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Sonnabend, 27. Dezember -»>
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die Grenzen überschreitet, die dem politischen Beamten auch al» Privatperson durch seine Stellung gezogen sind und nötigenfalls die erforderliche Korrektur eintreten lassen." — Die radikale Presse hat als Sprecherin des „Volkes" Herrn v. Iagow, der es sich erlaubt hat, seine private, von der des Straßburger Kriegsgerichts abweichende Meinung zu äußern, bekanntlich in den Kreis derjenigen einbezogen, deren Beseitigung die kochende Volksseele fordert. Die Regierung hat sich nun mit bezeichnender Eile veranlaßt gefühlt, den Stürmern und Drängern entgegenzukommen. Nach welcher Richtung hin die Regierung sich schließlich entscheidet, ist abzuwarten.
— Das Urteil gegen einen reichsländischen Preßhetzer. Straßburg, 24. Dez. In der Offizial-Klagesache des Kriegsministers v. Falkenhayn gegen die Redakteure Minck und Jung vom „Journal dA'lsace Lorraine" wegen Beleidigung, begangen durch einen Artikel, in dem das seinerzeitige Dementi des Generalkommandos über die Nichtverwendung der Elsaß-Lothringer in Vertrauensstellungen des Heeres abfällig kritisiert wurde, trat die Strafkammer unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Hünten heute vormittag in die eigentliche Verhandlung ein. Minck, der unter dem Namen „Lippo Memmi" in seinem Blatte schrieb, erklärte auf Vorhalt, der Verfasser des betreffenden Artikels nicht gewesen zu sein. Der Angeklagter Eugen Jung, der als Verantwortlicher zeichnete, erklärte, daß er die volle Verantwortung für den inkriminierten Artikel übernehme, den er auch gelesen habe. Der Staatsanwalt Koch betonte, daß ein Erlaß, wonach Elsaß-Lothrnger im Heere nicht mehr in Vertrauensstellungen belassen werden sollen» nicht ergangen sei. Es sei durchaus ungehörig, wenn Kritiken zu einer offenbaren Hetzerei ausarteten und durch Hinzufügung unkontrollierter Berichte ausgeschmückt würden. Aus diesem „Material" würden dann die schwersten Beleidigungen gegen die Behörden hergeleitet. Der Angeklagte Jung wurde zu drei Wochen Haft verurteilt. Hinsichtlich des Angeklaten Minck wurde Vertagung erklärt. Das Urteil gegen Jung wird damit begründet, daß der Angeklagte den Kommandostellen des preußischen Heeres in dem Artikel den Verpurf ehrloser Gesinnung gemacht habe dadurch, daß er behauptete, die preußische Heeresverwaltung verwende im Falle eines Krieges die elsaß-lothringischen Soldaten nicht aus rein sachlichen Gründen, sondern nur als Kanonenfutter. Der Vorwurf sei sehr gefährlich und trage eine hetzerische Tendenz.
Die »Oberhesfische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durid die Post 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2 Ul frei ins Haus. - Verlag von Dr. L. Hitzeroth. — Druck der Umv.- Buchdruckerei I. A. Koch (Inh. Dr. L. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Und draußen vor den Fenstern schwebten die weißen Schneeflocken auf und ab, wie die kleinen Geister des Friedens, und legten sich weich und warm um Feld und Wald, um Dorf und Stadt, auf die weite Welt da draußen, die so viel Not nd Tod, Blut und Wunden gesehen und doch dem kommenden Frühling mit seinen Blütenwundern entgegenträumte.
Und plötzlich fingen die Glocken der Kirchen an zu läuten und verkündeten einen neuen Sieg, der jenseits des Rheins erfochten war!
19.
Paris, die Hauptstadt Frankreichs, die unter Napoleon die Hauptstadt der zivilisierten Welt werden sollte, befand sich im Besitz der Bei- kündeten. Die letzte Anstrengung Napoleons, die Heere der Verbünde- ten von Paris durch einen Marsch auf Nancy abzuziehen, war mißlungen' man ließ sich von dem Vormarsch auf die Hauptstadt nicht mehr ablenken, hauptsächlich auf Betreiben des Feldmarschalls „Vorwärts", der in der richtigen Erkenntnis, daß der Besitz von Paris über das Schicksal Frankreichs entscheide, auf dem Vormarsch bestand.
