erstes Blatt.
Der Kaiser in Geldern.
Der Kaiser traf gestern vormittag 11 Uhr in Geldern ein. Zum Empfange am Bahnhof waren der kommandierende General von Einem und Oberpräsident von Nheinbaben zugegen. Der Kaiser hielt seinen Einzug im Automobil unter dem stürmischen Jubel einer gewaltigen Volksmenge. Auf dem Festplatze nahm der Kaiser unter dem Kaiserzelt Aufstellung, nachdem er u. a. die holländische Sonder-Gesandtschaft begrüßt hatte. Die vereinigten Männerchöre des Herzogtums unter der Leitung des Musikdirektors Druegpott sangen: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Dann hielt Graf Hoensbroech eine Ansprache, auf die der Kaiser mit folgender Rede antwortete:
„Der Einladung zur Jubelfeier der 200jährigen Zugehörigkeit Eelderns zur Krone Preußens bin Ich gern gefolgt und freue Mich, daß Ich es in dieser festlich bewegten Zeit habe ermöglichen können, heute unter Ihnen zu weilen. Ich danke herzlich für die freundlichen Worte, mit denen vorher der Herr Bürgermeister im Namen der alten Herzogsstadt und jetzt Sie, Mein lieber Erbmarschall, im Namen der Eeldern- schen Lande Mich begrüßt und beglückt haben. Die wechsclvolle Geschichte Eelderns weiß von traurigen Schicksalen des Landes, von feindlichen Bedrückungen und Kriegsnöten in reicher Fülle zu erzählen und läßt die von unzufriedenen Seelen so gern zitierte „gute alte Zeit" in recht trübem Lichte erscheinen. Auch die Schwingen des Preußischen Adlers, dessen Königskrone mit dem Hinzutritt Eelderns zum Brandenburgisch- Preußischen Staate eng verknüpft ist, waren im ersten Jahrhundert nicht immer kräftig genug, das fernab von dem Kern des Landes, dem Sitze der Stärke, belegene Gebiet gegen mächtige Feinde zu schützen und zu decken. Seit der Befreiung des Vaterlandes von der Fremdherrfchaft, deren hundertjähriges Gedenken in diesem Jahre das Herz des Deutschen Volkes mit nationaler Begeisterung und berechtigtem Stolz erfüllt, begann auch Geldern unter den Segnungen des Friedens die Früchte des Eewerbefleißes und der Kunstfertigkeit seiner Bewohner zu ernten. Die heutige Blüte des schönen Landes ist aber, wie soeben rühmend hervorgehoben, zu einem wesentlichen Teile auf die liebevolle Fürsorge seiner Landesfürsten zurückzuführen, die der zähen Volkskraft und schaffensfreudigen Arbeitsamkeit der Söhne des Niederrheins Weg und Ziel gewiesen haben. Die Dankbarkeit hierfür konnte bei der heutigen Jubelfeier nicht schöner und pietätvoller zum Ausdruck kommen, als durch ein Denkmal für den erhabenen Herrscher, dem es beschieden war, der unheilvollen Zerrissenheit der Deutschen Stämme ein Ende zu machen und ein festgefügtes einiges Reich zu schaffen. Bei der Erfüllung dieser Seiner hohen Mission hat auch manch braver Sohn Eelderns treu geholfen und unter Seinen siegreichen Fahnen Blut und Leben für das Vaterland heldenmütig eingesetzt. Die edle Gestalt des großen und doch so demütigen Fürsten tritt heute lebhaft vor unser Auge. Möge das Denkmal von bewährter deutscher Meisterhand geschaffen, den Ruhm des großen Kaisers noch fernen Geschlechtern verkünden. Möge es als ehernes Wahrzeichen der Zugehörigkeit Gelderns zu Preußen zugleich das Band der Treue und Liebe versinnbildlichen, das Fürst und Volk, Kaiser und Reich unaufhörlich miteinander verbindet. Mit diesen Wünschen empfehle Ich das Denkmal der besonderen Obhut der Stadt. Die Hülle falle!"
