mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
Jts. 195
Die »Oberhessischr Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post 2.25 M lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2 M. frei ins Haus.^- Verlag von Dr. T. Hitzeroth. — Druck der Univ.- Buchdruckerei I. A. Koch (Inh. Dr. E. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Marburg
Donnerstag, 21. August
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48. Jahrg.
1913.
Bourgeoisie und Sozialismus.
IBon Dr. Otto Warschauer, Professor d. Staatswissenschaften, Berlin.
Seit langer Zeit und namentlich wiederum bei den jüngsten Landtagswahlen in Preußen find von sozialdemokratischer Seite die heftigsten Angriffe gegen die Bourgeofie gerichtet worden. Wiederholentlich wurde die Behauptung aufgestellt, daß sie, im Kampfe der Gemeinen und Hörigen gegen den Lehensadel entstanden, ein nur von eigennützigen Interessen geleiteter Einzelstand sei, der dauernd und in verhängnisvollster Art die Idee der Selbstsucht in sich verkörpere und namentlich denjenigen, die keine Arbeitswerkzeuge besitzen, d. h. den Arbeitern und dem gesamten Proletariat, lieb- und interefielos gegenüberstehe. Viele Vertreter der Sozialdemokratie geben tendenziös der Ansicht einen vielfach lärmenden Ausdruck, daß die Bourgeoisie nur an sich denke und für andere nicht sorgen, daß durch ihre Entwicklung für die breiteren Volksklasien keinerlei Vorteil entstanden sei und sie für diese letzteren weder materiell noch intellektuell viel geleistet habe.
Sind diese Vorwürfe tatsächlich gerechtfertigt? An anderer Stelle ist ausführlich *) bereits auseinander gesetzt worden, wie unbegründet und sachlich unhaltbar sie sind, aber auch hier sei, wenn auch nur mit wenigen Worten, ihr Feingehalt geprüft. Wohl mag die Bourgeoisie wie jede sonstige Bevölkerungsgruppe im Staat Unterlasiungssünden begangen haben, die bester unterblieben wären, aber einseitig und engherzig werden von sozialdemokratischer Seite immer nur die Mißstände, die mit ihrer Entwicklung verbunden gewesen, hervorgehoben, ohne daß der Vorteile gedacht ist, die für das Proletariat und namentlich die Arbeiterschaft durch sie geschaffen worden sind. Die Bourgeofie ist der für die Entwicklung und den Bestand eines jeden Staates unentbehrliche Mittelstand, und die Rechte, die dieser letztere namentlich in Deutschland sich zu erobern verstanden, waren die erste Etappe zur Freiheit, ohne welche auch die untersten Schichten des Volkes in dauernder Abhängigkeit von Adel und Klerus geblieben wären. Die Aufhebung der Zünfte und Gilden, die Beseitigung der Fronden und viele andere gleichartige Kulturerrungenschaften in Deutschland, die zuvörderst durch die nie rastende Energie der Bourgeoisie herbeigeführt wurden, sind in ihren Wirkungen mindestens ebenso sehr den Arbeitern und dem gesamten Proletariat wie der Bourgeofie zugute gekommen. Auch ihre internationalen Erfolge, die seit langer Zeit z. B. durch die Erfindung der Vuchdruckerkunst, die Erschließung neuer Seewege, die Nutzbarmachung des Dampfes und in der Gegenwart durch die phänomenalen Fortschritte der Technik erzielt worden sind, haben das gesamte soziale Niveau und besonders die materielle Lage aller und nicht nur derjenigen Elemente gehoben, auf deren Initiative und Intelligenz sie ursprünglich zurückzuführen sind. Wie hohl endlich der Vorwurf ist, daß die Bourgeoisie sich dauernd in Selbstsucht und Eigenliebe nur mit den eigenen Interessen beschäftige, beweist die unleugbare Tatsache, daß gerad» ihrem Schoß alle jene Philosophen entsprungen sind, die, wie Montesquieu, Voltaire und viele andere, kein anderes Ziel im Auge hatten, als das Wohl nicht eines Einzelstandes, sondern der gesamten Menschheit. Und daß die soziale Bewegung des 19. Jahrhunderts überhaupt zum Ausbruch gekommen ist und damit ein teilweise berechtigter Kampf gegen viele Mißstände der Gesellschaft ausgenommen werden konnte, ist gleichfalls in höherem Maße ein Verdienst der Bourgeofie wie des Prole-
*) Vgl. mein Buch „Zur Entwicklungsgeschichte des Sozialismus". Berlin, Franz Bahlen, 1909.
