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Marburg
1912
erstes Blatt
81
Sommer oder Herbst des letzten Jahre» einen Angriff auf ihr Land in Erwägung zogen und sogar vorbereiteten, und daß die Bewegungen unserer Flotten mit Rücksicht darauf berechnet waren. Ich schäm« mich fast, einer so wilden und ausschweifenden Einbildungskraft zu widersprechen. (Beifall.) Die gany Erzählung ist eine reine Erfindung (Beifall) und e- gibt, ich brauche es in diesem Hause kaum zu versichern, nicht den Schatten einer Begründung dafür. Ebenso lag nirgends und zu keiner Zeit irgend ein aggressiver oder provokatorischer Charakter in den Bewegungen unserer Schiffe. Beide Regierungen waren und sind von dem aufrichtigen Wunsch beseelt, eine bessere Verständigung herbeizuführen und im letzten Monat hatten wir alle Anzeichen dafür, daß der Besuch eines britischen Ministers in Berlin nicht unwillkommen sein würde (Beifall bei den Ministeriellen) und di« Erreichung eines gemeinsamen Zweck» erleichtern würde. Lord Haldan« würde auf jeden Fall -üher oder später in einer mit der Londoner llniversttätskommission verknüpften Angelegenheit nach Berlin gegangen sein. Unter diesen Umständen hielten wir es für gut — und ich glaube, daß niemand sagen wird, wir wären schlecht beraten gewesen —, daß Haldane seinen Besuch beschleunigte und ihn dazu benutze, in freundschaftlichen und vertraulichen Mitteilungen mit denen Fühlung zu nehmen, die für die Leitung der deutschen Politik verantwortlich find- Dies schloß aus beiden Seiten ein Abweichen von den hergebrachten Methoden mit ein. Diese Unterhandlungen find vollständig zustande gekommen. (Erneuter Beifall.) E» herrschte vollkommene Erklärungsfreiheit und die Möglichkeit vollkommen freimütiger Auseinandersetzung über ein weites Diskufsionsgebiet.
Gerade die Tatsache eines solchen Meinungsaustausches unter solchen Bedingungen sollt« in sich selbst den Argwohn, wo er immer herrschen möge, zerstreuen, daß eine von beiden Regierungen Angriffspläne gegen die ander« erwägt. Ich hoff« ernstlich, daß die Unterredungen mehr al» dieses negative Resultat gehabt haben werden. Ich kann freilich in die- fern Stadium keine Prophezeiung aussprechen oder aus Einzelheiten eingehen, aber ich darf sagen, daß im Laufe des Besuchs Lord Haldanes auf beiden Seiten der aufrichtige und entschloßene Wunsch zutage trat, eine bessere gegenseitige Stellung zu begründen, ohne die besondere Beziehungen, in denen Deutschland oder England zu anderen Mächten steben, in irgendeiner Weise zu opfern oder zu verschlechtern. (Beifall bei der Opposition.) In diesem Sinne sind die Verhandlungen geführt worden und das frische Licht des Meinungsaustausches hat dazu geführt, daß beide Mächte fefet mit einer sorgfältigen Prüfung der praktischen Mög- lichkeiten beschäftigt sind. (Beifall.) Ich unterftütz« sehr gern die sehr kluge Sprache, die Bonar Law in seinen Schlußbemerkungen über diesen Gegenstand gebrauchte, daß man bei derartiaen Angelegenheiten die Tugend der Geduld besitzen und üben muß." (Beifall.)