Am 29. März 1814 trafen die Verbündeten vor der Hauptstadt ein die von den Korps der Marschälle Marmont und Mortier verteidigt wurde. Am 30. schritt man zum Angriff; in blutigen Kämpfen erstürmten di« preußischen und russischen Garden das Plateau von Ro- mainville, das York'sche Korps den Montmartre, während der Kronprinz von Württemberg von Osten in den Kampf eingriff.
Die Marschälle Marmont und Mortier sahen das Nutzlose des Widerstandes ein; sie kapitulietten unter der Bedingung des freien ■ Abzuges, und am 31. März zogen der König Friedrich Wilhelm HI. und der Kaiser Alexander an der Spitze ihrer Garden in die besiegt» Hauptstadt durch die Potte St. Martin ein.
An dem alten Louvre-Palast, an dem stolzen Königs- und Kaiser- palast der Tuillerien vorbei ging der Marsch nach den berühmte» Champs Elisees, an deren Ende sich der im Bau begriffene Arc de Triomphe erhob, ein Wahrzeichen der kriegerischen Erfolge, des kriegerischen Ruhmes Napoleons, der jetzt, besiegt von den so lange geknechteten Völkern Europas, verlassen von seinem eigenen Volke, Abschied nehmen sollte von den Gefährten seines Ruhmes, von seinem Volk«, von dem Heimatlande, das er ans tiefster Schmach auf den Eipsel be» SÜihmes, auf den Gipfel der Macht gehoben hatte. ,;
^Fortsetzung folgt.) >
In der Sturmflut der Zeit.
Originalroman aus dem Jahre 1813 von Otto Elster.
Copyright 1913 by Greiner & Comp., Berlin W. 30. (Nachdr. verboten.) (Fortsetzung.)
Das alles sprach zugunsten dieser Heirat. Aber Frau Luise war doch auch Frau genug, um nicht mit Fanny zu empfinden wie schwer es ihr wurde, von der schönsten Hoffnung ihrer Jugend Abschied zu nehmen, und als jetzt ein leichter Seufzer ihrer Tochter die Luft durchbebte, da fragte sie mit sanfter Sttmme: „Wird es dir so schwer, zu vergessen, mein Kind?" „ ,
Da brach plötzlich ein wehes Schluchzen aus Fannys Brust hervor, sie sprang auf und warf sich der Mutter zu Füßen und preßte ihr Antlitz in der Mutter Schoß.
Zärtlich streichelte die Mutter Fannys Schertel.
„Weine dich aus, mein Kind," sprach sie leise und sanft, „dann wird dir leichter ums Herz und ruhiger werden. Das Leben ist schwer, mein liebes Kind; das Glück ist ein Traum, der unsere Seele eine zeitlang umfangen hält — und doch müssen wir ihn vergessen."
„O, Mutter, Mutter, könnte ich vergessen, was er mir angetan hat," schluchzte das unglückliche Mädchen.
„Und doch mußt du es, mein Kind. Denke, daß er gefallen, daß er tot ist — wie so viele seiner Kameraden — du müßtest ihn auch ver- gessen."
Da fuhr Fanny auf.
„Nein, Mutter," sprach sie, „dann brauchte ich ihn nicht zu vergessen, dann könnte ich immer an ihn denken, dann könnte ich ihn lieb behalten, dann könnte ich sein Bild mit Blumen bekränzen. Aber so — so — wenn ich daran denke, daß er seinen Schwur der Treue vergessen, daß er meiner in den Armen einer anderen gespottet — das zerreißt mir das Herz — das macht mich unfähig zu neuer Liebe, zu neuem Glück."
