mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen- „Nach Feierabend". „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage-.
Maar«-w
Die „Oberhessijche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn |
— Der Bezugspreis b-trägt viertel,älnlich dürr
und Feiertage.
1913
Grit es Blatt
Marburg
Donnerstag. 15 Mai
sich dieses Land für die Türkei in keiner Weise von Griechenland oder Montenegro unterscheiden.
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Paris. 13. Mat. Der „Matin" will aus guter Quelle er- ahren haben, daß die Türkei angesichts ihrer Finanzlage bf Großmächten den Vorschlag unterbreiten wolle, in eine ErHöll n g d e r E i n f u h r z ö l le von 11 auf 15 Prozent ad valore,. zu willigen. Die Mächte dürften diesen Vorschlag annehmen, jedoch bei dieser Gelegenheit die Durchführung verschiedener Re- -armen verlangen, insbesondere würde Frankreich namentlich mit Unterstützung Englands und Italiens einen wirksamen Markenschutz fordern.
Lo n d o n, 14. Mai. Der englische Botschafter in Konstantinopel, Lowther, der seit einiger Zeit leidend ist, suchte um seine Entlassung nach, die ihm bewilligt worden ist.
Der Eisengtttertür gegenüber, die in den Garten des Landhauses führte, hatte eine ältliche Frau ihren Tisch mit Kuchen und Bacftoaren aufgestellt vor der Sonne und dem Staube durch einen großen blauen Regenschirm geschützt. Die Mitte ihres Tischchens bedeckte ein schwarzes Wachstuch, auf dem sich in sechs Feldern verschiedene bunte Figuren zeigten: ein Löwe, ein Hund, ein Bogel, ein Ritter, ein Hirsch, ern« Jungfrau. Am Kopfende des Wachstuchs stand ein gewundener Trichter, durch den man einen großen Würfel laufen ließ, der auf seinen sechs Flächen dieselben Figuren zeigte. Fiel er nun so glücklich, daß die Bilder Lbereinstimmten, dann gewann der Spielende eine Anzahl der auf. gespeicherten Honigkuchen: traf es nicht zusammen, dann verlor er die kleine Silbermünze, die er bezahlt hatte. Wer die „Jungfrau' warf und traf, der erhielt ein Extrageschenk in Gestalt eines roten Kuchen- herzens, was jedesmal einen großen Jubel unter den Umstehenden hervorrief, denn dir alte Frau Schmidt war sehr beliebt und ihr Tischchen stets besetzt.
Wieder einmal erscholl ihr Rus: „Meine Herrschaften, hier gewinnt der Löwe, Hirsch und Vogel und die Jungfrau doppelt! Heran, meine Herrschaften! Einsatz: ein Dreiling! Immer heran an Löwe, Hirsch und Vogel!" Als ein slachsköpfiger Bengel sich durchdrängte und rief:_
„Schmidten! Schmidten, hören se doch! Se ehr Mine is Königin warn! Da kamen se all!"
Und ein alter Mann in abgetragenen Kleidern, der sich ebenfalls herzuschob, bestätigte das Gesagte und fügte hinzu:
„Gehen Sie nur mit in den Saal, Schmidten, ich bleibe hier so lange beim Tisch, es soll Ihnen nichts wegkommen. Und wenn die Jungfrau gewürfelt wird, dann gebe ich ein Herz extra, ich weiß, wie Sie cs damit halten. Die Mine müssen Sie sehen, wie hübsch sie als Königin ist, und alle gönnen es ihr daß sie den Dukaten kriegt!"
„Wer ist denn dies Jahr Präses?" fragte die alte Frau, ihre weiße Haube zurechtrückend und die Schürze glatt streichend.
„De oll Sanders ut de Mahnapthek!" schrie der Dengel, der stehe» geblieben war.
»Der?! rief di« Alt« und schlug dir Hände »Herr d»
Politische Umschau
Zur Ermordung des Majors v. Lewinski.
