mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
und den Beilagen: ..Nach Feierabend", „Fürs Haus" und ..Landwirtschaftliche Beilage".
JE 194
Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durü> die Post 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2 M frei ins Haus. — Verlag von Dr. C. Hiheroth. — Druck der llniv.- Buchdruckerei I. 51. Koch (Inh. Dr. C. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Marburg
Mittwoch, 20. August
Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeil« oder deren Raum 15 «z, bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 4, füt Reklamen die Zeile 60 «$. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. — Zahlungen unter Rr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
48. Jahrg.
1913.
Rundschau.
f" Zwei neue Schreckensbilder aus der Fremdenlegion.
Von ihrem 19jährigen Sohne, der seit dem 14. Juni verschwunden ist, hat eine in Mengenberg, Kreis Solingen, wohnende Familie Simon folgenden Brief erhalten:
„Sidi bei Abbes (Algier), 6. August. Liebe Eltern! Ich bitte um Verzeihung für den Schritt, den ich getan habe. Ich bin viermal hintereinander aus der Fremdenlegion — denn darin befand ich mich — geflohen. Morgen früh um 7 Uhr 30 Min. werde ich die Augen für immer schlichen, wenn nicht meine Reklamation frühzeitig angekommen ist. Ich bin zum Tode durch standrechtliche Er- s ch i e h u n g durch meine eigenen Landsleute verurteilt. Wenn meine Reklamation nicht rechtzeitig angekommen oder nicht angenommen ist, bin ich schon verfault, wenn mein Brief eintrifft. Mit dem letzten traurigen Gruß Euer undankbarer Sohn Max."
Die Heimatsbehörde hat den Brief des Legionärs zur weiteten Verfolgung des Falles an das Auswärtige Amt in Berlin gesandt. Einen weiteren erschütternden Vorfall meldet das Blatt »Memorial des Vosges":
Ein Deutscher namens Hoffmann, der 10 Jahre in der Fremdenlegion gedient hat sieben Feldzüge mitmachte und verschiedentlich verwundet wurde, so daß er an Krücken gehen mutzte, starb im Chausseegraben in der Nähe der Stadt Archette vor Hunger, nachdem er vergeblich in der Stadt Epinal um ein Stück Brot gebettelt hatte.
So sorgt das kulturstolze Frankreich für die, die Kolonialkriege siegreich führen. Freilich — es sind ja nur Deutsche!
Die bisherigen Erfolge des Haager Schiedsgerichtshofes.
Anläßlich der Einweihung des Haager Friedenspalastes und ter Eröffnung des 20. Weltfriedenskongresses wird eine llebersicht über die bisherigen Erfolge des Haager Schiedsgerichtshofes von Interesie fein. Nach der Bildung des internationalen Schiedshofes war cs zuerst die neue Welt, die dem Haager Schiedshof einen Streitfall überwies und ihm so Gelegenheit gab, den Weg der Praxis zu beschreiten. Präsident Roosevelt übertrug ihm im Einverständnis mit Mexico die Entscheidung in einem «streite über ein mehrere Millionen betragendes Kirchenvermögen, in dem die Vereinigten Staaten schon seit einigen Jahrzehnten mit Mexico Befangen waren und der von bedeutender prinzipieller Wichtigkeit war. Die zweite Entscheidung erging im Jahre 1904 in dem bekannten Venezueler-Konflikt. Deutschland hatte schon 1901 den Antrag auf schiedsrichterliche Erledigung des Streites vor dem Haager Schiedshof gestellt, jedoch ohne Erfolg. Im Jahre 1903 brachte dann Roosevelt, dem die Mächte die Entscheidung übertragen wollten, die Sache vor das Haager Schiedsgericht, wodurch er nach seinen eigenen Worten, dem Schiedshof eine denkwürdige Gelegenheit zu praktischer Wirksamkeit verschaffte. Außer diesen beiden Schiedssprüchen hat das Schiedsgericht in den ersten 10 Jahren seines Bestehens noch sieben weitere erlaffen. Diese 'Entscheidungen ergingen:
1. 1902 über den Vertragsinhalt eines zwischen Deutschland, Frankreich und England einerseits und Japan anderseits abgeschloffenen Pachtvertrages,
2. 1904 im der Streitfrage bezüglich des Protektorats über das Sultanat von Maskat in dem englisch-französischen Kolonialabkommen von 1894,
3. 1908 in dem bekannten Casablanca-Streit zwischen Deutschland und Frankreich.
