mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
M 174
Die „Oberheffijche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durä die Post 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2 M frei ins Haus. — Verlag von Dr. T. Hitzeroth. — Druck der Univ.- | Buchdruckerei I. A. Koch (Inh. Dr. C. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Marburg
Montag, 28. Juli
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48. Jahrg.
1913.
Klärung der Lage auf dem Balkan?
Heute werden die Friedensunterhändler in Bukarest zu- ammentreten. Wenn sie sich die Tätigkeit der Londoner Bot- chafterkonferem etwa zum hohen Vorbilde nehmen sollten, wird »aber allerdings so gut wie nichts herauskommen. Die Verhand- ungen könnten sich ja rasch abwickeln: aber man will parallel mit ihnen doch wieder in Risch militärische Beratungen pflegen, die eben erst infolge der Weigerung Serbiens und Griechenlands abgesagt worden waren. Seltsamerweise soll erst über den Frieden und dann über den Waffenstillstand entschieden werden. Sonst verfährt man naturgemäß umgekehrt; aus dem Balkan ist aber alles anders als in normalen Verhältnissen.
Griechen und Türken wollen angeblich ihren Vormarsch nun einstellen. Die letzteren begnügen sich, wie verlautet, endgültig mit der Maritzalinie als Grenze. Die Drohung Rumäniens, eine zu große Schwächung Bulgariens nicht zuzulaffen, hat offenbar gewirkt. Der Freund von gestern könnte leicht der Feind von Heute werden. In Konstantinopel sieht man auch das Gewagte des türkischen Vorgehens ein und beschränkt sich darauf, alle Verantwortung für die kommende Zeit auf die Militärpartei abzu- tvälzen. Der Vormarsch sin Altbulgarien hinein soll von der Pforte nicht beabsichtigt gewesen sein, dieser soll vielmehr der persönlichen Initiative Enver Beis entsprungen sein, der mit nur .irregulären Truppen und freiwilligen Reitern in Altbulgarien vordringt. Die bulgarische Regierung ist jetzt verständigt worden, daß die türkischen Erkundungstruppen, welche die Grenze überschritten haben, auf Befehl des Generalissimus zurückgezogen worden sind.
Konstantinopel, 26. Juli. Auf die telegraphisch ausgesprochene Bitte des bulgarischen Ministers des Aeutzern Gena- diew, den türkischen Truppen den Befehl zum Rückzug zu geben, erwiderte der Großwesir, daß nur einige Rekognoszierungsabteilungen/die alte türkisch-bulgarische Grenze überschritten hätten und auf Anordnung des Generalissimus bereits wieder zurückgezogen feien. — Der Minister des Innern Talaat, der sich nach Adrianopel begab, ist gestern nachmittag hierher zurückgekehrt. Der bulgarische General der Reserve Popow, der bei dem Einzug der Türken in Adrianopel gefangen genommen wurde, wurde hierher gebracht. Die von den Türken in Adrianopel gemachte Beute besteht aus 150 Kanonen, wovon 75 früher der Türkei gehörten und 50 000 Gewehren samt einer großen Menge Munition. Von der Pforte wird erklärt, die Maritza-Linie nicht zu überschreiten.
Konstantinopel, 27. Juli. In der Antwort, die der Eroßwesir auf das erste Telegramm des bulgarischen Ministers des Aeußern erteilte, erklärte er, die darin enthaltenen Ansichten über die beiden Staaten gemeinsame Notwendigkeit, normale dauernde Beziehungen untereinander herzustellen, teile er in voller Würdigung der Bedeutung dieser Notwendigkeiten. Weiter heißt es in der Antwort:
„Ich habe den Delegierten der Regierung erklärt, daß es behufs künftiger Hintanhaltung jedes Streitpunktes und oller Mißverständnisse zwischen beiden Nachbarstaaten notwendig sei, unverzüglich die Grenzlinie, wie sie in unserer Mitteilung an die Mächte vom 19. Juli d. Zs. festgelteltt ist, anzunehmcn. Infolgedessen bat ich in Erwartung einer günstigen Antwort ihren Delegierten, seiner Negierung die Anschauungen und Absichten der kaiserlichen Regierung bekannt zu geben. Da wir darauf keine Antwort erhielten und unsere Truppen täglich Zeugen von Verwüstungen und Ausschreitungen jeglicher Art sind, welche die versöhnlichen Dispositionen der kaiserlichen Regierung illusorisch machen, stellte sich die sofortige Besetzung der Nlaritzalinie als notwendig heraus. Im übrigen mich die von uns gegenüber den Mächten übernommene Verpflichtung, die in unserem oben angefübrten Schreiben bezeichnete Grenzlinie nicht zu überschreiten, einen hinlänglichen Beweis der Ab-
(Nachdruck verbcten.)