(Nachdruck verboten.)
Friede Sörrenftn.
Roman von H. Courtys-Mahler.
(Fortsetzung.)
Sie erhob sich mit einem seltsam bangen Gefühl und öffnete das Fenster. Die Zweige des Apfelbaumes schlugen ihr entgegen. Sie hatten wohl das Fenster berührt. Sie schalt sich selbst aus und wehrte nun energisch die quälend« Stimme von sich ab. Aber dann dachte sie doch noch einmal vor dem Einschlafen: „Wenn ich doch nicht so einsam wäre!"
Am nächsten Morgen stellte die gewohnte Tätigkeit schnell Friedes Gleichgewicht wieder her. Sie war gerade fertig und wollte sich erheben, um ihr Tagewerk weiter zu verrichten, als Lies gelaufen kam und ihr meldete, daß der Postbote mit einem Einschreibebrief fü» sie im Hause warte.
Friede durchschritt schneller als sonst den Garten, um den Boten nicht warten zu lasten.
Sie nahm den Brief in Empfang und quittierte. Erst dann sah sie aus Adreste und Poststempel herab. Und da schoß eine jähe Vlutwelle in ihr Gesicht. Sie starrte mit großen Augen auf den Brief.
Es war nicht irgend ein Geschäftsbrief, wie sie erwartet hatte, sondern ein Privatschreiben.
Der Poststempel und die feste, charakteristische Handschrift verrieten ihr, noch ehe sie den Brief öffnete, von wem er kam.
Und da ging es wie rin scharfer, schneidender Schmerz durch ihren Körper.
Ohne den Brief zu öffnen, schritt sie die Treppe hinauf und schloß sich oben in ihrem Schlafzimmer ein. Eie sank auf einen Sestel und öffnete nun erst den Brief mit zitternden Händen. Denn sie wußte, von Fritz Steinbach konnte ihr nur etwas kommen, was ihre Seele in Aufruhr bringen würde.
Mit einem schweren, zitternden Atemzug begann sie zu lesen. Aber schon, nachdem sie die ersten Zeilen überflogen hatte, bedeckte geisterhafte Blässe ihr Gesicht. Sir ließ mit einem dumpfen Laut den Brief kraftlos herabsinken und lehnte den Kopf mit geschloßenen Augen zurück.
Aber nur wenige Minuten verharrte st« so. Dann raffte sie sich empor und las de» Brief bis zu End« durch.
tariats, das erst durch die Bemühungen sittlich hochstehender Elemente des Bürgertums der Idee seiner materiellen und geistigen Befreiung nähergeführt worden ist. Denn jene gesamte Bewegung ist urspründlich auf bestimmte, jeweilig herrschende und das Den- ken sowie Handeln der Menschen entscheidend beeinflußende Theorien zurückzuführen. Man mag sich gegen diese letzteren und die Richtigkeit ihrer Ziele stellen wie man wolle, man mag sie inhaltlich befehden oder vertreten, sie als gefährlich oder verheißungsvoll hinstellen, eine unleugbare Tatsache bleibt unter allen Umständen bestehen. Alle diejenigen, die wie in England Owen, in Frankreich Fournier und Louis Blanc, in Deutschland Rober- tus, Marr und Lasialle derartige Theorieen aufstellen, find nicht aus Arbeiterkreisen hervorgegangen, sondern entstammten dem besitzenden Bürgertum, d. h. der Bourgeoisie. Leitet sie die Idee der Standesselbstsucht oder das ideale, wenn auch sachlich nicht immer gelungene Bestreben nach Förderung des Gemeinwohles? Und schließlich zeigt es auch die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart, namentlich in Deutschland, daß nur die Bourgeoisie, und zwar in ihren wertvollsten Bestandteilen, imstande ist, der Lösung sozialer Probleme erfolgreich näher zu treten. Die gesamte Arbeitergesetzgebung, die fürsorglich der Schwachen und Armen gedenkt, liefert den beredtesten Beweis hierfür, und wie hätte sie sich wohl gestaltet oder würde sie überhaupt zustandege- kommen sein, wenn sie der Initiative und Obhut der Scqialdemo- kratie überlaßen worden wäre?
