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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage".

Jfä 217

DieOberhesfische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. Der Bezugspreis betrügt vierteljährlich durck die Post 2.25 .« (ohne Bestellgeld!, bei unseren ZeitungssteNen 2 M frei ins Haus. Verlag von Dr. C. Hitzeroth. Druck der llniv.- Buchdruckerei I. A. Koch (Inh. Dr. C. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.

Marburg

Dienstag, 16. September

Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 L. bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen die Zeile 60 4. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Zahlungen unter Rr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.

48. Jahrg.

1913.

Erstes Blatt.

Der Kampf gegen die Fremdenlegion.

Der so überaus rührige Internationale Völkerrechtsbund zur Bekämpfung der Fremdenlegion unter dem Präsidium des Land­tagsabgeordneten Dr. Zöphel in Leipzig wendet sich mit einem AU f r u f an die gesamte deutsche Nation, der wohl verdiente, daß er in allen deutschen Herzen das lebhafteste Echo fände. Es heißt darin u. a.:

Die immer deutlicher zutagetretende Degeneration der fran­zösischen Nation und die infolgedesien abnehmende Schlagfertigkeit der französischen Armee zwingt die große Nation ihre Zuflucht zu den . gewagiesten Mitteln zu nehmen, um ihr« Wehrkraft im Einklang mit ihrer Großmannssucht zu erhalten. Da derVorrat" ihrer eigenen Lan­deskinder nicht mehr ausreicht, den Revanchegedanken aufrecht zu erhal­ten, so ist es zunächst die schwarze Armee, die als Stütze der ruhmvollen Trikolore von den Parisern, mehr noch von den Pariserinnen, verherrlicht wird. Ob und wie sich dieser französische Hoffnungstraum verwirklichen wird, muß erst die spätere Zukunft lehren. Doch so ganz scheint man in französischen leitenden Kreisen von dieser Hoffnung nicht erfüllt zu sein, denn immer wieder greifen sie auf ihre altbewährten Kerntruppen zurück, auf ihre deutschen Soldaten, auf di« Fremdenlegion, von der be­reits zwei Regimenter bestehen, und jetzt soll noch ein drittes Regiment, ein Kavallerieregiment aus deutschen Soldaten ge­schaffen werden. Das ist denn doch der Gipfel gallischer Dreistigkeit. Was würde Frankreich im umgekehrten Falle tun, wenn wir eine Frem­denlegion mit französischen Soldaten besäßen und diese in solch barbari­scher Weise behandelten? Besitzen wir Deutschen denn weniger National­gefühl, weniger Selbstachtung, weniger Stolz als die Franzosen? Das große stolze Deutsche Reich ist wie von einer unheimlichen Epidemie, von der französischen. Fremdenlegion heimgesucht. Tausende von Frankreich bezahlte Werber überfluten, immer dreister werdend, unser Vater­land. Sie rauben uns die Blüte unserer Jugend, um sie in der afrikani­schen Sandwüste elendig umkommen zu lasten. Die französische Fremden­legion ist nichts weiter als ein Massengrab deutscher Jüng­linge. Die Revanche für 7071. Deutsche Männer! Laßt unfern Hilferuf nicht^vLiLeblich erschallen, wir brauchen euren Beistand. Schützt euer eigenes Fleisch und Blut! Deutsche Frauen mit sanftem Sinn und edlem Herzen, die ihr stets dort zu finden seid, wo es Elend und Not zu lindern gibt, habt Erbarmen mit den unglücklichen Verführten. Es sind Menschen, und nicht schlechte, sondern unüberlege und verführte, es sind Deutsche! Tretet in Massen unserem Bunde bei. Da der Mindestbei­trag pro Jahr 1 «41, mit Bundeszeitung 3 M beträgt, so bedeutet der An­schluß kein wesenliches Opfer. Natürlich werden höhere Beiträge dank­bar angenommen."

