K
Marburg
Sonnabend, 14. Juni
1913.
jede deutsche Mutter gepriesen, als die „Erlauchte Frau, stets bereit zu helfen, wo es gilt, Not zu lindern, das Familienleben zu stärken, die Aufgaben der Weiblichkeit zu erfüllen und ihr neue Ziele zu verleihen". Diese Worte sprach er im August 1911 bei seinem letzten Besuch in der Heimat der Kaiserin, Schleswig-Hol. stein, wo er oft und gern weilt. Das deutsche Volk aber liebt es, in dem Leben der kaiserlichen Familie etwas Unantastbares — ein Vorbild zu sehen.
Mag dieser noch das, jener noch dies tadeln, in einem sind sich alle einig: daß der Kaiser in ehrlichem Streben stets das Beste für Bolk und Land gewollt hat und will und daß ihm ein jeder freu- big folgen wird, sobald er in Zeiten der Gefahr zur Gefolgschaft aufruft. Das deutsche Volk hat seinen Kaiser und König noch nie verlassen, wenn es galt, die Feinde zu wehren. So wird es auch fürderhin sein. Und wer den Kaiser und seine Bedeutung recht würdigen lernen will, der gehe hin in die Fremde, und« überall wird er hören, daß man in ihm eine Persönlichkeit schätzt, um die wir Deutsche beneidet werden. Wie er für die Franzosen nicht der empereur, für die Briten nicht der emperor ist, sondern nur der „Kaiser", wird man seinen Namen in den fernsten und unkultiviertesten Gegenden der Erde nicht nur kennen, sondern auch mit Achtung nennen. Wir aber wollen uns die Freude an unserem Kaiser und die Liebe zu ihm nicht nehmen oder mindern lassen durch Schwarzseher und Krittler, sondern wünschen, baß et, wie jetzt sein Wjähriges Negierungsjubiläum, in Rüstigkeit und Frische auch die 50. Wiederkehr des Tages feiern möge, da er des Reiches dritter Kaiser wurde.
Huldig«» der Automobilisten und das Reit, und Fahrturnier im Stadion.
Das Kaiserpaar traf gestern um 3 llhr nachmittags im Auto- mobil, vom Neuen Palais kommend, an der Havelbrücke bei Pichelswerder ein, der Kaiser in der Uniform des 3. Earde- Ulanen-Regiments, um die Huldigung der Automobi. listen entgegenzunehmen. Mit dem Kaiserpaar kamen u. a. Prinz Heinrich, in Marineuniform, das Prinzenpaar Eitel Fried- rich, das Prinzenpaar August Wilhelm und Prinz Oskar. Etwa 500 blumengeschmückte Kraftwagen des Kaiserlichen Automobilklubs, des Hannoverschen Automobilklubs und des Freiwilligen Automobilkorps waren aufgefahren. Der Herzog von Ratibor begrüßte den Kaiser mit einer Ansprache und überreichte eine Adresse. Das Kaiserpaar fuhr sodann im Automobil bis in die Nähe des Stadions, wo es die offenen, vierspännigen ä la Daumont gefahrenen Wagen mit Spitzenreitern bestieg. Um 3 20 Uhr traf es am Stadion ein, umdasReit-und Fahrturnier des Kartells für Reit- und Fahrsport zu sehen, das anläßlich des Regierungsjubiläums arrangiert ist. Eine Anzahl Abteilungen des Zuschauerraums waren durch Mannschaften der Earderegimenter besetzt. Es wurden vorgeführt: Zweispänniges Herrenfahren, Inländer-Jagdspringen, eine große Dressurprüfung, Hindernisfahren, Damenreiten und Preishochsprung. Die Vorführungen waren besonders anfangs durch starke Regengüsse beeinträchtigt. Nach 5 Uhr begab sich das Kaiserpaar in Auw- mobilen nach Berlin, um im Königlichen Schlosse für die Jubiläumstage Wohnung zu nehmen. Unterwegs sah das Kaiserpaar zum ersten Male die Straßenschmückung, die, obgleich noch nicht ganz fertig, doch ein fast vollständiges, einheitliches Bild bietet, wie es von namhaften Künstlern geplant ist. Schon in Ehar- lottenburg am Knie ragt eine monumentale Säule empor, an der Charlottenburger Brücke ein schöner Triumphbogen. In Berlin grüßte am Brandenburger Tor ein Schmuck von Girlanden und Kränzen. Es folgte der Pariser Platz mit zwölf hohen weißen Säulen, die von goldenen Viktorien gekrönt werden. Unter den Linden leuchteten die lustigen, in Rot und Gold gehaltenen Türme, welche die Bogenlampen verkleiden und große, goldene Kaiser- und Königskronen tragen. Am Kaiser Franz-Josefplatz bilden die Universität und das Opernhaus mit den davor auf- aerichteten weißen Obelisken einen würdigen Abschluß. Auch der Balkon des kaiserlichen Palais weist reichen Blumenschmuck auf.
m-;t dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtfchaftltche Beilage".
