mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage-.
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1912
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Sie „Cbtrheffifdie Smung" eqdjcmt täglich mit »ujnaij.ne Der eenn» und Feiertag«. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 9.25 <Ä lohne Bestellgelds, vet unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 <X frei ins Haus. (Für unverlangt zugeiandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keine' >ei Verantwortung). Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Jnd.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
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Sonntag, 11 Februar
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Grffss Blatt.
—————■——— Die bentrge Nummer umfaßt 12 Seiten
Vom Tage.
Es geht allerhand vor. Das ist die Signatur unserer Zeit; besonders in den letzten Tagen häufen sich die politischen Ereignisse. Es war bekannt, daß den Engländern die Stimmung im Deutschen Reiche nicht gerade sehr angenehm war. Man hatte sich in der Marokkosache zu sehr in die Karten sehen lassen, und unsere verehrten Vettern halten immer noch darauf — trotz ihrer Geschichte! —, daß sie ein Volk des Friedens, der Freiheit und der Zivilisation seien. Verlockende Töne klingen darum nach den Keulenschlägen gegen uns über den Kanal. Ein Blatt, ein Abgeordneter nach dem andern nimmt sich Grey vor, um ihm zu sagen, daß seine antideutsche Politik nicht richtig sei. Wenn sie es ernst meinten, so schlicht man in Deutschland, so mühte doch in einem Lande, wo der Parlamentarismus herrscht, der Greyschen Politik sehr leicht beiznkommen sein. Doch das sind ketzerische Gedanken. Einstweilen ist
Lord Haldane,
der englische Kriegsminister, in Berlin, um auf einem anderen Wege die deutsche Stimmung zu beschwichtigen. Zwar bemühen sich die offiziösen Kreise festzustellen, dah Herr Haldane keine offizielle Mission zu erfüllen habe, aber daneben hinaus wird mit vielsagendem Augenzwinkern erklärt, dah auch politische Unterhaltungen gepflogen werden. Er selbst hat einem Berichterstatter der „Voss. Ztg." auf die übliche Frage nach der Besserung der deutschenglischen Beziehungen erklärt: „Nichts wäre mir lieber! Meine Freundschaft für Deutschland ist wohl so bekannt, dah ich ste nicht erst zu betonen brauche. Ich möchte dies sagen: Ich habe in Berlin verschiedene sehr interessante Gespräche geführt; ich weiß, ich noch eine ganze Reihe nicht minder interessanter führen und hoffe von ganzem Herzen, dah jedes einzige dieser Gespräche zu einer Besserung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern führen wird." Was sollte der Mann nun eigentlich anderes sagen? Die „Times" aber schreiben schon deutlicher: „Man hat gefühlt, dah Lord Haldanes Anwesenheit benutzt werden könnte, um den Wunsch nach einer offenen Aussprache mit einem Mitglied der britischen Regierung zu erfüllen, der kürzlich von sehr hoher Seite in Berlin geäußert wurd". Lord Haldane ist besser imstande als sonst jemand, die in Deutschland heischenden Mißverständnisse zu beseitigen. Alle Kreise Englands und seiner Berbündeten würden stch beglückwünschen, sollten diese unoffiziellen Gespräche dazu dienen, das in Deutschland grundlos hervorgerufene Mißtrauen zu zerstreuen. Aber es kann nicht zu nachdrücklich erklärt werden, dah keine Rede davon ist, Deutschland Anerbietungen zu machen, sei es auf kolonialem Gebiete oder sonstwo." In einem Leitartikel erklärt das Blatt sich gegen die Politik der Reise Haldanes, die eher verschlimmernd wirken könne. Demnach ist der politische Zweck der Reise zunächst der nach altem Rezepte „Mißverständnisse zu beseitigen", zu deutsch, uns einzuseifen. Und weil unser Mißtrauen diesmal besonders groh ist, schickt man den leibhaftigen Kriegsminister. Ob es freilich Erfolg hat, solange keine bestimmten Zusicherungen gegeben werden, bleibe dahingestellt. Der offizielle Charakter des Besuches erhellt aber aus folgenden Nachrichten:
Der englische Krieasminister Haldane folgte einer Einladung zum Diner beim Reichskanzler, wozu noch geladen waren Professor Harnack, mehrere Generale und Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter. — Paris, 9. Febr. Die hiesigen Blätter bringen lange Berichte über die Berliner Reise des englischen Kriegsministers Haldane, der sie durchweg besondere Bedeutung beizumessen scheinen. Der „Eaulois" schreibt: Die Kampagne für eine Annäherung zwischen England und Deutschland macht offensichtlich fruchtbare Fortschritte. Auch wenn sie nur eine Entspannung herbeiführen würde, dann würde dies genügen, um unsere Aufmerksamkeit und Wach-
samkeit hervorzurufen. — Englische Blätter geben bereits den
Bnlme riet
Eine große Tat ist gelungen! Der Kulturgedanke hat in Berlin wie- Ht einmal einen entscheidenden Sieg über die „finsteren, reaktionären Staatsgewalten davongetragen" — nein, es ist nicht eine neue Wo.hl- "techtsrorlage eingebracht worden, — aber man denke: trotz allen Widerstandes ist es gelungen, die Genehmigung für das Berliner Sechstage- Rennen durchzudrücken! Welch ein Erfolg! Der Berliner Sportpalast in der Potsdamer Straße darf hinfort verlangen, daß ihn der Vorkämpfer des Kulturfortschrittes nur mit andächttgem Schauern betrachtet, in ihm gewissermaßen einen Tempel der Freiheit erblickt. Denn hier findet zurzeit das heißumstrittene Sechstage-Rennen statt. Stumpfsinnige Re- altionäre behaupten zwar, daß diese Sechstage-Rennen weder einen Kultursortschritt, noch überhaupt eine erfreuliche Sache bedeuten; aber was weiß der Reaktionär von Kultur? Man gehe doch selbst einmal hin und sehe sich dieses Phänomen mit eigenen Augen an! In der weiten Vorhalle fallen einem schon die prächtig gallonierten Diener auf. Jeder einzelne sieht in {einet blauen Uniform mit dicken Eoldverichnürungen aus wie ein amerikanischer General, — einfach achtunggebietend! Man wird ordentlich von einem Schauer der Ehrfurcht übermannt. Und das Publrkum, das sich in der Halle aufhält, bar auch so etwas Fremdartiges, daß es dem biederen deutschen Staatsbürger von vornherein imponieren muß. Hier Sportkappe, Fußgamaschen und Sweater — eine gewiß sehr elegante Tracht, wenn auch die übrigen Bekleidungsstücke meist sehr stark derangiert sind, dort Pelz und Zylinder und dazwischen, umhüllt von duftigen Parfümwolken, in auffälliger Toilette „die" Damenwelt — > prächtig fürwahr, alle» sehr prächtig. Der einzeln« Schutzmann, der I
„rein privaten" Charakter des Besuches preis, und der „Daily Telegraph" erklärt, vom britischen Auswärtigen Amt zu folgender Erklärung autorisiert zu fein: „Lord Haldane ist in feiner Eigenschaft als Präsident der königlichen Kommission für Universitätsstudien in Begleitung seines Bruders Dr. Haldane nach Berlin abgereift, um sich über gewisse Fragen der wissenchfaftlichen Erziehung auf deutschen Universitäten zu unterrichten. Da er aber mit vielen leitenden Geistern in Deutschland persönlich bekannt ist, so wird er zweifellos auch Gelegenheit zu Unterredungen über die politische Lage und die Beziehungen zwischen den beiden Ländern haben."
Die Krisis in Bayern
hat eine überraschende Wendung genommen. Der eigenartige Schritt des Ministeriums Podewils am Tage der Wahl, die es selbst hervorgerufen hat, sein Amt niederzulegen, hat es nicht gerettet. Was anfangs behauptet, später wieder abgestritten wurde, ist Ereignis geworden. Freiherr v. Hertling, der Führer der Zen- trumsfraktion des Reichstages, ist zum Ministerpräsidenten ernannt und mit der Neubildung des Kabinetts betraut worden. Frhr. v. Hertling ist zweifellos einer der bedeutendsten Politiker des Zentrums. Er ist heute bereits 69 Jahre alt. Er war zuerst* Privatdozent in Bonn, dann Professor in München. Schon mit 32 Jahren wurde er in den Reichstag gewählt, wo er bald als ein schlagfertiger Debatter und feiner Poiliker geschätzt war. Als Mensch gilt er als vornehmer und fester Charakter. Sein diplomatisches Geschick machte ihn zum Führer der Zentrumsfaktion, dem es gelang, das Zentrum aus seiner oppositionellen Stellung in wenigen Jahren wieder zu einer ausschlaggebenden Partei zu machen. Es ist das erste Mal, daß in einem deutschen Bundesstaat die Partei des Zentrums ein Ministerium stellt.