Von besonderem Jnterefie sind ferner die gleichzeitigen Mitteilungen des Krlonialsekretärs Earl of Crewe, die er gesieru im Oberhaufe machte: „Es ist richtig, daß die deutsche und die enalische Regierung sich bemüht haben, dem durchaus unnatürlichen Zustande der öffentlichen Meinung ein Ende zu machen. Wir hatten Grund zu der Annahme, daß der Bestich eines britischen Ministers der deutschen Regierung nicht unangenehm sein würde. 5>aldane reist oft nach Deutschland, ich glaube daß er tatsächlich bald wieder dorthin hatte reisen wollen. Der Regie, rung schien es daher, besonders angesichts von Lord haldanes Vertrautheit mit Deutschland und seiner Intimität mit den Deutschen, daß.zwischen ihm und Vertretern der deutschen Regierung Besprechungen sozu- sagen ohne Vorurteil und mit gröberer Offenheit und größerem Freimut stattfinden könnten, als es fonst möglich gewesen wäre. Lord Haldan« ging nach Berlin und hatte eine Anzahl Besprechungen mit hervorragenden Mitgliedern der deutschen Regierung. Am wichtigsten ist der Geist der Offenheit, der auf beiden Seiten zutage trat, und ebenso die offene Anerkennung der Ansprüche auf die Plätze in der Welt, die Deutschland und wir innehaben oder hoffen künftig innehaben zu dürfen, eine An- erkenming, die wir unsererseits sicherlich aufrecht zu erhalten wünschen. Ich kann Ihnen nichts sehr Positives und Bestimmtes sagen, doch ich darf sicherlich sagen, daß der Besuch Lord Haldanes in Berlin Gutes erreicht hat. und ich darf hoffen, daß weiter Gutes daraus fließen wird durch Herstellung von Beziehungen der Freundschaft und Offenheit zwischen d<r deutschen Regierung und uns selbst."
Diesem Briefe Georgs folgten andere in regelmäßigen Zwischenräumen. Sie erzählten Gitta von seinem Leben und Arbeiten, von seinem Sehnen und Hoffen.
Er studierte mit Eifer und Hingabe unter Mosseniors Leitung, der fich sehr für seinen neuen Schüler zu interessieren schien.
Bei der Fülle der neuen Eindrücke, die in der fremden Umgebung auf Georg einstürmten drängte es oft in ihm, eigenen Gedanken und Empfindungen nachzugehen und auf die Leinwand zu bannen. Aber er bezwang sich. Hier war er nur, um zu fernen, wie di« Farbe zu beherrschen war. Mas nützten ihm die herrlichsten Ideen, wenn er das spröde Material nicht in seine Dienste zwingen konnte, um sie zu ver- wirklichen?! . .
Mossenior nahm ihn streng und scharf in die Zügel und stellte große Anforderungen an ihn. Das deutete Georg mit Recht zu seinen Gunsten. Bei den Zeichnungen fand der Meister nie etwas auszusetzen. Da saß feder Strich: man merkte das durch jahrelange Hebung sicher« 8ug«. Der Professor dispensierte ihn schon nach den ersten Stunden vom Zeichnen. Da gab es für Georg nichts mehr zu fernen. Nur das Aktzeichnen nach lebenden Modellen mußte et fleißig Üben. Das erließ er ihm nicht, denn es machte sich doch bemerkbar, daß Georg fich ohne Modell hatte behelfen müßen
Jedenfalls erkannte Moßenior sehr bald die außerordentlich« Begabung Georgs: und es machte ihm Vergnügen, dieses entschieden bedeutende Talent in jeder Weise zu fördern. Durch seine schweren, meist halbgeschlostenen Lider flog oft ein beobachtender Seitenblick zu Georg hinüber. Das tiefernste, von heiligem Feuer durchglühte Gesicht des jungen Mannes zag ihn immer wieder an. Georgs Züge verschärften und vertieften sich, einestrils durch den anstrengenden Fleiß und das ttnfte Ringen, andernteils, weil dt« Sehnsucht nach Ettt« an ihm »ehrt«.
Nachdr verboten.
Unter Wen nina hinauf.
Roman von H. Eonrths-Mahler.
(Fortsetzung.)
mü dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage".