„Du hast mir feinen Brief gezeigt, den er dir damals in Breslau geschrieben. Er hat Abschied von dir genommen, so nimm auch du Abschied von ihm. Gedenke seiner wie eines Toten — sielleicht ist er tot — er hätte sonst doch wohl von sich hören lassen. Fasse Mut, mein Kind. Das Leben liegt noch vor dir, das Leben mit seinen Pflichten, seinen Freuden, seinen Leiden, seinem Glück---*
Ausland-
— Aufgabe der Thronansprüche Essad Paschas? Paris, 26. Dez. Ein Freund Essad Paschas telegraphiert dem „Temps" aus Eravosa: Gestern trafen in Durazzo ein Ingenieur und mehrere Arbeiter ein, um den Palast in Stand zu setzen, in dem der Prinz von Wied wohnen soll. Essad Pascha ordnete sofort di« Räumung des als vorläufige Residenz de» Prinzen von Wied in Aussicht genommenen Regierungspalastes an und beauftragte eine Kommission mit den erforderlichen Vorbereitungen und Ausschmückungen. Diese Maßnahmen lassen alle Gerücht« über angebliche Ansprü^ Essad Paschas auf den albanischen Thron als hinfällig erscheinen. v .
** Kabinettskrisis in Serbien? Belgrad, 26. Dez. Wahrend der heutigen Sitzung der Skupschtina verließ die gesamte Opposition unter ■ Protest ihrer Führer gegen das verfassungswidrig« Vorgehen der Regierung in der Budgetfrage demonstrativ den Saal. Wie verlautet, hat das Kabinett Pasitfch im Zusammenhang mit diesen Vorgängen be- schlossen, wegen der Obstruktion der gesamten Opposition zurückzutreten.
** Die Reformen in Armenien. Konstantinopel, 26- Dez. Die Blätter melden der deutsche und der russische Botschafter wurden gestern vom Eroßwesir' empfangen. Die Botschafter überreichten dem Eroß- wefir den neuen abgeänderten Entwurf für die Reformen in Armenien.
Vorgänge von besonderem Interesse ist, über den im einzelnen zu berichten jedoch zu weit geführt haben würde. Der russische Zigarren- und Zigarettenhändler Koghen ist wegen fortgesetzten Betrugs zu 2 Jahren Eefäilgnis verurteilt worden. Er hatte mit viel Tamtam und 120 000 M. Schulden in der teuersten Geschäfts- gegend Berlins einen Zigarren- und Zigarettenladen eröffnet. Trotzdem das Unternehmen auf Lug und Trug aufgebaut war, ist es Koghen gelungen, es fast % Jahr aufrecht zu erhalten, indem er es verstand, sich als „reicher Russe" aufzuspielen, der viel Geld besitze und noch mehr zu erwarten habe. Es ist bezeichnend für deutsche Einfalt und Ausländerei, daß es immer wieder einem von irgendwo hergelaufenen schlauen Betrüger gelingt, den Leuten Sand in die'Augen zu streuen, auf Kosten anderer den großen Herrn zu spielen und dann mit einer Millionen-Schuldenlast zu verschwinden. In dem Falle Koghen freilich geriet der Schwindler selbst in die Finger ihm Ebenbürtiger, die von ihm schamlos übertriebenen Nutzen gezogen haben. Ein Betrüger sondergleichen wurde selbst weitgehend bewuchert. Nur verstanden diese Wucherer ihr Geschäft so vorzüglich, daß sie dem Staatsanwalt keinen Anlaß für ein Eingreifen boten.
In den Parlamenten in Berlin, Wien und Rom haben bei Besprechung der internationalen Lage die leitenden Staatsminister mit Nachdruck und Wärme auf das unerschütterliche Fortbestehen des Dreibundes hingewiesen. Diese Unerschütterlichkeit dürfte sich in der nächsten Zett wieder einmal besonders wirksam erweisen, da die türkische Jnselfrage allem Anscheine nach noch zu harten diplomatischen Kämpfen führen wird. Die Türkei hat ihren Widerstand gegen den englischen Vorschlag über die Verteilung ihres bisherigen Jnselbesitzes erheblich verschärft, und es ist kaum anzunehmen, daß sie sich gutwillig die Inseln durch Griechenland nehmen läßt, die sie für ihre Sicherheit als notwendig erachtet. Die Frage, ob und wieweit dann ein Druck auf die Pforte ausgeübt werden soll, wird ein schweres Problem für die europäische Diplomatie bilden, das voraussichtlich den Gegensatz zwischen Dreibund und Dreiverband scharf hervortreten lassen wird.
Wochenschau.
