MrMsche Zeitung
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Zweites Bian
Nr. 233
Sonnabend, 4. Oktober
Politische Umscha»
Die Welfenfrage.
Der Bericht der ,.T. R." über die wahrscheinliche Lösung der Welsenfrage durch den Bundesrat hat, wie wir bereits aus- führten,'ein lautes Echo im deutschen Volke gesunden, und ”~<n überwiegend in ablehnendem Sinne. Die „Kreuzzeitung t sogar in scharfen Worten gegen den beabsichtigten „3idc .•>“ der preußischen Regierung Front. Wie die Welfen über die An» gelegenheit denken, zeigt eine Rede des welfischen M. d. R. Cols- horn, in der er nach der „Dingholzer Kreisztg." ausführte: „Wird der Prinz Ernst August Verzicht leisten oder nicht? Wir haben nie gezweifelt an einem Fürstenwort. Wir wissen, datz er nie verzichtet hat und nie verzichten wird! Dieser Brief des Prinzen Ernst August ist weit davon entfernt, mit einem Verzicht etwas zu tun zu haben. Was ein Verzicht ist, werden wir in nächster Zeit erfahren, wenn bei der Thronbesteigung des Prinzen in Braunschweig der Herzog erklärt, daß er seine Ansprüche an Ernst August abtreten wird, dann werden wir sehen, wie ein Verzicht eines Fürsten aussieht. — . . . . Der Eid des Prinzen Ernst August zu den preußischen Fahnen hat nichts zu sagen. Der Fahneneid ver- pf1ichtet"nicht füks Leben, sondern für die Zeit ,in der man wirklich. SMat, ist. . . . Wir (die Leiter der Welfen) haben uns zu- rückgehalten damals bei der Verlobung des Prinzen, weil wir keine Trübung in das junge Glück des hohen Paares hineintragen wollten. Jetzt können wir frei sprechen. . . . Der Brief ist wirklich kein Verzicht. Wenn ich es nicht gewußt hätte, dann habe ich es erfahren aus dem Munde des Herzogs in Gmunden, daß weder der Herzog noch die preußische Regierung ihn als einen Verzicht angesehen haben. Wir haben den Kampf 47 Jahre lang durchgeführt und wir werden nach weitere 47 Jahre arbeiten."
Diese Anschauungen finden in einer Auslastung der „Franks. Rachr." eine merkwürdige, z. T. etwas theatralische Beleuchtung. Danach sei vor der Verlobung des Prinzen Ernst August ein förmlicher Verzicht gefordert worden. Bei einer diesbezüglichen Besprechung habe er aber erklärt: „Für mich und mein Haus kommt in erster Linie die Ehre und erst in zweiter Linie die Liebe." Dann verließ er das Zimmer, in dem die Konferenz stattfand. Prinz August Wilhelm holte den Prinzen Ern st A u g u st wieder zurück. (!) Die Verlobung wurde gefeiert und veröffentlicht, ohne daß die Frage des Verzichts auch nur im geringsten geklärt war. Versuche, den Herzog in. Homburg vor der Höh umzustimmen, hatten keinen Erfolg. Die Verlobung und die Heirat seines Sohnes hätten mit der Politik gar nichts zu tun. Die ganze Art der Verhandlungsführung war von preußischer Seite durchaus unklar. Doch nahm man auf welsischer Seite an, daß alle staatsrechtlichen Schwierigkeiten behoben seien und der Thronbesteigung des Prinzen Ernst August ohne Verzicht auf Hannover nichts mehr im Wege stände. Dann kam die Veröffentlichung des Briefes des Prinzen Ernst August an den Reichskanzler. Der Brief war auf Veranlastung des Reichskanzlers geschrieben worden, der hoffte, mit diesem Brief die öffentliche Meinung beruhigen zu können. Der Herzog von Eumberland und Prinz Ernst August haben dem Reichskanzler gegenüber aber keine Unklarheit gelosten,.daß dieser Brief keinen Verzicht des Prinzen auf Hannover darstelle. Der Reichskanzler teilte diesen Standpunkt. Deshalb empfand man die Auslegung des Briefes in der offiziösen Preste als eine Brüskierung. Hierdurch erklärt sich die damals einsetzende scharfe Tonart der Welfen. Der Herzog habe zu den Welfenführern gesagt, er rechne heute mehr als je auf ihre Treue und ihre weitere tatkräftige Unterstützung. Die Kund- gedungen von welsischer Seite seien in vollständiger Sinnes- übereinstimmung mit dem Herzog von Cumberland e r f o lg t. Ms dann allerdings der scharfe Ton der welfischen Preste zu lange angehalten, habe der Herzog von Cumberland den Welfenführern nahegelegt, nunmehr mildere Saiten aufzuziehen, da der welfische Standpunkt jetzt auch vor der Oefsent- lichkeit klargelegt sei. Run komme es darauf an, dem Reichskanzler goldene Brücken zu bauen, damit es ihm gelinge, im Bundesrat eine Mehrheit für die Aufhebung der bekannten Bundesratsbeschlüste zu finden.
