mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
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Die „Oberhesfische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertelsährlich bunt- die Post 2.25 <* (ohne Bestellgeld), bet unseren Zettungsstellen 2 M frei ins Haus. — Verlag von Dr. T. Hitzeroth. — Druck der Univ.- Buchdruckcrei I. A. Koch (Inh. Dr. E. Hitzeroth). Markt 21. Tel. 55.
Marburg
Freitag. 30. Mal
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48. Jahr-.
1913.
tvrftes Blatt.
Der Äehrbeitrag in der Lulnetko nmijsion.
Die Budgetkommission des Reichstags beriet gestern eingehend über den Wehrbeitrag. Sie kam aber noch zu keinem Beschluß. Die Aussprache drehte sich um die gestellten Abänderungsanträge. Zu Beginn der Sitzung schlug der Berichterstatter, Graf Westarp, vor, alle prinzipiellen Fragen vorläufig zurllckzustellen. Der Schatzsekretär betonte, daß an dem einmaligen Charakter des Beitrages festgehalten werden müsse. Die Sozialdemokratie ging mit ihren Anträgen sogar so weit, 5 Prozent zu fordern. Alle Parteien erklärten, daß sie
grundsätzlich die Vorlage annehmen.
Vielfach wurde aber noch Material gewünscht,- das in nächster Woche zur Verfügung gestellt werden soll. Das Zentrum legte besonderen Wert auf die Erfassung der Einkommen selbst unter 10 000 M, um die notwendige Summe zu erreichen. Der nationalliberale Vertreter meinte, man dürfe das mobile Kapital nicht mit Gewalt aus dem Lande treiben. Das Prinzip der Staffelung fei allgemein angenommen, aber richtiger wäre eine Klasseneinteilung, weil man sonst zu ganz minutiösen Einschätzungen käme. Der volksparteiliche Vertreter erklärte ebenfalls die Zustimmung seiner Partei zu dem Grundgedanken. Was den Ertrag anlange, so könne man die Bestimmung treffen, daß nach der Veranlagung und der Einziehung der ersten Raten der Reichstag noch darüber entscheide, was mit einem eventuellen Ueberschuß oder Manko zu geschehen habe. Seine Partei halte Prozentsätze für richtiger als die Klasseneinteilung des nationalliberalen Antrags: denn es sei zu befürchten, daß diese Klaffeneinteilung einen zu starken Anreiz zu falschen Angaben enthalten würde. Der Zentrumsantrag erscheine ebenfalls bedenklich, da er zu große Sprünge ausweise und daher auch zur Unterdeklarierung reize. Ein Heruntergehen unter 10 000 .ft beim Einkommen sei bedenklich, weil hier das Einkommen stark schwanke. Der Schatzsekretär hält eine genaue Ertragsberechnung für unmöglich, denn es seien zum Teil phantastische Schätzungen vorhanden. Man muffe die preußische Ergänzungssteuer zugrunde legen. Wenn das Einkommen stärker herangezogen werden solle, würden die Schwierigkeiten der Schätzung größer. Der Ertrag aus dem Einkommen werde sehr viel niedriger sein, als die Kommission erwarte. Vorläufig schätze er so: Antrag Erzberger: 725 Millionen, dazu Aktiengesellschaften etwa 75 und Einkommen 20 Millionen, also etwa 820 Millionen Gesamtertrag: Antrag Fischbeck (Dp.): 750 Millionen Mark: nationalliberaler Antrag: 675 Millionen Mark: für den sozialdemokratischen Antrag fehlten noch die Berechnungen. Er möchte noch darauf Hinweisen, daß man sich hüten müffe, einen zu geringen Ertrag herauszubekommen, damit der Wehrbeitrag wirklich ein e tn- maliger bleiben könne. Für einen etwaigen Ueberschuß würde sich leicht eine Verwendung finden laffen: er könnte ja zur Schuldentilgung verwendet werden. Was die untere Grenze anlange, so würde natürlich jede Hinaufsetzung die Umgehung der Steuer auf legale Weise erleichtern, z. V. durch die Verteilung auf die Familienangehörigen. Der Berichterstatter regte an, zur Prüfung der Rentabilitätsberechnungen eine Subkommission zu ernennen. Die Sozialdemokratie erklärte, sie habe mit anderen Parteien die Absicht,
mindestens tausend Millionen
aus dem Wehrbeitrag herauszuziehen. Etwaige Ueberschüffe aus dem Wehrbeitrag sollen verwendet werden der Reihe nach wie folgt: Ze hundert Millionen Mark für Veteranenfürsorge, für Säuglings- und Mutterschaftsfürsorge, zur Förderung der Volks-
1 (Nachdruck verboten.)