Die Mahnung der Weihnachtsbotschaft vom Frieden auf Erden wird von der Politik immer mehr überhört. Nicht als ob ernste Verwicklungen nach außen oder im Innern uns die Festesstimmung störten. In dieser Richtung drückt uns lerne unmittelbare Sorge. In unseren Beziehungen zu den ftemden Mächten könnten wir sogar frohe Hoffnungen hegen, wenn wir aus so manchen bitteren Erfahrungen nicht gelernt hätten, mit Hoffnungen nicht voreilig zu sein. Auch im Innern stehen wir nicht inmttten großer Probleme, die geeignet wären, unser Sinnen und Trachten von der Weihnachtsstimmung abzulenken. Trotzdem aber brettet sich für den Politiker eine unfrohe Stimmung über das Fest. Das Wort Zabern mit all feinem Drum und Dran schwebt gleich einem bösen Verhängnis über uns. Denkt man an den Anfang dieses leidigen Streites zurück, dann begreift man nicht, wie diese Lawine von Erregung und Entrüstung entstehen konnte, die selbst über das Weihnachtsfest hinwegzurollen droht. Freilich hat das, worum jetzt so erbittert gekämpft wird, gar nichts mehr mit dem Ausgangspunkt zu tun. Es geht jetzt um andere, grundsätzliche Probleme. Die Sozialdemokratie und die sich ihr verwandt fühlende Demokratie haben an sich bedauerliche, aber doch vereinzelte Vorkommnisse zu Unrecht verallgemeinert und daraus Waffen gegen unser Heer und die konstitutionelle Monarchie zu schmieden versucht. Im Reiche zielen diese Manöver auf die Schmälerung der Rechte des Kai' 3 zugunsten des parlamentarischen Regierungssystems ab, und in Preußen suchen jene beiden Bundesgenossen wiederum auf die Krone einzuwirken, um eine Aenderung des Wahlrechts zu erzwingen.
Die demnächst erfolgende Eröffnung des preußischen Landtags soll nicht durch den König persönlich erfolgen, sondern der Ministerpräsident v. Bethmann Hollweg wird die Thronrede verlesen Die freisinnige Presse hat das dahin gedeutet, daß man an den maßgebenden Stellen befürchte, das Fehlen eines Hinweises auf eine neue Wahlrechtsreformvorlage in der Thronrede konnte zu Mißfallensäuberungen Anlaß geben. Aus offiziösen Aeuße- mngen geht hervor, daß die Thronrede tatsächlich eine IVahlreform nicht berühren wird. Für die preußische Regierung ist nach wie vor die Tatsache maßgebend, daß die preußische Volksvertretung lhre Vorschläge betreffend eine Reform des Wahlrechts verworfen hat und daß kein Grund vorliegt, einen erneuten Versuch in dieser Richtung zu machen, zumal die letzten Wahlen unzweideutig ergeben haben, daß in Bezug auf die Wahlrechtsfrage bei der Wählerschaft keinerlei Wandel der Anschauungen e,n- getreten ist. Den Auslassungen der radikalen Presse, die mit dürren Worten verlangt, daß der König persönlich vor dem Landtag erscheine, könnte man entnehmen, daß wirklich so etwas wie eine Demonstration im Schlosse geplant gewesen ist. Man sieht, in welcher Weise die nahen Beziehungen zur Sozialdemokratie auf die bürgerliche Linke eingewirkt haben.
nungen illustrieren deutlich unsere innerpolitische Lage. Der Abschluß be» großen Erinnerungsjahres 1913 steht unter einem Zeichen, an dem nur die Feinde nationaler Aufwärtsentwicklung Ihre Freude haben können. .
Ein Lichtblick in dieser trüben Zeit ist die Einigung der gerate und Krankenkassen, die durch die Bemühungen des Reichsamts des Innern und durch beiderseitiges Entgegenkommen kurz vor Weihnachten erreicht worden ist. Dadurch sind Zustande vermieden worden, die für sehr weite Kreise unseres Volkes ernste Schädigungen herbeigeführt hätten.
Diese Woche hat wiederum ein Prozeß sein» Ende gesunden, der wegen seines Milieus und der in seinem Mittelpunkt stehenden
Deutsches Reich-.