Tie btulfdHiiflHfd'cn Beziehungen
sind in der letzten Zeit öfters Gegenstand der Betrachtung aller an den politischen Verhältnissen des Weltalls Interessierten gewesen. Und es *hat dabei überrascht, daß das stolze England offenbar sich in einer etwas ungemütlichen Situation befunden bat. Warum, so fragt man sich. Nun, die Frage ist: sehr: einfach beantwortet. Der berechtigte Zorn bes deutschen Volkes über die deutsch-feindliche Politik der Engländer ist tiefer gegangen, als die Herren über dem Kanal annahmen. Nach altem Brauch fegen die Engländer ja über alles Nichtenglifche mit einer gewißen Verachtung hinweg. Nachdem sie eingesehen haben, daß bei dem deutschen Volk damit nichts anzufangen ist, wenden sie andere Mittel auf. Zu diesen gehört die Reise des Lord Haldane, die vugenbticklich die Parlamente und' Politiker wieder beschäftigt Hai. Zuerst leugnete man den amtlichen Charakter der Reise Haldanes, jetzt bestätigt man ihn, sowohl im deutschen Reichstag, als auch in den englischen Parlamenten. Herr Asquith hat dabet weiter es als Erfindung und Legende und Produkt einer ausschweifenden Einbildungskraft bezeichnet, daß im Sommer fo üble Plane gegen Deutschland bestanden hätten. Man darf wohl daran erinnern, daß die Mitteilungen darüber aus den politischen Kreisen Englands stammten und daß in den damaligen Debatten der englischen Parlamente kein Minister sich bereit fand, diese die ganze Welt aufregenden Mitteilungen nur in einem Punkte zu dementieren. Wenn ein englischer Minister jetzt — ein halbes Jahr nachher — im Interesse des Friedens es für gut hält, die Angaben zu dementieren, so ist das für die heutige Lage bezeichnend. Asquith hat auch von den „traditionellen Gefühlen Englands" gegen uns gesprochen. Minister müßen so reden. Aber die ganze Geschichte straft seine Worte Lügen und besonders die Ereignisse des letzten Sommers. Ja, ein Blick in die englische Preße von heute zeigt, was man von der „traditionellen Freundschaft' der leitenden Stellen in der auswärtigen Politik uns gegenüber zu halten hat. Tag für Tag fordert man, daß der Ereyfchen Politik gegen uns ein Ende gemacht wird. Es ist wohl unnötig, auf diesen Punkt näher einzugehen. Gerade, wenn wir auf die traditionellen Gefühle Englands uns gegenüber sehen, werden wir zu äußerster Vorsicht gemahnt. Ja, noch vor wenigen Tagen hielt es Lord Churchill angebracht, uns zu verdächtigen und unsere Flotte einen Luxus zu nennen. Das ist aber der springende Punkt: Die Empörung unseres Volke» und die Stärke unserer Flotte respektiert man in Enland, und daher sucht man in Bewußtsein des bösen Gewißen» wieder mit uns in ein besseres Verhältnis zu kommen.
Wie es scheint, ist mit Lord Haldane bei den Berliner Verhandlungen über die Rüstungsstage nicht gesprochen worden, und das ist gut so, denn wir sind nicht in der Lage, uns in diesem Punkte, wenn auch in verschleierter Form, von England Vorschriften machen zu laßen. Mit Gefühlen läßt sich wenig anfangen Erst soll uns England durch die Tat beweisen, daß es uns wohlgesinnt ist. Der üble Eindruck des vorigen Sommers läßt sich durch scköne Worte und Besuchsreisen angenehmer Herren nicht aus der Welt schaffen. Das deutsche Volk ist mündig. Wie nötig es aber gerade ist, auf der Wacht zu sein, das zeigen uns die Verhandlungen über das Flottengesetz in Frankreich. Dort hat man — unter Zustimmung der Genoßen — ein Flottengesetz angenommen, in der Hoffnung, die der Deputierte Bienaim^ in den Worten zum Ausdruck brachte: „Wir werden Deutschland dereinst auf dem Meere erschlagen und zur See erdroßeln." Englische
Über sie hinaus. Über den kleinlichen Kreis, den Geburt und Erziehung um ihn gezogen, — über sich stlbst. *
Gitta war in der ersten Zeit nach Georgs Abreise unfähig, ihr« Gedanken aus di« ihr sonst so liebe, vertraute Beschäftigung zu richten. Sie rührte die Feder nicht an und ging unruhig umher, als suche fi« etwas.
Die Mutter zeigte in ihrem Verhalten eine grämliche Verschloßen- heit Gitta merkte es kaum, so vertieft war sie in ihrem eigenen Schmerz, der ihr ganzes Wesen durchdrang. Ihr war zu Mute, als sei sie wieder die einsame kleine Lehrerin, der niemand etwas zu Liebe tat, um dir sich keiner kümmerte. Eie fühlte fi» grenzenlos verlaßen. Ihr Herz lag ihr wie pin Stein in der Brust. Hartwig kam schon In der ersten Woche einmal heraus und wollte st« mit in das Opernhaus nehmen.. Sie lehnte ab. .
Seien Sie nicht böse, lieber Freund. Ich kann jetzt nicht unter Menschen gehen. Laßen Sie mich noch eine Weile mit meinem Treu- nungssckmerz allein. Er muß erst austoben. In Georg» Gegenwart mußte ich mich beherrschen; da» rächt fich jetzt."