Teilweise Abrüstung auf dem Balkan.
* Belgrad, 13. Juni. Heute vormittag um 11 Uhr erklärten die Vettreter der Großmächte dem Ministerpräsidenten, daß sich ihre Regierungen ins Einvernehmen mit einander gefetzt hätten, um Serbien und Bulgarien den Wunsch auszudrücken, den zwischen den verbündeten Staaten bestehenden Streit auf friedlichem Wege zu regeln und daß die beiden Staaten zu diesem Zwecke zur Demobilisation schreiten möchten. Ministerpräsident Paschitsch gab darauf folgende Antwort: „Die königlich serbische Regierung hat in dem Wunsch, sich in allen die Verbündeten entzweienden Fragen friedlicher Mittel zu bedienen, bereits der bulgarischen Regierung eine Note unterbreitet, in der sie die Hoffnung ausdrückt, daß sofort jede Konzentration der bulgarischen Armee an der serbrschen Grenze eingestellt werde und den Vorschlag macht daß auf beiden Seiten sofort zu gleicher Zeit der Effektivbestand der Heere u m ein Viertel herabgesetzt werde, was der den Verbündeten in ganz Europa als erster wirksamer Schritt und als Beweis ihres Entschlusses angesehen werde, die in Betracht kommenden Fragen auf friedlichem Wege zu regeln. Die Vertreter der Großmächte nahmen von dieser Erklärung Att.
Petersburg, 13. Juni. Rußland wird von Serbien und Bulgarien die sofortige Entlassung von % der Wehrkräfte fordern und die Durchführung überwachen. Den Balkanstaaten wird mitgeteilt werden, der serbisch-bulgarische Streitfall müsse de«, russischen Schiedsspruch bedingungslos unterworfen werden.«
25 Satire MM Mer.
Wer als Jüngling oder Mann die Tage miterlebt hat, da vor einem Menschenalter Prinz Wilhelm die Regierung in Preußen und dem Deutschen Reiche antrat, wird zugleich und zunächst der Siegsriedsgestalt des großen Dulders, Kaiser Friedrichs III., und der hohen Tragik seiner lOOtägigen Regierungszeit gedenken. Mannhaft hatte er aus dem Mund der Aerzte die schreckliche Tatsache von seinem unheilbaren Siechtum vernommen, ohne zu klagen ertrug er sein Leiden. Der Sprache schon vollständig beraubt, verständigte er sich mit seinen Ministern mühsam schriftlich und zeichnete dem Fürsten Bismarck sein Programm auf. Oft hat er seinem Sohne Wilhelm, wenn er ihn als Belohnung für Wohlverhalten in einem Prachiwerk über die deutschen Kaiser blättern ließ, unter Hinweis auf Karl den Großen und Barbarossa gesagt: „Das alles muß wi'dKrkommen, der Glanz der Kaiserkrone muß wieder aüfleuchten!" Aber der Hand des todkranken Recken fehlte die Kr^ft. Zepter und Schwert zu tragen, das Schwert, das er fo sicher 1870/71 an der Spitze der Südeutfchen geführt hatte.