Als die Hülle des Denkmals Kaiser Wilhelms I. fiel, präsentierte die Ehrenkompagnie und Gras Hoensbroech brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, die Musik spielte die Nationalhymne, Böllerschüsse ertönten und 2000 Brieftauben flogen auf. Unter einem weiteren Gesang des Männerchors besichtigte der Kaiser das Denkmal mit dem Schöpfer Professor Schaper und hielt Cercle. Der Kaiser nahm sodann den Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie entgegen und schritt unter dem Jubel des Publikums die Front der K r i e g s v e t e r a n e n ab, wo er besonders die Ritter des 'Eisernen Kreuzes mit Ansprachen auszeichnete. Dann betrat der Kaiser das Rathaus, wo er im Rittersaal von den Vertretern der Stadt erwartet wurde. Drei Töchter Eelderns im Kostüm der Königin Luise überreichten den Ehrentrunk in einem alten Pokal. Der Bürgermeister Dr. Werner sprach darauf nochmals den Dank der Stadt aus. Der Kaiser erwiderte kurz in heiterster Stimmung, in der er der Stadt Geldern alles Gute wünschte. Der Kaiser bemerkte unter anderem, wenn, wie er hoffe, die Wehrvorlage durchginge, sich wohl eine Garnison für Geldern werde ermöglichen lassen. Der Bürgermeister brachte mit den Stadtverordneten ein Hoch auf den Kaiser aus. Das etwa 4 Jahre alte Töchterchen des Bürgermeisters sprach ein Gedicht. Der Kaiser war erfreut und küßte das Kind. Er trug sich dann in das Goldene Buch der Stadt ein, besichtigte das Rathaus und zeigte sich auf dem Balkon unter den Hurrarufen der Menge. Dann verabschiedete sich der Kaiser und begab sich nach dem Schloß Haag, wo er das Frühstück bei dem Grafen Hoensbroech einnahm. Die Abreise erfolgte um 2% Uhr nach der Wildparkstation. Eine größere Anzahl Orden wurden verliehen.
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Es gibt keine .hannoversche Frage"!
Stadtdirektor Tramm in Hannover hatte, wie gemeldet, in (einer Rede vor dem städtischen Kollegium auf den wahrscheinlich In kürzerer oder längerer Zeit erfolgenden Einzug des Prinzen iLrnst August zu Braunschweig und Lüneburg als Herzog in Braunschweig hingewiesen und daran die Mahnung geknüpft, daß alle weitergehenden Wünsche hannoverscher Kreise als unerfüllbar für immer beiseite gestellt werden möchten. Daraufhin hat die wel- sische Vertrauensmännerversammlung des 8. hannoverschen Reichstagswahlkreises eine Entschließung gefaßt, bei deren Fasiung sie svon allen guten Göttern und jeder politischer Einsicht verlassen worden sein muß. Es heißt darin u. a.:
„Die vollzählig versammelten Vertrauensmänner des 8. hannoverschen Reichstagswahlkreises bewundern die Kühnheit, mit der das Oberhaupt der Stadt Hannover es fertig brachte, das aus sauren Steuer« hrojche« errichtete Rathaus zu einem Tummelplätze politischer Demon
strationen herabzuwllrdigen. Indem er scheinbar seinen Sympathien für Herzog und Prinz Ausdruck gibt, wagte er es, ersterem Verrat an Treu und Glauben zuzumuten. Denn etwas anderes ist es nicht, wenn er behauptet, der Herzog habe mit der Vergangenheit gebrochen.^ Den Beweis hierfür bleibt er allerdings völlig fchuldig. Herr Stadtbstektor Tramm scheut von sich auf andere zu schließen und vorn Herzog zu glauben, daß dieser fähig wäre, auf dasselbe politische ilttreau herab- zustcigen wie er selbst. Der Wunsch ist bei Tramm des Gedankens Vater, aber er irrt gründlich, wenn er glaubt, mit feinen Worten treue Hannoveraner einfangen zu können. Männer, die 47 Jahre hindurch zue Fahne des Rechts und der Treue standen, weichen nicht vom Wege der Ehre und Vflicht, getreu der Devise: Niemals zurück! Nach wie vor bleibt unser Ziel das alte: d ie Wiederherstellung des Königreichs Hannover auf friedlichem, gesetzlichem Wege, von dem wir uns nicht um Haaresbreite abdrängen lasten. Alle Mann auf die Schanzen!"
