mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
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und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage".
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Marburg
Dienstag, 29. April
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48. Jahrg.
1913.
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Die Entscheivung.
Die Einigkeit der europäischen Großmächte in den Fragen der valkanpolitik wird in diesen Tagen der entscheidenden Belastungsprobe unterzogen. Oesterreich-Ungarn hat an die Botschafter-Bereinigung in London den Antrag gestellt, es sollte durch die Gesandten der Mächte in Cetinje die sofortige Räumung Skutaris ungesäumt und in schärfster Tonart gefordert und für den Fall einer andauernden Weigerung Montenegros ein militärisches Vorgehen der Mächte beschlossen werden. Sollte die Botschafter-Vereinigung gegen die gemeinsame Aktion sich aussprechen, so würde Oesterreich-Ungarn dem Willen Europas Geltung verschaffen, sei es allein, sei es zusammen mit andern Mächten. Oesterreich will sich demnach eine weitere Verschleppung nicht gefallen lasten und befindet sich damit völlig im Rechte. Auch an den maßgebenden Berliner Stellen ist man durchaus der Anstcht, daß eine weitere Verzögerung unerträglich sei, und daß Oesterreich begründeten Anspruch auf eine rasche, klare Entscheidung habe. Diese Entscheidung dürfte denn auch unmittelbar bevorstehen und wird wahrscheinlich schon gefallen sein, wenn diese Zeilen in die Welt gehen. Daß die Botschaftervereinigung eine abermalige und letzte Aufforderung an Montenegro, also ein Ultimatum beschließen wird, unterliegt kaum einem Zweifel, denn die Mächte können sich nicht selber so desavouieren. Darüber sind sich die beiden Gruppen, der Dreibund und der Dreiverband, vollständig klar. Das Ultimatum an Montenegro dürfte also beschlossen werden. Unterwirft sich König Nikita dann dem Willen der Mächte, so ist die Sache erledigt. Beharrt er aber in seinem Widerstand, dann wird Oesterreich in Montenegro einmarschieren, und die Frage ist dann nur, ob die militärische Aktion noch im Rahmen des europäischen Konzerts erfolgt.
Ein europäisches Mandat wird Oesterreich-Ungarn offenbar nicht nachsuchen, darin sind sich die Wiener und Budapester Blätter entschieden einig. Aber ablehnen würde es ein solches Mandat jedenfalls auch nicht, und es will uns scheinen, als ob das der beste Weg wäre, aus den Schwierigkeiten der Situation heraus- zukommen.
Marschiert Oesterreich-Ungarn aber in Montenegro ein, weil die Aktion der Großmächte der Monarchie keine Bürgschaft für die Wahrung wichtiger Reichsinteresten gewährt, so erhebt sich natürlich die ernste Frage, ob die Einigkeit der europäischen Großmächte dieser neuen Situation standhalten wird. Eine Prognose darüber läßt sich mit irgendeinem Anspruch auf Sicherheit natürlich nicht stellen. Sicher ist nur, daß es für den europäischen Frieden bester wäre, wenn die Einigkeit Europas, wäre es auch nur äußerlich und oberflächlich, selbst in diesem Stadium noch gewahrt werden könnte. Daß Italien und Rußland noch weniger Freude an dem militärischen Vorgehen gegen das tapfere Zwergvölkchen haben als irgendeine beliebige europäische Großmacht sie haben kann, versteht sich von selbst. Aber man muß in der Politik auch das Unangenehme tun können und immerhin stehen in Wahrheit wichtige Jnteresten Oesterreich-Ungarns und nicht allein Oesterreich- Ungarns auf dem Spiel. Wenn es z. V. wahr sein soll, daß Montenegro auf dem Lovcen große Geschütze in Position bringt, so ist das eine unmittelbare Bedrohung von Tattaro, das vom Lovcen aus innerhalb kürzester Frist in Trümmer geschosten werden kann. Die seltsamen Enthüllungen über die Machenschaften zwischen König Nikita und Essad Pascha, dem Verteidiger von Skutari, lassen aber weiter erkennen, daß es sich in der Tat nicht um eine Bagatellfrage handelt, die mit dem Hin- und Herschieben von einigen Quadratmetern Landes erledigt werden kann, sondern um die albanesische Frage selbst, die der einmütige Wille Europas vor sein Forum gezogen hat, während sie nun König Nikita nach eigenen mehr als zweifelhaften Rezepten lösen will. So sind wirklich doch auch die moralischen Voraussetzungen für ein energisches Machtwort Europas gegeben, und verhallt dieses Machtwort auch jetzt wieder ungehört, so muß der Gehorsam eben erzwungen werden, und zwar lieber heute als morgen. Darin ist das Deutsche Reich mit seinem Verbündeten vollständig einig.