„Sie sollten gerade deshalb etwas tun, um abgelenkt zu werden. Das kann ich vor Georg nicht verantworten, daß ich Sie allein laße iw dieser Stimmung."
Eitta zwang fich zu einem Lächeln. „Ich versprech« Ihnen, da» wieder vernünftig zu sein. Nur ein paar Tage laßen Eie mir noch Zeit. Dann gehe ich gern zuweilen mit Ihnen in ein Theater oder Konzert. Mutter kann uns ja begleiten, damit auch fi« etwa» Ze» streuung hat. Nicht wahr, Mutter?"
Die alte Dame lehnte finster ab. „Cafe mich zufrieden; mir steht der Sinn nicht nach Zerstreuungen."
. „Aber, Mama Feldhammer, seien Sie doch kein Unmensch. «Beim Sie e» nicht Ihretwegen tun, dann werden Sie doch Frau ®ttta» mgal manchmal aus Ihrem Bau herau»kriechen." J
Sie sah ihn Über die Brillengläser hinweg scharf an. i
(Fortsetzung WJ |
Minister pflegen aber in allen ihren Reden besonders zu betonen, daß sie mit Frankreich aufs allerengste verbunden find. Nun wird der franzöfische Herr mit seinem frommen Wunsche wohl noch einige Zeit haben, aber die Engländer werden e» uns nicht Übelnehmen, wenn wir zunächst in kühler Reserve beharren und, trotz aller Reisen und Reden, auf den Ausbau unserer Wehrmacht be- dacht find, die gewiß kein Luxus ist. Gern find wir bereit, wie wir das in langjähriger Friedenszeit bewiesen haben, mit allen und besonders auch mit einer so bedeutenden Macht wie England in Frieden zu leben. Und wir freuen uns, wenn sie uns dies leicht machen. Aber Taten beweisen, nicht die Methode Zuckerbrot in Worten und Peitsche in der tatsächlichen Haltung.
Die englische Preße ist glücklicherweise auch von der Empfindung beseelt, daß das ewige Betonen freundschaftlicher Gefühle uns gegenüber in der Tat keinen Zweck hat. So schreibt „Daily Chronicle": „Wir heißen den Eifer, den die Regierung in dieser Sache bekundet hat, und nicht minder die erfreuliche Wärme bei den gestrigen Ausführungen über Deutschland herzlich willkommen. Auf Worte müßen nun Taten folgen. Aber wir glauben, daß, nachdem unsere Sprache und unsere Empfindungen aufgetaut find auch unsere Beziehungen auftauen werden." Und ähnlich urteilen andere Blätter, die alle die Erklärung des Ministers begrüßen. Dagegen zeigt di» „Morning Post" eine skeptische Haltung und sagt: „E- ist niemals klug, internationale Erörterungen zu beginnen, die zu keinem Ergebnis führen. Die Beziehungen werden danach eher schlechter als belfer. Wir hätten eine geduldige Zurückhaltung und sorgfältige Untersuchung über die Ziele der britischen Politik wie über die Mittel, fie zu verwirklichen, vorgezogen." ,,
Die franzöfische Preße kann eine leichte Ueberraschung nicht recht verwinden, und fie legt den Ton darauf, daß in der Triple- Entente alles beim alten bleibt. Der „Gaulois" meint ferner: „Es handelt sich einfach darum, der Politik der beiden Mächtegruppierungen eine Entwicklung im Sinne de» Friedens zu ermöglichen. In dieser Hinsicht können die englisch-deutschen Annäherungsbestrebungen eine bemerkenswerte Tragweite haben. Wir brauchen un» nicht darüber zu beunruhigen; im Gegenteil, wir können uns dazu beglückwünschen. Es liegt in unserem Jn- tereße, daß eine Ruhepause eintritt, die gestattet, das so mühsam errungene marokkanische Protektorat auf eine feste Grundlage zu stellen."