Frauenza»ber.
Roman von Hedwig Courths-Mahler.
(Fortfetzung.t
Er reichte ihr den Arm und führte sie durch das Bahnhofsgebäude nach dem Schlitten. Herta und Gertrud folgten und bemerkten sehr wohl, wie all« Beamten und andere anwesende Personen aus dem Städtchen Karl mit großer Ehrerbietung grüßten und ihnen nuegierig nachstarrten.
Stolz und Genugtuung blitzen aus Hertas Augen, und hatte sie je bereut. Karls Bewerbung angenommen zu haben, jetzt war das überwunden. Das, was sie erstrebt in tausend sehnsüchtigen Stunden, sie hatte es erreicht, voll und ganz. Was galt ihr jetzt dos :fühl für Volkmar, was hätre er ihr bieten können als erster Diener seines Bruders im Vergleich zu dem. was ihr Karl bieten konnte. Freilich, wenn Volkmar reich gewesen wäre wie sein Bruder, dann märe sie ihm wohl noch mit ganz anderer Befriedigung gefolgt als diesem. Oder, wenn er wenigstens unvermählt geblieben wäre. Leise regte sich schon wieder der Hoß auf Gertrud, die Angst vor den Schmerzen, die ihr das Zusammensein der beiden wieder bringen mußte und fröstelnd schauerte sie in ihrem Pelz zusammen.
Karl gab dem Diener, der die Pferde hielt, den Gepäckschein der Damen, hals diesen in den eleganten Schlitten und hüllte sie sorglich ein in die schönen Pelzdecken. Dann schwang er sich auf und fort ging es in sausender Eile durch die klare, sonnige Winterluft. Glatte, ebene Schneeslächen. ein langer breiter Weg zwischen erstarrtem, schneebedeckten Wald, dann die breite Fahrstraße immer am halb zugefrorenen Fluß entlang und zuletzt drüben die kleine Stadt mit dem schönen, schlanken Kirchturm, die sie gar nicht berührten, denn die Fabrik und die Arbeiterkolonie lagen etwas abseits. Alles flog an ihren Blicken vorbei und nun kamen die Fabrikgebäude. Oben vom Wohnhaus wehten die Flaggen zum Willkommen hinab, und als der Schlitten vor dem Portal hielt, eilte Volkmar mit glückstrahlender Miene hinaus, hob Gertrud aus dem Wagen und tr J sie die Stufen empor in das Vestibül.
„So durchs ganze Leben, mein süßes Herz, „flüsterte er bebend in ihr Ohr. Daun ließ er sie nieder, und unbekümmert um Frau Rettich,
sichten der Pforte und des aufrichtigen Wunsches darstellen, zwischen beiden Staaten ein Einvernehmen auf dauernder Grundlage herzustellen. Ich hoffe, daß Ew. Exzellenz in Würdigung der Gefühle, die uns leiten, Ihre Bemühungen mit den unsrigen vereinen werden, damit wir zu der Lösung der uns gegenwärtig drängenden Differenzen gelangen."
Konstantinopel, 27. Juli. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Osman Nizami Pascha, wurde in besonderer Mission nach London entsandt. Man glaubt, daß er damit betraut sei, eine günstige Haltung Englands in der Frage der Besetzung Adrianopels durch die Türken zu erzielen.
Vorsicht ist die Mutter der Weisheit.
Konstantinopel, 27. Juli. Die Masienkundgebung zur Feier des Einzuges der Türken in Adrianopel, die gestern auf dem Platze vor dem Kriegsministerium stattfinden sollte, wurde abgesagt. Statt besten wurden in den Moscheen in Anwesenheit zahlreicher Gläubigen Dankgottesdienste abgehalten.
Optimistische Auffassung in Rom.