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Wien, 28. April. Gestern ist, wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, in Cetinje ein Kollektivschritt erfolgt, wodurch Montenegro aufgefordert wird, Skutari den Mächten zu übergeben. Die Antwott lautete, daß es der montenegrinischen Regierung wegen der Osterfeiertage nicht möglich sei, eine Entschließung zu fasten. Da es bereits so gut wie sicher ist, daß Skutari nur infolge von Verhandlungen kapitulierte, so mehren sich die Anzeichen, daß .Essad Pascha einen Pakt abgeschlossen hat, demzufolge er den Drin als Grenze zwischen Montenegro und Albanien anerkennt, so daß Skutari an Montenegro fallen würde, wofür ihm Montenegro be- Külflich wäre, sich als Oberhaupt, als Fürsten oder König von .Albanien zu proklamieren. Die Montenegriner haben nach Erlaß her Proklamation, über deren Inhalt noch keine Meldungen vor- »iegen, mit ihren Hauptkräften unter dem Erbprinzen Danilo^ Skutari verlassen und sind nach Norden abmarschiert. Fünf Bataillone sind in der Stadt zurückgeblieben, Eine bloße Verschär- pzng der Blockade hält man hier umsomehr für kein wirksames
Mittel, da Montenegro von Serbien mit Lebensmitteln für zwei bis drei Monate versorgt ist.
L o n d o n, 28. April. (Reuter.) Der montenegrinische Delegierte Popowitsch erhielt ein Telegramm aus Cetinje, in dem der Inhalt der Mitteilung, welche die Vertreter der Mächte der montenegrinischen Regierung machten, folgendermaßen wiedergegeben wird: Wir haben die Ehre, gemeinsam der königlich-montenegrinischen Regierung zu erklären, daß die Einnahme Skutaris in keiner Weise die Entschließung der Mächte bezüglich der Nord- und Nordostgrenze Albaniens ändert, daß daher Skutari möglichst in kurzer Frist geräumt und den Mächten übergeben werden muß, welche durch die Kommandanten der internationalen Seestreit, kräfte vertreten sind. Die montenegrinische Regierung wird aufgefordert, diese Mitteilung schnell zu beantworten. Popowitsch fügte hinzu, er habe von seiner Regierung Befehl bekommen, formell gegen die ungerechte und grausame Forderung zu protestieren und neuerlich die Mächte zu ersuchen, die Angelegenheit zu prüfen. Es sei eine Lebensfrage für Montenegro, daß Montenegro ebenso behandelt werde, wie die anderen Verbündeten.
Köln, 28. April. Wie die „Köln. Ztg." aus Wien meldet, liegt der Votschaftervereinigung ein Verlangen Oesterreichs vor, in Cetinje durch den dortigen Gesandten die sofottige Räumung Skutaris ungesäumt und schroff zu verlangen und im Weigerungsfälle ein militärisches Vorgehen der Mächte zu beschließen. Sollte sich die Botschaftervereinigung gegen eine gemeinsame Aktion aussprechen, so würde Oesterreich-Ungarn allein oder zusammen mit den dazu bereiten Mächten dem Willen Europas Geltung ver- schaffen.
Wien, 28. April. Anläßlich der gestrigen Audienz des Thronfolgers beim Kaiser schreibt das „Neue Wiener Tageblatt": Aus der Umgebung des Kaisers wird versichert, daß der Monarch sich nicht nur des vollsten Wohlbefindens erfreut, sondern auch, rote immer, bei Anlässen, welche besonderer Beschlüste und Entscheidungen bedürfen, bewundernswerte Frische zeigt. Des Kaisers Leitstern ist nach wie vor die Erhaltung des Friedens und die Lösung der Schwierigkeiten auf glattem, diplomatischem Wege. Man kann aber betonen, daß der Kaiser, wenn es der Zwang der Ver- hältniste erfordert, sich mit der ganzen Entschiedenheit rote für den Frieden, für die Anwendung der notwendigen Maßnahmen zur Wahrung des Prestiges des Staates erklärt.