Gleichzeitig bringt dieNational-Zeitung" unter der >»--ber- schriftAus den Garnisonen der Fremdenlegion" Mitteilungen eines ihrer Mitarbeiter über die deutschen Legionäre in Saida, denen wir folgende Stellen entnehmen:

Man kann ruhig sagen, wären bis jetzt die 40 Prozent Deutscher nicht ständig in den algerischen Fremdenregimentern gewesen, mit ihrem Bewußtsein für Ordngng und Selbständigkeit, die Franzosen hät­ten niemals dieses Teufelsland erobert. Und den Ein­druck hat man hier auch, wäre Frankreich gezwungen, wegen eines Krie­ges in Europa das hier liegende reguläre Militär abzuberufen, am selben .läge noch revoltierten die hiesigen eingeborenen Araber-Regimen­ter der Spahis, sowie die Senegalesen-Regimenter und die arabische Gendarmerie der ©ums, die fanatischste mohammedanische Trupp« des südlichen Wüftenalgiers mordete, was an Europäern nur vorhanden wäre. Das ist die Meinung selbst der hier liegenden Offiziere. Die Fremdenlegion ist die einzige Truppe, die alles in Schach hält, und die Legion wäre nicht, es ist eine Schande es zu sagen, wenn die Deutschen nicht wären. Und was sind es für Menschen, die die Legion bevölkern? Saida hat Vierzehnjährige in seinen Kompagnien. In Saida sand ich den Sohn eines preußischen Landrats, der mir sein früheres Sündenregister offen bekannte, fand ich einen katho­lischen Pfarrer, der Sonntagsmorgens feine Legionärskleidung ablegte und in der «infamen Kirche vor den Kasernen die Meste las, fand ich deutsche Lehrer, deutsche Aerzte, Ingenieure und Bahnbeamte, die im lieben deutschen Heimatland geachtete Stellungen hatten, bis sie in den Abgrund fielen. Ich sand ehemalige Unteroffiziere aus Wiesbaden, Koblenz, Trier und Frankfurt, einen preußischen Major, der arm­seliger Legionär ist. Aber allen, allen kommen doch die Tränen in die Augen, und die Lippen zucken, wenn man ihnen vom deutschen Vaterland erzählt, vom Sommer am Rhein, von den kühlen Wäldern, von der Hei­mat! Die Aktion in Deutschland gegen die Fremdenlegion muß doch schon gewirkt haben. In Oran, Saida und auch hier beklagen sich die Offiziere über die geringer werdenden deutschen Nach­schübe. Tatsächlich ist in den letzten beiden Monaten der Prozentsatz der Deutschen, die zweimal wöchentlich über das Mittelmeer befördert werden, geringer geworden."

Diese Tatsache sollte uns anspornen, immer erneut uns»'stärker den Kampf gegen die Fremdenlegion aufzunehmen und fortzu­setzen. Das geschieht am wirksamsten, indem sich möglichst viele dem Völkerrechtsbund anschließen. Anmeldungen nimmt entgegen: Das Eeneralsekretariat des Internationalen Völkerrechtsbundes zur Bekämpfung der Fremdenlegion, Leipzig, Johannisplatz 8.

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Politische Umschau

Die hannoverschen Nationakliberalen über die Welfenfrage.

Der Provinzialvorstand der Nationalliberalen Partei der Provinz Hannover hat am Sonntag zur Welfenfrage mit fol­gender Entschließung Stellung genommen:

Mit auftichtiger Freude hat die Nationalliberale Partei der Pro­vinz Hannover die Anbahnung eines endgültigen Friedens zwischen unserm Kaiserhause und der Familie des Herzogs von Cumberland be­grüßt. Wir gaben und geben uns der Hoffnung hin, daß in absehbarer Zeit der junge Prinz in Braunschweig einzichen möge, um das Erbe sei­ner Väter anzutreten. Wir hofften, daß so die Welfenfrage, die es staatsrechtlich nicht gibt, auch politisch erledigt sein, daß der Provinz Hannover der tnnerpolitische Frieden gegeben würde und so end­

lich weiteste Kreise zur frohen Mitarbeit am Wohle de» Preußischen Staates und des Deutschen Reiches gewonnen würden.