So sehr die Anhänglichkeit und Treue der Welfen für ihr früheres Fürstenhaus zu achten ist und verständlich erscheint, so muß doch immer wieder betont werden, daß es angesichts der politischen Entwicklung eine „hannoversche Frage" überhaupt nicht mehr gibt, sie also auch nicht mehr gelöst werden kann und alle Bemühungen und Bestrebungen in dieser Hinsicht vergeblich und nutzlos sind. Da neuerdings sogar von welsischer Seite die Gemahlin des Prinzen Ernst August als Mitkämpferin für die welfische Sache in Anspruch genommen wird, so ist es außerordentlich zu begrüßen, daß nun auch von amtlicher Seite eine jeden Zweifel ausschließende Erklärung vorliegt, die sich mit seltener Klarheit in dem eben angedeuteten Sinn über die Forderungen der Welfen ausläßt:
B e r l i n , 4. Juni. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" weist den Gedanken, die Vermählung der Prinzessin Viktoria Luise werde in Zukunft die Provinz Hannover beeinflusien, zurück, Hannover sei und bleibe ein Bestandteil des preußischen Staates; daran werde auch kein Titelchen geändert. Auch Prinz Ernst August und sein Vater wünschen nicht, daß die soeben geschloffene Verbindung irgendwie zur Grundlage von Versuchen gemacht werde, die auf Wiederherstellung des Königreichs Hannover oder auch nur auf Aenderung der preußischen Grenzen zu Gunsten Braunschweigs hinauslaufen. D'e Verdächtigung, auch die Prinzessin Viktoria Luise werde nunmehr für die Wiederherstellung des Königreichs Hannover eintreten, verdiene nicht einmal ein Wort der Zurückweisung. ,^Das feierliche Wort des Prinzen Ernst August, das er im Einverständnis mit seinem Herrn Vater abgegeben hat, verbürgt über jeden Zweifel hinaus, daß er nichts tun und nichts unterstützen wird, was eine Aenderung des preußischen Besitzstandes im Auge hat. Anders steht es mit der Ordnung der braunschweigischen Verhältniffe. Auf Anregung der braunschweigischen Regierung wird, wie wir annehmen, der Bundesrat im Laufe des komenden H e r b st e s in die Lage versetzt werden, zu prüfen, ob der Thronbesteigung des Prinzen Ernst August von Braunschweig noch Bedenken entgegenstehen. Mit Hannover hat das, wie wir wiederholen, nicht das Mindeste zu tun; denn eine hannoversche Frage gibt es nicht.*
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Der Kampf um den Wehrbeitrai.
Im Laufe des gestrigen Vormittags wurden die vertraulichen Besprechungen der Subkommistion der Vudgetkommiffion des Reichstages mit dem Reichsschatzsekretär weiter geführt, die sich auf die in der Sitzung vom 29. Mai gemachten Vorschläge zum § 1 des Gesetzentwurfs betreffend den Wehrbeitrag beziehen. Auf Grund dieser Vorschläge hat der Reichsschatzsekretär eine Berechnung anstellen lasten, die den daraus zu erwartenden Wehrbeitrag vom Vermögen auf 720 Millionen und vom Einkommen auf 20 Millionen beziffert. Die Besprechungen wurden aber noch nicht abgeschlossen. In der Kommiffion beriet man zunächst über die
Besteuerung der Reichsauslander, die im Jnlande wohnen, und der Reichsangehörigen, die im Auslande wohnen. Es wurde ein konservativer Antrag angenommen, wonach zur Befreiung von Ausländsdeutschen vom Wehrbeitrag zweijähriger statt einjähriger Aufenthalt im Auslande erforderlich ist. Weitere Anträge, die auf eine schärfere Erfassung von im Inland lebenden Ausländern abzielten, wurden abgelehnt. Dann wurde lebhaft gestritten um die
Besteuerung der taten Hand.
Nach einem sozialdemokratischen Antrag sollten beitragspflichtig sein Kirchen, Religionsgesellschaften, Stiftungen, Orden und Anstalten mit demjenigen Teil des Vermögens, der nicht ausschließlich der Armen-, Waisen- und Krankenpflege dient. Ein Christlichsozialer hielt den Antrag für schlecht formuliert. Auf evangelischer Seite reiche das Vermögen vielfach nicht zur Besoldung der Kirchendiener aus. Die Ausnahme für Waisen-, Armen- und Krankenpflege sei viel zu eng. Der Schatzsekretär führte als Hauptgrund für die Freilassung der toten Hand an man habe sich bemüht, alle großen theoretischen Fragen bei dieser einmaligen Steuer nicht zu erörtern. Ein nennenswerter Betrag würde bei der Besteuerung der toten Hand nicht aufkommen, denn die absolut notwendigen Einschränkungen würden weitaus den größten Teil des Vermögens der toten Hand steuerfrei lasten. Ein Zentrumsmitglied verwies auf die geradezu lächerlichen Ertrügniffe der entsprechenden französischen Gesetzgebung. Wenn das Kirchenvermögen besteuert werde, so müsse natürlich das gewerkschaftliche Vermögen und das Vermögen der Parteien ebenfalls herangezogen: werden. Ein nationalliberaler Vertreter erklärte, die Schwierigkeiten feien viel zu groß, jedenfalls wäre der Antrag der Sozialdemokraten nicht durchführbar. Wenn eine glückliche Lösung der Formulierung gefunden würde, würde seine Partei gern zustimmen. Schließlich wurde
der Antrag der Sozialdemokraten abgelehnt.
