mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Hans" und „Landwirtschaftliche Beilage".
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Die „Oberhessrschr Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durck die Post bezogen 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2— stet ins Haus. — Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch ' . (3nt) • Dr. E. Hitzeroth), Markt 21. — Telepbon 55.
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Sonnabend, 3 Mai
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48. Jahrg.
1913.
(tritt’-? Watt.
£er Kronpiinz als Publizist.
Schon mehrfach hat der Kronprinz Beweise davon gegeben, daß sich seine Gesinnung und Anschauung mit der aller wirklich deutschfühlenden und deutschdenkenden, also immer noch ausschlaggebenden Kreisen, deckt. Auch jetzt hat sich das wieder gezeigt, wo eine Welle frischen Nationalgefühls durch unser Volk geht und es sich angesichts der gefährdeten Stellung in kritischer Zeit opferfreudig anschickt, den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht in die Tat umzusetzen. Die bisherigen Verhandlungen im Reichstag und in den Kommissionen haben erkennen lasien, daß man zwar von der Notwendigkeit der Verstärkung unserer Wehrmacht überzeugt ist, andererseits aber doch in falscher Sparsamkeit Abstriche machen und so Lücken in unserer Rüstung lassen will, die sich einmal empfindlich bemerkbar machen können. Ein großer Teil unseres Volkes, das nicht mit Unrecht das unpolitischste genannt wird, ist allzu leicht geneigt, die politische Lage sehr bald wieder als gefahrlos zu betrachten und in feine für eine kurze Spanne Zeit verscheuchte Gleichgültigkeit zurückzufallen. Da ist es freudig zu be- grützen, wenn der zukünftige Träger der deutschen Kaiserkrone das Wort ergreift und sich in schlichten, aber zwingenden Worten an die Oeffentlichkeit wendet. Er hat die Anregung zu einem Buchwerk gegeben, das den Titel trägt „D eutschland in Waf- f e n“ und auf zwanzig farbigen Bildertafeln die Haupttypen unseres Heeres, unserer Marine und Schutztruppe wiedergibt. Die Bilder stammen von namhaften Künstlern, wie Röchling, Knötel und Stöwer, zu denen berufene Fachleute erläuternde, knappe Aufsätze geschrieben haben. Die Charakteristik des Regiments den Gardes du Corps stammt vom Kronprinzen selbst wie auch das prägnante Geleitwort. Diese neueste publizistische Arbeit will ebensowenig ein literarisches Kunstwerk sein wie sein früher erschienenes Jagdbuch, wenn auch anzuerkennen ist, daß der Kronprinz Nicht ohne Geschick die Feder geführt hat. Naturgemäß streift er auch das Gebiet der Politik, da ja Heer und Flotte nichts weiter als ihr Werkzeug darstellen. Und hierin beruht gerade die Bedeutung der kronprinzlichsn Worte, daß sie ein klares Erkennen der Notwendigkeit kriegerischer Tüchtigkeit eines Volkes und des Nachteils einer zu materialistischen Lebensanschauung wiederspiegeln. Wir geben den Hauptteil des Geleitwortes wie folgt wieder:
.Seit dem letzten grasten Kriege hat Deutschland eine Periode wirtschaftlichen Aufschwungs hinter sich, die fast etwas B e - ä n g st i g e n d e s an sich hat. Der Wohlstand ist in allen Kreisen unseres Volkes derart gestiegen, daß die Ansprüche an die Lebenshaltung und der Luxus sich üppig entwickelt haben. Run soll gewist nicht undankbar verkannt werden dast ein hoher wirtschaftlicher Aufschwung viel Gutes schafft. Aber die Sckattenseiten dieser raschen Entwickelung treten vielfach peinlich und drohend hervor. Schon hat die Bewertung des 18 e l d e s bei uns ein Gewicht gewonnen, das man nur mit Sorge beobachten kann. Die tüchtige Leistung als solche gilt heutzutage leider häufig schon weniger als das Vermögen, das einer ererbt oder errafft hat. Und auf welche Weise das Vermögen verdient worden ist, danach wird oft kaum mehr gefragt. Dem hitzigen Eeldecrwcrb wird alles geopfert. Die alten Ideale, ja selbst Ansehen und Ehre der Ration können in Mitleidenschaft gezogen werden: denn zum ungestörten Eeldoerdienen braucht man Frieden, Frieden um jeden Preis. Und doch lehrt uns das Studium der Geschichte, dast noch immer alle diejenigen Staaten, bei denen rein kaufmännische Interessen in Entscheidungsstunden den Ausschlag gaben, elend zugrunde gegangen sind. Mögen wir den Komfort und Luxus, den wir als Kinder unserer in der Technik so fortgeschrittenen, an praktischen Erfindungen so reichen Zeit geniesten als angenehme Beigabe betrachten, die an sich keine selbständige Berechtigung hat. Als ein Ueberflüssiges, das wir lachend in die Ecke werfen in dem - Augenblick, wenn der Kaiser uns ruft und wenn wir die Hände frei haben müsien für das Schwert.