Rom, 26. Juli. In einer Besprechung der politischen Lage schreibt die „Tribuna":
„Die Lage hat sich in den letzten Stunden in ziemlich befriedigender Weise aufgeklärt. Wichttge Erklärungen des rustischen Ministerpräsidenten Kokowzow versichern, daß die Schwarze Meerflotte keine Sonderkundgebung vor Konstantinopel unternehmen wird, und daß Rußland keineswegs gesonnen sei, in Armenien einzurücken; ferner, daß die rustische Regierung an dem Gedanken festhalte, daß eine eventuelle Aktion gegen die Türkei von allen Mächten gemeinsam beschlosten und ausgeführt werden müste. Das Ende dieser wichtigen Tatsache ist der bestimmte Befehl der Regierung in Bukarest an die Armee, den Vormarsch einzustellen. Außerdem wird am Montag in Bukarest die Konferenz zusammentreten. Wenn der Druck, den Italien und Oesterreich- Ungarn auf die Negierungen in Belgrad und Athen ausüben, zum Ziele führt, und wenn Serbien sich entschließt, seine Vertreter zu der Konferenz zu senden, so kann man hoffen, daß dieser Krieg unter den Valkanstaaten endgültig geschloffen werden wird, zur allgemeinen Befriedigung und Erleichterung für Europa."
Die Mächte und die Sieger.
Athen, 26, Juli. Maßgebende Kreise behaupten, baß in Athen und Belgrad der Druck von russischer und österreichischer Seite andauere. Griechenland wie Serbien hätten schon wiederholt, sobald der erste freundschaftliche Vermittlungsversuch seitens Rußlands erfolgte, erklärt, daß sie die Vermittlung dankbar annähmen. Sie ernannten gleichzeitig ihre Delegierten, welche die Friedenspräliminarien erörtern sollten. Griechenland und Serbien weigerten sich keineswegs, sondern Bulgarien weise den Frieden zurück, nicht die Verbündeten. Während die Verbündeten vom Frieden sprächen, spreche Bulgarien vom Waffenstillstand. Waffenstillstand bedeute nicht Frieden. Wenn Bulgarien aufrichtig Frieden schließen wolle, warum weigere es sich, die aufgestellten Bedingungen zu erörtern, und warum wolle es vor den Besprechungen einen Waffenstillstand? Warum weigere sich Bulgarien sogar, die Bedingungen der Verbündeten anzuhören? Man sage, durch den Vormarsch der Truppen der Verbündeten sei die Ordnung in Sofia und der Thron Ferdinands bedroht. Aber die Bulgaren könnten den Thron und die Ordnung retten, wenn sie erklärten, daß sie die Bedingungen der Sieger annehmen. Folglich müßten sich die Mächte vielmehr an Sofia, nicht an Athen und Belgrad wenden. Sobald man in Sofia erkläre, daß die Bedingungen der Verbündeten angenommen würden, wie schon die Bedingungen Rumäniens angenommen seien, werde der Waffenstillstand abgeschlossen. Sonst sei nichts zu hoffen.
Belgrad, 26. Juli. Wie verlautet, hat der Lstereichisch- ungarische Gesandte Ugron beim Ministerpräsidenten Pasitsch einen Schritt im Interesse der sofortigen Einstellung der Feind-
die erwartungsvoll da stand, küßte er sich erst satt, ehe er sie aus den Armen ließ.
Dann sagte er lachend: „So, Verehrteste, das ist also meine Braut, schauen Sie sie ordentlich an, ob cs stimmt, was ich Ihnen vorgeschwärmt habe. Und hier, liebe Herta, liebe Mama, das ist unser guter Hausgeist, Frau Rettich."
Die alte Dame begrüßte die Angekommenen artig und zuvorkommend, sie war von Karl in das Geheimnis feiner Verlobung eingeweiht worden, hatte zugleich die Versicherung erhalten, daß alles beim alten bleiben würde, und freute sich in ihrer stillen Art an dem jungen Glück ihres verehrten Herrn. Dann führte sie die Damen in ihre Wohnung. Ein überdeckter Gang führte hinter dem Hauptgebäude nach dem Gartenhaus, in welchem für die Damen vorläufig Zimmer eingerichtet waren. Herta sollte bis zu ihrer Verheiratung dort bei ihrer Mutter wohnen, und dementsprechend war das reizende, kleine Gebäude mit allem erdenklichen Komfort ausgestattet worden. Für Gertrud und Volkmar war die zweite Etage des Hauptgebäudes eingerichtet worden. Sie bestand aus zehn Zimmern nebst Kücke und Baderaum. Ein besonderer Ein- und' Aufgang war zu dieser Wohnung auch geschaffen worden, und Gertrud war ganz entzückt über die wirklich reizende und gemütliche Einrichtung der Zimmer. Rur die Küche erschien ihr nicht praktisch genug.