— Weihnachten am Kaiserhof. Neues Palais (Potsdam), 26. Dez. Das Kaiserpaar feierte mit den anwesenden Kindern das Weihnachtsfest auch in diesem Jahre in der hergebrachten Weise. Am Mittwoch vormittag 11 Uhr machte der Kaiser bei Schneegestöber seinen gewohnten längeren Spaziergang im Park von Sanssouci und Umgebung. Bei Beginn des Spazierganges erfreute er die Gartenarbeiter — über 100 — durch Geldgeschenke. Dienstag nachmittag besuchte der Kaiser die Weihnachtsbescherungen bei den Regimentern der Leibgarde-Husaren und der Gardes du Corps und wohnte Mittwoch nachmittag der Bescherung der Leibkompagnie des 1. Earderegiments zu Fuß bei.
__Neuverteilung der Hochseeflotte. Wilhelmshaven, 26. Dez. Die Geschwader der Hochseeflotte werden am 1. April 1914 wie folgt verteilt werden: Nordseeftation: 1. Geschwader und Auf- klärungsschifse; Ostseestation: 2. und 3. Geschwader.
— Der Sturm gegen Herrn v. Iagow. Berlin, 26. Dez. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: „In einer Zuschrift an die „Kreuz- Zeitung" hat der Polizeipräsident von Berlin nicht in seiner amtlichen Eigenschaft, sondern als P r i v a t p e r s 0 n zu dem kriegsgerichtlichen Verfahren gegen den Leutnant v. Forstner Stellung genommen. Bei der politischen Bedeutung der Angelegenheit wird selbstverständlich die Staatsregierung zu entscheiden haben, ob und inwieweit in dem vorliegenden Falle die freie Meinungsäußerung
„Gibt es für mich noch ein Glück, Mutter?"
So hat schon manche gefragt, die verzweifeln zu müssen glaubt«, und "di« nach Jahren auf diese Verzweiflung wie auf einen schweren Traum zurückblickte, als sie glücklich und zufrieden geworden war. Sieh mich an, mein Kind. Ich war eine glückliche Frau, eine glückliche Mutter. Ich sah voll Stolz auf meinen Gatten, auf meinen Sohn. Beide wurden mir entrisse», und ich glaubte auch, verzweifeln zu müssen. Da sah ich aus dich, mein einzig mit gebliebenes, liebes Kind; ich sah in deine unschuldigen Kinderaugen, die so ängstlich scheu zu mir aufblickten, als wollten sie sagen: Hast du mich denn nicht mehr so lieb? —
Da brach das Eis von meinem Herzen und die Wörme der Liebe zog mit mildem Frühlingshauch wieder in mein Herz und meine Seele. Ich ward wieder ruhig; ich ward mir wieder bewußt, daß mir Gott noch eine heilige Pflicht, ein großes Glück gelassen hatte, und der wilde Schmerz milderte sich zu sanfter Wehmut. Willst du verzweifeln, die du doch nur ein erträumtes Glück verloren hast, ein Glück, das noch nicht Wirklichkeit geworden war? Es gibt so mancherlei, so viel Glück auf der Erde, und scheint uns nicht der volle Strahl der Sonne, so können wir doch'zu dem milden Schein des Mondes und der Sterne emporblicken. Denke ein wenig an die Schmerzen deiner Mutter, denke auch an den großen Schmerz, der das ganze deutsche Volk durchbebt, und verzage nicht an deinem Glück."
Mit großen, tränenschweren Augen sah Fanny zu ihrer Mutter empor. ,
Dann schlang sie die Arme um ihren Nacken und barg das Haupt an ihrem Herzen.
„Ich danke dir, Mutter," flüfterte sie. „Ich will werden, wie du, stark und mutig, und wenn ich selber auch nicht glücklich werd«, so will ich andere glücklich zu machen suchen."
„Das ist das recht« Glück, mein Kind."
„Innig umschlungen saßen sie da und sprachen kein lautes Wort mehr miteinander, aber ihre Herzen und Seelen hielten geheime Zwiesprache und verstanden sich ganz in dieser füllen, schweigfamen Stunde des dunkelnden Winterabends.
Leise, wie im Traum, tickte die alte Schwarzwälder Uhr über dem Kanapee,' wie der Herzschlag der unaufhaltsam verrinnenden Zeit, tu der alles versinkt, Kummer und Leid, Freude und Schmerz, Glück und Unglück, und in der mit eine» bleibt: Die Liebe, die ausgebaut ist auf Treue unb Glaube»!