Es steht jetzt fest, dah der 80 mal vorbestrafte Mörder des preußischen Militärattaches in München Anarchist ist und außer- dem für geistig nicht völlig normal gehalten wird. Das beweist auch seine Antwort auf die Frage nach dem Beweggrund der Tat. Bei der Vernehmung gab er nur an. „Aus Wut über die heutige Gesellschaft und mein verpfuschtes Leben habe ich die Tat verübt." Er habe eine unsägliche Wut gegen alles gefühlt und hätte ebensogut jeden anderen Menschen niedergeschossen, der ihm in de»: Weg gekommen wäre. Er behauptete auch, die Waffe gegen sich selbst gerichtet zu haben: sie sei aber nicht losgegangen. Zn seinen Kleidern wurde ein Verzeichnis hochstehender Persönlichkeiten gefunden. Den Major hat er, wie sicher fcstgestellt ist, jedoch nicht gekannt. Auf die Nachricht von der unseligen Tat hat Prinzregent Ludwig von Bayern ein Beileidstelegramm an den Kaiser gerichtet, in dem es beißt: „Ich bin auf das Schmerzlichste berührt, daß ein tresflicl-es Mitglied Deiner Armee in München einer so ruchlosen Tat zum Opfer gefallen ist und bitte dich, meiner aufrichtigen Teilnahme versickert zu sein. Zch habe das Staatsministerium des Königlicken Hauses und des Veußeren beauftragt, sofort eingehenden Bericht Über das tief- bedauerliche Vorkommnis zu erstatten." Ferner ließ der Prinzregent durch einen Eeneraladjutanten einen Kranz an der Bahre des Majors niederlegen und wird sich durch einen Eeneraladjutanten bei den Beisetzungsfeierlichkeiten vertreten lasten. Mi- nisterpräsident Frhr. v. Hertling hat am Dienstag nachmittag dem preußischen Gesandten v. Treutler einen Besuch abgestattet unb ihm das wärmste Beileid der bayrischen Regierung ausgesprochen. Der bayrische Gesandte in Berlin, Graf Lerchenfeld, ist beauftragt worden, der preußischen Regierung die aufrichtige Teilnahme der bayrischen Regierung auszusprechen. — Wo sollen wir hinkommen, wenn jeder hinterher als geistig minderwertig bezeichnete Anhänger des Anarchismus aus „Wut über die heutige Gesellschaft" regend eins ihrer Mitglieder bei erster bester Gelegenheit nieder- schießt.
Regierung und Gewerkschaften.
Wie wir bereits gestern melden konnten, ist es auf dem Verbandstag der Hirfch-Dunckerfchen Eewerkvereine in Berlin zu einem Zusammenstoß zwischen dem Regierungsvertreter Geheimrat Siefart vom Reichsamt des Innern und dem Berichterstatter Gleichauf, gekommen, der sich scharf über das Verhalten der Behörden und Unternehmer gegenüber der Arbeiterschaft äußerte. So sagte er u. a., zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestehe nicht ein Rechtsverhältnis, sondern es herrsche das F a u st r e ch t. Die Großunternehmer trieben die Arbeiter in das sozialdemokratische Lager. Die Gewerbeordnung fördere geradezu die Un» moral. Die Arbeiter feien völlig rechtlos. Militär und Polizei
Vorn randesiat in reiittcfeSülHvtftnf ifa.
Der aus gewählten Vertretern der weißen Bevölkerung von Deutsch-Südwestafrika bestehende Landesrat hat feine alljährlich stattfindenden Beratungen in diesen Tagen nach dreiwöchiger emsiger Tätigkeit in Windhuk geschlosten. Während er bisher nur das Recht gutachtlicher Aeußerung hatte, ist ihm jetzt von dem stellvertretenden Vorsitzenden und stellvertretenden Gouverneur Geheimrat Dr. Hintrager die erfreuliche Mitteilung gemacht worden, daß der in Deutschland auf Heimatsurlaub weilende Gouverneur Dr. Seitz eine Erweiterung seiner Rechte beantragt hat. Danach soll der Erlaß von Verordnungen über Land-, Forst- und Viehwirislhaft, über Wege- und Wasterrecht, über Seuchenbekämpfung bei Menschen und Vieh sowie bei Angelegenheiten der eingeborenen Arbeiter in Zukunft an die Zustimmung des Landesrates gebunden fein. Soweit derartige Verordnungen etatsrechtliche Folgen haben, soll zur Rechtsgültigkeit die Zustimmung des. Reichskolonialamtes erforderlich sein. Dem zukünftigen Landcsrate sollen ferner die Bürgermeister von Windhuk, Lüderitz- bucht, Swakopmund und Keetmanshoop angehören.