Im englischen Unterhaus« «griff nach der 9toe von Bonar Law Herr Asquith das Wort. Er gab im Verlaufe feiner Rede eine bedeutsame Erklärung ab Über die deutsch-englischen Beziehungen. Er bezog sich aus einen Zwischenruf, den ein Mitglied der nnionistischen Partei während der Rede Bonar Law» getan hatte, daß nämlich Haldane auf knet Mission in bengalischem Lichte nach Berlin gegangen sei, und fuhr fort- Der allgemeine Vorwurf gegen un# und besonders gegen den Staatssettetär des «eußeren ist der, daß Geheimniskrämerei und eine unterirdische Politik getrieben worden sei. Di« englische Regierung nehme so erklärt« Asquith demgegenüber, ihre diplomatischen Schritte geradezu in bengalischem Lichte vor. (Heiterkeit.) Aber das ist, führt« er weiter aus, eine sehr ernste Angelegenheit, und ich möchte mit bezug auf sie eine ernsteSprache gebrauchen, aber auch ich freue mich, das sagen zu können, eine hoffnungsvoll« Sprache. (Beifall.) Es ist eine unbezweifelte und höchst beklagenswerte Erscheinung, daß die traditionellen Gefühle der Kundschaft und de» guten Willens zwischen Deutschland und unserem Lande während der letzten Monate ernstlich getrübt waren. Wenn eine Atmosphäre des Argwohn» geschaffen ist, nimmt die Fiktion den Platz der Tatsache ein und Legenden, die sonst als unglaubhaft verworfen werden würden, werden leicht angenommen und in weiten Kreisen geglaubt. Un» wird zum Beispiel erzählt, daß es in Deutschland viele Leute gibt, die fest glauben, daß wir einmal oder einige Male int
Seine wenigen Mußestunden füllte er damit aus, Paris zu durchstreifen, um das Leben und Treiben auf den Straßen und Plätzen kennen zu lernen. Sonntag nachmittags ging er zuweilen hinaus nach dem Bois de Bologne, um die eleganten Pariser und Pariserinnen an sich vorbeiziehen zu laßen. ,
Aus manchem Frauenauge trafen bewundernde Blicke die feinen, und mancher schöne Mund lächelte dem stattlichen jungen Deutschen mit dem energisch geschnittenen Gesicht heimlich zu. Aber nichts vermochte die Erinnerung an Gittas Augen zu verwischen oder die Sehnsucht nach ihr zu betäuben. Nur einmal, wenn eine Gestalt, die Gitta glich, vor ihm her ging, dann lief ein Zittern Über ihn hin; und er behielt die Gestalt im Auge, so lange er konnte.
Im ganzen hielt er sich sttv für sich. Nur selten verbrachte er mit Kollegen einen Abend in einer der viel besuchten Künstlerkneipen. Man nannte ihn den deuffchen Träumer und neckte ihn mit der Sehnsucht nach einem deutschen, blonden Mädel. Niemand wußte, daß er verheiratet war, selbst Moßenior hatte er es verschwiegen, weil et gefürchtet hatte, nicht als Schüler von ihm angenommen zu werden.
Moßenior war selbst unverheiratet und hielt nichts von Künstlerehen. Deshalb schwieg Georg auch weiter über seine Ehe. Er hätte es nicht ertragen, irgend ein abfälliges Urteil darüber zu hören.
Bei alledem machte er fleißige Fottschritte und fühlte selbst, wie ihm gleichsam die Augen geöffnet, die Hände gelöst rSurden. Moßenior war ein Meister der Farbe; und Georg lauschte ihm sein Können ab und machte es sich zu eigen.
Durch bas Vertiefen in fich selbst wurde er auch innerlich ein anderer. Die Veränderung seines Wesens, die mit seiner Heirat und dem steten Umgang mit Gitta begonnen hatte, wurde durch den Trennungsschmerz und die Sehnsucht nach ihr vollendet. Er kam fich selbst vor wie ein anderer Mensch; und wenn er an seine kleinliche ewig nörgelnde Mutter dachte, geschah es mit einem Gefühl, als hab« die Entfernung von ihr einen Bann gelöst, der viel Großes und Schönes in ihm ersttckte.
Er wurde innerlich ganz frei von ihm in dieser Zeit. Ri« mehr würde fi« Einfluß haben auf sein Denken und Empfinden. Er wuchs
Tic „Oberhessische Zeitung- erscheint täglich mit Ausnahme der ^<mn- und Feiertage. — Der Bezugspreis betragt vrerteliahrlich durch die Post bezogen S.26 Jt lohne Bestellgeld), bet unseren ZertungSstellen lo 40 und der Expedition (Markt 21) 2.00 <X frei in» $au8. (»ür unber. *■=« innat zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei
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