4. 1909 in einem Streit bezüglich der Abgrenzung eines Teils der Seegrenze zwischen Schweden und Norwegen,
5. 1910 in einem Streit zwischen England und Nordamerika über die Fischerei im Norden des atlantischen Ozeans,
lNachdruck verboten.)
Friede Sörrensen.
t Roman von H. Courths-Mahler.
(Fortsetzung.)
7. Kapitel.
Friede Sörrensen hatte, wie sie oft zu tun pflegte den Sonntagnachmittag benutzt, um Volkmars zu besuchen. Der Weg bis zur Villa ihrer Freundin führte durch den Wald. Friede ging ihn in beschaulicher Ruhe.
Sie fand Herrn und Frau von Volkmar daheim und auch den ältesten Sohn Georg. Friede wurde herzlich begrüßt. Der Hausherr sagte ihr ein paar Artigkeiten und küßte ihr die Hand. Georg zog sie zu ihrem behaglichen Sofaplatz, den sie immer innehatte, und Frau von Volkmar versorgte sie mit Kaffee.
„3n Eurem Sofaeckchen ist es zum Sonntag nachmittag zu mollig, ich freue mich immer die ganze Woche darauf. Und vollends jetzt, da unser kühner Weltenbummler zurück ist."
Georg machte ein drohendes Gesicht.
„Du, Tante Friede, den Weltenbummler nimmst du sofort zurück. Ich habe ehrlich gearbeitet im Schweiße meines Angesichtes."
Friede sah mit fast mütterlicher Zärtlichkeit in das kühngeschnittene, gebräunte Gesicht des großen, schlanken jungen Mannes.
„Also sagen wir Forschungsreisender statt Weltenbummler."
Georg Volkmar war Friedes besonderer Liebling, wenngleich sie seinem Bruder Heinz ebenfalls herzlich zugetan war. Georg hatte nach beendetem Studium eine große Forschungsreise unternommen und war vor kurzem erst heimgekehrt. Sein Name wurde schon mit besonderem Klang in der Eelehrtenwelt genannt. Nun wollte er sich in ß . . als Privaidozent niederlassen und ein großes wissenschaftliches Werk schreiben, zu dem ihm seine Reisen den Stoff liefern sollten.
Friede war mindestens so stolz auf ihn wie die eigenen Eltern. So- lange er fort war, hatten die beiden Frauen manchmal heimlich gebangt, daß ihn ein Unglück in weltfernen Gegenden treffen könne. Aber nun war das vergeffen. Er saß wieder heil und gesund bei ihnen und ließ sie teilnehmen an dem, was er gesehen und erlebt hatte.
Georg zog sich einen Sessel an Friedes Seite.
. »So hab ich dich tm Geiste manchmal hier sitzen sehen, Tante Friede, Ri« suchten dich meine Gedanken in deinem eigenen Haufe."
6. 1910 in einem Streit zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Venezuela bezüglich der Gültigkeit eines Schiedsspruches, der im Jahre 1904 über Eeldforderungen der Vereinigten Staaten an Venezuela von dem auf Wunsch der Parteien von der Königin der Niederlande ernannten Schiedsrichter gefällt worden war,
7. 1911 in einem Streit zwischen Frankreich und Groß-Britannien bezüglich der Auslieferung des britischen Untertanens Savarkar an Frankreich.
Sehr viel ist das nicht. Streitigkeiten, die die Lebensinter- effen und die Ehre einer Nation berühren, werden jetzt und in aller Zukunft schließlich durch das Schwert entschieden werden.
Oesterreickisch-unMirche Preßstimmen zum Trink- jp uch des Lruissrs.