Und als nun Krone, Zepter und Schwert am ,15. Juni 1888 in die Hände feines Sohnes übergingen, fragte sich mancher int Reiche und nicht weniger im Ausland: „Welchen Gebrauch wird der Neunundzwanzigjährige von dem Instrument der Macht in feiner Hand, dem deutschen Heere, machen?" Jetzt nach 25 Jahren wissen wir alle, wie er es immer nur gedacht und benutzt hat als Mittel zum Frieden und zur Wohlfahrt des Reiches. Damals bei der Eröffnung des Reichstags im Weißen Saale des Schlosses am 25. Juni 1888 sagte der Kaiser in der Thronrede: „In der auswärtigen Polittk bin ich entschlossen, Frieden zu halten mit jedermann, fotrteFa» mir stiegt. Meine Liebe zum deutschen Heere und meine Stellung zu ihm werden mich niemals in Versuchung führen, dem Lande di» Wohltaten des Friedens zu verkümmern, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf bas Reich oder dessen Verbündete uns aufgedrungene Notwendigkeit ist. Deutschland bedarf weder neuen Kriegsruhmes noch irgendwelcher Er- sberungen." Und ohne Kriegsruhm und Eroberungen — die geringen kolonialen Erwerbungen kann man nicht als solche bezeichnen — hat er es doch verstanden, den Wohlstand des Reiches in ungeahnter Weise zu mehren und seine Stellung unter den übrigen Großmächten erfolgreich zu behaupten. Wohl sind Neider und Feinde des Reiches genug vorhanden, doch als starker Wall, unter dessen Schutz der unvergleichliche Aufschwung erst möglich war, haben sich das deutsche Heer und die deutsche Flotte erwiesen. Beide erfreuen sich der besonderen Fürsorge des Kaisers, wie die Hohenzollern ja in der Mehrzahl Soldatennaturen gewesen sind. Die erste Kundgebung des neuen Herrschers, noch ehe sich das Grab über Kaiser Friedrich geschlossen hatte, war an die Armee gerichtet: „Wir gehören zusammen, ich und die Armee. Wir sind für einander geboren und wollen unaufhörlich fest zusammenhalten." Und am 1. Mai 1891 erklärte er: „Der Soldat und die Armee, nicht Parlamentsmajoritäten und Beschlüsse haben das Deutsche Reich zusammengeschmiedet." Was . er für die deutsche Flotte getan, wie er sie eigentlich erst geschaffen hat, ist allgemein bekannt. Mit ihrem Ausbau, der stetig fortgesetzt wird, ist Deutschland unter die Weltmächte getreten und hat begonnen Weltpolitik zu treiben. Denn: „Reichsgewalt bedeutet Seegewalt, und beide bedingen sich gegenseitig so, daß die eine ohne die andere nicht bestehen kann." Kein anderer im Reiche hat das -U vorher mit solcher Schärfe erfaßt, ausgesprochen und durchgesetzt.
Dabei lag es ihm von vornherein fern, nach einer „öden Weltherrschaft" zu streben, in der richtigen Erkenntnis, daß alle sogenannten Weltreiche zerfallen sind. Der scheinbare Widersprach, der in der Aufstellung eines reinen Friedensprogramms und in der gleichzeitigen Betonung der Wichtigkeit einer guten Rüstung zu Wasser und zu Lande lag, ist auch bald als nur scheinbarer erkannt worden. Heute bestreitet kein Einsichttger, daß Deutschland sich keiner so langen Friedenszeit erfreut haben würde ohne seine schimmernde Wehr. Man trägt dieser Ueberzeugung wieder Rechnung durch die neue starke Vermehrung unseres Heeres, damit es sich weiter als Bollwerk des Friedens erweisen kann wie bisher oder, wenn es fein muß, wie einst vor 100 Jahren in den Kampf ziehen kann mit der Losung „Siegen!" Hat unser Kaiser während seiner 25jährigen Regierung so einen ehrenvollen Frieden nach außen zu erhalten gewußt in Weltlagen, die oft die Hand nach dem Schwerte fassen ließen, fo hat ihn die Vorsehung auch in einer Zeit an die Spitze unseres Volkes gestellt, die wie kaum eine andere die tiefgreifendsten Aenderungen mit sich führte. Heute können wir es wohl sagen: Er ist nicht nur, was ja die Tradition feines Hauses mit sich bringt, der stete Förderer von Armee und Flotte, er ist im eigentlichen Sinne ein moderner Herrscher, der aus dem Grunde einer großen Persönlichkeit heraus fest und selbständig zu den großen Fragen der Gegenwart Stellung genommen hat. Das Werk der sozialen Gesetzgebung hat er von vornherein mit Eefühlstiefe und Energie ergriffen, und nicht zum mindesten dem Kaiser ist es zu danken und seinem sieghaften Optimismus, wenn trotz des in dem Anwachsen der Sozialdemokratie liegenden anscheinenden Mißerfolges bis heute ruhig und sicher auf den Bahnen fortgeschritten wird, die einst Wilhelm I. und sein großer Kanzler vorzeichneten. Wie sehr Nh* Persönlichkeit und sein starkes Interesse für die Technik, für