Ich will.
Roman von H. Tourthr-Mahler.
Kommerzienrat Hochstetten hatte es durchgesetzt, daß die neue Zweigbahn zwischendem Gut des Barons Letzingeu und seinem eigenen Elektrizitätswerke eine Station erhielt. Das war von großem Nutzen für viele, die es anging.
Die vielen hundert Arbeiter, die Hochstetten in seinen Fabriken und dem Elektrizitätswerke beschäftigte, wohnten fast ausnahmslos in der nahen Stadt L . . . g. Sie brauchten nun den Weg nicht mehr zu Fuß zurückzulegen, jpitbern konnten auf billige Arbeiterkarten die Bahn benutzen.
Auch die zahlreichen umliegenden Güter profitieren davon. Sie konnten die Erzeugniffe der Landwirtschaft bequemer nach der Stadt befördern, deren zweihunderttausend Einwohner willige Abnehmer dafür waren. Hauptsächlich Baron Letzingen war dabei gut weggekommen. Für ihn lag die Station am günstigsten. Die Gutsbesitzer der Umgegend, die fast ausnahmslos altadeligen Geschlechtern angehörten, hatten alle Ursache, Hochstetten dankbar zu sein. Er war mit seinen großartigen Unternehmungen so recht ein Segen für die ganze Gegend geworden. Es war ein frischer Zug in die stagnierenden Agrarierverhältniffe gekommen, seit Hochstetten Konservenfabriken in großem Stil angelegt hatte. Man wußte nun, wo man zur Zeit des Ueberfluffes mit Obst und Gemüse gute Preise, auch für Maffenlieferungen, erzielen konnte. Hochstetten kaufte alles, auch Vieh, Geflügel und Wild nicht ausgeschloffen, erwarb er jeder- zeit, da er auch Fleischkonserven herstellen ließ.
Sein Elektrizitätswerk lieferte nicht nur Kraft und Beleuchtung für 'seine eigenen Betriebe, sondern auch für die Bahnstation und viele der Güter zu billigen Preisen. Trotzdem Hochstetten ein bürgerlicher Emporkömmling war, verkehrten alle die adligen Gutsbesitzer in seinem Hause. Aber sie taten es nur aus egoistischen Gründen, um sich geschäftlich gut mit ihm zu stellen. Heimlich spöttelten sie nicht wenig über ihn. Der kleine, unanfthnliche Mann war keine elegante Erscheinung, trotzdem er immer tadellos gekleidet war. In seinem grobzügigen Gesicht waren nur die klugen, braunen Augen und die feste, charakteristische Stirn von Bedeutung. Er hatte in seinem Leben zu viel gearbeitet, um
gesundheit, zur Unterstützung des gemeinnützigen Wohnungsbaues und zur Bekämpfung von Tier- und Pflanzenkrankheiten. Ein Zentrumsinitglied stellte fest, daß doch in weiten Kreisen Einmütigkeit herrsche, und man es daher doch beinahe für möglich halten könne, in einem gemeinsamen Antrag der Parteien dies« Gedanken niederzulegen. Seine Partei allerdings lege den ent. scheidenden Wert aus die Freilaffung der Vermögen bis zu 50 000 Mark. In der Besteuerung des Einkommens sei man noch weiter auseinander. Ein konservatives Mitglied erklärte, seine Partei lege grundsätzlich Wert darauf, daß in dem Gesetz der Zweck auch für die Ueberschüffe festgelegt werde, und dieser Zweck müffe weiter ebenfalls den Charakter des einmaligen haben. Er könnte also einer Verwendung zur Schuldentilgung zustimmen. Seine Partei sei bereit, die Heranziehung des Einkommen« nach dem Antrag Erzberger zu vollziehen. Bezüglich der Staffelung sei.seine Partei bereit, über 0,7 Prozent hinauszugehen bis auf etwa 1 Prozent, eventl. über 1 Prozent hinaus, falls sonst die Summe nicht aufkäme.