Zu der Rede des Kaisers bei der Festtafel zu Ehren des Geburtstages des Kaisers Franz Josef bemerkt das „Neue Wiener Tageblatt":
„Niemals ist fester und deutlicher der große Gedanke der innigsten politischen Zusammengehörigkeit Deutschlands und Oesterreich- Ungarns zum Ausdruck gelangt. Die Zeitumstände erheben die Rede Kaiser Wilhelms zu einer ganz ungewöhnlichen Manifestation, welche vor aller Welt Zeugnis ablegen soll, daß die Grundfesten des Bündnisses unerschütterlich find, daß die so bewegten Er- eigniffe der letzten Zeit nicht imstande waren, Aenderungen oder Diffo- nanzen hervorzurufen, die in den jüngsten Tagen so ost und so gern von gewißen Leuten herausgeklügelt worden find. Wenn die Völker Oester- reich-Ungarns in ihrem Herrscher einen großen Friedenskaiser verehren, dann kündigt ihnen Kaiser Wilhelm an, wie berechtigt und begründet ihre Verehrung ist. Der Dank Deutschlands für den Schutz des Friedens Europas durch Kaiser Franz Josef ist die herzlichste Geburts- tagsgabe an den Kaiser, und der frohe Ausblick in die Zukunft ist das beste Geschenk an die Völker. Wer vermöchte noch zu bestreiten, daß auch nicht der geringste Schatten auf dem Bündnis lastet, selbst wenn tatsächlich einen Augenblick lang in irgend einer Auffassung nicht völlige Gleichheit geherrscht haben sollte? Mit diesen Spekulationen hat es nun ein gründliches Ende. Das Bündnis hat die mächtigsten Garantien in den Herrschern der alliierten Staaten. Es ist ein Herzensbedürfnis der Völker, aber vor allem auch eine der festesten Grundlagen des Friedens Europas."
Die „R e t ch s p o st" legt besonderes Gewicht auf die Worte des Kaisers, daß es nicht zum wenigstens das Verdienst ihres Monarchen ist, daß der Friede Europas trotz der rauhen Stürme erhalten werden konnte.
„Damit wurde, sagt das Blatt, jene giftige Verleumdung, die Oesterreich-Ungarn als Friedensstörer Europas hinzustellen beliebt, von einer höchsten Autorität zerstreut. Aus diesem Grunde reicht die Homburger Rede des ritterlichen deutschen Kaisers am Geburtstagsfest unseres Monarchen weit über die Bedeutung eines bloßen Glückwunsches hinaus."
Das „N e u e W i e n euc I o u r n a I“ sagt:
„Der Toast Kaiser Wilhelms wird Oesterreich und Ungarn überall dort, wo nicht das Slaventum mit scheelen Augen das Bündnis zwischen Habsburg und Hohenzollern anfieht, das freudigste Echo wachrufen. Das Bündnis ist unerschütterlich."
Auch die ungarischen Blätter besprechen den Trinkspruch des Kaisers mit warmer Genugtuung und Sympathie. Der „P e st e r Lloyd" schreibt:
„Nicht nur die irrige Anschauung, als oh bezüglich der Befolgung der Friedenspolitik zwischen unserer Monarchie und Deutschland ein Gegensatz geherrscht habe, berichtigte der Kaiser; sein Trinkspruch galt in feierlicher, geradezu emphatischer Weise auch der Zukunft. In ernsten feierlichen Akkorden klingt aus dem Trinkspruch die lleberzeugung heraus,
Friede fuhr mit der Hand durch das dichte, aufbäumende Haar, welches viel dunkler war als das seines Bruders. Es war im Nacken ganz kurz geschnitten und nur über der Stirn etwas länger gehalten.
„Und ich habe es auch viel lieber, wenn du hier neben mir sitzest, als wenn ich dich im Geiste bei den Botokuden oder anderen wilden Völkern suchen muß."
„Nun, für einige Jahre habe ich Stoff gesammelt und will nun erst die Eindrücke verarbeiten."
„Gottlob, Anna! Nicht wahr, so sagst du auch. Es ist uns doch lieber, daß unser Wildling seßhaft wird. Eines Tages nimmt er sich bann eine Frau, und dann darf er überhaupt nicht mehr so frei umher- streifSn."
Frau von Volkmar lächelte. „Das wäre schön, Friede. Aber ich glaube, Georg wäre imstande, seine Frau mit sich zu schleppen in die Wildnis."
„Wenn sie sich schleppen ließe, warum nicht?" meinte Georg lachend.
„Vorläufig will er vom Heiraten überhaupt nichts hören", seufzte seine Mutter. „Er ist entschieden Damen gegenüber halb verwildert."