Die tote Hand bleibt also von der Wehrsteuer frei. Die nächste Etappe war die Heranziehung der Aktiengesellschaft zum Wehrbeitrag. Das Zentrum hatte hierzu einen Abänderungsantrag gestellt, über den sich eine lebhafte Aussprache entspann, die aber nicht mehr | beendet wurde.
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Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht eine in der | Budgetkommiffio» überreichte Zusammenstellung von Materialien zur
Begründung der Entwürfe von Gesetzen über den einmaligen außerordentlichen Wehrbeitrag und betreffend die Aenderungen im Finanz^ wesen. In den deutschen Bundesstaaten wird die Steuerbelastung des Deutschen Reiches mit derjenigen Englands und Frankreichs verglichen.
Die steuerliche Belastung des deutschen Bolles
stellt sich wie folgt: Streite Steuern insgesamt 2008.0 Millionen, auf den Kopf 30,80 <M., 49,22 Prozent des Eesamtsteuerertrages. Indirekte Steuern insgesamt 2071.5 Millionen, auf den Kopf 31,86, 50,78 Prozent des Eesamtsteuerertrages. Von den indirekten Steuern entfallen auf den Kopf der Bevölkerung 23,73 für Zölle und Verbrauchsabgaben, 1,21 für Aufwandssteuern, 5,92 für Verkehrssteuern, 0,95 für Erbschaftssteuern und 0,05 M. für andere indirekte Steuern. Der Vergleich der Steuerbelastung des Deutschen Reichs mit der Großbritanniens und Frankreichs ergibt, daß die Steuersysteme in den drei Ländern wesentlich verschieden sind. Die direkten Steuern ergeben in Deutschland 2008,0, in Großbritannien 2637,7, in Frankreich 1062,9 Millionen Mark, Der Gesamt st euerbetrag ergibt in Deutschland, Großbritannien und Frankreich 4079,6, 4720,1 und 3776,4 Millionen Mark. Auf den Kops der Bevölkerung entfallen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich an direkten Steuern 30,98, 59,57, 27,15, an Zöllen und Verbrauchabgaben 23,73, 30,65, 44,95, an Verkehrsabgaben 5,92, 4,48, 10,58, an Erbschaftssteuern 0,95, 11,66, 7,51, an Aufwandssteuern für Deutschland 1,26, insgesamt 62,75, 106,01, 96,09 Mark.
Freiwillige Wehrbeiträge.
Berlin, 4. Juni. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mitteilt, gingen zu den freiwilligen Wehrbeittägen bei der Reichshauptkaff« 388 555 M ein.
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Bedenkliche Laae auf dem Balkan.
Bukarest, 4. Juni. Hierher gelangte Nachrichten über den dro- henden Rücktritt des bulgarischen, griechischen und serbischen Minister- Präsidenten laffen die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens mehr und mehr schwinden, obwohl die Optimisten noch annehmen, daß die Haltung Rumäniens zugunsten des Friedens wirken werde. Bulgarien ergreift umfaßende Maßregeln, um die Westgrenze gegen Serbien zu sichern. Die Truppen-Transporte dorthin haben bereits begonnen.
Paris, 4. Juni. Dem „Malin" wird aus Sofia gemeldet: Ein direkter Beweis für den Ernst der Lage ist die T a t s a ch e, daß Eeschow sein Entlaffungsgesuch dem König eingereicht hat. Eeschow verläßt offenbar seinen Posten, weil er keinen friedlichen Ausweg aus dem gegenwärtigen Konflikt sieht. Als Nachfolger Geschows wird Malinow genannt. In unterrichteten Kreisen wird der Rücktritt Eeschows als Protest gegen die Haltung Rußlands in dem serbisch-bulgarischen Konslitt angesehen.
Paris, 4. Juni. Der „Malin" meldet aus Belgrad einen schweren Zwischenfall, der fich zwischen serbischen und bulgarischen Truppen ereignet hat. Eine bulgarische Jnfanterieabteilung und eine Feldbatterie hat die serbische Grenze überschritten und ist in serbisches Gebiet eingedrungen, um sich bei der Stadt Jstip festzusetzen. Die Bulgaren find dabei, ihre Stellung zu befestigen.