deutsche Industrie, Schiffahrt und Handel diesen zugure gekommen ist, namentlich in ihrer Geltung im Ausland, ist überall bekannt. Wie in den Sitzungen der Schiffbautechnischen Gesellschaft, so fehll der Kaiser auch selten in den Sitzungen des Deutschen Landwirtschaftsrates, und überall zeigt er fein tätiges Interesse, durch fein kaiserliches Vorbild anregend und fördernd. Und wenn er so sich mit seiner ganzen Persönlichkeit einsetzt, wo er glaubt, sein Urteil nicht unter den Scheffel stellen zu müssen, so wird es wohl Vorkommen, daß er auch Widerspruch hervorruft. Er har ihn nie gescheut, und wir freuen uns heute dessen, mag man im einzelnen oft seiner Meinung sich nicht haben anschließen können, die Aeuße- rungen seiner starken Persönlichkeit möchte man darum nicht missen — wenn man sich daran gewöhnt, was freilich in unserer Zeit nicht allzu häufig ist, jedermann, auch dem Kaiser Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In Deutschland ist das sehr häufig leider weniger geschehen als im Auslande, wo die Beurteilung unseres Kaisers meistens so war, daß sie uns Deutsche nur mit Stolz erfüllen konnte. Zweimal freilich hat die starke Aenßerung des kaiserlichen Willens Zeiten herbeigeführt, die jedem Vaterlandsfreunde tief ans Herz gingen und die der Gerechtigkeit halber auch heute nicht verschwiegen seien. Als der junge Kaiser den großen Steuermann des Reichsschiffes, Bismarck, entließ, um sein eigner Kanzler zu fein, wie es hieß, während man doch wußte, daß der Mann, der das Reich erst geschaffen, in den Sielen sterben wollte, da ging eine Entfremdung zwischen Kaiser und Volk durch das Land, die erst verschwand, als die Aussöhnung erfolgte. Und dann 1908, als Aeußerungen des Kaisers, die in der englischen Presse erschienen, jene Novemberstürme erzeugten, die nun Gott sei Dank vorüber find.. — Manches Urteil über die Kunst rief im kleinen Kreise Widerstand hervor, wie auch viele sein Eingreifen in die schulpolitischen Fragen des Tages, zu denen er sich durch feine Casseler Eymnasialzeit angeregt fühlte, nicht billigten. Jahre sind seitdem vergangen, manches ist vergessen, vieles ausgeglichen, was einst in unserer kritikliebenden Zeit hin- und herwogte. Uns bleibt heute nur der Eindruck der starken leuchtenden Persönlichkeit unseres Kaisers.
Man hat über des Kaisers Art und Wesen sehr viel gestritten, und wenn man so will, hat jeder Recht, der den Hauptzug meint feststellen zu können. In ihm mischt sich in seltsamer und seltener Weise das künstlerifch-romantische mit dem praktisch-realistischen Moment. Sein Charakter birgt eine Fülle fast entgegengesetzter Eigenschaften und Züge: Neigung für das Mittelalter und seine Mystik, Vorliebe für die moderne Technik und die Naturwissenschaft, neben konservativer Denkart viele Reform-Ideen, neben verfassungsmäßigem Denken und Handeln Neigung zu einem patriarchalisch-persönlichen Regiment. Als den seiner Ahnen, den er am meisten liebt, nennt der Kaiser selbst den Großen Kurfürsten, in dem auch wie in ihm „ein unbeugsamer Wille war ,den einmal als richtig erkannten Weg allem Widerstand zum Trotz unbeirrt weiter zu gehen". Daraus spricht ein Stück Herrschernatur, ein unbeugsamer Wille, der auf jeden Fall Achtung erheischt. Und doch wiederum, welche Demut und Bescheidenheit enthüllt die tiefe Religiosität des Kaisers, welches Eottvertrauen geht aus vielen feiner Reden hervor: Und gerade hierin hat er in den weitesten Kreisen unseres Volkes stets großes Verständnis gefunden. Mehr als einmal hat er alles Geschehen nicht als Menschen-, sondern als Gottes Tat hin- gestellt, und fein starker Glaube wird ftete auch von denen bewundert, die nicht in gleichem Maße auf positiv-christlicher Grundlage fußen und in einer so engen Beziehung zur Kirche stehen wie der Kaiser. Seinem Glauben entspricht fein in jeder Hinsicht vorbildliches und ideales Familienleben, das so recht dem deutschen Volke ein Vorbild geben kann und soll. Wie tief empfunden und menschlich wahr sind die Worte, die er als Vater seiner Tochter bei ihrer Trauung gewidmet hat und die noch in aller Ohren klingen. Hier sprach nicht der Kaiser, hier sprach der Later zur scheidenden Tochter, wie es jeder deutsche Vater tut. Wiederholt hat er auch feine Gemahlin mit Freude und Liebe als Vorbild für
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