„Das ist auch nur eine Scheinküche, Gertrud, ich hoffe, Ihr leistet mir alle bei meinen einsamen Mahlzeiten Gesellschaft. Du mußt also vorläufig darauf verzichten, Volkmar seine Leibspeisen hier oben kochen zu laffen, doch kannst du gewiß sein, daß Frau Rettich uns alle gut versorgen läßt."
„Aber, was soll ich da den ganzen Tag tun?“
„Musizieren, sticken, häkeln und ... na, Volkmar wird schon für Beschäftigung sorgen."
„Mir ist, als ob ich träume. Hier soll ich wirklich wohnen?" Sie lachte glücklich und verwirrt, dann flog sie, unbekümmert um die anderen, an Karls Brust. „Du bist doch der liebste, beste Mensch auf der Welt. . . nach meinem Volkmar."
Dann gingen sie wieder in ihre Zimmer, um die Reisekleider abzulegen. Karl und Mtmar erwarteten die Damen im Speisesaal.
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Zwei Monate wen vergangen in Lust und gte*e. Volkmar und
seligkeiten zum Vorbeginn der Friedensverhandlungen unter» nommen.
Die Konferenz von Bukarest.
B u k a r e st, 26. Juli. Die Bevollmächtigten Serbiens, Griechenlands und Montenegros haben heute früh Belgrad mit einem Dampfer verlassen und sich nach Bukarest begeben, wo sie am Montag eintreffen. Der griechische Ministerpräsident Veniselos wurde persönlich eingeladen, er hat jedoch den Tag seiner Ankunft noch nicht bestimmt.
Athen, 26. Juli. Ministerpräsident Veniselos wird sich heute nach Saloniki begeben, wo er eine Zusammenkunft mit dem König haben wird. Sodann wird er sich nach Bukarest begeben.
Athen, 27. Juli. Unter den Verbündeten ist ein Einvernehmen zustandegekommen über die Reisen der Ministerpräsidenten nach Bukarest, um auf der dortigen Vereinigung Bulgarien den Vorschlag zu machen, in Risch eine Konferenz über den Waffen st illstand abzuhalten zu der gleichen Zeit, wo in Bukarest über die Friedenspräliminarien beraten werde. Veni» zelos reiste um 5 Uhr mit den anderen Vertretern Griechenlands nach Bukarest ab. Uebrigens wird beabsichtigt, daß im Falle des Zusammentretens der doppelten Konferenz diejenige in Risch erst nach der Benachrichtigung der Konferenz in Bukarest über den Waffenstillstand entscheiden dürfte. Wie gemeldet, verlangt di« bulgarische Regierung infolge der Weigerung der Verbündeten einen Waffenstillstand zuzugestehen, eine Frist von drei Tagen. Man glaubt, daß der König und der Generalissimus den Vorschlag aus militärichsen Gründen ablehnen werden.
B u k a r e st, 27. Juli. Die bulgarischen Delegierten Ton- schew, Fitschew, Paprikow und Iwanow trafen hier ein. — Die Frage, ob die Sitzungen der Konferenz in Bukarest oder in Sinaia abgehalten werden sollen, wurde dahin entschieden, daß die Konferenz jedenfalls in Bukarest eröffnet und vor der Hand hier ihre Sitzungen abhalten wird. Im weiteren Verlaufe der Konferenz wird es von der eventuellen Uebersiedelung des Königs nach Sinaia abhängen, ob die Sitzungen zum Teil dort stattfinden werden.
Von den Kriegsschauplätzen.