Die Geschichte der allerletzten Zeit noch hat uns im Osten interessante Beispiele für die beherzigenswerte Lehre geliefert daß ein an Kopfzahl schwächeres Volk durch unverbrauchte Kriegstüchtigkeit und frischen Elan den einst von Kennern hochgeschätzten, aber auf seinen Lorbeeren ruhenden Gegner besiegt.
Gewiß kann und soll diplomatische Geschicklichkeit wohl eine Zeitlang die Konflikte Hinhalten, zuweilen lösen. Gewist müsien und werden sich sich in der ernsten Entscheidungsstunde alle Berufenen ihrer ungeheueren Verantwortung voll bewußt sein. Cie werden sich klarmachen müsien, dast der Riesenbrand, einmal entfacht, nicht mehr so leicht und rasch erstickt werden kann. Aber wie der Blitz ein Spmmungsausgleich zweier verschieden geladener Luftschichten ist, so wird das Schwert bis zum Untergange der Welt immer der letzten Endes ausschlaggebende Faktor sein und bleiben.
Und deshalb muß ein jeder, dem seine Heimat lieb ist und der an eine große Zukunft unseres Volkes glaubt, freudig Mitarbeiten für sein Teil, daß der alte soldatische Geist unserer Väter nicht verloren geht, nicht von des Gedankens Bläsie angekränkelt werde. Denn das Schwert selbst macht die Sache nicht allein, sondern der in Uebung gestählte Arm, der es führt. Jeder einzelne von uns muß sich waffenfähig erhalten und auch innerlich vorbereitet sein auf die ernste, große Stunde, da der Kaiser ju der Fahne ruft."
Daß sich der Kronprinz mit diesen die Hebel unserer Zeit treffend beurteilenden Worten nicht die Anerkennung des „Berliner Tageblattes" erwerben würde, war vorauszusehen und ist bei der sonstigen Haltung des Blattes ohne weiteres zu verstehen. Er muß es also bei der Zustimmung des übrigen Deutschland bewenden lassen, die ihm kaum bestritten werden dürfte.
König Milas Antwort.
Nachdem es König Nikita durch einen geschickten Schachzug gelungen ist, die Londoner Botschafterkonferenz durch seinen Hinweis darauf, daß er die Festlegung der Nordgrenze Albaniens noch gar nicht kenne, zur Vertagung ihrer Sitzung auf Montag zu veranlassen, veröffentlicht er am nächsten Tage schon die Antwort auf
die letzte Note der Mächte, die schließlich ein glattes N e i n be- I deutet und außerdem den Mächten Neutralitätsverletzung und Hn- gerechtigkeit vorwirft. Zwar versichert er, die Skutarifrage nach der endgültigen Festlegung der Grenzen Albaniens weiter zu verfolgen. Nach dembisherigen Verhalten Nikitas ist es jedoch ohne Zweifel, daß er gutwillig aus Skutari nicht mehr hinausgehen wird, was auch aus der vom Erbprinzen Danilo im Namen feines Vaters erlaßenen Proklamation deutlich hervorgeht, in der die Besitzergreifung Skutaris ausgesprochen und die Stadt zur Hauptstadt Montenegros erhoben wird. Österreich wird nun endlich seine angedrohten Eewaltmaßregeln — allein oder gemeinsam mit den anderen Mächten — ausführen müsien, will es nicht auch noch des letzten Restes von Ansehen verlustig gehen. Die Erklärung Nikitas lautet:
Die Königliche Regierung glaubt den Mächten gegenüber ihre Pflicht zu erfüllen und gleichzeitig der nationalen Sache, die ihr obliegt, gebührend Rechnung zu tragen, indem sie ihre Haltung durch eine Darlegung der Gründe rechtfertigt, welche sie bestimmt habe, die Entscheidung der Großmächte bezüglich der Nord- und der Nordostgrenzen Alba- niens nicht ohne weiteres zur Kenntnis zu nehmen. Dre Königliche Negierung bedauert vor allem sehr, mit ihren Alliierten bezüglich der Abgrenzung Albaniens nicht befragt worden zu sein, welches vom türkischen Joch dur chdie siegreichen Armeen der Verbündeten befreit wurde, denen