Die Vorwürfe, die von der letzteren gegen die Bourgeoisie erhoben werden, und die bei allen Wahlbewegungen im Reiche al- gefügiges Mittel im Kampfe gegen den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft gehandhabt werden, sind daher als hohl und nichtig zu bezeichnen; sie dienen nur zur Verführung der leicht bestimmbaren Maßen, und ihre Abwehr ist im allgemeinen Wohlfahrtsintereße geboten.
Die Entwicklung auf dem Balkan.
Rach zuverlässigen Nachrichten haben direkte Verhandlungen zwischen Bulgarien und der Türkei bisher weder stattgefunden, noch find sie geplant; Bulgarien sieht vielmehr die Adrianopel» frage als eine europäische an und erwartet eine günstige Wendung nur von der Aufrechterhaltung der Londoner Beschlüße durch die Großmächte. Dieser Standpunkt ist theoretisch zweifellos korrekt; praktisch aber wäre es vielleicht zweckmäßiger, wenn Bulgarien mit der Türkei direkt verhandelte. Was inzwischen die Begeisterung anbetrifft, die sich beim Einzug des Königs Konstantin von Griechenland in Athen für Deutschland bemerkbar gemacht hat, so ist diese Begeisterung sehr cum grano ealis aufzufaßen. Es ist ja für uns erfreulich, daß das unserer Dynastie so nahestehende griechische Königsspaar zurzeit so populär ist. Man darf aber nicht vergeßen, daß die griechische Bevölkerung stark nach Frankreich gravitiert und auch die jüngst errungenen Waffenerfolge der französischen Ausbildung der griechischen Armee zuschreibt. Vermutlich wird daher die griechisch« Begeisterung für Deutschland, wenn sie sich überhaupt nicht bald wieder verflüchtigt, nur eine rein platonische bleiben.
Einlenkrn der Türkei.
Petersburg, 20. Aug. Die Petersburger Telegraphenagentur erfährt aus Konstantinopel: Der Eroßwesir hat den russischen Botschafter besucht und erklärt, die Gerüchte über eine Absicht der Türkei, Dedeagatsch zu besetzen und über die Grenzen Bulgariens zu rücken, seien ganz unbegründet. Rur aus strategischen Gründen und weil man die Absichten der Vulgaren nicht
„Liebe, teure Friede!
Es ist sonst nicht üblich, daß man selbst seine eigene Todesanzeige niedcrschreibt. Ich will jedoch gleich damit beginnen, damit du diesen Brief nicht uinvillig und ungelesen aus den Händen' legst. Einem Sterbenden gönnt man ein letztes Wort, wenn man auch sonst Schweigen von ihm forderte, llnd wenn du diesen Brief in den Händen hälft, bin ich tot.
Ich weiß nicht, ob die Kunde zu dir gedrungen ist von meinem Sturz mit dem Pferde. Vor zwei Monaten war es — und ich bin durch diesen Sturz ein Krüppel geworden. Nun kann ich nicht mehr für meine Familie sorgen und habe mich selbst aus der Liste der Lebenden ge- ' strichen. Vorher muß ich noch einmal zu dir reden.
Friede, meine Seele hat die deine festgehalten, und ich weiß, du konntest nicht loskommen von mir, wie ich nicht von dir. In aller Not und Pein hat mich dieser Gedanke beglückt, obwohl es meine Schuld vergrößerte, daß du einsam bliebst im Leben.
Ich folgte heimlich all deinem Tun aus der Ferne und freute mich, daß du in deinem Lebenswerk Erfolg auf Erfolg häuftest. Bei uns gab es dafür Mißerfolge aller Art. Ich strebte rastlos vorwärts, um eine höhere Eehaltsstaffel zu erklimmen. Aber es ging langsam, sehr langsam, llnd je größer die Kinder wurden, desto mehr kostete unser Hausstand. Unser Aeltester, Hans, ist Offizier geworden, und er hat Lizzis leichten Sinn geerbt. Sein Zuschuß riß ein großes Loch in unseren Etat. Unsere pekuniäre Lage verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr. Lizzi hatte nun durch Zufall erfahren, was ich längst wußte, daß du dir ein Vermögen erworben hast. Da sprach sie zuerst davon, sich mit dir zu versöhnen — dich um Hilfe anzugehen.
