mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Stellagen: „Rach Feierabend", „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage".
M 29
Die „Oberhefusche Zeitun," erscheint täglich mit Ausnahme der ecnn» und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch Vie Post bezogen 5.26 * (ohne Bestellgelds, oet unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 * frei in» Hau». (Für unver. lanat zugesandte Manuskripte übernimmt d,e Redakt,on keinerlei Berantwortunq). Druck und «erlag der Univ.-Buchdruckeret I. A. Koch (Jnb.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 66.
Crites Blatt.
Die beuhflc stummer umfaßt 12 Seiten.
Marburg
Sonntag, 4. Februar
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47. Jahrg«
1912.
Die Konstellation.
gicä) immer wird das vieler Variationen fähige Thema,' ob der schwarzblaue" oder der „rosarote" Block oder Eroßblock eine „Mehrheit" Im neuen Reichstage habe, namentlich von den Blättern der Linken eifrig erörtert und die ernsthaften Untersuchungen, ob dieser oder jener Lothringer oder bayrische Bauernbündler zu diesem oder jenem Block zu rechnen sei, lesen sich ebenso ergötzlich wie die Versuche, die Minderheit von 2 Stimmen mit der freisinnige „Schutzzöllner" Korell in Bingen nicht gewählt ist, wegzudisputieren. Neben dem Siegestaumel über den Tod des schwarz-blauen Blocks, der in mehr als einer Beziehung iniereffant ist, treten aber schon Betrachtungen in den Vordergrund, die den tatsächlichen politischen Verhältniffen eher gerecht werden. Der Block Bülows hat gezeigt, daß es nicht so leicht ist. disparate Elemente zusammenzuhalten, wer aber wollte leugnen, daß zwischen der Weltanschauung guter nationalliberaler Kreise und der des Herrn Liebknecht eine Kluft liegt, die größer ist als der Abstand von Wiemer nach Kröcher. Die parlamentarische Arbeit aber entscheidet und die richtet sich danach, welche Fragen ihr vorgelegt werden. Mit recht betont ein nationalliberales Blatt bereits jetzt, daß „nichts törichter sei, als die Parteigruppieruug des Wahlkampfes auf die Arbeit im Reichstage übertragen zu wollen", And daß bei den mehrheitslosen Parteiverhäliniffen unseres Reichstages praktische Arbeit nut zu leisten sei, „wenn sich diejenigen morgen als Arbeitsgenossen zusammensinden, die sich gestern als Gegner gegenüber« standen". Mag es auch noch nationalliberale Blätter geben, die es vorzogen aus den Worten des „Vorwärts" Aber den Ausgang der Wahl die Erklärung einfach - wegzulassen, die besagt: „Wir wollen dem Kapitalismus kein Entrinnen mehr gönnen." Die eminenten Gegensätze dürsten stärker sein als die Taktik. Das ist so selbstverftändlich, daß man garnicht darüber zu reden braucht.
Zunächst steht die Präsidentenwahl auf der Tagesordnung. Die stärkste Partei ist die Sozialdemokratie. Rach altem freilich schon durchbrochenem Brauch, hat sie den Präsidenten zu stellen. Sie weiß aber schon, daß suTt ihr gern nach dem Grundsatz verkehrt: „Blamier' mich nicht, meti. liebes Kind, und grüß mich nicht unter den Linden"... und darum soll sie bereits nur auf einen Sitzim Präsidium reflektieren. Blätter der Linken versuchen das auch schon den Eenoffen flat zu machen, sie weisen auf die Repräsentationspflichten hin u. s. f. Da kommen sie freilich bös an und der „Vorwärts", der sich seit der Wahl als praeceptor Eermaniae fühlt, schreibt ihnen ins Stammbuch: „Der Ent- sckeid siebt ausschließlich der sozialdemokratischen Fraktion zu, und der Versuch einer Einmischung anderer Parteien müßte von vornherein als demütigend mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden." Dies macht nun freilich sogar die „Frankfurter Zeitung" bös, sie appelliert von dem Organ an die Fraktion und schreibt: „Der „Vorwärts" weiß so gut wie sonstwer, daß nicht die Haltung jeder der in Betracht kommenden Parteien außer Zweifel steht, weil es sich auch um herkömmliche Bedingungen handelt. Darüber zu sprechen, kann also der Sache nur förderlich sein . Nicht dasselbe läßt sich von der allzu kühnen Bemerkung der „Vorwärts" sagen. Vielleicht ist aber die Fraktion politischer als ihr Organ." Man sieht, mehr als den Eroßblockphantasten lieb ist, tritt das Problem der 110 Genoffen im Reichstage von vornherein beherrschend auf.