Die Rechtslage ist klar: Bundesfürst kann nur sein, wer den Bestand des Preußischen Staates anerkennt und die welfisch« Agitation unzwei­deutig abschüttelt. Es handelt sich um die Frage, die das preußische, ja ganze deutsche Volk angeht. Das deutsche Volk ist mündig. Staatsregie, rung und Bundesrat sind dem deutschen Volke Aufklärung schuldig. Nur die bange Sorge um des Volkes und Vaterlandes Wohl veranlaßt di« Nationalliberale Partei als langjährige Trägerin des nationalen Ge­dankens in der Provinz Hannover und sie glaubt sich darin mit an­deren Parteien einig sich dahin zu erklären, daß das nationale Jnter- este vor Erledigung der Braunschweigischen Frag« einen klaren und öffentlichen staatsrechtlichen Verzicht erfordert, der lebet weiteren welfischen Agitation den Boden entzieht. Schon jetzt ist eine bedenkliche Steigerung der welfischen Propanda festzn- stellen. Der Grund dafür liegt ausschließlich darin, daß man es vermied, klare Verhältnisse zu schaffen. Diese Propaganda würde zum Schaden des nationalen Gedankens und des inneren Friedens sich ins Unge- mesiene steigern, wenn man auch für di« Zukunft von Schaffung klarer Verhältniffe absehen wollte."

Dem Bundesrat wurde der Wortlaut der Entschließung tele- graphisch übermittelt.

Bom ewigen Frieden und freien Mann.

Vor einer Reihe von Tagen hat im Kriegerverein zu Deides­heim, anläßlich der Jahrhundertfeier der Befreiungskriege, der bayerische Reichsrat Buhl die Gedächtnisrede gehalten, die er mit einem Blick in die Gegenwart und Zukunft unseres Volkes ab­schloß. Er führte u. a. aus:Deutschland ist reich geworden in glänzender Entwickelung, geachtet und gefürchtet von den Völkern der Erde. Aber es ertönen auch wieder die alten trügerischen Weisen vom ewigen Frieden und zukünftigen Glücke der Völker, wie man sie schon seit reichlich zwei Jahrtausenden als fort­schrittliche Weisheit zumal in den Gaffen der großen Städte ausposaunt. Sind wir wirklich die alten Träumer geblieben, deren Friedensliebe das Vaterland zum Schlachtfeld für alle euro­päischen Heere werden ließ? Sollten wir so wenig aus der Ge­schichte der letzten 120 Jahre gelernt haben, wäre kein Hauch des Geistes jener großen Kriege mehr in uns lebendig? Und sollte Hel­denverehrung wirklich eines freien Manes nicht würdig sein? Ja, heißt denn der nur frei, der täglich beim Morgenkaffee seine freie Meinung einem freigesinnten Groß- stadtblatte entnimmt? Ist es nicht auch der, der auf fester Weltanschauung fußend, aus freiem Entschluffe freudig dem Gan­zen dient?" Die Antwort wird sich jeder Verständige selbst geben können.

Der Zentraloerband deutscher Industrieller.