„Tante Friede, man verleumdet mich unerhört bei dir. Glaube kein Wort."
„Also ist es nicht wahr, daß du nichts vom Heiraten hören willst?" frug sie ihn.
„O ja, dieser eine Punkt ist zufällig richtig."
„Du bist wohl sehr anspruchsvoll in bezug auf die Damen?"
Er zwinkette lustig mit den Augen.
»Sehr anspruchsvoll. Es müßte schon eine fein, die dir gleicht, Tante Friede."
„Also mir müßte sie gleichen? Da soll ich wohl auch noch deinen Geschmack bewundern?"
Er küßte ihr mit vollendeter Ritterlichkeit die Hand und sah mit einem warmen Blick in ihr frisches Gesicht.
„Wirklich, es ist schade, daß wir nicht in einem Alter find, Tante Friede. Du müßtest meine Frau werden."
»Ich hoffe, daß du dich baldigst nach einem anderen Ideal umsehen wirst. Wir wollen noch auf deiner Hochzeit tanzen."
Gegen zehn Uhr verabschiedete sich bann Friede auch. Georg begleitete sie durch den Stadtwald nach Hause. Es war ein warmer, düfteschwerer Sommerabend. Am Morgen war das erste Gewitter nte- bergegangen, und am Himmel hingen noch jetzt einige zerrißene Wolken, hell vom Mond beleuchtet,
daß der Bau des Dreibundes auf unerschütterlicher Grund- läge beruht und sich auch in Zukunft in unwandelbarer Festigkeit W währen wird." -
Das „P estcr Journal" äußert sich in gleichem Sinne.
----*----
Die Türken.
Konstantinopel, 19. Aug. Der „Tanin" erklärte, die Pforte beabsichtige nicht, die Maritza zu überschreiten oder die Grenze darüber hinaus vorzuschieben. Da die Absichten Bulgariens unbekannt seien, mußte die Türkei einige Punkte an der Maritza besetzen, deren Bevölkerung des Schutzes bedurfte; aber diese Lage könne nicht andauern. Die Pforte setze keine Zivil- behörden ein und habe das Oberkommando angewiesen, Dedea« zatsch nicht zu besetzen. — Gestern wurde das Gegenteil gemeldet« Echt türkisch-orientalisch.
Französische Warnungen an die Pforte.
Paris, 19. Aug. Die meisten Blätter ergehen sich heute in Warnungen an die Türkei, die sie beschwören, ihre Armee vom rechten Ufer der Maritza zurückzurufen. So telegraphiert der Korrespondent des „Matin" aus Petersburg:
„Dian ist hier der Ansicht, daß die Besetzung der Küste des Aegäi- schen Meeres durch die Türken infolge eines Abkommens der Regierung von Konstanttnopel mit der Regierung von Athen ftattfinbe. Wenn dies« Hypothese sich bewahrheitete, so würden Rußland und die anderen Mächte auf Griechenland erbittert sein, weil es von neuem die Ursache schwerer Beunruhigung in Europa geworden ist. Dagegen ist auch möglich, daß die Türkei die Gebiete am Aegäischen Meere nur besetze, in der Absicht, sie später gegen den Verbleib Adrianopels unter ihrer Herrschaft auszuhandeln. In diesem Falle würde ihre gegenwärtige Intervention keine Bedeutung haben. Es läuft das Gerücht, Rußland werde der Türkei mit dem Abbruch der diplomattschen Beziehungen drohen. Dies« Nachricht, wenn auch zum mindesten verfrüht, entbehrt nach meiner Erkundigung nicht jeder Begründung."
Der „Petit Parisien", welcher der französischen Regierung nahesteht, schreibt:
„Die Pforte muß sich sagen, daß Rußland, das schon sehr gereizt Über den Zwischenfall von Adrianopcl ist und Truppen an der armenische» Grenze versammelt hat, einen neuen Angriff der Türken in Thrazien nicht ohne Erwiderung kaffen würde. Die panslawistische Bewegung, di« sich zugunsten der Bulgaren kundgegeben hat, würde diesmal in Petersburg keinem Widerstand begegnen, und Rußlands Einschreiten, bas tausend Verwickelungen Hervorrufen würde, weil es die Vorrede zur Teilung der asiatischen Türkei bedeuten würde, wäre einfach die Vorbereitung des Unterganges der ottomani« sch en Macht. Hoffen wir, daß man sich am Bosporus zur Klugheit fügt, und daß der Eroßvesir sich darauf beschränke, wegen Adrianopel zu verhandeln. Die Diplomatie kann ihm einigen Erfolg bringen. Der Krieg würde unfehlbar den Krieg und zwar, einen füt die Türken verhängnisvollen Krieg Hervorrufen."