allein es also seine politische Emanzipation verdankt. Andererseits bestimmen Albaniens Grenzen das territoriale Verhältnis der alliierten Staaten und lösen glcichzeitg eine Anzahl politischer und wirtschaftlicher Jnteresien aus, die diese Staaten nicht gleichgültig lasien können. Die Königliche Regierung kann insolgedesien nicht umhin zu glauben, daß sich den Beratungen der Großmächte die Notwenocgkeit der Befragung der Verbündeten hätte aufzwingen müsien, da die politische Entwicklung der Balkanstaaten tief und ausschließlich von der Gründung eines neuen albanischen Staates berührt wird Die Königliche Regiegierung glaubt überdies, daß, nachdem die Festsetzung der Grenzen Albaniens der Natur der Sache nach erst nach Abschluß des Friedens zwischen den Verbündeten und dem ottomanischen Reiche durchgeführt werden könne, jede von den Großmächten ergriffene Maßnahme zum Zwecke der Räumung von vormals belagerten Plätzen und besetzten Gebieten, ebenso wie zum Zwecke der Einstellung der Feindseligkeiten notwendigerweise eine Verletzung der Neutralität, das heißt, des Rechtes der Verbündeten, als Kriegführende im ganzen Umfange des Schauplatzes des Balkankrieges zu operieren, und iniolgedesien eine willkürliche Begrenzung der Grundlage für die Friedens»er- Handlungen mit dem ottomanischen Reiche mit sich bringe. Die Königliche Regierung bedauert, daß die erwähnten Gründe ihr nicht gestattet haben Kenntnis zu nehmen von der Festsetzung der fraglichen Grenzen, insbesondere hinsichtlich der Regelung der Frage von Skutari Ui.o seines Gebietes, dessen Abgrenzung zum Vorteil eines nicht existierenden Staates sicherlich sehr gegen die Intentionen der Großmächte, gegen die Sicherheit des montenegrinischen Staates gegen seine aller- vitalsten Interessen gerichtet ist, was nach Ansicht der Königlichen Regierung eine offenbare Ungerechtigkeit seitens der Großmächte bedeutet, die die Blockade der montenegrinischen Küste beschlossen haben, um einen Druck gegen Montenegro auszuüben wegen Aufgabe der Belagerung Skutaris.
Nicht in der Absicht, de nWillen Europas zu mißachten, sondern vielmehr im Bewußtsein ihrer nationalen Aufgaben, hat sich die Königliche Regierung geweigert, sich einer Entscheidung zu unterwerfen, welche sie einer Stadt und eines Gebiets berauben würde, deren Besitz von ihr in Uebereinstimmung mit der Meinung der ganzen Station als von wesentlicher Bedeutung für Montenegro angesehen wird.
Die Königliche Regierung, von dem Wunsche beseelt, den Großmächten ihre Ehrerbietung zu bezeugen, beeilt sich zu erklären, daß das neue Faktum der Kapitulation Skutaris keineswegs nach ihrer Auffasiung eine Herausforderung hinsichtlich der Entscheidung über das Schicksal Skutaris bedeute. Die Besitznahme dieser Stadt nach der Kapitulation vom 23. April ist nur die logische und natürliche Folge eines früheren Zustandes einer militärischen Operation welche beschloßen und durchge- sührt wurde auf Grund jener rollen und ganzen Aktionsfreiheit, welche die Königliche Regierung mehr als einmal im Laufe dieses Krieges auf Grund der unverjährbaren Prinzipien des Völkerrechts nachdrücklich gefordert hat. Angesichts dieser Sachlage hat die Königliche Regierung die Ehre tu erklären, daß sie der unter dem 8. (21.) April den Großmächten gemachten Mitteilungen treu bleibt und sich vorbehält, die Skutari- Frage an dem Zeitpunkte anzuschneiden, wo im Laufe der Friedensverhandlungen mit dem Ottomanischen Reiche die Verbündeten Balkanstaaten mit den Großmächten die definitive Festlegung der Grenzen Albaniens erörtern werden."