Diese Darstellung dürfte mit Recht großes Aufsehen erregen! Cie klingt ja so theatralisch und unmöglich, daß r-c>- kaum an sie
11 verboten.)
Das Recht auf Glück.
Roman von Hedwig Courths-Mahler.
(Fortsetzung.)
Luis» sah nachdenkend vor sich hin. Sie selbst hatte keine geschickte Aand.-^ Nun sollte in nächster Zeit mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen werden. Alle Damen aus ihrem Bekanntenkreise wollten für diese neue Kirche mühsame Handarbeiten stiften. Sie selbst mochte auch nicht zurückstehen und hatte sich verpflichtet, einen Altarbehang zu schenken. Sie hätte ihn in irgend einem Tapisseriegeschäft in Auftrag geben müsten, da sie selbst derartiges nicht leisten konnte. Da fiel ihr nun ein, daß Regina diese mühselige Arbeit übernehmen könnte.
„Kannst du sehr feine Stickereien anfertigen?"
„Gewiß, ich habe solche für ein Geschäft gearbeitet."
„Ich möchte unserer neuen Kirche einen Altarbehang schenken. Es fehlt mir eben an Zeit. Könntest du mir dabei helfen?"
„Sehr gern. Hast du schon Stoff und Stickmaterial bei der Hand? Dann kann ich gleich beginnen."
„Nein, ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mir Einzelheiten zu überlegen. Du könntest mir di« Besorgung abnehmen."
„Da wäre es am besten, ich wendete mich nach Berlin an die Firma, für die ich gearbeitet habe. Da brauche ich nur zu schreiben, was wir haben wollen. Wir erhalten dann den vorgezelchneten Behang nebst ollen Zutaten, die wir brauchen. Nur den ungefähren Preis müsten wir angeben."
„Es kommt mir darauf an, etwas Gediegenes und Künstlerisches zu erhalten. Der Preis ist Nebensache. Schreib den Leuten gleich heute «och, ich überlaste dir die ganze Angelegenheit."
„Du sollst mit mir zufrieden sein, lieb« Tante" . > .
„Wir werden sehen." ? \5' Ui« Ä i :
:i Regine ging, um den Brief zu schreiben.
Abends, als Regina mit Großvater und Tante in dem behaglichen Salon saß, der neben dem Speisezimmer lag, kam Pastor Kirchner. Er sah das junge Mädchen scharf und forschend an. Seine kalten Augen leuchteten unheimlich auf, als er die anmutig« Erscheinung maß, und sie erschrak unter diesem Blick. Etwas in ihr lehnte sich aus gegen sein« Art, sie anzusehen, und sie fühlte sofort, diesem Mann« würd« fi« voll Abneigung gegen überstehen.
Nur mit Widerstreben legt« sie ihre Hand einen Augenblick (g di« kein«, als er sie begrüßt«. , . ...
glauben wird. Um so schnell« darf man wohl eine Richtigstellung erwarten.
