mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „LandwirtschaWche Beilage".
M 201
Die „Oberhessische Zeitung- erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich butch die Post 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2 M frei ins Haus. — Verlag von Dr. C. Hitzeroth. — Druck der Univ.» Buchdruckerei I. A. Koch (Inh. Dr. C. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Marburg
Donnerstag, 28. August
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48. Jahrg.
1913.
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Tie Posener Kaisertage.
Gestern vormittag 10(4 Uhr wurde die Kapelle im Königlichen Residenzschloß durch einen liturgischen Gottesdienst feierlich eingeweiht. Der nicht sehr große, aber hohe Raum, ganz in Marmor und herrlichem Eoldmosaik, ist ein Meisterwerk romanischen Stils. Der große Christuskopf in der Altarnische, die Figuren der Propheten und Apostel, die Wappen der Provinz Posen treten aus dem schweren goldenen Hintergründe in fein abgetönten Farben hervor. Zn jeder der beiden Ecken, die dem Altar schräg gegenüberliegen, erhebt sich^in breiter, hochlehniger Thron über einigen Stufen. In der Lehne des für den Kaiser bestimmten Thrones sieht man den Reichsadler, in dem der Kaiserin das Jerusalemkreuz. Auf jenem nahm der Kaiser zwischen dem Kronprinzen und dem Prinzen Eitel Friedrich Platz, auf diesem die Kaiserin zwischen der Kronprinzessin und der Prinzessin August Wilhelm. Die Feier wurde eingeleitet durch den Gesang des Domchors: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses", worauf die Gemeinde sang: „Großer Gott, wir loben dich". Im Verlaufe der Liturgie trug dann der Domchox das Doppelquartett aus Mendelssohns „Elias" vor: „Denn er hat seinen Engel befohlen über dir", und die Gemeinde vereinte sich mit dem Chor bei Orgelklang zu Luthers Choral „Ein feste Burg Ist unser Gott". Rach einer Schriftverlesung aus dem 2. Korintherbrief sprach Oberhofprediger D. Dryander das Weihegebet und nahm den Weiheakt vor. Der Domchor intonierte Vort- nianskys: „Du Hirte Israels". Den Schluß der Feier bildete das Niederländische Dankgebet.— Der Kaiser überreichte nach dem Gottesdienst dem Maler Profestor Oetken-Berlin persönlich den Kronenorden 2. Kl. Gegen 12 Uhr begab sich das Kaiserpaar im offenen Automobil bei prächtigem Wetter vom Schlöffe nach dem Nathause, von einem dichtgedrängten Publikum stürmisch begrüßt. Oberbürgermeister Dr. Wilms hielt eine
Ansprache, in der er u. a. ausführte:
„Prächtig und wirkungsvoll sehen wir heute den ehrwürdigen Bau in neuem Glanze vor unseren Augen, als ein Wahrzeichen aus alter Zeit in einer gewaltig vorwärtsstrebenden Gegenwart. Unter dem machtvollen Schutze des geeinten Deutschen Reiches und der besonderen landesväterlichen Fürsorge Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät während einer 25jährigen segensreichen, friedlichen Regierung hat sich wie unser ganzes deutsches Vaterland so auch unser Gemeinwesen in einer ungeahnten Weise entwickelt. Wir verbinden mit dem tiefgefühlten Dank hierfür die Versicherung unwandelbarer Treue gegen unser liebes deutsches und preußisches Vaterland und Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten. Dieses Gelöbnis der Liebe, Treue und Anhänglichkeit zu erneuern, ist uns eine besonderes hohe Freude an einem so denkwürdigen Fest- und Ehrentage wie dem heutigen, der durch die Anwesenheit Eurer Majestät eine so schöne und hohe Weihe erhält. Indem ich bitte, als Willkommensgruß der Stadt'in der historischen Halle unseres alten Rathauses diesen Pokal, gefüllt mit rheinischem Traubenblut, huldvollst entgegenzunebmen, fordere ich meine Mitbürger auf, mit mir einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät der Kaiser und König und Ihre Majestät die Kaiserin und Königin, sie leben hoch!"