Richt geringe politische Aufregung brachte die Präsidentenwahl im Reichstage.
Sie hat die denkbar überraschendste Wendung genommen. Die liberale „Mehrheit" ist zerfallen, die Sozialdemokraten haben die Wayl des Prinzen Carolath zum ersten Präsidenten verhindert, indem sie auch im zweiten Wahlgang an Bebel als ersten Kandidaten festhielten. Infolge davon kam es zu einer zweiten Stichwahl, inwelcher der Reichstag zwischen Spahn und Bebel zu entscheiden hatte. Der Sieger blieb Spahn, und so hat denn der Feldzug gegen den schwarzblauen Block dahin geführt, daß ein Zentrumsmann wieder erster Präsident des deutschen Reichstages ist Das traurige aber ist, daß bei der Stichwahl zwischen Spahn und Bebel nicht nur die Fortschrittler, sondern auch ein Teil der Nationalliberalen für Bebel stimmten, trotz der Ohrfeige, die ihnen die Sozialdemokraten durch die Verhinderung der Wahl des Prinzen Carolath gegeben haben. Nur 11 Nationalliberake, und "wenn man von Dr. Becker und dem Freiherrn Heyl zu Hernsheim, bei denen das selbstverständlich war, absieht, so haben nur 9 Mitglieder der nationalliberalen Fraktion die Wahl Bebels verhiih bert, indem sie für Spahn stimmten; 13 haben stch der Abstimmung enthalten, die größere Zahl der Nationalilberalen hat dem Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft, Bebel, die Stimme zum ersten Präsidenten des deutschen Reichstages gegeben!
Die nationalliberalen „Leipz. Neuesten Nachr." gehen darum mit ihren Parteifreunden sehr scharf ins Gericht. Sie schreiben: „Bennigsens Epigonen unter Bassermanns Führung wählen Bebel zum Präsidenten, senden ihn zum Kaiser, dem der Erkorene die Konstituierung des Reichstages verfassungsgemäß anzeigen mutz. Bennigsens Epigonen, die Nachfahren auch des Manes, der einst den Sieger von Sedan im Namen des deutschen Volkes als Deutschen Kaiser begrüßte, sind gewillt, auf Simfons Platz den Mann zu setzen, der damals, als der Krieg gegen Frankreich drohte, dem Deutschen Reiche die Mittel zum Kriege versagte. Der blinde Hödur schlägt wieder einmal den Völkerfrühling tot. Die Parteiwut rüttelt an den Marmorsäulen des Hauses! Und weiter: Um taktischer Spielereien willen darf man doch den tiefen Spalt nicht verkleistern, der zwischen dem nationalen Bürgertum und einer Partei besteht, die sich stolz als international, als revo-
gleichfalls in der Halle auf- und abgeht, erweckt fast den Eindruck, als wäre er hier das minderwertigste Wesen von allen. Aber es ist komisch, alle die Habituees des Scchstage-Rennens machen einen scheuen Bogen um ihn herum, trotz Pelz und Zylinder, trotz Parfüm und Federhut. Der schlichte Bürger, der sich vom eitlen Federhut blenden läßt, ist zunächst erstaunt ob dieses Faktums; wenn er aber erst einen Blick in den „Tempel der Kultur" geworfen hat, dann wird ihm bald so manches klar: eine tausendköpfige Menschenmenge, dir auf die ovale Bahn hinunterstarrt, auf der sich di« „Sechstage-Renner" um die Siegespalme quälen, — stumpfsinnig surren di« Räder hintereinander her —einmal, zweimal, dreimal um die lange Bahn herum. Dem Uneingeweihten erscheint dieses Spiel merkwürdig sinnlos, bis plötzlich Bewegung in die Radfahrer kommt. Ein Paar schiebt sich aus der Reihe vor — man sieht, wie die übrigen Radler lebendig werden, und nun fängt die Meng« an zu toben — wie ein richtiges Tier, das plötzlich einen Wutausbruch bekommt. Die tausend Gesichter verzerren sich, der Ausdruck, der aus ihnen spricht, oerrä1 nichts Gutes: Spielleidenschaft. Sensationsbedürfnis um jeden Preis, — aber nirgends steht man, daß diese Menge hier ist um des Spor!s willen Als „Sport" find diese Sechstage-Rennen ja längst abgetan. Diese nächtlichen Veranstaltungen, die eigentlich nur dazu da sind, daß sich ter nächt i.le Berliner hier ein Rendezvous gibt.