Von den Entschließungen des Landesrates sind als die wichtigsten folgende hervorzuheben: Die V e r r i n g e r u n g der kaum noch 2000 Mann starken Schutztruppe wurde als noch nicht durchführbar bezeichnet. (Der Reichstag wird dos aber jedenfalls bester misten wollen — bis zum nächsten Aufstand.) Für zu kostspielig und falsch organisiert hielt man dagegen die Landespolizei, wo Ersparniste in Höhe von einer halben Million Mark gemacht werden können. Dieser Einsicht verschloß sich die Regierung auch nicht: es ist eine Verordnung in Vorbereitung, wonach die Polizei in ein Landiägerkorps nach württembcrgifchem Muster umgewandelt werden soll. Angeregt wurde ferner eine Verein- sachungderVerwaltung durch Zusammenlegung von Verwaltungsbezirken und Verminderung der Schreibarbeit. Landesrat und Gouvernement stimmten darin überein, daß eine viel dichtere Besiedelung durch Weiße möglich sei, als früher angenommen worden war. Als Voraussetzung für diese wurde eine systematische Wastererschließung verlangt, das Reichskolonialamt zeige aber zu wenig Entgegenkommen. Die Verzögerung der Eisenbahniarifreform bedauerte man ebenso lebhaft. (Die Tarife sind jetzt noch so hoch, daß z. B. das Vieh oft nach wie ooi der Bahn entlang durch die Wüstenstriche getrieben wird, weil das billiger ist trotz der langen Zeitdauer. Butter ist als Wagenschmiere benutzt worden, da die Transportkosten den Wert übersteigen und es im Inern an Absatz fehlt.) Der für Prüfung der Frage der Ambolandbahn eingesetzte Ausschuß schlug vor,die Bahn als Schmalspurbahn in Betricbsmitielgemeinschaft mit der Otavibahn zu bauen. Als Endpunkt der Bahn wurde Okahana nordwestlich der Eioschapfanne bezeichnet. Der Bahnbau wurde Lesonders für nötig gehalten, um der Arbeiternot auf den Diamantfeldern im Süden abzuheften. (Das Ambolan^ ist jetzt das Einzige Arbeiterreservoir der Kolonie.) Die in letzter Zeit mehrfach zur Aburteilung gekommenen Uebergriffe Weißer gegen Far- bige wurden scharf gebrandmarkl und die Ausweisung solcher ungeeigneter Elemente vorgeschlagen. Ebenso und mit Recht wandte sich der Landesrat jedoch auch gegen zu weitgehende Milde den Eingeborenen gegenüber, weil diese nur bei strenger, aber gerech.er Behandlung brauchbare Arbeiter werden, sonst dagegen leicht zu Leberhebungen und Uebergriffen neigen. Man kann nur wünschen daß die angckündigte Erweiterung der Rechte unseren Ansiedlern in Südwest auch bald wirklich gewährt wird, da bereits «in erhebliches Maß von Pflichten auf ihnen lastet und sie sich durchaus" würdig und fähig gezeigt haben, die Angelegenheiten des Landes selbst in ersprießlicher Weise zu erledigen.
(Nachdruck verboten.)
Ans alter Zeit.
Hanseatische Erzählung von Therese Deecke.
(Fortsetzung.)
Und die Arbeit in der Mondapotheke nahm, wie an allen Markttagen und besonders am ersten Frühlingssamstag ihren scharfen Gang wieder auf. Die Kunden drängten und stießen sich, der alte Herr Sanders fuhr hin und her, wie ein Kobold, schalt und knurrte und fauchte den Gehilfen Fritz, den Lehrling Karl und den Hausknecht Hinrich ab* wechselnd an, wer ihm gerade in die Nähe kam, ließ die alte Kathrin, die Magd, ein halbes Dutzend Mal melden, daß das Esten fertig fei, ohne darauf zu antworten, und machte ein Gesicht, als sei er ein Bruder des halben Mondes, der mit scharfem spöttischen Profile oben am Giebel über der Haustür in den herrlichen Junisonnenschein hineingrinzte und die dummen Menschen unter ihm zu verhöhnen schien.