Belgrad, 26. Juli. Die serbischen Truppen haben die Einschließung Vidins durchgeführt. In dem Kampf am 22. Juli bei Eovedarnik wurde Oberst Arandjelowitsch an der Hüfte verwundet und konnte nicht sofort von der Ambulanz fortgebracht werden. Als die Krankenträger zurückkamen und ihn suchten, fanden sie ihn tot auf. Die Bulgaren hatten ihn durch einen Bajonett st ich ins Herz getötet. Arandjelowitsch kommandierte seinerzeit vor Adrianopel das Regiment, das Schulter an Schulter mit der 8. bulgarischen Division vor Tundja focht, derselben Division, die jetzt das barbarische Verbrechen beging.
Paris, 27. Juli. Die hiesige griechische Gesandtschaft erhielt vom griechischen Gesandten Levorovio eine vom 27. Juli 1 Uhr nachts datierte Depesche, wonach die griechische Armee nach einem zweitägigen heftigen Kampfe bei Simitli am Strumaflusse die bulgarische Armee, nachdem sie sehr große Verluste erlitten hatte, in die Flucht schlug und drei bulgarische Geschütze sowie viel Kriegsmaterial erbeutete. Die gesamte griechische Armee, deren Verluste beträchtlich sind, marschiert gegen Djumaia.
Athen, 27. Juli. Bulgarische Kavallerie, 500 Mann stark, räumte Tanthi, auch die bulgarischen Behörden verließen die Stadt. Die 8. griechische Division besetzte die Stadt und befreite die von den Bulgaren in Ketten gelegten Gefangenen.
Bukarest, 27. Juli. Die Schiffahrt auf der Donau ist wieder gestattet. Die Brücken bei Carabia und Turnu-Magurele werden täglich zu bestimmten Stunden geöffnet.
Gertrud waren in ihrer jungen Ehe so glücklich, wie es nur ein junges, sorgenloses Paar in den Flitterwochen sein kann. Dabei war es erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit und Umsicht Volkmar sich in die neue Stel- Tung einarbeitete. Direktor Runge war in letzter Zeit so schwach und hinfällig geworden, daß Karl mit dem Gedanken umging, ihn zu pensio- vieren. Reinhold bekleidete in Berlin die Stelle eines französischen Korrespondenten. Er bezog monatlich 200 Mark Gehalt, und es war für ihn ein Stück Arbeit, damit durchzukommen. Doch hinderte ihn feines Vaters Strenge daran, Schulden zu machen, und mit großer Sehnsucht dachte er zurück an Friedrichstal, wo er doch ganz anders hatte austreten können.
Seine Briese an den Vater waren sehr demütig und -reuevoll, so daß der alte Herr weich und nachsichtig wurde und sich vornahm, bei Katt Prenkel später ein gutes Wort einzulegen, daß dieser ihn wieder in seiner Fabrik beschäftigte. Einige Monate sollte et noch fernbleiben, damit erst etwas Gras über die alten Geschichten wachse.
Oben im Herrenhause war es so behaglich, wie es nur in der Umgebung glücklicher Menschen sein kann. Zu den Hauptmahlzeiten versammelte man sich unten bei Karl im kleinen Speisesaal, und da wollte immer Lachen und Scherzen kein Ende nehmen. Herta war immer am lustigsten, brachte ihre geistsprühenden witzigen Einfälle heraus, und Karl wandte dann seinen Blick nicht ab von ihrem Gesicht. Auch Volkmar wurde durch sie sehr angeregt und führte oft heitere Wortgefechte mit ihr, wobei sie den Blick ihrer blitzenden Augen in berückendem Feuer auf ihm ruhen ließ. Diese Blicke taten Gertrud weh, leise regte sich bann ihr Argwohn, und die alte Angst stteg in ihr auf. Die Angst um ihr Glück, das zu groß erschien, als daß es dauernd sein konnte. Wohl vergaß sie schnell die unruhigen Zweifel, wenn sie oben in ihrem trauten Rest mit Volkmar allein war und dieser ihr in steter Treue und Liebe in die Augen blickte, bann gab es nichts für sie als schrankenloses Aufgehen in ihrer Liebe, aber sobald Herta wieder ihr leise lockendes Spiel mit ihrem Gatten trieb, war die Furcht wieder da.
Und Herta merkte die Unruhen der jungen Frau. Sie erfüllte st« mit grausamer Cengutuung, denn das, was sie in einsamen Stunden litt, wenn sie das junge Ehepaar allein beisammen wußte, das war so fürchterlich, daß es ihr Freude machte, Gertrud auch zu quälen.
(Fortsetzung folgt.)