Schon die nächsten Tage werden eine Entscheidung bringen, wie das Präsidium des Reichstages aussehen wird. Daß sie bet der jetzigen politischen Gesamtlage besonderes Iirtereffe beanspruchen und für die Stellung der Parteien im gewiffen Sinne vorläufig entscheiden, dürfte klar sein. Soeben hört man, daß für den Wahlkampf ein festes freisinnig-sozialdemokratisches Bündnis vorlag. Da die Wucht der Sozialdemokratie eine ganz andere ist als die des Freisinns, der im ersten Wahlkampfe fein einziges Mandat erringen konnte, so ergibt sich das Verhältnis dieser Parteien zu einander von selbst. Sie werden, ja sie müssen die Wahlgemeinschaft auf die Arbeitsgemeinschaft übertragen.' Daß es ihnen gelingen wird, die Nationalliberalen mit herüberzuziehen, wird man nicht glauben. Dem aber muß entschieden entgegengetreten werden, daß linksliberale Kreise mit Bewußtsein dem deutschen Volke die Gefahren einer starken Sozialdemokratie vertuschen. Sie reden, als ob die Sozialdemokraten bloß noch so täten, in Wirklichkeit sich nach rechts hin ändern würden. Die Wahrheit dieses Satzes muß an der Hand der Tatsachen besonders geprüft werden.
Der Freisinn „dachte" sich die Sache so, daß er die Genoffen wengstens eine Zeitlang vor seinen Wagen spannen könnte, die Mauserungstheorie feierte ihre Triumphe und sogar die „Köln. Ztg." hielt es für angebracht, die Sozialdemokratie darauf hinzuweisen, daß es bet ihr liege, einer freiheitlichen Politik die Bahn zu brechen. Nach sozialdemokratischer Logik gehört dazu eben, daß dem „Kapitalismus" kein Entrinnen mehr gegönnt wird. Da scheiden sich die Wege und bet „Vorwärts" erklärt noch besonders: „Wir Sozialdemokraten haben keinen Grund, uns zu ändern. Wir haben uns nicht beirren kaffen in den Tagen des Rück- schlaas und wir werden uns nicht ändern in den Tagen des Sieges."
Das „B. T." meint: „Die Linke hat die Macht. Sie muß lernen, sie zu gebrauchen. Nicht um eine grundsätzliche Negation kann es ihr zu tun sein". Etwas anders denkt sich „Genösse" Ledebout das Arbeitsprogramm,' er sagt: „Unsere Hauptwirksamkeit im Reichstage wird nach wie nur propagandistischer Natur sein." Um aber den letzten Zweifel zu nehmen, welcher Art diese Propaganda nur sein kann erläutert der „Vorwärts" das revolutionäre Endziel, das nach wie vor die Eroberung der Staatsmacht zur Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft bleibe. Den „Wahn" aber, die Sozialdemokratie werde immer mehr eine radikale Arbeiterpartei, eine Hilfstruppe des siegreichen Liberalismus, nennt der „Vorwärts" Verleumdung.
In ähnlichem Sinne äußert sich die .Leipziger Volkszeitung": „Die Sozialdemokratie hält sich die Augen frei »on Illusionen. Sie weiß, daß die Entscheidungskämpfe nicht im Parlament und nicht mit parlamentarischen Mitteln durchgekämpft werden. Sie wird selbstredend, wie es ihre Pflicht ist. nach wie vor die parlamenrarische Macht bis zum äußersten ausnutzen, um Vorteile für die besitzlosen Massen herausschlagen, aber sie weiß, daß diese Maffen selber dabet sein müssen, wenn wirklich große und dauernde Erfolge errungen »erden sollen." Das ist deutlich und klar.