Und weiter zogen die Waisenkinder mit Kranz und Vogel und Trommelschlag durch die Straßen und Nebengasten, auf und ab, und Mädchen und Knaben mußten noch ost ihr Sprüchlein wiederholen, brs die Büchsen gefüllt waren und der Abend ihrem Bittgänge für diesmal «in Ende machte.
Und drei Wochen später, auch noch im Juni, bei an Licht uitd Warme bedeutend zugenommen hatte, war „der Waisenkinder Vogelschutz", draußen vor dem Tore auf den Wiesen beim Sommersitze des Waisenhauses, einem Landhause mit luftigem Saal und breiter Terraste, von bei man auf den Fluß und drüber hinweg auf die vielgestaltigen Zackengiebel der Hafenstraße und die am Hügel sanft ansteigende Stadt blickte, deren ehrwürdiges Bild von den fünf Kirchen mit ihren hohen Türmen gekrönt wurde.
Früh am Morgen zogen alle Waisenkinder in ihrer charakteristischen Tracht unter Trommelklang hinaus und wurden mit süßem Brot und Milch beköstigt. Dann begann bas Armbrustschießen der Knaben nach dem auf hoher Stang« befestigten Vogel, und das Topfschlagen der Mäd-
Die Laae auf dem Balkan
Die Aussichten auf einen endgültigen Friedensschluß in den allernächsten Tagen haben sich durch die Weigerung Serbiens und Griechenlands, die Präliminarien zusammen mit Bulgarien zu unterzeichnen, etwas verschlechtert. Die Gegnerschaft der bisher Verbündeten kommt hierin von neuem zum Ausdruck. Serbien wünscht in dem Friedensvertrag noch einen Zusatz, der ihm einen Freihafen an der Adria und eine dahinführende Bahnlinie sicherstellt. Griechenland verlangt völlige Handelsfreiheit in den Dardanellen. Ferner besteht Serbien auf einer Revision des Teilungs- vertrages mit Bulgarien, woraus hervorgeht, daß die Differenzen der Balkanstaaten wohl nicht so schnell beigelegt werden, als es in letzter Zeit den Anschein hatte. Weiter wird die Uebergabe Cku- taris an die Mächte von der gesamten serbischen Presie zu scharfen Angriffen gegen Rußland benutzt, dem man Verrat an seinen slawischen Brüdern vorwirft. Wenn also die Lage aus dem Balkan selbst noch wenig geklärt ist, so kann eine umso größere Einigkeit der Großmächte festgestellt werden. Und das ist bas Wichtigere. Ihre Flaggen werden heute oder morgen auf den Wällen Stutaris wehen. — Wir verzeichnen folgende Meldungen-
L arn d o n. 14. Mai. Anzeichen deuten auf die Möglichkeit einer Hinausschiebung der Friedensnerhandlun- gen in London hin. Bulgariens Bereitwilligkeit die Präliminarien sofort zu unterzeichnen, wird von Serbien und Griechenland nicht gebilligt. Serbien und Griechenland sind nicht geneigt, zu unterzeichnen, ohne sich alle sic nahe berührenden Punkte vorzubehalten, und ohne daß diese Punkte erst zwischen den Verbündeten selbst und bann mit den Mächten durch ihre Botschafter in London erschöpfend besprochen werden.
Wien, 14. Mai. Eine amtliche Verlautbarung besagt: Heute hat unter dem Vorsitz des Grasen Berchtold eine gemeinsame Ministerkonferenz stattgefunden, an der die gemeinsamen Minister, die beiden Ministerpräsidenten, die beiden Finanzminister und der Marineminister Admiral Haus teilnahmen. Der Minister des Aeußern gab eine längere Erklärung ab über die auswärtige Lage, an die sich eine eingehende Aussprache über die°Rückwirkung der Lage auf die getroffenen militärischen Maßnahmen knüpfte. Hierbei ergab sich vollständige Uebereinstimmung der Ansichten. Es verlautet, der Beschluß des Ministerrats gehe dahin, daß die Reservisten im Verhältnis der fortschreitenden Entwirrung der Lage des Balkans allmählich entlassen werden sollen. Man glaubt, daß die Beurlaubung der Reservisten in der allernächsten Zeit beginnt, hauptsächlich derjenigen, deren Lage besonders berücksichtigenswert ist.
