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@c6urtenril<f(iang und Sterblichkeilsziffer.
Erttes Blatt
Tage:
1. Feiertag:
worden sind, läßt der vorliegende Bericht Gesundheitswesens in Preußen deutlich erbringend wünschen, daß diese Entwicklung
Marburg
Mittwoch, 24. Dezember
Gröhes Weihnachtskonzert der Jägerkapelle in den Stadt, säten; Beginn 8 Uhr. Das Programm paht sich auch diesmal in
Trinkwasserversorgung, die Krankenhauswesen erzielt über die Entwicklung des kennen. Man kann nur anhält.
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MM!
Wieder einmal Weihnacht! Die Poesie der weihnachtlichen Stille und des grünen Tannenbaumes mit seinen weihevollen Liedern umfängt uns, führt uns heraus aus dem Hasten und Treiben des Alltags, und aus den Tiefen des Gemütes — sagen rott es ruhig: des deutschen Gemütes — steigen herauf die guten Geister der menschlichen Seele. Wenn zu irgend einer Zeit im Jahre so sind wir heute geneigt, den Zauber der Familie, die Befriedigung selbstloser Hingabe für Freunde und Verwandte, ja für Fremde, die in irgend einer Not sind, zu empfinden. Das schönste Fest inneren Jubels und mU wir es feiern oder besser feiern sollten, das deutscheste Fest der Liebe und Treue, das wir haben. So übt es noch heute, so wird es stets seine Macht, seinen Zauber über die Gemüter ausüben.
Dichter und Dichterinnen wissen diesen Zauber uns in unzähligen Gedichten und Erzählungen gerade in diesen Tagen lebendig zu gestalten und finden überall ein offenes und empfängliches Ohr. ■ Gelehrte Leute stellen heute fest, weshalb wir uns beschenken; sie erinnern an das römische Fest der Saturnalien, das in diese Jahreszeit fiel-und die Sitte des gegenseitigen Beschenkens mit sich brachte; sie erzählen von den geweihten Nächten der Wintersonnenwende in germanischer Urzeit, in denen Wotan mit dem wilden Heer durch die Luft brauste. Aber sie alle erschöpfen doch nicht den eigentlichen Grund unserer weihnachtlichen Stimmung und Freude. Weihnachten ist mehr als eine Gelegenheit, einmal innerlich auszuruhen, anderer Lust und Leid nachzuempfinden, kulturgeschichtliche Betrachtungen anzustellen, sich zu beschenken, mehr als ein allgemeines Fest der Familie, cs ist ein religiöses, ein ch r i st l i ch e s Fest Wer könnte sich Weihnachten denken ohne die alten christlichen Weihnachtslieder: „Es ist ein Ros' enttprangen", „Srttte Nacht, heilige Nacht", „Ihr Kinderlein kommet" und rote sie alle heißen Und wenn christliche Gedanken, christlicher Glaube in einem Hause auch sonst das Jahr über keine große Bedeutung zu haben scheinen, unter dem brennenden Lichterbaum werden ste lebendig — vielleicht nur für kurze Zeit —, aber die Kinder falten die Hände, und den Alten zieht die christliche Verheißung durch den Sinn: „Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen einigen Sohn gab, aus daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Es war in den Weihnachtstagen, als Goethe das bekannte Wort sprach: „Mögen auch die Naturwissenschaften in immer breitere Tiefe und Ausdehnung wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern wie er will — über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, rote es in den Evangelien leuchtet, wird er doch nicht hinauskommen. Die christliche Religion ist über alle Philosophie erhaben und bedarf Ihrer Stütze nicht." Dort aber, wo christliche Gedanken Heimatsrecht haben, versenkt man sich allein oder in Gemeinschaft der Gleichgesinnten heute mit Andacht in die PoHe und die welt- und seelenbewegende Bedeutung der Eeburtsgeschichte unseres Heilandes, wie sie von Jugend auf uns allen im Gemüt liegt, lebt man Weihnachten als wahres C h r i st fest.