, . .. * ■ —।
Im Prozeß Knittel
ist, wie bereits gemeldet, das Urteil gefällt. Die Verhandlung drehte sich im wesentlichen darum, ob der Hauptgegner Amtsrichter Knittels, Hauptmann Kammler, als geistig nicht normal, Epileptiker usw. anzu- fehen sei. Die Sachverständigen sprachen sich aber durchaus zugunsten Kammlers aus. Am Schluß der Beweisaufnahme richtet« der Dor- sitzende an den Angeklagten Knittel die Frage: „Wir stehen jetzt am Schluß der Beweisaufnahme, haben Sie nicht das Bedürfnis, irgend eine Erklärung abzugeben? Angekl.: Ich gebe zu, daß ich mich in vieler Beziehung getäuscht hab«. Bors.: Mehr glauben Sie uns nicht schuldig zu sein? Angekl.: Selbstverständlich habe ich nicht die Absicht gehabt, irgend jemand zu beleidigen. Ich nehme keinen Anstand, das zu sagen, nachdem die Sachverständigen, auf die ich mich gestützt habe, mich nicht mehr stützen." Der Staatsanwalt führte hierzu aus: Es handelt sich vielmehr, nur darum, durfte der Angeklagte, der in Rybnik eine exponierte Stellung hatte, der mit seinem eigenen Millen in Rybnik Richter und Offizier der Königlich Preußischen Armee geworden war. unter Berücksichtigung des besonderen Treueverhältnistes, das er gegenüber dem Staat und dem Allerhöchsten Kriegsherrn freiwillig eingegangen ist, für einen Kandidaten eintreten, von dem man allgemein sagte, daß er ein Großpole ist. Der Angeklagte ist gar nicht bestraft worden. Die Ueberführung von der Reserve zur Landwehr ist keine Strafe und keine Maßregelung. Das Vorgehen gegen Knittel war also durchaus einwandfrei. Es mag Knittel zugegeben werden, daß es für ihn schmerzlich war, aus dem Kreise des Offizierkorps, das er liebgewonnen hatte, auszuscheiden. Statt sich nun aber zu bescheiden, begann er einen Kampf. Es handelt sich hier um einen unbelehrbaren, eigensinnigen Mann, der seinen eigenen Kopf durchsetzen wollte, und der zu diesem Zweck über Leichen ging. So enthält die Eingabe an das Kriegsministerium die grandiosesten Verleumdungen und Beleidigungen. Darin bezeichnet sich Knittel als das Opfer eines bösartigen, heimtückischen Geisteskranken, eines lügnerischen Verleumders. Ich habe den Eindruck, daß insbesondere Hauptmann Kammler vernichtet werden sollte. Er ist vor ganz Deutschland hingestellt worden als ein Mann, der ein bösartiger, heimtückischer, geistesschwacher Mensch ist und der seinem Nächsten eine Falle stellen wollte. Was ist das Resultat dieser. Beweisaufnahme? Ich kann den Hauptmann Kammler nur beglückwünschen, da mit dieser Verhandlung der Alb von ihm genommen worden ist, der ihn niederdrückte und der ihn vernichten wollte. Wir haben es mit einem musterhaften Offizier, mit einem vollendeten Ehrenmann zu tun. Wenn er zu den Eeisteshelden nicht gehört, so wird er sich darüber rösten. Aber wir haben gehört, daß er ein braver und gewißen. Hafter Offizier ist. Der § 193 ist kein Deckmantel, unter dem ungestraft die gröbsten Beleidigungen und grandiosesten Beschimpfungen ausgesprochen werden dürfen. Der Verteidiger Knittels. Justizrat Mamroth, führte aus: Bei dieser Verhandlung seien Licht und Schatten nicht gleich verteilt gewesen, st« gebe ein falsches Bild. Der Prozeß sei ein polittscher Prozeß. Es sei ein Stückchen Dreyfusprozeß, was wir hier erleben. Die Militärbehörde ist sich in einem gewißen Stadium der Angelegen, heit bewußt geworden, daß sie jemand Unrecht getan hat, aber anstatt .das Unrecht einzugestehen, hat sie sich auf den Standpuntt gestellt: nun gerade nicht. Das hat in der Oeffentlichkeit eine so starke Reaktion hervorgerufen. Das freisprechende Urteil von Rattbor hat in der weitesten Oeffentlichkeit Zustimmung gefunden. Man hat es Kntttel