Ich verbot Lizzi jede Annäherung an dich, nicht nur, weil ich die Erniedrigung nicht ertragen hätte, Almosen von dir zu empfangen, sondern auch, weil ich wußte, daß wir uns nicht wiedersehen durften.
Dann kam das Unglück mit meinem Sturz. Ich bin genesen — aber meine Seine blieben gelähmt für immer. Was das heißen will für einen Menschen, dem nie ein Finger den Dienst versagte, der mtt Leib und Seele Soldat ist, wie ich es war — vielleicht kannst du mir das nachfühlen! Und das Schlimmste war, daß mir nun jede Hoffnung genommen war, unsere Verhältniße zu verbeßern. Ich mußte quittieren.
Daß wir von nun an ein anderes, sehr bescheidenes Leben führen mußten, war mir klar. Ich überlegte mir alles und wollte mit Lizzi beraten, wie wir uns einschranken könnten.
Heute morgen ließ ich fit rufen und sprach ihr von meinem beab-
genau kannte, hätten die Türken die Maritza überschritten. Der Eroßwesir werde noch heute an den türkischen Oberbefehlshaber die kategorische Weisung senden, die Truppen zurückzuziehen.
Konstantinopei, 20. Aug. Die Pforte befragte den Generalissimus, welche Orte jenseits der Maritza sofort geräumt werden könnten, ohne daß die Regelung der Adrianopeler Frag« abgewartet werden müßte.
Kein griechisch-türkisches Einverständnis.
Berlin, 20. Aug. Die hiesige griechische Gesandtschaft teilt im Auftrage ihrer Regierung mit: Einige Konstantinopeler Zeitungen veröffentlichen eine offizielle Mitteilung, der zufolge der griechische Befehlshaber in Dedeagatsch dem Kommandanten der türkischen Armee vorgeschlagen haben soll, die Stadt nach der Räumung durch die Griechen zu besetzen. Diese Nachricht ist in allen ihren Einzelheiten falsch. Die griechischen Truppen werden das zu räumende Gebiet gemäß den von Griechenland übernommenen vertragsmäßigen Verpflichtungen verlaßen.
Ratifikationen.
Athen, 20. Aug. Ein Beamter des Ministeriums des Aeußern ist gestern abgereist, um den Text des vom König ratifizierten Friedensvertrages nach Bukarest zu bringen.
Belgrad, 20. Aug. Pönig Peter hat durch einen Erlaß den Friedensvertrag ratifiziert.
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Saloniki, 20. Aug. Das Kriegsgericht hat den Prozeß gegen die Türken beendet, die bei dem Rückzug der türkischen Truppen aus Serfidsche unter den Christen ein Blutbad angerichtet hatten. Von 19 Angeklagten wurden 18 zum Tode verurteilt. Das Kriegsgericht hat ferner 23 gefangene bulgarische Komitatschis zum Tode verurteilt.
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Politische Umschau.
Set »Fall Müller" und der »Fall Simon".