In der gestern vormittag im großen Kongreßsaale der internationalen ' Bauausstellung in Leipzig »usammengetretenen Versammlung der Dele­gierten des Zentralverbandes Deutscher Industr-eller wurde nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden, Landrat a. D. Roetger, vom Regie­rungsrat a. D. Schweighofer der Geschäftsbericht erstattet. In den ein­gebrachten Beschlußanträgen heißt es, daß irgendwelche Abmachungen handelspolitischer oder sonsttger Art mit dem Bunde der £a,itaiite nicht erörtert, noch weniger getroffen worben se.n. Der Zentralver­band habe bereits mehrfach ausgesprochen, daß er einer weiteren Erhöhung der Zölle auf Lebensmittel und einem lückenlosen Zolltarif nicht zu stimmen könne, andererseits wiederhole «r seine bereits am 6. Februar 1891 abgegebene Erklärung, daß die in ihm ver­einigten Industrien keine Vorteile anstreben, di« nur auf Kosten der Landwirtschaft erreich! werden können. Er halte es in gleicher Weise für seine Pflicht, auf dem Gebiete der Sozialpolitik gemeinsam« Arbeit zu leisten mit allen Kreisen, die für di« Aufrechterhaltung der Autorität des Arbeitgebers und für einen wirksamen Schutz der Ar­beitswilligen einzutreten gewillt find. In einem zweiten Be­schlußantrag gibt der Zentralverband der Ueberzeugung Ausdruck, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Industrie der Beschickung der Weltausstellung in San Franzisko abgeneigt ist. Die Veschluß- antiäge wurden einstimmig angenommen. Nachmittags fand in An­wesenheit des Königs von Sachsen im großen Festsaale des neuen Rathauses die Festsitzung statt. Landrat a. D. Roetger legte in einer Ansprache die Ziele und Zwecke des Zentralverbandes dar und schloß mit einem Hurra auf den König. Der König dankte und äußert«, die Aus­führungen seien ihm als Herrscher eines besonders auf bi« Industrie an­gewiesenen Landes besonders wertvoll erschienen. Er ließ sich «ine größer« Anzahl Herren Vorfällen, mit denen er stch länger unterhielt.

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Sozialdemokratischer Parteitag.

Jena, 15. Sept. Mit einer Begrüßungsversammlung im hiesigen Volkshause begannen gestern abend di« Verhandlungen des diesjährigen Sozialdemokratischen Parteitages. Vor dem Volkshause grüßt ein aus rotverkleideten Pylonen errichtetes Triumphtor mit der Inschrift:Will­kommen zum Sozialdemokratischen Parteitag!" die ankommenden Teil­nehmer. Der Versammlungssaal selbst ist geschmückt. Inmitten einer wundervollen Blumendekoration erblickt man die Büste Bebels. Rechts und links flankieren dies« di« Büsten von Marx und Lasall«. Hebet dem Musikpodium sieht man in großen Lettern den Wahrspruch der Par­teiProletarier aller Länder vereinigt euch!" Unter den ausländischen Vertretern bemerkte man die Genoffen Vandersmiffen und Huysrnan, sowie mehrere Vertteter der österreichischen und tschechischen Sozialdemo­kratie. Rach Musikvorträgen nahm der Vorsitzende bet Jenenset Partei­organisation, Reichstagsabgeordneter Leber (Jena) bas Wort zur Be­grüßung bet Erschienenen. Hierauf hielt bet Reichstaasabgeordnete Molkenbuhr di«

Gedächtnisrede auf August Bebel

und sagt« weiter:Die Hoffnung, daß di« Partei nach Bebels Tode fich spalten würde, ist so alt wie die Partei selbst. Die Hoffnung könnte etwas für fich haben, wenn Eenoffe Bebel etwa eine Parteidoktrin ge­wesen wäre. Was er war und für die Partei bedeutete, das bestand nur in seinem warmen Herzen für die Notleidenden, die Unterdrückten und in bet gewaltigen Wucht seiner Berebsamkeit. Wasihn groß gemacht hat, bas besieht fort, bas ist bie Not unb bas Elend und die Unter­drückung der Massen. Es gibt keinen unter uns, bet nicht bie Einigkeit bet Partei für bie erste Vorbedingung des Sieges hält, Unsere Einig­