zum Vorwurf gemacht, daß er hier vor Gericht nicht eine weitergehende Erklärung abgegeben hat, als er es getan hat. Nun, es wäre seiner nicht würdig gewesen, hier weh- und demütig um Verzeihung zu winseln. Der Angeklagte konnte der Ueberzeugung sein, daß Hauptmann Kamm- ler geistesschwach ist. Hätte man sich mit dem Angeklagten in dem ehrengerichtlichen Verfahren in Verbindung gesetzt, so wäre sogleich eine Aufklärung möglich gewesen. Es hätte sich herausgestellt, daß der Angeklagte durchaus nicht hervorragend agitatorisch für die Polen gearbeitet hat. und es hätte sich ergeben, daß er gegen seinen Willen in den Kirchenrat gewählt worden war. Dann wär« dieser ganze groß« Prozeß vermieden worden. Der Strafantrag, 6 Monate Gefängnis, schießt wett über das Ziel hinaus; er wirft den Angeklagten aus feiner ganzen ttchterlichen Karriere heraus. Höchstens könne eine Verurteilung zu einer Geldsttafe in Frage kommen. Aber der Angeklagte muß freigesprochen werden, weil er, auch wenn sich alle seine Behauptungen nicht als richtig herausgestellt haben, in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt hat. Amtsrichter Knittel erklärt: Ich habe mit meiner Eingabe an den Kriegsminister keinen der vier Herren beleidigen wollen, ich habe nur mein Recht gesucht. Wenn sich, wie ich rückhaltlos anerkenne, manches davon, insbesondere die Behauptung der Geistesschwäche des Hauptmanns Kammler und die Behauptung, daß eit. reine Maßnahmen, die mir gegenüber „wider besseres Wissen" geschehen sind, während sie im guten Glauben erfolgten, als Irrtum her-
„Jch hörte schon, welch lieber Gast hier eingekehrt ist, mein gnädiges Fräulein. Möge das Glück mit Ihnen seinen Einzug halten. Das walte Gott!"
Sie antwortete nicht; ihre Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie empfand ein starkes Unbehagen in seiner Gegenwart und ließ sich neben dem Großvater nieder, als suche sie Schutz.
Kirchner hielt ihr Benehmen für mädchenhafte Schüchternheit. So oft er es unbeobachtet tun konnte, ließ er seine durchbohrenden Blicke auf ihr ruhen. Sie übte, ohne es zu wollen, einen sonderbar beruhigenden Einfluß auf ihn aus und zog wieder und wieder seine Blicke auf sich.
Ein ihm unerklärliches Gefühl überkam ihn, wenn ihr« großen, dunklen Augen den seinen begegneten, seine kühl«, überlegene Art machte einer nie gekannten Unsicherheit Platz.
Mit prüfendem Blick maß er ihren schlanken Körper, die feinen Hände und den schön gezeichneten Kopf. Das braunlockige, dichte Haar, welches sich nur schwer in starke Flechten zwingen ließ, erschien ihm das schönste, was er je gesehen. Di« Art, rot« sie es zu einem dicken Knoten aufgesteckt hatte, fand er außerordentlich reizvoll und anmutig.
Noch war dieses Mädchen eine Knospe. Wenn sie sich zur Blüte entfaltet haben würde, mußte sie eine große Schönheit werden.
Unb schon regt« sich neben der Berechnung in ihm der Wunsch, sich diese hold« Blum« zu erringen. Geringschätzig verglich er Luisens Erscheinung mit der ihrer Nichte. Daß er ein Narr wäre, sich an dieses Monstrum zu binden, ehe er den Versuch gemacht hatte, sich Regina zu erobern.
Während diese Gedanken sein Hirn durchkreuzten, sprach er in seiner kühl liebenswürdigenWeise mit Luis« und ihrem Later. Regina beteiligt« sich nur an der Unterhaltung, wenn sie gefragt wurde.
„Wann soll denn nun mit dem Bau der neuen Kirch« begonnen werden? Wird es denn Ernst?" fragte Schröter.
„In ungefähr drei Monaten, Herr Justizrat! Der leitende Baumeister ist bis dahin von einer anderen Arbeit in Anspruch genommen. Sobald er frei wird, kommt er nach Weißenburg und dann kann das Werk beginnen."
„Wie heißt denn der Baumeister?"