(Nachdruck verboten.)
Friede Sörrensen.
Roman von H. Eourths-Mahler.
(Fortsetzung.)
Friede erriet ungefähr die Gedanken von Mutter und Tochter. Es zuckte einen Moment wie ein Lächeln um ihren Mund.
„Natürlich regle ich zuvor deine Verhäktniffe", fuhr sie fort. „Deine Schuldsn werde ich bezahlen. Und wenn Ihr jeden Sommer "einige Wochen meins Gäste sein wollt, so könnt Ihr während dieser Zeit alle Ausgaben außer der Miete sparen. Auch könnte eine von deinen Töchtern ganz bei mir leben — allerdings gibt es bei mir viel Arbeit und wenig Vergnügen. Aber du würdest dann die Ausgaben für eine Tochter sparen und könntest vor allen Dingen eine kleinere Wohnung nehmen. Was meinst du zu diesem Vorschläge, Lizzi?"
Diese überlegte schnell, daß sich ihre Verhältnisse wirklich viel günstiger gestalten ließen, wenn sie nur für eine Tochter zu sorgen hätte. Daß sie lieber Ruth als Ellen fortgeben.würde, darüber war sie sofort im klaren.
»Ich glaube, Ruth würde sich gern in irgend einer Weise bei dir ^tätigen , sagte sie hastig. „Sie wollte schon immer gern einmal ihre Kräfte versuchen. Und dann ist sie auch wirklich viel praktischer und tücht-.ger als Ellen, die ist auch zu zart und würde dir nicht viel nützen. Richt wahr, Ruth, du würdest sehr gern zu Tante Friede gehen?"
_ „Ja, Mama." Mehr antwortete Ruth nicht. Sie fühlte sehr wohl, dap Tante Friede mit Absicht die Entscheidung in die Hände ihrer butter gelegt hatte, wer von ihnen beiden mi ihr gehen sollte.
. buen hatte heimlich aufgeatmet. Mit Schrecken hatte sie Tante Friedes Worte vernommen und sah sich entsetzt schon mit einer großen groben Wirtschaftsschürze im Kuhstall stehen.
würbe ja auch furchtbar gern zu dir kommen, Tante Friede. Aber Mama jetzt zu verlaffen — nein — das bringe ich nicht übers Herz. Ruth ist so viel ruhiger und besonnener als ich — und ich gönne es ihr von Herzen, daß sie bei dir sein darf."
Friede wußte ganz genau, was sie von diesen Worten zu halten hatte. Ohne Ellen weiter zu beachten, wandt« sie sich an Ruch.
Der Kaiser
erwiderte mit folgender Rede:
„Mein lieber Oberbürgermeister! Rehmen Eie für da« Gelöbnis der Treue, welches Sie namens der Bürgerschaft Meiner Residenzstadt Posen hier soeben erneuert haben, Meinen Königlichen Dank. Was vor hundert Jahren unter der Regierung Meines Ahnherrn die Not des Vaterlandes auszuführen verbot, das ist unter Gottes gnädigem Beistand heute zur Wirklichkeit geworden. Durch die Kunst der Bauleute ist diese altehrwürdige Ratsstätte zu der Pracht früherer Tage wieder erstanden, und gern bin Ich heute gekommen, dem Bau die Weihe zu geben. Mit Befriedigung habe ich wahrgenommen, wie die Stadt Posen sich entwickelt und verschönt hat, seit Ich sie von dem steinernen Gürtel der alten Festungswerke habe befreien können. Eine neue Zeit raschen Emporblühens ist für sie angebrochen. Mit stattlichen Bauten und freundlichen Anlagen geziert steht sie jetzt in neuem Kleide da, und als Zeichen dieser neuen und, wie Ich hoffe, glücklichen Zeit hat nun auch ihr Rathaus ein neues Gewand angelegt. Allezeit fei dieses Haus eine Pflanzstätte
einttächtigen Gemeinfinns und wahrer Vaterlandsliebe.