Die „Rordd. Allg. Ztg." bemerkt zu dem in der Preße mehrfach erörterten Fäll des Fremdenlegionärs Hans Müller: Die amtliche Untersuchung der französischen Regierung hat ergeben, daß in der Tat im Jahre 1910 im Udja ein Legionär der 13. Kompagnie des 1. Regiments der Fremdenlegion wegen Desertion vor dem Feinde zum Tode verurteilt und kriegsgerichtlich erschoßen worden ist, der unter dem Namen Augustin (nicht Hans) Müller in den Listen der Legion eingetragen war. Dieser gab an, am 2. Juli 1890 in Zürich geboren zu sein. Ein anderer Soldat namens Müller ist seit 1910 nicht in Udja zum Tode verurteilt worden; überhaupt ist seit 1910 in dieser Stadt kein Todesurteil vollstreckt worden. Die in den deutschen Zeitungsnachrichten über den Fall Müller immer wiederkehrende Angabe, Müller sei bei seiner Ergreifung verwundet gewesen und sei deshalb im Krankenhaus untergebracht worden, wo er bis zur Vollstreckung des Todesurteils feine Wiederherstellung abwarten mutzte, ist französischer- seits nicht als richtig anerkannt worden. Müller befand sich vielmehr im Gefängnis, in Udja. Es stehe fest, dah die Eltern des Erschoßenen, die den Zeitungsmeldungen zufolge die Begnadigung ihres Sohnes betrieben und die Reise nach Algier nicht gescheut hätten, sich bisher nicht gemeldet haben, um durch ihr Zeugnis zur weiteren Klärung der Angelegenheit beizutragen. Ueber die Staatsangehörigkeit der Person des Erschoßenen ließ sich an Hand der vorliegenden Angaben bisher trotz eingehender Ermittelungen nichts bestimmtes fest stellen.
Zu der Nachricht, daß der Fremdenlegionär Max Simon, laut
tätigten Sparsqstem. Sie aber weigerte sich, daraus einzugehen, und sagte mit kurz und bündig, daß sie sich mit dir versöhnen und deine Hilf« in Anspruch nehmen wollt«. Als ich mich wehrte, rief sie mir ins Gesicht, daß nur ich zwischen ihr und ihrer Schwester stehe — nur ich.
Dieses Wort durchleuchtete wie ein Blitz meine Seel«. Mein Tod würde den Weg freimachen zu dir, für Lizzi — und für meine Kinder.
Za Friede — für meine Kinder — für sie gehe ich mit Freuden den Weg ins dunkle Nichts. Ich weiß, du bist zu großmütig, die Kinder ent- gelten zu laßen, was die Eltern dir getan. Ich wußte auch, es hatte mich nur ein Wort gekostet dann hättest du uns deine Hilfe geboten. Der Lebende durste dies Wott nicht sprechen — aber der Tote darf es. Nicht wahr, Friede — du hilfst meinen Kindern? Ich kann ihnen nicht mehr Stab und Stütze fein. Sei du es!
Run nur noch ein letztes Wott über meine Kinder. Hans, bei Netteste, und Ellen, die Jüngste, find echte Kinder ihrer Mutter. Du kennst Lizzi — so kennst du auch die beiden. Laße dich nicht blenden durch meines Sohnes Liebenswürdigkeit, durch Ellens schmeichelnden Liebreiz. Sei diesen beiden eine strenge Tante! Hilf ihnen — aber hilf weise! Zeig ihnen nicht zu offen dein gütiges Herz, sie würden es mißbrauchen. Du sollst gewarnt sein, trotzdem es meine eigenen Kinder find. Doch angesichts des Todes darf man wahr fein. Und nur weise Strenge kann diesen beiden dienlich sein.
Anders ist es mit meiner Ruth, meiner ältesten Tochter. Das ist eine feine, stille Seele, Friede, stark in der Liebe z" mir, fest und treu gegen sich und ander«. Sie hat mich fo oft an dich gemahnt. Aber nicht deshalb will ich sie vorziehen und sie dir besonders ans Herz legen. Die beiden anderen wißen selbst ihren Vorteil auszunützen und werden durch Lizzi unterstützt. Ruth ist bescheiden. Sie wird unterdrückt und aus- genützt von der Mutter und den Geschwistern. Ich weiß, sie wird nicht« für sich von dir bitten. Deshalb bitte ich für sie. Ruth wird am häv testen getroffen werden durch meinen Tod. Ziehe sie in deine Rahe, lerne sie kennen — ich glaube, du wirst durch dieses mein Vermächtnis nicht weniger gewinnen als sie. Es ist mit ein lieber Gedanke, daß Ihr beide Euch nach meinem Tode etwas sein werdet.
Das ist alles, was ich dir zu sagen hatte. Ich hoffe, meine Wort« haben den Weg zu beinern Herzen gesunden. Nun noch ein letztes Lebe- wohl, Friede — du mein Friede, den ich im Leben verscherzte unb nun im Tode wtederzufinden hoste. Dein getreuer Fritz Steinbach.
(Fortsetzung fc?c. )