„Rüdiger?
Schröter macht« «in überraschtes Gesicht; er legte sein Hörrohr an und fagte:
„Nennen Sie mir bitte, den Namen noch einmal." '
„Rüdiger."
„3a, dann ist es wohl gar der Pflegesohn von meinem Hausmeister?"
Kirchner sah ihn verstünduislo» M,
ausstellt, so nehme ich die« alles selbstverständlich zurück und Bebauer«, daß ich bie Herren insoweit und ohne meinen Willen beleidigt habe.
Die Urteilsbegrünbung wirft bie« erstinstanzliche Urteil vollständig um. Es stellt eine vollftänbige Ehrenrettung für ben Hauptmann Kammler bar. Er wirb als korretter, pflichttreuer Offizier geschildert, der tadellos seinen Dienst versah. Di- Behauptung, daß er außerordentlich hart in seine« Strafen gewesen, sei falsch. Man muß geradezu, erstaunt sein, wie er unter dem hiesigen Publikum mit so geringe« Strafen auskommen konnte. Wenn insbesondere von Hauptmann Kammler Geistesschwäche angenommen wurde, so geschah das lediglich von Klatschbasen männlichen und weiblichen Geschlechts; irgendwelche Anhaltspunkt« dafür, gibt es nicht. Die dienstlich« Meldung des Hauptmanns sei so korrekt abgefaßt, daß der Angeklagte sich an ihr hätte ein Beispiel nehmen können, dann säße er heute nicht vor uns. Die politischen Vorgänge find für das Gericht ohne Belang. Alle Vorwürfe des Angellagten sind falsch und stellen schwere Beleidigungen dar. Der Angeklagte habe auch nicht im guten Glauben gehandelt, denn ein vernünftiger Mensch kann auf solch« Gedanken, wie sie vom Angeklagten zu Dutzenden erhoben worden sind, überhaupt nicht kommen. Das Gericht steht auf dem Standpunkt, daß man den Angeklagten als einen vernünftigen Menschen nicht bezeichnen kann. Ein vernünftiger Mensch könne doch nicht denken, daß er wieder Reserveoffizier werden könnte, nachdem er seine Liebe zur Arme« dadurch betätigt habe, daß er ein« Reihe von Offizieren in der unflätigsten Weise beschimpfte. Das Gericht habe aber geglaubt, daß der Angeklagte in legaler Weise den Kriegsminister für sich interesiieren wollte. Ein Mensch, der Eewtsfen habe, schreite bei dem Versuch seiner Rehabilitierung nicht über Leichen. Man habe überlegt, ob eine Gefängnisstrafe nicht angebracht sei, hab« aber doch die höchstzuläsfige Geldstrafe gewährt. Der Prozeß wird in der gesamten Presse eifrig besprochen unb je nach bem Parteistandpunki werben auch bie politischen Seiten herausgehoben. Als das wichtigst« erscheint, daß der Prozeß jetzt ben Hauptmann Kammler, bet im übrigen zuweilen eine komische Rolle gespielt hat, von bem auf ihm lastenden Sigma des gemeinen Menschen befreit ist. Von bet Komik zur Bos- heit ist ein weiter Weg, ben zunächst nur bet Amtsrichter Knittel vollzog, um am Schlüsse der Verhandlung zu erklären, daß er sich in vielem geirrt hat.
Damit war das Urteil für Knittel schon gesprochen unb man braucht bie politische Seite der Sache nicht weiter zu berühren. Ein« große Menschenmenge hatte das Urteil ermattet Gegen Hauptmann Kammler nahm die Menge teilweise eine drohende Haltung ein uni begleitete ihn unter Johlen unb Pfeifen zu seinem Hotel.
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- Deutsches Reich.