Die Besprechung, die entsprechend dem Beschluß der Budget« kommisison je zwei Mitglieder der Parteien mit dem Reichsschatzsekretär Kühn nachmittags über den Wehrbeitrag im Reichstage hatten, dauerte drei Stunden. Darin wurde eine
Einigung erzielt,
die im großen und ganzen auf folgender Grundlage beruht: Das Einkommen wird kapitalisiert, und zwar werden Einkommen von 5000 bis 50 000 »ft dem lOfachen Vermögen, Einkommen von 50 bis 100 000 cM. dem l^fachen Vermögen, Einkommen über 100 000 °ft dem 15fachen Vermögen gleichgestellt. Vom Einkommen werden 5 Prozent als Vermögenszins abgezogen. Einstimmig angenommen wurde die Heranziehung der Einkommen von 5000 <M. an aufwärts. Vermögen unter 50 000 -ft sollen freibleiben, jedoch mit der Einschränkung, daß Vermögen von 30 bi« 50 000 -ft desjenigen steuerpflichtig sind, der gleichzeitig ein Ein- kommen von 2000 -ft und mehr hat. Die Steuersätze werden ausgestaffelt, dochsinddieEätzederHöhrnachnoch nicht f e st g e l e g t.
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Die Lage auf dem Balkan.
L o n d o n, 29. Mat. Wie Reuters Büro erfährt, wurde der im Namen der Verbündeten abgefaßte Protokollentwurf gestern abend sämtlichen Kriegführenden geschickt. Bulgarien wird den Friedensvertrag morgen im Auswärtigen Amt unterzeichnen, wie es von der englischen Regierung gewünscht wird. Die serbischen Delegierten erhielten heute Mittag Anweisung, den Vertrag zu unterzeichnen. Nach einer Meldung aus Athen hat die griechische Regierung sich amtlich bereit erklärt, in dem Zwist mit Bulgarien den Schiedsspruch der Großmächte anzunehmen. — Das Auswärtige Amt teilte heute nachmittag den griechischen Delegierten mit, daß der Friedensvertrag morgen unterzeichnet werden m ü s s e, und fragte sie, ob Griechenland zu unterzeichnen wünsche. Die griechische Regierung verständigte gestern den eng« nischen Gesandten in Athen dahin, daß sie zur Unterzeichnung bereit sei.
Sofia, 29. Mai. Die geplante Zusammenkunft zwischen Eeschow und Pasitsch wird am Samstag stattfinden. Man glaubt an diese Besprechung die Hoffnung knüpfen zu können, daß der serbisch-bulgarische Konflikt ohne ein russisches Schiedsgericht aus der Welt geschafft wird. Pasitschs Erklärungen haben allgemein einen peinlichen Eindruck hervorgerufen. Die amtlichen Kreise zeigen sich jedoch gefaßt und meinen, daß die Ausführungen Pasitschs noch nicht das letzte Wort in der bulgarisch-serbischen Frage bedeuten.
sich den leichteren, sicheren Umgangston und den nötigen gesellschaftlichen Schliff aneignen zu können. Als Geschäftsmann war er sicher, energisch, tatkräftig und umsichtig. In Gesellschaft dagegen zeigte er sich schweigsam, etwas linkisch und unbeholfen. Gerade weil er das selbst fühlte, war er unsicher, und das gab manche kleine Entgleisung, die von denen, die ihm so viel Dank schuldeten, nicht immer mit einer in diesem Falle angebrachten Delikateste übersehen wurde. Weil man seine Ueberlegenheit in geschäftlichen Dingen fühlte und sein nach Millionen zählendes Vermögen den Neid der um ihre Existenz ringenden Edelleute erweckte, hielt man sich nach reinlicher Menschenart schadlos, indem man seine kleinen Fehler glossierte und aufbauschte.
Noch mehr spottete man Über seine Schwester.