So sollen die Weihnachtstage auch werden Tage innerer religiöser Sammlung. Der grüne Baum, der uns im Lichterglanz entgegenstrahlt, ist uns Sinnbild, daß wir über den Winter hinweg einem neuen Frühling entgegengehen. Der religiöse Inhalt des Festes erfüllt uns mit freudigen, hoffnungsvollen Gedanken. Fühlen wir mit Goethe den unüberwindlichen Charakter unseres christlichen Glaubens, und vergeßen wir nicht, daß wir uns heute auch in seine Eeheimnisie versenken sollen, rote sie uns das Christ- fest so tief und schön offenbart! *
Mit einer erfreulichen Beichleunigung ist die in der Mediztnalab- I tetlung des preußischen Ministeriums des Innern ausgearbeitete Zusammenstellung über den Stand und.die Entwicklung des Gesundheüs- w.lens in Preußen für das Jahr 1915 erschienen. Der Gesamteindruck, den die Uebcrsicht macht, ist zweifellos günstig zu nennen, und in mancher Sinsickt lallen sich bedeutsame Verbesserungen im öffentlichen Gesund- heit-wesen Preußens feststellen. Andererseits läßt sich aber auch nicht leuanen daß ein schwär,rr Schatten vorhanden ist, der mehr noch als in den vorhergegangenen Jahren das günstig« Bild zu trüben geeiget ist: Die Zunahme des Geburtenrückganges, die stch im Jahre 1912 gezeigt hat. In dem Berichtsjahre konnten auf 1000 Ein- wohner nur noch 28,88 Lebendgeborene verzeichnet werden. Allerdings ist die Differenz gegenüber dem Jahre 1911, wo auf 1000 Einwohner 29 36 Lebendgeborene kamen, nicht so erheblich, wie in den beiden vorhergehenden Jahren, in denen die Abnahmeunterschiede 1,47 bezw. 1,17 betrugen, aber auch der Unterschied von 0,48 zwischen 1912 und 1911 ist büchst bedauerlich, weil er eben ein Andauern des Geburtenrückganges erkennen läßt. Der Trost, daß der Rückgang im vergangenen Jahr« nicht so groß gewesen ist. wie in den beiden vorhergehenden Jahren, ist zu nichtssagend, als daß er über diese Tatsache hinw-gtäuschen könnte. Gewiß, wir haben immer noch einen erheblichen Geburtenüberschuß über die Sterülichkei^szifser zu verzeichen. ja dieser Ueberschuß ist in, Jahre 1912 nicht unerheblich größer gewesen, als im Jahre 1911, aber die Erscheinung ist ausschließlich auf die Herabminderung der Sterblich!, itszisfer zurückzuführen. Tatsächlich ist die Sterblichkeitsziffer in Preußen im vergangenen Jahre so niedrig gewesen, wie nie zuvor. Es sind nämlich im Berichtsjahre nur 15,49 von 1000 Personen gestorben. Im Jahre 1911 betrug die Verhältnisziffer 17,21, tm Jahre 1910 16,17. Die Folge dieser Verminderung der Sterblichkeit war eine Zunahme des Bevölkerungszuwachses, indem der Ueberschuß der Zahl der L^bendgeborenen über di« der Gestorbenen mit 549 940 um 57 577 höher war, als im Jahre 1911. Die Ueberschußziffer der vorhergehenden Jahre ist aber nicht erreicht worden; sie betrug im Jahre 1910 581 463, im Jahre 1909 581 258 und im Jahre 1908 575 675.