Die dankbare« Bulgaren.
Sofia, 19. Aug. Die bulgarische nationale Liga richtete an den österreichischen Kaiser eine Elückwunschdepesche, in der die Dankbarkeit für die Unterstützung der Interessen Bulgariens fettens der österreichisch-ungarischen Regierung ausgedrückt wird. Die Depesche schließt: „Die dankbaren Bulgaren beten heute zu Gott um Glück und langes Leben für Eure Majestät."
» » *
Wien, 19. Aug. Wie die Blätter melden, haben die Gesandten der Großmächte in Belgard die serbische Negierung in einem gemeinsamen Schritte aufgefordert, die serbischen Truppen aus Albanien zurückzuziehen. Gleichzeitig brachten die diplomatischen Vertreter der Mächte dem Belgrader Kabinett den von
Georg hatte Friedes Arm durch den seinen gezogen. Sie gingen plaudernd nebeneinander dahin. Der junge Mann sprach noch über seine Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft. In Friedes Herzen scß ein wehes, drückendes Gefühl. Ost hatte sie bas, wenn sie sah, wie Eltern in ihren Kindern die Vollendung des eigenen Seins erleben dursten. Arm erschien ihr bann ihr eigenes Leben, arm und unvollendet.
Wie herrlich mußte es sein, solch einen Sohn sein eigen zu nennen — ober eine liebevolle, anschmiegende Tochter. Wohl ließen die Freund« sie großmütig mit teilnehmen an ihren Elternsorgen und Elternglück — aber bas war nur ein Almosen, ein Geschenk, kein Recht.
Unb schwere Mattigkeit kam plötzlich über die Frische, Schaffens- freubige. Wozu bas alles? Für wen arbeitete unb schaffte sie? Wer würde einst bi« Früchte ihres Fleißes ernten?
Sie schauerte in sich zusammen. Und mit einem Male stand bi« Furcht vor ihr. die Furcht vor bet Einsamkeit.
Als sich Georg bann an bet Tüt von ihr verabschiebet hatte, stieg sie mit schweren, müben Schritten bi« Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinauf. Sie trat, ohne abzulegen, an bas Fenster und starrte in die mondscheinhelle Nacht hinaus. Tief unb beklommen seufzte sie auf, unb ein trauriger, sehnsüchtiger Ausbruck lag auf ihrem Gesicht.
„Wie mag es ihnen gehen?" sagte sie halblaut vor sich hin. Und bann verfolgte sie diesen Gedanken weiter. ,
„Ob sie glücklich geworden sind? Ob sie zuweilen meiner gedacht haben? Drei Kinder hat ihnen bet Himmel geschenkt, drei — unb ich bin allein — ganz allein."
Langsam Heibcte sie sich aus unb warf sich schweratmend auf ihr Lager. Die.Vergangenheit wurde heute wach in ihr, schmerzhafter denn je. Sie sah sich wieder in ihres Lebens Maientagen an Fritz Steinbachs Seite — als seine glückliche Braut. Damals — ja damals! Da war die Segensfülle zu groß, die auf sie nieberftrömte, sie hatte sie nicht fassen können. Unb um so tiefer war sie bann herabgestürzt von bet Höh« ihres Glückes, und fi« hatte sich nicht mit weniger begnügen können. Alles — oder nichts.
Lange konnte Friede heute den Schlaf nicht finden. Wie ein Wispern und Raunen zog es durch das stille Zimmer, als wenn tausend geheimnisvolle Stimmen lebendig werden wollten.
Und plötzlich fuhr fi« hoch auf und starrte nach dem Fenster. Hatte da nicht deutlich jemand geklopft und ihren Namen gerufen?.
(Fortsetzung folgt.)