Aber als di« Polizeiverwaltnng sich dagegen sttäubte, diesen Humbug wieder zuzulassen, erhob sich ein allgemeiner Schrei der Entrüstung über diese reaktionäre Verwaltung, die eine solche „Kulturangelegenheit" verhindern wollte! Und nun hat Berlin also den Triumph, daß trotz allen Widerstandes dies« „große Sache" doch erreicht ist.
Bon der Königgrätzer Straße blickt neuerding» ein Riesenbau nach
| lutionär bezeichnet! Vergißt man denn, daß auch andere Zeiten kommen werden, daß man in künftigen Kämpfen doch zu der großen Entscheidung zwischen dem nationalen und dem revolutionären Prinzip wird ausretten müssen? Für diesen Kampf aber haben sie alle, die jetzt Herrn Bebel die Krone de» ersten Bürgers übertragen wollten, sich selbst der Waffe beraubt."
Die schwarz-rot-goldene Mischung, die heute auf dem Präsidium des deutschen Reichstages fitz, zeigt, wie, wie auch die Abstimmungszahlen, datz eine irgendwie entscheidende Mehrheit in dem neuen Reichstage nicht vorhanden ist. Der Kuddelmuddel kann losgehen.
In China dauern die Eifersüchteleien zwischen Sunyatsen und Juanschikai fort. Die Annahme, datz die Mächte endlich doch wohl in den Streit eingreifen werden, scheint nach den Ermittelungen des deutschen Botschafter» in Washington verfrüht. Dieser stellte fest, daß die Integrität Chinas gewahrt werden soll — wenigsten» haben die Vereinigten Staaten diese Absicht. Ob sich aber Rußland und Japan danach richten werden, ist eine andere Frage.
In der jüngsten Republik Portugal herrscht der Säbel. Der „Vorwärts" klagt darüber, datz die erwählten Männer des Volke» bei dem Aufftande in Lissabon und im Norden der Republik auf das souveräne Volk schießen lassen. Die Vorgänge in der freiheitlichen Republik wirken auf so manchen demokratischen Schwärmer recht ernüchternd.
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Politische Umschau.
Gefühlsduseleien.
„Genosse" Erdmann hat kürzlich in einem sozialdemokratischen Blatte seinen fortschrittlichen Wählern für die Unterstützung bei den Reichstagswahlen öffentlich gedankt und dafür vom „Vorwärts" einen gehörigen Rüffel erhalten. Noch heftiger fährt das rote Zentralorgan den „Genossen" Feuerstein an, der in der „Neckar-Zeitung", einem bürgerlichen Blatte, den Wählern der Fortschrittlichen Volkspartei für ihre Stimmen in der Stichwahl im Kreise Heilbronn-Besigheim „aufrichtigen und herzlichen Dank" abstottet und die Versicherung abgibt, er werde sich bemühen, „dieses Vertrauen auch zu verdienen". Der „Vorwärts" bemerkt hierzu: „Ein solcher Dankbarkeits-lleberschwang eine» Sozialdemokraten in einem bürgerlichen Blatte ist noch deplazierter als die Danksagung des Genossen Erdmann in einem Parteiblatte. Es handelt fich bei den Wahlen um ein einfaches, nüchternes politisches Geschäft, bei dem die Sozialdemokratie in der Mehrzahl der Fälle der gebende Teil war. Zv solchen Gefühlsduseleien lag also nicht die geringste Veranlassung vor." Das ist deutlich genug gesagt. Die Sozialdemokratie denkt gar nicht daran, dem bürgerlichen Radikalismus Konzessionen zu machen, um diesem zu der ersehnten Machtstellung im politischen Leben zu verhelfen. Mag der Fortschritt an die Verwirklichung solcher Illusionen noch glauben und den „Genossen" seine Liebenswürdigkeiten aufdränden, die Sozialdemokratie denkt zu nüchtern, um fich darauf einzulassen, sie erblickt darin nur zwecklose „Gefühlsduseleien".