Sind das nicht eminente Gegensätze zu jeder bürgerl chen Politik. Und «eU in der Sozialdemokratie selbst das Bewußtsein davon völlig klar vorhanden ist, hat sie auch keine Lust, ihre Ziele zu verschleiern. Nach der „Frkf. Volksstimme" weiß sie, daß sie bei den großen Entscheidungen, die sich für eine vielleicht nicht mehr ferne Zu« fünft vorbereiten, sich auf nichts und niemand verlaffen kann, als auf sich selbst und die Kraft ihres überzeugten Anhangs. Diese Gewißheit wird die Richtlinie ihres Verhaltens bleiben im neuen wie im alten Hause." Und der „Vorwärts" schreibt: „Wir sind groß und mächtig geworden in bet Befolgung unserer Prinzipien, die unsere Gegner verhöhnt haben. All unsere Kraft gilt der Gegenwartsarbeit, weil diese Gegenwartsarbeit Zukunftsarbeit ist. Aber wir würden die Quelle unserer Kraft verschütten, wenn wir dort paftieren wollten, wo dies Pak- tteren eine Stärkung des Gegners wäre. Für die Machtmittel des bürgerlichen Staates für die imperialisttsche Politik haben wir heute wie gestern feinen Mann und keinen Groschen übrig."
Das Fazit lautet ganz einfach und flat: das Haus Bebel wird der Todfeind dieser Gesellschaftsordnung sein und bleiben, jedes Paktieren mit ihr stärkt aber seine Macht, denn es ist ein altes Gesetz, daß die radikalste Beweisführung noch immer die zugkräftigste gewesen ist. Schon als die Zahl der Genoffen noch nicht die Millionen erreicht hatte, wußte man, daß viele „Mitläufer" rot wählten, wenn sie auch nicht so dachten. Heute sind es 4 % Millionen. Aus den Mitläufern müffen also — Ge- ncffen geworden sein. Es genügt also nicht, . sich mit der Mitläufertheorie zu ttösten. Im Gegenteil, der Erfolg hat gerade die Reihen gestärkt, das ist der Kern des Problems der 110. Und wenn man die Aus- laffnngen der sozialdenrokratischen Preffe gerade jetzt nach den Wahlen mit einiger Unbefangenheit liest, so kann man sich darüber gar nicht im Zweifel sein, wie die Herren ihren Erfolg einschätzen und richtig einschätzen. Jedes Paktteren nahestehender bürgerlicher Parteien bringt ihnen Zuwachs und mutz ihnen nach dem Gesetz der Schwere Zuwachs bringen. Man sollte denken, daß das Gefühl dafür wenigstens jetzt in den Köpfen bürgerlicher Politiker wachsen würde. Das ist es. was die Konstellation der Parteien im Reichstage jetzt zeigen muß, und wie uns scheint, ist es für das deutsche Volk wichtiger, als der Hader der besonnenen bürgerlichen Parteien untereinander.
Deutsche Reich-,
— Der Dank des Kaisers an die Stadt Potsdam. Auf die Gliickwunschadreffe der Potsdamer städtischen Körperschaften aus Anlatz des Geburtstages des Kaisers ist folgendes Dankschreiben eingegangen: „Dem Magistrat und den Stadtverordneten danke ich herzlichst für die freundlichen Segenswünsche, mit denen fie mich in ein neues Lebensjahr geleitet haben. Wie der grotze König, deffen Andenken in der Potsdamer Bürgerschaft mit besonderer Pietät und Dankbarkeit bewahrt wird, weile ich auch stets gern in meiner Residenzstadt. Trägt sie doch wie keine andere Stadt der Monarchie in ihren Schlössern, Parkanlagen und Bauten das Gepräge seines Geistes und die charakteristischen Spuren seiner landesväterlichen Fürsorge. Die Bestrebungen der städtischen Behörden und der Bürgerschaft, die historischen Schönheiten des Pots- , damer Stadtbildes auch in Zukunft tunlichst zu erhalten, können meiner besonderen Teilnahme und Förderung allezeit gewitz sein. Wilhelm Rex."