Skutari — die Hauptstadt Montenegros.
W i e n , 2. Mai. Die „Albanische Korrespondenz" meldet aus Cattaro: Erbprinz Danilo hat in Skutari im Namen des Königs eine Proklamation erlaßen, in der die-Annektion Skutaris ausgesprochen und die Stadt zur Haupt st adt Montenegros erhoben wird. Ferner wird die Achtung der Gebräuche und Freiheiten der Konfessionen versprochen und mit schwerer Strafe derjenige bedroht, der sich nicht füge.
Eßad Paschas Reich.
A t h e n , 2. Mai. Der „Agence d'Athänes" wird aus Korfu gemeldet, Eßad Pascha habe in Tirana eine Regierung gebildet, die Autonomie Albaniens unter türkischem Protektorat proklamiert und die türkische und nicht die albanische Flagge hißen laßen. Eßad Pascha habe dem griechischen Metropoliten von Durazzo einen Brief geschrieben, in dem er erklärt, die albanische Regierung erkenne in der Person des Metropoliten die Autorität der orthodoxen Kirche an, die er schützen werde. Eßad Pascha schließt mit der Erklärung, daß die albanische Regierung keineswegs Griechenland feindlich gesinnt fei, da sie ja als Nordgrenze von Epirus die Linie anerkenne, die bei Chimara beginnt.
Oesterreich bleibt fest.
Wien, 2. Mai. Der heutige Ministerrat dauerte von 11 bis 343 Uhr. In hiesigen maßgebenden Kreisen betrachtet man die Lage vom österreichisch-ungarischen Standpunkt aus als un- . verändert, da man der Ansicht ist, daß nur eine vorbehalt
lose Unterwerfung Montenegros unter den Willen der Mächte Zwangsmaßnahmen unnötig machen kann. Eine Unterwerfung ist aber bisher noch nicht erfolgt: auch liegen keine Anzeichen dafür vor.
Die verbündete« unter sich.
Athen, 2. Mai. lieber die Niedermetzelung »en sieben Griechen durch bulgarische Truppen in der Näbe von Nigrita, die von der „Agence Bulgare" dementiert worden war, erfährt die „Agence dAthtznes": Während der Streitigkeiten in Nigrita bemächtigten sich bulgarische Truppen auch sieben griechischer Dorfbewohner. Prinz Nikolaus verlangte von General Kaßaptschieff die Freilaßung der Gefangenen, die der General in Aussicht stellte. Zwei Tage später erpundigte sich Prinz Nikolaus nach den griechischen Gefangenen und erhielt die Antwort, daß diese von' den Bulgaren bereits in ihre Heimat entlaßen worden seien. Prinz Nikolaus forschte in den Heimatsdörfern weitet nach und erfuhr, daß die sieben Leute niemals zurückgekehrt roaten. Gleichzeitig schwemmte die Strqmon vier verstümmelte Leichen ans Ufer, darunter die Leiche des Lehrers, die von der Bevölkerung erkannt wurde. Das ist der Sachverhalt.
Sa l 0 n i k i, 2. Mai. Zum Militärgouverneur von Serres ist General Kirkow, der Kommandant der 8. Division, ernannt worden. Die serbischen Behörden von Köprlllü ließen unter der mohammedanischen Bevölkerung Waffen verteilen, damit sie sich im gegebenen Fall gegen die Bulgaren verteidigen könne. — Die Hafenbehörden in Dedeagatsch untersagten allen Schiffen, auf der dortigen Rhede vor Anker zu gehen.