Der Zusammenttitt der Internationalen Finanzkommiffion.
Paris, 4. Juni. Der Minister des Aeußern Pichon eröffnete heute die Tagung der Internationalen Finanzkommiffion. Er erinnerte an das Ziel der Konferenz, die wirtschaftlichen Jnterffen, die heute die erste Stellung in den internationalen Beziehungen einnehmen. Pichon sagte: „Wie auch das Schicksal der Waffen sei, immer bringt der Krieg für die Kriegführenden Lasten mit sich, die schwer auf die Gegenwart und die Zukunft drücken. Diese Lasten soviel als möglich zu erleichtern und die Verpflichtungen für die Länder festzusetzen, in deren Namen der Friede abgeschloffen worden ist, find die beiden Ziele der Aufgabe, welche den Beratungen gestellt ist." Der deutsche Delegierte, Gesandte Frhr. v. d. Lancken-Wakenitz, sprach namens seiner Kollegen Pichon herzlichen Dank für den wohlwollenden, liebenswürdigen Empfang aus. Er schlug als Ehrenpräsidenten Pichon, als gefchäftsführenden Präsidenten den ersten Delegierten Frankreichs, Vizepräsidenten des Staatsrates, Marguerie, vor. Der ottomanische Delegierte Nail Bey erklärte: „Unsere Regierung ist auch überzeugt, daß ihr Verzicht auf den größten Teil des europäischen Besitzes als äußerste Grenze des Opfers angesehen werden wird." Als Vertreter der Balkanstaaten sprach der serbische Delegierte Wesnitsch. Er sagte: Die verbündeten Regierungen unternahmen den letzten Krieg, um die christliche Bevölkerung zu befreien und die Provinzen wiederzugewinnen, die ihnen vor fünf Jahrhunderten entrissen wurden. Alle anwesenden Delegierten schloffen sich dem Vorschlag an, Pichon zum Ehrenpräsidenten und Marguerie zum Präsidenten zu ernennen.
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Marburg und Umgegend.
Nachdruck aller Drglnalarlitel ist gemäß tz 18 des Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe Lderheff Zta " aeftattet >
Marburg, 5. Juni.
♦ Unwetter. Gestern blieben wir den ganzen Tag über von Gewittern verschont. Zwischen 8 und 9 Uhr abends bemerkte man jedoch am südwestlichen und dann auch am nordwestlichen Horizont überaus heftige Ferngewitter. Die Hoffnung, daß wir verschont bleiben würden, erfüllte fich nicht, denn gegen y^ll Uhr brach das Unwetter auch über Marburg und Umgegend herein. Wolkenbruchartig ergoß fich wieder der Regen über unsere Fluren; dazu tobte der Sturmwind und riß dicke Aeste von den Bäumen. ®ir ganze Gegend war durch die fortwährenden Blitze taghell erleuchtet. Das Gewitter dauerte etwa eine Stunde. Die vielen heftigen Regengüffe der letzten Tage füllten wie immer die Kanal- schächte der neuen Bergstraßen faß bis obenhin mit Sand. Die Waffermaffen schießen wie früher darüber hinweg und verschwinden nach und nach erst in den ebenen Sttaßen. Das Wiederherausschaffen des Sandes auf die Straße, auf der er ftüher liegen bleiben mußte, macht regelmäßig nach jedem einigermaßen starken Regengüffe viel Arbeit. So ift's auch diesmal wieder, wie nun» sich leicht in den betreffenden Bergstraßen überzeugen kann. Wie wir weiter erfahren, hat der Sturmwind in der Nähe des Sell- Hofs verschiedene Bäume entwurzelt, in Damm wurden Dächer ab- gedeckt und bei Willershausen liegen eine Menge Bäume quer über der LanMaße. Die Feldfrucht liegt vielfach wie gewalzt an» Boden.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
M 129
und den Beilagen: „Rach Feierabend", „Fürs Haus" und „LandwirtfchaWche Beilage".
Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich burd. die Post 2 25 M lohne Bestellgelds, bei unseren Zeitungsstellen 2 M frei ins Haus. —' Verlag von Dr. C. Hitzeroth. — Druck der Umv.- Buchdruckerei I. A. Koch (Inh. Dr. C. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Marburg
Tonnerslag, 5. Juni
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48. Jahrg!
1913.