Man darf wohl annehmen, daß mit der Sterblichkeitsziffer. von 15,49 auf 1000 Einwohner noch immer nicht die Grenze erreicht ist, die einer Vermind-rung dieser Ziffer aus natürlichen Ursachen gestellt ist. Eine ganze Reihe von anderen Ländern haben bekanntlich niedrigere Sterdlichkeiksziffern als Preußen-Deutschland sie heute aufzuweisen hak. Immerhin darf man aber nicht die Tatsache aus dem Auge verlieren, daß es für dir Sterblichkeit eine natürliche Grenze gibt, und gerade diese Tatsache ist es. die den andauernden Rückgang der Geburten so bedenklich und gefährlich macht, aber auch die Notwendigkeit mit sich bringt, auf Maßnahmen zu sinnen, die diesem Rückgang Einhalt tun könnten. Auch die diesjährige Zusammenstellung über das Gesundheitswesen in Preußen läßt erkennen, daß das Anwachsen der Großstädte einen erheblichen Einfluß auf dir Geburtenziffer ausübt. Während z. B- die Provinz Westpreußen noch immer 35,67 Lebendgeborene auf 1000 Einwohner zu verzeichnen hat, die Provinz Posen 34,87, die Provinz Westfalen 33,96, hat die Provinz Sachsen nur 26,74 Lebendgeburten auf 1000 Einwohner aufzuweisen, die Provinz Brandenburg ohne den Landespolizeibezirk Berlin 23,76, der Landespolizeibezirk Berlin nur 19,93. Auch diese Gegenüberstellung läßt wieder erkennen, in welch' hohem Maße das platte Land. als Quelle der Erneuerung der Bevölkerung dient, und wie notwendig es ist, Sorge dafür zu treffen, daß fein« Entvölkerung zugunsten der Städte und vor allem der Großstädte verhindert wird. Der Unterschied zwischen Stadt und Land in Bezug auf die Bevölkerungsbewegung würde zweifellos noch weit mehr hervortreten, wenn die Bemühungen um eine Herabdrückung der Sterblichkeitsziffer auf dem Lande mit der gleichen Jntenstvität sich geltend machen könnten wie in den Städten, die am meisten von den hygienischen Forfchritten profitieren. Daß aber auch hier bedeutsame Fortschritt«, namentlich in Bezug auf di« Ortschaftshygiene, die Schulhygiene und das
Die „Oberheffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. - Der Bezugspreis beträgt oierteliabrUch durck> die Post 2.25 M (ohne Bestellgelds, bei unseren Jettungsftellen 2 «M frei ins Hau». — Verlag von Dr. T. Hitzeroth. — Druck bet UnuM Buchd"uck«ei I. A. Koch (Inh. Dr. C. Hitzeroth). Martt 21. Tel. 55.
Ausland.
- “ Der Deutsche Kaiser und General Liman v. Sanders. Konstantinopel, 23. Dez. General Liman v. Sanders hat in einer Unterhaltung mit einer ottomanischen Persönlichkeit erklärt, daß noch vor seiner Abreise von Berlin der Kaiser zu ihm gesagt habe:
mit dem Kieisolatt für die Kreise Marbmg und Kirchham
„Reisen Sie ruhig nach Konstantinopel und seien Sie unbesorgt, {• Sie werden dort nicht belästigt werden." — Gestern abend gab bet deutsche Botschafter ein Festessen zu Ehren der deutschen Militär« Mission. Nachmittags hat General Siman v. Sanders die Parade ■ der Kadetten abgenommen.
** Deutsche Jnstruktionsoffiziere für ei« neues türkisches, Armeekorps? Wien, 23. Dez. Die Wiener „Reichspost" meldet - aus Konstantinopel: Der türkische Ministerrat beschloß die Er« richtung eines neuen Armeekorps in Anatolien und die Hebet« tragung seiner Organisierung an deutsche Jnstruktionsoffiziere. — An amtlichen deutschen Stellen ist davon nichts bekannt.
** Deutsche Bahnbauten in China. Peking, 23. Dez. Mit deutschem Eelde und durch deutsche Ingenieure sollen zwei chine« fische Staatsbahnlinien gebaut werden, nämlich die Linie Kaumi« । Hantschuang, die die deutsche Schantungbahn mit der Nordsüdbahn Tientsin-Pukou verbindet, und die Linie Tstnanfu-Schuntefu, bit eine lk^rlängerung der Schantungbahn nach dem Inneren bis zur Nordsüdbahn Peking-Hankau darstellt. Für den deutschen Einfluß in China bedeutet das einen großen Erfolg. Auch unser Hafen Tsingtau wird dadurch wesentliche Vorteile haben, da ihm ein größeres Hinterland geschaffen wird.
** Polnische Kultur. Lemberg, 22. Dez. Das „Deutsche Volks« blatt für Galizien" schreibt: „In Saybusch konnte man bis vor kurzer Zeit bemerken, daß zur Pflasterung eines Bürgersteigs auch deutsche Grabsteine verwendet wurden. Nach dem Bs» eines Hauses sind sie aber jetzt verschwunden. Zu sehen ist abs noch die aus deutschen Grabsteinen beim St. Markusfriedhofe be stehende Brücke. Es drängt sich einem hier der Gedanke aufl Stehen die dortigen Stadtobersten noch so weit in der Kultur zm rück, daß ste von Grabsteinen nichts misten, oder kennt man dort keine Pietät gegen Tote? Was würde man polnischerseits für ein welterschütterndes Geschrei erheben, wenn im entgegengesetzte« Falle in einer deutschen Ortschaft polnische Grabsteine zu demselben Zwecke verwendet würden? — Aus Eeschäftsrücksichten brachte ein dortiger Bürger eine Aufforderung zum Beitritt zum österreichi« schen Flottenverein an sein Haus an. Er mußte aber diese Auf« forderunL von seinem Hanse baldigst entfernen, da man ihm wegen ihr das ganze Haus mit Straßenkot bewarf."