— Das Stichwahlbündnis der Freisinnigen und der Sozialdemokraten. Die „Berliner Polit. Nachr." veröffentlichen folgende Mitteilung: „Als wenige Tage nach der Hauptwahl die dem Sinne nach übereinstimmende Stichwahlparole der Fortschrittlichen Bolkspartei und der Sozialdemokratie erschien, wurde in bet Preffe sofort darauf aufmerksam gemacht, daß diese llebereinstim- mung unmöglich das Erzeugnis eines Zufalles sein könne. Wit sind heute in der Lage, den aufklärenden Kommentar zu diesem Vorgang zu liefern. Am 17. Januar vormittags hatten sich im Direktionszimmer der Mitteldeutschen Kreditbank in Berlin einige Herren der Fortschrittlichen Volkspartei, sowie drei Vertreter der Sozialdemokratie eingefunden, um unter Vorsitz des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Direktor Mommsen über ein gemeinsames Zusammenwirken bei der Stichwahl zu verbandeln. Diese Verhandlungen führten zwischen der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokratie zu einem glatten Abschluß. Das Abkommen wurde nachmittaas durch den aetchäftsführenden Ausschuß der Fortschrittliche" Volkspartei gebilligt. Die Bemüb''naen eines ehemaligen namhaften Abgeordneten der Fortschrittlichen Volkspartei, der an demselben 17. Januar an die Parteileitung der nationalliberalen Partei herantrat, um auch diese zum Beitritt zu dem Süchwahlbündnis zu bewegen, wurde glatt abgelehnt." — Also doch'
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Ausland.
* * Keine Intervention Spaniens in Portugal. Paris, 2. Febr. Canalejos erklärte dem Madrider Berichterstatter des „Temps", dah die Gerüchte, wonach Spanien eine Intervention in Portugal plane, vollständig unbegründet seien. Die Regierung habe keinen Grund zu einer Intervention und werde auch nicht intervenieren. Wenn man Beweggründe suchen würde, von denen sich der Urheber dieses Gerüchtes leiten Hetze, würde man gewitz finden, daß er den Wunsch hatte, der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten.
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Marburg und Umgegend.
Nachdruck aller Orgtualartifel ist gemäß ff 18 des Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe ,L>berbeff. Ztg/ geitattet.)
Marburg, 3. Februar.
* Militärisch«. Ernannt zu Oberleutnants: Sunkel (Marburg) bes Jnf.-Rgts. 116, Riebeling (Marburg) des Znf.-Rgts. 160; zum Leutnant der Res.: Bizewachtmeifter Eallies (Marburg) des Feldart.-Rgts. Rr. 45.
* Universität. Dem Assistenten vom Zoologischen Institut, Herrn Dr. Karl Tönniges, wurde das Prädikat „Professor" verliehen.
* San der Kreisbahn. Für den morgigen Sonntag ist etw Sonderzug eingelegt, der um 1.34 Uhr im Anschluß an den nm 1.25 Uhr vom Hauptbahnhof abgehenden Zug vom Kreisbahnhof hier abfährt.
* Befitzwechfel. Das den Herren Gebrüdern Schwaner gehörige Haus Barfützerstratze 9 ging durch Kauf in den Besitz de» Metzgers Vergenstein aus Roth über.
* Monua Sauna. Unser Stadttheater hatte vorgestern sein Ereignis. Der Direktion war es gelungen, für die Titelrolle bes Maeterlinckschen Dramas „Manna Sanna" Agnes Sorma zu gewinnen. Der Name des illustren Gastes, wie auch bas viel- umstrittene Werk des belgischen Dichters bewirften, daß die Vorstellung vor fast ausoerkauftem Hause vor sich gehen konnte. An das Drama Maeterlincks find bei seinem Erscheinen von den verschiedensten Seiten die größten Hoffnungen geknüpft worden. Besonders sah man in ihm den Beginn der „neuen Richtung", auf die das Theater schon immer gewartet hatte und zwar einer neuen Richtung, die organisch fich aus dem bis dahin Dagewesenen entwickeln und nicht eine Revolution, sondern eine Evolution sein sollte. Inwieweit diese Hoffnung berechtigt war, fei dahingestellt. Darauf hingewiesen sei nur, daß das Werk mit seinem hohen künstlerischen und poetischen Gehalt zu den besten Maeterlincks gehört. Auffallend ist die Sorgfalt, die der Dichter auf die Technik des Dramas gelegt hat. Geschickt wird die Handlung vorbereitet und klug zögert der Dichter, auf dem dramatischen Höhepunkt fie fortzuführen, sodaß die Spannung, dieses