Dann können die, so darin raten und taten, deffen gewiß sein, daß Meine landesoäterliche Huld, als deren Symbol Meine Königskrone dieses Haus ragenden Turm ziert, sie bei ihrer Arbeit zum Heile der Stadt geleiten wird. Und so erhebe Ich diesen Pokal, gefüllt mit deutschem Weine, und leere ihn auf das Blühen und Gedeihen Meiner Residenzstadt Posen."
Es folgte ein Rundgang durch das Rathaus Um 12% Uhr verließen die Fürstlichkeiten das Rathaus, die Kaiserin fuhr nach dem Residenzschloß zurück, der Kaiser begab sich zum Offizierkasino der Königsjäger zu Pferde, wo er an dem Frühstück teilnahm. Nachmittags von 4 Uhr ab hielt die Kaiserin in den Empfangsräumen des Residenzschloffes Damenempfang ab, dem die Kronprinzessin und die Prinzessin August Wilhelm beiwohnten. Der Reichskanzler wurde um 5 Uhr vom Prinzregenten Ludwig in Audienz empfangen.
Abends um 7 Uhr war im Residenzfchloffe i
Festtafel für die Provinz Pofen.
Der Prinz-Regent Ludwig führte die Kaiserin, der Kaiser die Kronprinzessin. Der Kaiser hielt folgende Ansprache:
„Im Namen Ihrer Majestät der Kaiserin wie im eigenen Namen heiße-Ich Sie, meise Herren, hier in meiner schönen Pfalz herzlich willkommen. Wir freuen Uns, daß die diesjährigen Manöver Uns für einige Tage in Ihre Provinz geführt haben und mit Ihren bewährten Vertretern und treuen Bewohnern in gpfjeie Berührung bringen. Ich benutze auch gern diese Gelegenheit, nochmals wärmsten Dank zu sagen für die freundlichen Glückwünsche und Kundgebungen der Anhänglichkeit, welche Mir zu Meinem 25jährigen Regierungsjubiläum aus Stadt und Land der Provinz Posen in reicher Fülle zugegangen sind. Heute früh ist es Mir vergönnt gewesen, der Weihe der fertiggestellten Kapelle dieses Meines Residenzschloffes beizuwohnen. Als ein prächtiges Zeugnis deutschen Kunstschaffens bildet Jte einen würdigen Abschluß der ausgezeichneten Arbeit, die hier geleistet ist. Vollendet ist der festgefügte, harmonisch gegliederte Bau, ein Wahrzeichen landesherrlicher Macht und Fürsorge und lobt seinen Meister. So möge auch die treue Arbeit und Fürsorge, die Preußens Könige der Provinz Posen in langen Jahren zugewendet haben, mit Erfolg gekrönt werden und die Provinz sich immer mehr zu einem fe st gefügten, zuverlässigen ©liebe des herrlichen Baues unseres preußischen, unseres deutschen Vaterlandes entwickeln. Mögen ihre Bewohner — gleichvielwelcher Nationalität und Konfession —, eng verbunden durch das Band der Liebe zur gemeinsamen schönen Heimat und das Band der Treue gegen König und Vaterland, sich die Errungenschaften deutscher Kultur zu eigen machen und ihres Segens froh werden. Gleich Meinen Vorfahren wird Mir das Wohl Meiner Provinz Posen stets besonders am Herzen liegen. Ich trinke auf eine glückliche Zukunft der Provinz und ihrer Bewohner!"
Um 9 Uhr brachte der Provinzialsängerbund von Posen im
„So gehst du am besten gleich mit mir nach L. . , bu kannst bich doch bis morgen bereithalten, Ruth?"
„Ja, Tante Friede."
„Dir ist es doch so recht, Lizzi?"
Gegen abend begab sich Friede in ihr Hotel zurück, diesmal in Begleitung von Hans, der darauf bestanden hatte, sie nicht allein fahren zu laffen. Und da ihn Friede nicht kränken wollte, nahm sie feine Begleitung an. Sie bedauerte es nachher auch nicht, denn außer dem Bereich von Ellens spöttischen Augen gab er sich freier und rückhaltloser. Und er sprach in warmen Worten von Ruth, bekannte offen, daß diese ein viel besserer Mensch sei als er selbst, und daß er hoffe, sie werde bei Tante Friede schneller über ihren Verlust wegkommen als zu Hause.