— Born Bundesrat. Berlin, 3. Oki. In der Sitzung des Bundesrats wurde die Wahl der Bundesstaaten in die Ausschüsse von 3 bis 11 vollzogen. Den zuständigen Ausschüssen wurden überwiesen ein Antrag Bayerns, Württembergs, Badens und Elsaß-Lothringens betr. den Entwurf des Gesetzes über die Aende- rung des Zollvereinigungsgesetzes vom 3. Juli 1867, den Entwurf des Gesetzes über die Wiederaufnahme des Disziplinarverfahrens, den Entwurf von Bestimmungen über die Herstellung von Zigarren usw. in der Heimarbeit, den Entwurf der Ausführungsbestimmungen zu § 107/1 des Branntweinsteuergesetzes, den Entwurf der Ausführungsbestimmungen über die Gewährung von Beihilfen an Kriegsteilnehmer und den Entwurf der Vorschriften zur Abänderung der Vorschriften über den Befähigungsnachweis und die Prüfung der Maschinisten auf Seedampfschiffen. Zugestimmt wurde der Aenderung der Zuckersteuer und den Ausführungsbestimmun- gen, dem Anträge betr. die Ausführungsbestimmungen zum Reichsstempelsteuergesetze vom 3. Juli 1913 und der Vorlage betr. die Amtsdauer der gegenwärtigen nichtständigen Mitglieder des Reichsversicherungsamt» aus dem Stande der Arbeitgeber und Versicherten.
— Kein Statthalterwechsel ie Elsaß-Lothrlngen. Straßburg, 3. Okt. Mit Bezug auf einen in einem westdeutschen Blatte erschienenen Artikel mit der Ueberschrift „Etatthalterwechsel im Reichslande in Aussicht" wird gemeldet, datz in Stratzburg an maßgebender Stelle von einem Statthalterwechsel nichts bekannt ist. Eewiffe in dem gleichen Artikel mitgeteilte Personalveränderungen im obersten Verwaltungsdienst des Landes sind ebenfalls, wie von zuständiger Seite versichert wird frei erfunden und entbehren jeder Unterlage.
— Gründung eines Rießerfonds im Hansabunde. Berlin, 3. Okt. Anläßlich der Feier des 60. Geburtstages des Geheimrats Dr. Rießer ist beschlossen worden, einen Rießerfonds zu sammeln. Dieser soll von einer kleinen Kommission unter Leitung des Ee-
„Haben Birkners einen Pflegesohn, der Baumeister ist?"
„Na, bas will ich meinen. Unb ein tüchtiger Mensch soll er sein. Das kann schon stimmen. Freilich, der ist noch sehr jung, warten Sie mal — na, an bie dreißig wird er wohl sein."
„Dann ist es schon der Richtige. Im Komitee nahm man erst an der großen Jugend Anstoß, aber Exzellenz von Massenburg bürgte für seine Tüchtigkeit, und auch sonst hat man bie besten Referenzen über Ihn eingezogen."
„Das ist mir aber interessant. Regina, klingle boch ben allen Blrkner herauf, ber weiß am Ende noch gar nichts von bem Erfolg seines Pflegesohnes. Das muß ich ihm boch gleich sagen."
Luise hob abroehrenb bi« Hanb.
„Ich bitte bich, stelle bich boch nicht immer auf einen so familiären Stanbpunkt mit biefen Leuten. Sie werben es zeitig genug erfahren."
Der alte Herr zwinkerte belustigt mit ben Augen.
„Ich werbe mir boch bie Fbeube nicht entgehen lasten. Schnell, Kinb!"
Regina tat, wie ihr geheißen, unb gleich barauf erschien Blrkner.
„Sagen St« mal, Blrkner, misten Sie beim schon, wer unser« nettf .
Kirche baut?" . ■
„Ja, Herr Justizrat I Mein Pflegesohn!" ......
„Unb bas haben Sie mir nicht gesagt?"
Blrkner sah ihn treuherzig an.
„Das hätte wohl ausgesehen, als wollte ich bamit prahlen."
„Für so einen Prahlhans halte ich Sie nicht, Blrkner. Aber es freut mich, freut mich über die Maßen. Da haben Sie meine Hanb, Alter. Biel Glück zu bem Erfolg. Das mar wohl eine große Freude, was?"
„Zu dienen, Herr Justizrat! Meine Frau unb Ich, wir haben vor Freube gemeint, als es uns der Jung« schrieb."
„Glaub' ich, glaub' ich gern. Ich wollte Ihnen gleich die Neuigkeit mitteilen. Da kam ich freilich zu spät."
Blrkner zog sich sofort wieder zurück.
(Sortierung folgt.)