keit besteht fort. Das abgelaufene Jahr war ja geradezu angefüllt mtt den schwersten Verbrechen, die je an Menschen verübt wurden. Ich er­innere nut an den Balkanktieg. Wit standen mehtfach not det Gesicht, daß Hundetttausenbe von Oestetreichern, Stuften und anderen Völker-, schäften hingeschlachtet würben um bei Frage willen, ob bieses ober jenes türkisch« Dorf Serbien oder Griechenland zugeschanzt werden soll Die einzelnen Staaten benützten bie Gelegenheit zu einem Rüstungs- wahnfinn, wie ihn bie Wett bis heute noch nicht gesehen hat. Diese Kriegsgefahr kann nur bekämpft werden durch vermehrte Betonung der Einigkeit des Proletariats. Auch bie wirtschaftliche Lage stellt uns gliche Ausgaben. Nach einer kurzen Periobe bei Prosperität droht wieder eine äußerst schwere Krisis. Dabei stockt bie soziale Gesetzgebung in Deutschlanb seit langem. Sie wieder in Fluß zu bringen, wird eine der nächsten Ausgaben der Partei sein. Hierfür die Waffen zu liefern wirb auch Sache bes Parteitages sein, unb in bet Hoffnung, daß diese Er« wattung sich bald erfüllen möge, erkläre ich den diesjährigen Parteitag für eröffnet." j

Heute erstattete zunächst Abg. Scheidemann den Geschäfts­bericht. lleber bie Fürsorge für bie Jungen Leute von 1821 Jahren haben fich Patteivorstand, Wohnungsausschuß und Parteiausschuß für ein intensives Arbeitsprogramm verständigt. Eine Studienkommiftion für die Agrarfragen wird eingesetzt. Die in Chemnitz verlangte Herausgabe einer Modezeitung wirb abgelehnt, aber ein illustriertes Familienblatt mit Tiefbruckbilbern soll geschaffen werben. Heber ben vielerörterten Stillstand der Partei geht Ccheibemann sehr kühl hinweg. Die Ent­wicklung sei niemals in gerade aufsteigender Linie gegangen. Wir sinv, so fähtt er fort, diesmal mehr in die liefe als in bie Breite gegangen. Aber bie Angriffe, bie einzelne Parteigenossen unb Genossinnen gegen ben Patteivotstaiü) gerichtet haben, bas Reden von Mißerfolgen in der Agitation und Organisation, vorn Schwinden bes Vertrauens zur Lei­tung. bas erschwert uns die Arbeit. Wir haben enorm gearbeitet, erst im Kampf gegen bie Teuerung, bann im Balkankrieg an ber Aufklärung bei Massen über bie imperialistische Gefahr. Da kam bie Militärvorlage wie ein Blitz ans heiterem Himmel. Erst nahm bie Bewegung bagegen einen mächtigen Aufschwung. Aber bann flaute sie ab, nicht weil bet Patteivorstand versagte, sondern weil bie Bevölkerung sah, baß bie An­nahme bei Vorlage unabwendbar war. Man hat die Presse angegriffen, daß sie bie Massen nicht genügend aufklätt. Man hat den Parieivorstanb angegriffen, baß et nichts tue. Aber wir haben alles getan unb mußren erlernten, daß die abgeflaute Bewegung nicht künstlich wieder anzufachen wat, baß

eine gewisse Mübigkett bie Massen ergriffen hatte, baß wir alle Arbeit auf die Deckungsvorlag« konzentrieren mußten. Dann tarnen bie Landtagswahlen und in ihrem Gefolge bie Debatte über ben Massenstreik. Diese Debatte ist wenig erfteulich. Alle, die fich daran beteiligten, kamen zu dem Ergebnis, daßjetztaneinen Massenstreik nicht zu denken sei. Das haben wir uns im Parteivorstand auch gesagt, und deshalb haben wir ben Mund gehalten. Denn weshalb sollen wir unseren Gegnern sagen, was wir jetzt nicht machen können? Die Arbetter wissen, daß j e tz t ein Massenstreik un­möglich ist wegen bet Feindschaft bet Christlichen, der Gelben. Des­halb ist es empörend, wenn man die Parteifunktionäre angreift als Bremsklötze bet Bewegung. Alle Parteifunktionäre find nicht Gegner bes Massenstreiks, aber Gegner bet Reberei herüber. Die Hinweise auf bas Auslanb besagen uns nichts. Man darf die deutschen Derhält- nifte nicht durch bie russische Brille ansehen. Bei aller Entschlossenheit, bem Bolk sein Recht zu erkämpfen, müssen wir klaren Verstand behalten und nicht durch jede Wand mit dem Kopf rennen wollen. Das machen wir nicht. Noch ist di« Zeit nicht reif. Erst müssen wir weitet aufHäten über die Schimpflichkeit des preußischen Wahlrechts.