Friede nahm wärmer und herzlicher von ihm Abschied. Und als sie ihm die Hand reichte, sagte sie ihm noch einmal eindringlich: „Mache deinem Vater Ehre, Hans, und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Halte Ordnung in deinen Finanzen!"
„Du sollst mit mir zufrieden sein, Tante Friede," antwortete er und küßte ihre Hand ehrerbietig.
„Wir sehen uns morgen wohl kaum noch?"
„Wenn ich mich sreimachen kann, bin ich am Bahnhof."
„Gut, Hans. Und wenn du nicht kommen kannst, dann Lebewohl! Ich hoffe, auch dich bald einmal bei mir zu sehen."
„Wenn du erlaubst, komme ich gern."
Sie nickte ihm freundlich zu und stteg die Hoteltreppe empor. —
Ruth packte noch denselben Abend ihre Sachen, damit sie am nächsten Tage reisefertig sei. Mutter und Schwester halfen bereitwillig bei ihren Reisevorbereitungen.
„Kind, bu wirst bei Tante Friede viel sorgloser leben, als wir. Sieh' mal, wir müffen uns immerhin noch einschränken, Ellen und ich, Und weißt du, vor allen Dingen mußt du suchen, einen Einblick in Tantes Verhältnisse zu gewinnen. Ich möchte doch gern wiffen, was ihr in Zukunft etwa von ihr zu erwarten habt. Verstehst du, Ruth? Mußt ein bißchen klug sein."
Ruth hatte mit herb geschloffenem Munde den Worten der Mutter gelauscht. Was sie dabei empfand, verriet nur das dunkle Rot in ihrem Gesicht. Sie blickte nicht auf von ihrer Arbeit, als sie sagt«:
„Tante Fried« hat sich wahrhaftig großmütig gegen uns gezeigt.
Ehrenhofe des Residenzschloffes dem Kaiserpaar eine Serenade dar. Beteiligt waren etwa 1000 Sänger mit ihren Fahnen und Bannern. Die Sänger und das Publikum brachten dem Raffet« paar stürmische Ovationen. Die Stadt ist wieder illuminiert. — Am nachmittag fuhren der Kronprinz und die Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm und Oskar im Automobil nach den Änsiedelungsdörfern jenseits der Warthe, allenthalben von den Ansiedlern freudig begrüßt.
Politische Umschau,
Die neuen strategische« Bahne« Rußlands gegen Deutschlaud.
Zu den Mitteilungen des französischen Eeneralstabschef« Joffre über neue strategische Maßnahmen Rußlands, die eine Beschleunigung der russischen Mobilmachung ermöglichen sollen, werden von militärischer Seite folgende authentische Mitteilungen gemacht:
Zwei große strategische Bahnen, eine „K a u k a s u s - V a h n" und eine „Ostsee-.Bahn", sind es, die hauptsächlich der Ver- befferung der russischen Mobilisation dienen sollen. Die eine Bahn wird den Kaukasus durchschneiden, die andere die strategisch wichtigen Städte Rußlands mit der Ostsee verbinden. Die russische Regierung berief vor einiger Zeit unter dem Vorsitz des Generals Petrow eine Kommission von Eisenbahnsachverständigen, Generälen und Ingenieuren, darunter die Erbauer des Lötschberg- Tunnels, zusammen, um den Kaukasus-Bahnbau, das gewaltigste strategische Bauwerk, das bisher geschaffen wurde, in Angriff nehmen zu laffen. Ein strategischer Tunnel von der ungeheuren Länge von 24% Kilometer soll durch den Kaukasus hindurchgeführt werden, um dadurch die Beherrschung Nordpersiens durch Rußland zu erleichtern. Der Tunnel wird zwischen Wladikawkas und Tiflis eine direkte Verbindung Herstellen, durch die die bisherige Länge von 1500 Kilometer auf den achten Teil verringert wird. Dadurch wird naturgemäß die Möglichkeit der Truppenkonzentrierung bedeutend erleichtert werden. Die Bahn zur Ostsee steht im Zusammenhang mit den Plänen zur Verstärkung der militärischen Kräfte an der Ostsee. Im Hinblick auf einen Krieg gegenDeutschland werden hier die Landtruppen vermehrt, außerdem wird eine bedeutende Verstärkung der Küstenbefestigungen durchgeführt. Von Reval bis hinauf zu den südwestlich von Helstngfors liegenden Klippen sollen am Finnischen Meerbusen große Küstenbefestigungsanlagen mit sehr starker Bewaffnung errichtet werden. Der Zweck dieser Anlagen ist naturgemäß die Sperrung der Einfahrt nach St. Petersburg und Kronstadt. Im wesentlichen handelt es sich um zwei große Befestigungen, eine im Süden, die andere im Norden. Besonders die südliche Anlage bei Reval soll stark ausgebaut werden. Die Tatsache, daß Rußland es für nötig hält, die eigentlich recht wenig gefährdete Ostseeküste so stark zu befestigen, scheint im Hinblick auf die gegenwärtig« Weltlage von Bedeutung.