„Tante Josephine", wie man sie allgemein nannte, war der Zielpunkt zahlloser Witze und Witzchen. Gleich ihrem Bruder in schlichten Verhältnissen aufgewachsen, führte sie seit dem Tode ihrer Schwägerin den Haushalt ihres Bruders. Sie war selbst seit langen Jahren verwitwet. Die sonst sehr liebenswerte und tüchtige Frau krankte an der Sucht, vornehm wirken zu wollen. Sie schwärmte für den Adel, und war hoch beglückt, daß im Hause ihres Bruders all die Edelleute aus der Umgegend und die Offiziere der beiden in L . . . g stehenden Regimenter verkehrten.
Hochstetten hatte eine einzige Tochter. Renate Hochstetten hatte eine vortreffliche Erziehung erhalten. Ihr Vater wußte den Wert einer solchen doppelt zu schätzen weil er sie selbst nicht genosten hatte. Renate hatte von ihrer ftüh verstorbenen Mutter eine schlanke, seingliedrige Gestalt, herrliches, nußbraunes Haar, schöne Hände und anmutige regelmäßige Züge geerbt. An den Vater gemahnten nur die klugen braunen Augen und die feste, klare Stirn.
Sie war ein schönes, kluges Mädchen, und da sie die einzige Erbin ihres Vaters war, bewarben sich viele Freier um ihre Gunst.
Aber Renate hatte einen eigenwilligen, unberechenbaren Charakter. Nachdem sie, aus der Pension zurückgekehrt, das Leben und Treiben in ihres Vaters Hause mit klugen, offenen Augen betrachtet hatte, wurde aus dem liebenswürdigen, sorglos heiteren Kinde ein seltsam verändertes Wesen. Bitterkeit und Verachtung der Menschen, die sich in ihre Umgebung drängten, erfüllten ihr Herz.
Sie liebte ihren Vater und ihre Tante Josephine von Herzen. Auch ihr entgingen di« kleinen äußerlichen Mängel d«r beiden nicht, aber fi«
Konstantinopel, 29. Mai. Die Verlängerung de« Waffenstillstandes bi« zum 13. Juni wird offiziell bekannt gegeben.
P a r i s, 29. Mai. Nach einer Meldung aus Athen sei Grte- chenland entschloffen, der italienischen Regierung amtlich di« Neutralisierung des Kanals von Korfu und di« Einsetzung einer Internationalen Kommission vorzuschlagen, welche wie beispielsweise die Donaukommission über die genau« Aufrechterhaltung der Neutralität zu wachen häte.
Ein Sohn Abdul Hamid« Fürst von Albanien?
Paris, 29. Mai. Der Sonderberichterstatter des „Temps" meldet aus Vallona. daß zwischen der provisorischen Regierung von Albanien und Effad Pascha Verhandlungen schwebten, wonach beide Teile bi» zur endgültigen Organisation Albaniens die Aufrechterhaltung der Ordnung übernehmen und die Mächte ersuchen werden, einen Sohn Abdul Hamids zum Fürsten von Albanien zu machen.
Durchführung des Petersburger Protokolle«.
B u k a r e st, 28. Mai. Der Senat beendete heute die geheime Verhandlung über das Petersburger Protokoll. In der darauf folgenden öffentlichen Sitzung schlug der Vize-Präsident Stefa- nesco folgend« Entschließung vor:
„Indem der Senat das in Petersburg von den Vertretern der Mächte unterzeichnete Protokoll zur Kenntnis nimmt, ermächtigt er die Regierung, die notwendigen Maßnahmen zu besten Durchführung zu ergreifen."
Diese Entschließung wurde mit 77 gegen 9 Stimmen angenommen.
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Konstantinopel, 29. April. Der Mufti, die Ulema« und die Notabeln von Damaskus richteten an hiesige türkische Zeitungen eine Depesche, in der sie gegen die Machenschaften einiger unbedeutender Personen Einspruch erheben, die die Abhaltung etnes arabischen Kongrestes in Paris vorberciten. Die Bevölkerung Syrien» sei von der türkischen Verwaltung sehr befriedigt und erwarte von der Pforte die Anwendung von Reformen, die fi« notwendig finden sollte.