Das internationale Landungskorps.
Wien, 14. Mai. Die Truppen des Landungskorps der Blockadeflotte landeten in San Giovanni die Medua, die nach Skutari Marschierenden wurden von den Albanern warm begrüßt. — Der englische Admiral hat die montenegrinische Regierung durch den englischen Gesandten in Cetinje davon verstän- digt, daß die internationale Blockade heute nachmittag um 2 Uhr aufgehobenwird.
Abtransport der Truppen Esiad Paschas.
Cetinje, 14. Mai. Zn San Giovanni di Medua trafen 2500 Soldaten Esiad Paschas ein, um die von Konstantinopel kommenden Transportschiffe zu erwarten.
Konstantinopel, 13. Mai. Zehn türkische Transportschiffe gehen von hier ab, immer zwei Schiffe nach je zwei Tagen, um die Truppen aus Albanien an Bord zu nehmen, die größtenteils in syrischen Häfen und in Smyrna ausgeschifft werden sollen. — Tasvari Efkiar" stellt fest, daß der Beschluß der Pforte, die Reste der türkischen Westarmee aus Albanien zurückzuziehen, die Zweifel an der Haltung der Pforte zerstreue und die letzten Bande zwischen der Türkei und Albanien endgültig zerschneide. Zm Augenblicke der Einschiffung der letzten türkischen Soldaten werde chen, die mit verbundenen Augen grobe, mit Wasser gefüllte irdene Ge- säße zu treffen unb zu zertrümmern suchten, ein Wettspiel, das nach dem festlichen Mittagessen wieder ausgenommen unb erst gegen Abend ent* schieben wurde. Inzwischen versammelten sich im Landhause die Vorsteherschaft mit ihren Damen, bei Bürgermeister mit Gemahlin, der Syndikus, die Geistlichkeit, einige Herren vom Senat und von bei „Krämer- Kompagnie" zu einer feierlichen und opulenten Gasterei, und die Abendstunden wurden bei der Helligkeit des Juni von den Herrschaften auf der Terrasse angenehm bei Wein, Süßigkeiten und Zigarren verplaudert. Das war ein alter Brauch, der zu den Belohnungen der Stadtväter für ihre unentgeltliche Mühewaltungen um das Gemeinwesen gehörte, und jetzt, in bei zurückgekehiten Selbständigkeit hielt man mit besonders großer Freude baian fest.
Draußen auf ben Wiesen, unter den mächtigen Ahorn- unb Lmden- bäumen, waren ein paar Karusselle aufgeschlagen, von geduldigen Pferben nicht allzu rasch getrieben und von Drehorgelspiel begleitet, einige Schieß- unb Würfelbuoen hatten sich aufgebaut: an vielen kleinen Tischen gab es außerdem Glücksräder um Kuchen, Geschirr und Tand. Am Straßenrande saßen alte Weibchen mit Körben voll Backwerk, unter dem rote Puppen, Pferdchen und Herzen am meisten begehrt wurden, und unter zwei weißen Leinenzelten trank man Wein, Limonade Kaffee und Milch. Ein Seiltänzer mit seiner Truppe lockte mit gellender Trompete die Zuschauer vor seinen durch Stricke abgesperrten Platz, dazwischen orgelten wandernde Leierkastenmänner und ließen ihre mechanischen Püppchen tanzen. Ein Kamel, ein Bär und zwei buntgekleidete Aeffchen entzückten die Kinder, eine grausige Mordgeschichte aus Polen oder Rußland ward schreiend auf schauerlich bemaltem großem Bild« erklärt, und ein alter Mann ließ die Wunder eines Bergwerks in handgroßen Figuren vor den Kindern sich zeigen, die ihn staunend umdrängten. Denn heute war jedermann auf dem Festplatze, arm und reich, jung und alt, vornehm und gering. Die Waisenkinder wanderten dazwischen umher und Gönner und Verwandt« schenkten ihnen bereitwillig di« kleinen Silbermünzen, durch welch« fit sich diese dargebotenen Freuden verschaffen konnten.
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