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Deutsches Reich.
— Telegrammwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef. Berlin, 27. Aug. Der Kaiser hat am 23. ds. Mts. folgendes Telegramm an Kaiser Franz Josef gerichtet:
„Mit herzlicher Teilnahme höre ich soeben, daß Vizeadmiral Graf Lanjus seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Ich betrauere mit Dir ben Verlust dieses Offiziers, der Treue im Dienst bis zum Tode bewies. Ich werde meiner warmen Teilnahme Ausdruck geben, indem ich mich durch Major von Kageneck bei der Beerdigung vertreten laffen werde, (gez.) Wilhelm."
Darauf ist folgende Antwort eingegangen:
„Tiefbewegt ob der besonders teilnahmsvollen Worte, welche Du
Ich habe nur bas eine Bestreben — ihr durch mein Verhalten meine Dankbarkeit zu beweisen."
„Und mir mußt du auch etwas versprechen, Ruth, bettelte Ellen, die Schwester zärtlich umfaffend.
Ruth sah mit trübem Blick in das schöne, liebreizende Gesicht der Schwester. Trotz aller Verschiedenheit der Charaktere liebte sie dieselbe, „Was soll ich dir versprechen, Ellen?"
„Mache mir bei Tante Friede ein Taschengeld aus, ja?"
„Ich kann dir das nicht versprechen, Ellen. Es wäre mir schrecklich, von Tante Friede noch mehr zu verlangen, als sie ohnehin schon gibt. Das hieße, ihre Güte mißbrauchen. Wiffen wir denn, ob es ihr nicht große Opfer kostet, soviel für uns zu tun?"
„Ach, dann würde sie sich hüten, es zu tun. Aber so bist du, nicht de« kleinsten Gefallen erweisest du mir," schalt Ellen ärgerlich.
Ruths Lippen zuckten.
Jeden Gefallen will ich dir tun — aber dies verlange nicht von mir. Ich will dir gern versprechen, daß ich dir, falls mir Tante freiwillig ein Taschengeld aussetzt, die Hälfte davon abgeben werde. Damit mußt im dich zufrieden geben."
Ellen seufzte.
Ruth war froh, als sie endlich fertig war mit packen und zu Bett gehen konnte. Heimlich schlich sie aber noch einmal hinüber in des verstorbenen Vaters Zimmer und nahm die Schreibfeder an sich, mit welcher er zuletzt geschrieben hatte. Wie überwältigt vom Schmerz sank sie vor dem Lehnstuhle zusammen, in dem er seinen letzten Atemzug getan hatte, und umklammerte die Lehne mit beiden Händen. Müde fiel ihr Kopf auf das Poffier.
„Papa — mein lieber Papa — erst jetzt begreife ich ganz, was du gelitten hast," flüsterte sie vor sich hin.
Da war'« als wenn des Vaters Hand sich sanft auf ihren Kopf legte, wie segnend.
Eine tiefe, friedliche Ruhe zog i« ihr Herz. Sie erhob sich getröstet und suchte ihr Lager auf,
(Fortsetzung folgt.)