Deutsches Reick-
— Ein« Hohenzollernburg al« Beteranenheim. München, 29. Mai. Die Burg in Abenberg soll dem Deutschen Kaiser zu seinem Regierungsjubiläum als „Veteranenheim" übergeben werden. Abenberg ist ein kleines, mittelfränkisches, unweit von Roth und Schwabach gelegenes Städtchen mit 1600 Einwohnern. Die Grafen von Abenberg sind die Ahnherrn der Hohenzollern, ob von väterlicher oder mütterlicher Seite, darüber gehen die Meinungen der Historiker auseinander. Die einen nennen die Hohenzollern als die ehemaligen Herren von Abenberg, die anderen glauben, daß durch die Vermählung des Burggrafen Friedrich II. von Nurn- berg mit Sophie der Tochter des Grafen Friedrich von Aden- berg, die Besitzung an die Hohenzollern fiel. Schon vor mehreren Jahren wollte Kaiser Wilhelm die Burg von der Mutter des jetzigen Besitzers um 300 000 -ft taufen, die Verhandlungen zer- schlugen sich jedoch im letzten Augenblick. Nun soll es bedürftigen Veteranen zum Heime dienen.
— Die Neuvermählten. Berlin, 29. Mai. Heute mittag trifft das Prinzenpaar Ernst August zu einem kurzen Besuche beim Kaiserpaar im Neuen Palais ein. Nachmittags erfolgt die Abreise nach Almtal bei Gmunden.
— Hannover und Braunschweig. Hannover, 29. Mai. Stadtdirektor Tramm berichtete in der heutigen Sitzung der städtischen wußte, daß sie durch große Tugenden und Vorzüge reichlich aufgehoben wurden. _, , .
Es konnte ihrem scharfen Blick nicht entgehen, rote man sich in der Gesellschaft heimlich übet die beiden ihr so lieben Menschen lustig machte. Manche Bemerkung, manches Spottlächeln fing sie auf.
Dieselben Männer, die ihr huldigten und sich um ihre Gunst be- warben, blickten verächtlich auf den Emporkömmling, von dem sie sich manche Wohltat gefallen ließen. In der ersten Zeit stieg ost ein wilder Zorn in ihr auf bei dieser Erkenntnis. Am liebsten hätte sie btefen Menschen ins Gesicht gesagt, wie erbärmlich sie ihr erschienen. Manche heiße Träne weinte sie im Stillen. Ihr feines Empfinden wurde nur zu ost verletzt. Nach und nach wurde sie wohl ruhiger, aber sie lernte die Menschen verachten und fing an, sich für die erlittenen Demütigungeu zu rächen.
Sie trieb nun ihrerseits ein Spiel mit all den Bewerbern um ihre Gunst. Und wenn sie einen recht schlimm behandelt hatte, dann erfüllt? sie heiße Genugtuung. All ihre Liebe und Güte drängte sich zusammen und strömte auf den Vater und die Tante Josephine aus. Aber niemand war Zeuge ihrer weichen Stimmungen. Die verbarg sie fast ängstlich vor allen Menschen, Nach außen zeigte sie ein launenhaftes, spöttisches und kühl überlegenes Wesen oder eine kokette Liebenswürdigkeit, wenn sie einen Freier ermutigen wollte, sich einen Korb zu holen.
So war sie bald in den Ruf einer herzlosen Kokette gekommen. Aber obwohl mancher enttäuscht abziehen mußte, ihr mit Schönheit°ge- paaitei Reichtum zog immer neue Bewerber an. Jeder hoffte, baß er der eine sein würde, dem dieses spröde Mädchen Herz und Hand reichte. So war Renate zweiundzwanzig Jahre alt geworden, ohne daran zu denken, sich zu verheiraten.
Unter all den jungen Herren, die im Hause ihres Vaters verkehrten, war nur ein einziger, der sich nie um Renates Gunst bewarb. Das war Baron Letzingen. Sie hielt ihn für adelsstolzer und hochmütiger als all« anderen und fühlte sehr wohl, daß er fast verächtlich über sie hinwegsah. Nie suchte er ihre Nähe, nie sagte er ihr eine Schmeichelei, rote sie sie vo» anderen bis zum Ueberdruß hörte. Stets zeigte er ihr eine kühle, Überlegene Miene und schien ihr oft dirett auszuweichen. Er war ihr dafür der Unausstehlichste von allen jungen Männern, die sie kannte.
(Fortsetzung folgt.)