** Ein seltsamer Einspruch. Paris, 23. Dez. Die dem Sylt« dikat angehörigen Lehrer des Seine-Departements haben anläß« lich der von dem Präsidenten der Republik und besten Gemahlin für die Pariser Schulkinder veranstalteten Weihnachtsfeier einen Beschlußantrag gefaßt, in dem ste gegen'die Veranstaltung Ein« spruch erheben, die an das Vorgehen der römischen Kaiser eriuner^ die zur Sicherung ihrer Populariät dem Volk Unterhaltung boten.
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Marburg und Umgegend.
(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 des Urhebergesetze» nnk mit der deutlichen Quellenangabe „Oberhest. Zig." gestattet.)
Marburg, 24. Dezember.
* Weihnachten. Fast hat es den Anschein, als wenn wir diesmal wirklich, wie es so viele hoffen, „Weihnachten im Schnee feiern könnten. Hat sich doch mit dem Beginn des kalendermäßige» Winters außer einigen Grad Kälte auch ein leichter Schneefah eingestellt. Wenn auch auf der künstlichen Eisbahn, z. B. auf dem Tennisplatz seitlich der Schwanallee, schon seit einigen Tagen sich eifrig die Schlittschuhläufer tummeln, so reich heute der Schitee, wenigstens hier bei uns, zum Rodeln und Schlittenfahren noch nicht aus, vielleicht aber morgen. Die Weihnachtsfeiern in einzelnen Vereinen, Gesellschaften, Kinderschulen usw. sind schon seit einigen Tagen im Gange. Daß auch während der eigentlichen Festtage hinreichend für Unterhaltung gesorgt ist, zeigen die bezüglichen Bekanntmachungen im Inseratenteil. Nachstehend ein (teiltet Auszug aus den diesmaligen Ankündigungen bet letzten
Bet Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeil« oder cy < j deren Raum 15 4. bei amtlichenund auswärtigen Anzeigen 20^8. für ttO, <juyi|je: 1913. !
Quittierte Re^mmqen.
Eine juristisch« Plauderei von Dr. Hans Liesk«, Leipzig.
Hans Frau Profestor Sommer möchte dich einen Augenblick sprechen." 'llnd noch während dieser Meldung meiner Frau betrat der avisierte Besuch bereits hastig mein Arbeitszimmer.
„Ich bitte um den nötigen Ernst, ich brauche Ihren Rechtsrat in einer äußerst peinlichen Affäre."
Dazu nickte die Pleureuse der Sprecherin eine solch melancholisch« Bestätigung, daß ich auf di« bettüblichsten Offenbarungen gefaßt war. Also zog ich das Register „Milder Zuspruch" und hatte damit am Ende .'wirklich den Erfolg, den Sachwerhalt in leidlich geordneter Darstellung zu hören.
„Sie wisien doch, daß ich schon seit ewigen Zeiten bei der Venedix arbeiten lasse." „
„Gnädige Frau könnten nirgends glänzender angezogen werde», entgegnet« ich mit einem anerkennenden Blick auf die utadelige Robe meines Vis-ä-Vis.
‘ „Behalten Sie Ihr« üblen Bemerkungen für sich, sonst muß ich die Konferenz abbrechen", protegierte meine Klientin. „Ja, also di« Bene- dix schickt mir heute früh eine Rechnung über 800 M für drei Roben aus dem Jahre 1907, die ich selbstredend längst bezahlt habe; können Sie sich so was denken?"
„Gnädige Frau sollten sich über größere Beträge quittteren lasten, ein Brauch,'der sich schon ost gut bewährt hat. Im übrigen aber ist die Sache ja längst verjährt."
Damit hatte ich indesten wieder fehlgegriffen.