Der Massenstreik ist bie ultima ratio.

Wir werben ihn haben, wenn es fein mutz, wenn die richtige Zeit ge­kommen ist. Falsch ist auch jede Angstmeierei. Aber bie Hauptsache ist bie Disziplin, keine Verhätschelung bei Unorganifterien, kein" Lockerung der Gewerkschaft. Der Hnwille im Volke herrscht, unb bte herrschenben Gewalten sollen ihre Hoffnungen nicht auf bie Langmut ber Massen setzen. Auch bas Bürgertum muß fich klar sein, daß es aus unserer Seite stehen muß, wenn es Kämpfen entgehen will, die es selbst viel schwerer als bas Junkertum treffen würbe. Die Massenstreik­resolution bes Parteivorstandes ist bas Ergebnis der Entschließungen aller, an bei Führung bei modernen Erwerbswege beteiligten In- stanzen. (Das heißt, daß auch die Gewerkschaftsführer dahinter stehen.) Beifall.

Der von Braun erstattete Kassenbericht ist auf einen peinlich­elegischen Ton gestimmt. Die Einzelvereine, bie Parteigeschäste usw. liefern nicht genug an bie Zentralkasse ab. Vor allem aber ist bie Mitgliederzunahme tatsächlich viel zu gering gegenüber den steigenden Ausgaben. Das wird mit bet heranziehenden Wirtschaftskrise entschuldigt. Dann wird bie Diskussion über ben ersten Teil des Ge­schäftsberichtes eröffnet. Stengel (Hamburg) macht interessante, aber nut mit wenig Aufmerksamkeit angehörte Ausführungen über bi« wachsende '

Schablonifierung und Bureaukratifierunz ber Partei.

Durch bie Zentralisation geht dem Einzelnen bie Hebersicht verloren, alles verläßt fich auf die Beamten, auf ihr Kommando und ihre Initia­tive. Die wirfliche innere Anteilnahme leidet darunter. Heilmann (Chemnitz) verteidigt gegen Scheuermann seine Kritik an der Partei­haltung in bet Militäifrage. Man habe nicht wie früher beim Kampf gegen große Vorlagen Tag für Tag die Parteipresse mit diesem Thema angefüllt, habe seine Kräfte zu sehr zersplittert. Heber Organisation» fragen sprechen noch mehrere Redner, die insbesondere die Agitation untet ben Frauen (Frauen-Leseabende) unb unter ben jüngeren Leuten, speziell vor und nach der Militärzeit, in ben Vordergrund stellen.

Stadtverordneten-Sitzung

vom 15. September.

Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung standen 21 Punkte.

Bei Beginn der Sitzung teilte der Stadtverordneten-Vorsteher Justizrat Rohde mit, daß die Kaffenabschlüffe zur Zirkulation vor­liegen, ferner wurde ein Dankschreiben des Univ.-Buchhändlers E. Braun für die Teilnahme bei dem Hinscheiden seines Vaters verlesen und eine Eingabe eines städtischen Beamten bezüglich seiner Eehaltsregelung zur Kenntnis gebracht. Bezüglich der Fest­setzung bestimmter Tage für die Stadtverordnetensitzung,