Korr." mitteilt, steht die preußische llnterrichtsoerwaltung auf dem Standpunkt, daß den Abiturienten allgemein ein Anrecht auf Einsicht in die Prüfungsarbeiten nicht gewährt werden kann. Der Entscheidung der Direktoren aber ist es vorbehalten, ob sie einzelnen Abiturienten auf ihren Wunsch Einsicht in die Arbeiten gewähren wollen.
* Evangelische« Vortrag. In der Aula der höheren Mädchenschule hielt gestern abend Pfarrer Meyer aus Spielberg den hiesigen Mitgliedern und Freunden des Evangelischen Bundes einen Vortrag über da» Thema „Konfessioneller Friede". Redner ging davon aus, daß das Wort vom konfessionellen Frieden ungezählten Katholiken und Protestanten kein Schlagwort sondern der Ausdruck einer tiefen Sehnsucht sei. Durch Luthers Auftreten sei die religiöse Spaltung in die europäische Menschheit getragen worden, und wir Deutsche haben schwerer darunter zu leiden gehabt als irgend ein anderes Volk. Auch der Westfälische Friede bedeute nur einen Waffenstillstand. Da wir in Luthers Auftreten und Wirken eine geschichtliche Notwendigkeit sähen, so haben wir zu fragen, ob der konfessionelle Friede sich nie wird verwirklichen laffen. Redner zeigt dann, wie in Tagen hochgehender nationaler Begeisterung der konfessionelle Gegenstand wiederholt ausgeschaltet wurde und wie man seit 4 Jahrhunderten an der Annäherung beider Konfeffionen gearbeitet hat. In objektiver Weise wertet er die gemeinsamen und die trennenden Momente der beiden geschichtlich gewordenen Formen des Christentums, um zu betonen, daß ein friedliches Nebeneinander durchaus möglich sei. Da aber in der Gegenwart konfessioneller Krieg herrsche, so wirst der Vorttagende die Frage nach dem Angreifer auf. Der Evangelische Bund sei das nicht. Wirtlich verletzend wirkt Überhaupt nicht dies oder jenes Wort irgend eines Redners, sondern, wie der Vortragende weiter ausführte, die nachhaltige Erbitterung wird durch die amtlichen Vertteter herbeigeführt, soweit diese Kränkungen und ehrverletzend« Aeußerunge« enthalten. Die Weigerung des Ultramontantsmus, den Protestantismus als berechtigte Form des Christentums anzuerkennen, und die Verlegung des geistigen Wettkampfes zwischen Rom und Wittenberg auf das Gebiet des politischen Machtkampfes von fetten der Zentrumspartei sei der tieflte Grund, weshalb kein Friede zwischen den Konfessionen wird. Ein« Aenderung werde nur eintreten, wenn der Protestantismus so mächtig dastehe, daß er respektiert werden müsse. Deshalb fordert der Redner zum Schluß zur nachhaltigen Unterstützung der Bestrebungen des Evangelischen Bundes auf.
* Krug von Nidda. Dem Rechtsanwalt Dr. Robert Krug, dessen Schwester Fräulein Hedwig Krug hier und dem Rechtsanwalt Viktor Krug von den Höchster Farbwerken, in Frankfurt a. M. wohnhaft, die di« Seitenlinie der hessischen Familie Krug von Nidda bilden und deren Vorfahren den Adel abgelegt hatten, ist vom König von Preußen da« Recht verliehen waren, fich wieder Krug von Nidda zu nennen.
* Stadttheater. Franz Molnär, der edle Ungar, hat es immer verstanden, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wurden auch seine literarischen Erzeugnisse weniger in der Presse genannt, so seine Person um so mehr. Oester war er der Mittelpunkt einer Liebestragödie, dann mordete er sich selbst, wurde aber glücklich gerettet, um dann wieder das „Opfer" eines Autounfalls zu sein. Verschiedene derartige Meldungen liefen von Zeit zu Zeit durch die Presse und bewirkten, daß sein Name in unverhält- nismäßiger Weise bekannter wurde als seine Werke. Unser Stadttheater brachte uns vorgestern seine dreiaktige Komödie „Der Leibgardist". Der Autor hat in seinem Stücke aus den verschiedenartigsten Ingredienzien ein Gericht hergestellt, das bald süß, bald sauer, bald bitter, bald salzig schmeckt, alles in schönster Abwechselung, sodaß man eigentlich nie so recht auf den Geschmack kommt. Molnär schildert im ersten Akte ein Künstlerehepaar, das fich schon nach kurzer Ehe recht bedenklich in den Haaren liegt — bildlich gesprochen. Die Gattin ist der Ansicht, daß der Wahrspruch „Variatio delectat" mit Recht auch auf die Liebe anzuwenden ist und sehnt sich nach Abwechselung. Ihr Mann, ein hervorragender Schauspieler, fühlt dies und fühlt auch, daß sich diesmal ihr Herz nach einem forschen Soldaten sehnt. Um sie nun auf die Probe zu stellen, inszeniert er eine drollige Maskerade. Er nähert sich ihr in der Gestalt eines Offiziers der Leibgardisten und findet schließlich, daß sie sich auch von ihm betören läßt. Ein Zwiespalt zerreißt nun sein Herz. Als Sieger, her die Angebetete errang, ist er überglücklich, als Gatte einer Frau, die ihn mit ihm selbst zu betrügen bereit ist, verzweifelt. Er hat den Beweis dafür. Nun sollen bekanntlich Männer im Liebesfalle etwas un- intelligent sein. Dieser Mann und Gatte indessen ist dies etwas heftig. Sein Beweis für die Bereitwilligkeit seiner Fra« zur Untreue zerrinnt ihm unter den Fingern. Die Gemahlin zerpflückt ihm ein Argument nach dem andern und läßt ihn schließlich glauben machen, daß sie die ganze Maskerade von Anfang an durchschaut habe. Man kann wohl nicht annehmen, daß der Autor wollte, auch der Zuschauer sollte daran glauben, wenn er die Frage, ob sie ihn wirklich erkannt hat, ziemlich dunkel läßt, ebenso dunkel, warum der Hausfreund ein Kritiker, ist. — Die Aufführung am vorgestrigen Abend stand völlig auf der Höhe. Frl. Kitty Frank vom Stadttheater in Barmen debütierte in der Rolle des lockeren Weibchens. Die nervöse und kapriziöse Gattin zeichnete sie ebenso treffend als die temperamentvolle und raffinierte Angebetete. Besonders das Spiel im zweiten Ast, wo in überlegener Weise die Frau die Entwicklung des Flirts führt, war eine vortreffliche Leistung. Als ihr Partner gab Herr Goll sein Bestes, In seiner schwierigen Doppelrolle als Gatte und Liebhaber seiner Frau fand er fich vorzüglich zurecht. Die Stimmungsschwankungen zwischen dem stch seines Könnens bewußten Schauspieler und dem