wichtige Moment eines Dramas, nie versagt. Das Schausviel versetzt uns in die Zeit der Renaiffance, und zwar gibt die Belagerung von Pisa durch die Florenttner am Ende des 15. Jahrhunderts den geschichtlichen Hintergrund ab. Prinzivalli, der florentinische Condottiere, liegt schon wochenlang vor der Stadt, deren Besatzung infolge Mangels an Nahrungsmitteln und Munition geschwächt ist und einem entscheidenden Anstürme nicht mehr standhalten kann. Doch bet Feldherr zögert, zögert, obgleich er weiß, daß ihm dies in Florenz tückisch als Verrat ausgelegt wird, um sich der Pflicht der Dankbarkeit dem siegreichen Condottiere gegenüber zu entziehen. Dieses Bestreben, ihn als Verräter zu brandmarken, treibt ihn, den ehrlichen Krieger, erst zum Verrat. Er unterhandelt und fordert als Preis für die Schonung der Stadt, daß fich die von ihm geliebte Giovanna, die Gemahlin bes Kommandanten von Pfla, allein und nur mit einem Mantel bekleidet in der Nacht zu ihm ins Zelt begibt. Im Falle der Nichterfüllung feiner Forderung sollte die Stadt eingenommen und zerstört werden. Giovanna steht vor der Entscheidung, 30 000 Menschen umkommen zu laffen oder ihre Frauenehre hinzugeben, um diese 30 000 zu retten. Der Dichter läßt sie fich für letzteres entscheiden und stellt damit bett Satz auf, daß etwas an fich Unsittliches den Umständen nach zur höchsten Sittlichkeit werden kann. Der Fortgang der Handlung erspart Giovanna die letzten Konsequenzen ihres Ovferganges. Der Kraftmensch Prinzivalli entsagt in seiner übergroßen Liebe zu ihr seinen Forderungen und folgt ihr, der Reingebliebenen, nach Pisa, um fich vor der Rache der Florenttner zu schützen. Colonna, bet Gatte Eiovannas, glaubt nicht an ihre Reinheit und läßt sich auch durch nichts davon überzeugen. Ihm ist das nächste, Rache an Prinzivalli zu nehmen. Um den Unsckmldigen zu retten, bezichtigt sich Giovanna selbst des Ehebruchs. Der egoistische Unglaube ihres Gatten stößt sie ab und läßt ihre Liebe zu ihm erkalten, dafür aber umsomehr die unbewußt in ihrem Innern schlummernde reine Liebe zu Prinzivalli emporlodern. Sie seffelt ihn selbst und läßt ihn ins Gefängnis abführen, um ihn später zu befreien. Mit Bewußtsein hat d-r Dichter auf das Erwachen und Keimen der Liebe Paniias zu Prinzivalli die größte Sorgfalt verwandt . Man sieht, daß ihm dies durchaus die Hauptsache war und es gehörte, um es vorwegzunehmen, zu den besten Leistungen Frau Sorma, wie sie auf die Absichten des Dichters einging. — Die Aufführung am vorgestrigen Abend zifllte, auch abgesehen von dem Auftrrt-n von Agnes Sorma, zu den besten de Saison. Das Hauptintereffe konzentrierte sich selbstvcrständli k- auf die berühmte Künstlerin, die von Anfang an die Stimmun einfing und sie auch den ganzen Abend über in Barden hielt Jede Geste, jeder Schritt hat da seine Bedeutung. Das Zucken de- Mundes wie das Leuchten der Augen sagen mehr wie Worte aui zudrücken vermögen. Man ist gefeffelt und überwältigt von diese Kunst, die nicht darstellt, sondern nur erlebt, die man nicht ch schreiben, die man sehen soll. Das Publikum war denn auch tc ihr begeistert und spendete der Künstlerin den wärmsten m.- innigsten Beifall. Die übrigen Künstler hatten natürlich neben Agnes Sorma einen schweren Stand, jedoch mutz zu ihrem Lobe gesagt werden, daß sie sich aufs beste anzupaffen wußten. Ein gutes Zeichen war es, daß Herr Kaiser als Prinzivalli die dominierende Stellung dieser Rolle neben der der Monna Panna halten konnte. Er spielte den Kraftmenschen der Renaiffance einwandfrei. Herr Goll als Colonna war etwas zu unsicher, er konnte mit feinem leidenschaftlichen Schmerze kein Echo finden. Die Herren (Bühne (Trivulzio) und Bakos (Marco Colonna) standen auf der Höhe des erreichten Erfolges Letzterem gebührt noch besonderer Dank für seine sachgemäße Regie.
* Wiede* auf freien Fuß gesetzt wurde, wie man uns mitteilt, der vor etwa 8 Tagen in Hartenrod verhaftete nnd seitdem im Gladenbacher Gefängnis oesindlicho Naturheilkundige Dikomeit. — Dem Vernehmen nach wurde ein hiesiger Einwohner vor