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Konstantinopel, 2. Mai. Der Ministerrat wählte als Ort für die Friedensverhandlungen London. Al» Bevollmächtigte sind Hakki, Bazaria und Osman Nizami bestimmt worden. HaM hat sich noch nicht geäußert, ob er annimmt. Bazaria und Nizami werden am 6. Mai abreisen. — Der frühere Eroßwesir Said ist schwer erkrankt.
Politische Umschau.
Die Maifeier.
Da der 1. Mai in diesem Jahre auf einen kirchlichen Festtag fiel, hat er naturgemäß als sozialdemokratischer Feiertag an Bedeutung verloren. Der Kampf um die Arbeitsfreiheit ist weg- gefallen, der Tag also harmloser und ruhiger verlauten als sonst. Nur in Rüstringen bei Wilhelmshaven ist es bei dem Versuch, die preußische Grenze zu überschreiten, wie schon gemeldet, zu Zusam- tnenstößen mit der Polizei gekommen, nach denen die Menge bezeichnenderweise unter Majestätsbeleidigungen auseinanverging. Der Vorgang spielte sich folgendermaßen ab: Als der Maifestzug in der Nähe der preußisch-oldenburgischen Grenze in ein Lokal in Rüstringen zusammentrat, stellten sich auf Wilhelmshavener Seite Schutzleute zur Sicherung des Verkehrs auf. Als sich der Zug der Bismarckstraße näherte, machte ein Polizeikommissar mit lautet Stimme bekannt, daß das Betreten der Eökerstraße, die zur Kaiserlichen Werft führt, verboten sei: dagegen sei es erlaubt, in die Bismarckstraße einzubiegen. Da die Menge das Verbot mit Lachen und höhnischen Zurufen aufnahm und an der Straßenkreuzung der Verkehr sich in störender Weise staute, forderte der Kommißar zum Auseinandergehen auf, widrigenfalls von der Waffe Gebrauch gemacht werden müßte. Da die Menge keine Miene machte, der ersten Aufforderung zu folgen, wiederholte der Kommißar den Befehl und befahl, als die Teilnehmer des Umzuges versuchten die Schutzmannskette gewaltsam zu durchbrechen mit blanker Waffe vorzugehen. Hierbei wurden sechs Personen leicht verletzt. Die erregte Menge ging unter heftigen Schimpfreden und Majestätsbeleidigungen auseinander und bewarf dabei die Beamten mit Steinen. Ein Schutzmann wurde niedergeworfen und mißhandelt. Verhaftungen wurden nicht vorgenommen. — Daraus erhellt wieder, daß, was auch die „Leipziger Volksztg." offen ausspricht, die Maifeier die einzige Bestimmung hat, die Errichtung des revolutionären Endzieles der Sozialdemokratie zu fördern: sie erklärt, der internationalen Ar- beiterklaße müße immer deutlicher vor Augen geführt werden, daß die richtige Antwort auf den Druck der imperialistislben Politik das Auftreten der breitesten Maßen in Maßendemonstrationen und Maßenstreiks sei, „die früher oder später in eine Periode re- volutionärerKämpfeumdieMachtimStaate cn-s- münden müßen". Damit wird also klipp und klar zugegeben, daß auch die sozialdemokratischen Maifeste weiter nichts find und sein sollen, als Vorübungen der sozialdemokratischen Armee für die gewaltsame Revolution.
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Deutsches Reich.
— Uebung vor dem Kaiser. Berlin, 2. Mai. Der Kaiser besichtigte heute morgen auf dem Truppenübungsplatz Döberitz ein Bataillon des 1. Earderegiments zu Fuß. Hieran schloß sich eine Gefechtsübung des 1. Garderegiments, der Gardejäger und des Regiments Gardes du Corps gegen einen markierten Feind, den das 3. Garderegiment stellte. Es folgte der Vorbeimarsch der beteiligten Truppenteile. Hierauf hielt der Kaiser eine Ansprache an das 1. Garderegiment anläßlich des hundertjährigen Gedenktages der Schlacht bei Großgörschen. Der Kaiser kehrte nach 11 Uhr nach dem Neuen Palais urück. — Auf dem Truppenübungs- platz war auch die Kaiserin, die Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, anwesend.
— Unbegründete Gerüchte. Berlin, 2. Mai. Das Gerücht, wonach der Kaiser mit Rücksicht auf die politische Lage sein«