„Wisteu Sie", belehrte mich die nunmehr wirklich böse gewordene I Dame, „entweder man hat Schulden, dann bezahlt mau sie al» an- I ständiger Mensch, oder man hat keine, dann können auch keine verjähren," I
Ich vermochte dieser Weisheit meinen unbedingten Beifall nicht zu versagen.
„Und eine Quittung habe ich überdies", fuhr meine Besucherin fort. Damit entnahm ste ihrem Handtäschchen einen Zettel, der die Spuren stiefmütterlicher Behandlung an sich trug. Wir entfalteten das Dokument gemeinsam, wobei es sich wahrbaftig als Quittung über 800 M für im Jahre 1907 bezahlte drei Roben auswies.
„Ist die Quittung echt?" fragt« ich die Eigentümerin.
„Natürlich ist sie echt", war die Antwort, „die Bendix hat heut« morg~n selbst gesagt, daß sie sie ausgeschrieben hat."
„Na, da ist ja di« ganze Sache geklärt", meinte ich erfreut über die einfache Lösung.
„Wenn die Geschichte so simpel wäre, hätte ich Sie natürlich nicht aufgesucht, lieber Doktor, so schlau bin ich auch allein«. Aber die Bendix schwört trotzdem Stein und Bein, das Geld nicht erhalten zu haben."
„Da Sie den Beweis für die Zahlung in den Händen haben, ist gegen Sie doch nichts zu wollen, gnädige Frua", warf ich ein. Die Gnädigste blieb jedoch vorerst ungläubig.
„Misten Sie“, meinte ste, „die Bendix sagt nun, die Quittung müsse ihr von ihrem wegen Unterschlagungen seinerzeit entlaßenen Laufburschen gestohlen worden sein. Und das wird stimmen. Denn sonst wurde immer von einer älteren Verkäuferin quittiert; In diesem Falle entsinn« ich mich dagegen allerdings, das Geld einem jungen Manne behändigt zu haben. Da kann es doch sehr leicht sein, daß der Mensch gar keine Berechtigung zum Kastieren hatte."
„Wohl möglich, aber auch in diesem Falle find Sie zu einer noch- maligen Zahlung nicht verpflichtet- Der Bote, der das Geld unter« schlägt, hat damit nicht Sie, sondern allein da» Geschäft geschädigt."
Die Mienen meine» Gegenübers begannen sich aufzuklären. Aber
sie wollte ben Kampf gegen ihr Glück doch noch nicht ohne weitere» aufgeben.
Habe ich mich denn da garnicht drum zu bekümmern, ob Leute die mir Quittungen vorlegen, auch zur Empfangnahme des Geldes be rechtigt sind?" forschte sie weiter. X
Nein", antwortet« ich, „vorausgesetzt, die Quittung ist echt, f< können Sie vertrauenvoll jedem zahlen, der sie Ihnen überreicht, ohm daß Sie den Betrag nochmals erlegen müßten, falls ihn der Bote ver unheute, ober falls er zum Einkassieren überhaupt nicht befugt war.
— , Schließlich hätte mit aber doch auffallen können, daß nicht, mit
früh-'r, eine Angestellte, sondern daß diesmal ein junger Mann da« Geld holte."
„Aber es ist Ihnen doch eben nicht ausgefallen. Wenn Sie freilich gewußt ober aus irgenb welchen Umständen gefolgert hätten, daß bet junge Mann ganz offenbar nicht kassieren durfte, so wären Sie weil Sie trotz dieses Ihres Mistens bezahlten und damit die Firma vorsätzlich schädigten, zur nochmaligen Zahlung verpflichtet. Aber wer in gutem Glauben dem lleberbringet einer echten Quittung zahlt, wird bannt seiner Verpflichtungen auf alle Fälle lebig.“
Meine Klientin war mit diesem Ausspruche höchlichst zufrieden. Ich wollte ihr noch ben Rat mit auf ben Weg geben, Quittungen stet, auf ihre Ech'heit zu prüfen, weil uns ber Besitz gefälschter Quittung« natürlich nichts nützt. Aber sie wehrt« ab. „Misten Sie", meinte st^ „ich habe für heute genug gelernt. Unb nun bfirfen Sie mit zu um» kommen unb mit uns ein Glas Bowle trinken. Mett» Mann braucht von bet Quittungsgefchichte natürlich nicht» zu hören."
Ich aber kam unb schwieg.