Deutsches Reich.
— Die Erkrankung der Prinzesfiou Viktoria Lu!se. Nachdem der deutsche Kronprinz, begleitet von seiner Gemahlin, sich nach Celerina begeben hat, um die Folgen seines schweren Katarrhs gänzlich zu beseitigen, ist nun auch seine Schwester Prinzessin Viktoria Luise an einem heftigen Bronchialkatarrh erkrankt. Sie wird ihrem Bruder nach dem sonnigen Höhenluftkurort in der Südschweiz zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit folgen.
— Die bayrische Ministerkrisis. München, 9. Febr. Die Kor- refpendenz Hofmann meldet: Seine König!. Hoheit der Prinzregent haben heute das Demissionsgesuch des Staatsministers des Königlichen Hauses und des Aeußern, Dr. Graf v. Podewils, angenommen und diesen unter Verleihung des Hausritterordens vom Heiligen Hubertus und unter Belassung des Titels und Ranges eines Königlichen Staatsministers in den erbetenen Ruhestand versetzt. Gleichzeitig hat Se. König!. Hoheit der Prinzregent den Königlichen Kämmerer Reichsrat Dr. Georg Freiherr v. Hertling zum Staatsminister des Königlichen Hauses und des Aeußern ernannt und ihn beauftragt, Vorschläge über die Neubildung des Gesamtministeriums zu unterbreiten.
dem Potsdamer Platze. Sein schwerfälliges Rund, das durch eine Kuppel gekrönt wird, erinnert auf den ersten Blick an die Engelsburg zu Rom. Rein — es ist kein neuer Dom, der hier erstanden ist —, wir haben an dem Bau am Schloßplatze schon genug, und ehe dem Berliner nicht wieder friederizianisch-ernste Zeiten beschert werden, ist für ihn ein „Bergnügungsetablissemeni" auch viel wichtiger. Das ist denn der Riesentempel am Potsdamer Bahnhof auch in aller Potenz. Schon beim bloßen Anhören des Namens muß einem dasjHerz lachen! Man denke: „Piccadilly"! Piccadilly ist in London eine ganze Straße, an der fich ein Dergniigungslokal an das andere reiht, hier in der Reichshauptstadt soll das nun alles auf einmal in einem einzigen Riesenbau geboten werden. Ob ein Bedürfnis dafür besteht? Nun, wir haben ja an fich genug Stätten, wo man fich amüsieren kann, wenn sie auch in der Umgebung des Potsdamer Platzes gerade ein bißchen dünn gesät sind, aber die Bedürfnisfrage ist in Berlin zunächst ganz gleichgültig. Der Riesen- rummelplatz, genannt „Piccadilly,,, wird schon Zulauf erhalten. Da» sah man, als am letzten Sonnabend die „Kammerlichtspiele" — der Riesenkientopp — eröffnet wurden. Da strömte alles herbei, was „ein bischen was" ist, und trotzdem konnte man nicht bemerken, daß es tu anderen Vergnügungslokalen deshalb leerer geworden war. Der gepowerte Berliner hat eben noch recht viel Geld Übrig, um sich zu amüsieren, mehr jedenfalls, als die Agrarier, wenn man es auch nicht wahr haben will. Wenn die in der nächsten Woche wieder, wi« alljährlich, nach Berlin kommen und sich dann einmal im Jahre überall da zeigen, wo sonst nur Berlin W herrscht, Dann heißt e» natürlich: „Seht bte „Notleidenden", bi« haben'» gut, die tönen sich war leisten!"