Wien, 28. April. Wie die „Wiener Allgem. Ztg." meldet, hatte der englische Botschafter gestern eine Besprechung mit dem Grafen Berchtold. Heute vormittag erschien der russische Botschafter bei dem Minister des Aeußern, der ebenfalls am Vormittag mit dem deutschen Botschafter konfetterte.
Paris, 28. April. Das „Echo de Paris" meldet, der König von Montenegro habe seinen Vertretern im Auslande mitgeteilt, daß Estad Pascha als Herrscher Albaniens auf die Unterstützung der Balkanstaaten rechne.
Wien, 28. April. Die „Reichspost" meldet aus Cattaro: Die Grenze ist gegenwärtig durch die Montenegriner auch für die Post gesperrt, doch kamen verschiedene Meldungen über die Grenze durch das hier aus Skutari über Cetinje eingetroffene englische Rote Kreuz, bei dem sich vier Aerzte befinden. Diese berichten, daß die Uebergabe Skutaris ohne vorherigen Kampf, der Sachlage nach anscheinend ganz unmotiviert, erfolgte. Als Estad Pascha die Uebergabe proklamierte, erhob sich unter den Albanesen eine Meuterei gegen ihn, welche er blutig erstickte. Estad Pascha ließ sich bereits in Skutari als Fürst von Albanien ausrufen. Die Truppen hatten noch Proviant, aber die Not der Bevölkerung Skutaris war sehr groß; täglich starben etwa 50 am Hungertod. Das Eros der serbischen Truppen, welche an der Belagerung Skutaris teil» genommen hatten, war bei Durazzo konzentriert. Die Räumung des nördlichen Albanien durch die Serben ist noch nicht vollzogen; es fanden nur teilweise Abtransport« statt.
Soldatenmikhandlunaen.
Wie alljährlich, so find auch in diesem Jahre im Reichstage von sozialdemokratischer und auch von freisinniger Seite lange Reden über die Soldatenmißhandlungen gehalten worden, die ja auch im deutschen Heere leider noch immer nicht ganz ausgestorben sind. Von sozialdemokratischer Seite sind dabei Darstellungen geliefert worden, die an wüsten llebertreibungen das denkbar Mögliche leisteten und geeignet waren, im Auslande den Eindruck zu erwecken, als sei das deutsche Heer lediglich eine Sammelstelle von Sklaven und Sklavenaustehern, die in einer nur mehr pathologisch zu nennden Weise ihr Mütchen an wehrlosen Geschöpfen kühlen, die ihrer Macht ausgeliefert sind. Auch nicht mit einem Worte ist von sozialdemokratischer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Solbatenmißhandlungen fett Jahren schon bei uns in einem ftänbigen Rückgänge begriffen finb, unb zwar sowohl ber Zahl wie bet Schwere der einzelnen Fälle nach. Der preußische Kriegsminister hat die sozialdemokratischen Uebettteibungen sofort mit genauen Ziffern widerlegt. Er konnte zeigen, daß die Bestrafungen wegen Soldaten- mißhandlungen, die in früheren Zähren 0,63 v. H. der Offiziere und Unteroffiziere betrafen, im Zahre 1908 schon so gesunken waren, daß sie nur noch 0,35 v. H. derselben umfaßten. Im Zahre 1910 waren es nut noch 0,32 v. H. und im Zahre 1911 0,30 v. H. Im letzvergangenen Jahre ist die Verhältniszahl noch stärker zurückgegangen, denn sie betrug nur noch 0,25 v. H. Das ist eine stetige Abnahme, die um so mehr ins Gewicht fällt, als die Ermittelung von Mißhandlungen im Heere in den letzten Jahren mit vermehrter Schärfe betrieben wird. Wenn die Zahl der Soldatenmißhandlungen, wie der Kttegsminister feststellen konnte, trotz der Erhöhung der Kopfzahl des Heeres von 743 Fällen im Jahr« 1896 auf 225 Fälle im Jahre 1912 gesunken ist, so kann nicht gut mehr von einem „erschreckenden Zustande" in der Armee gesprochen werden, und der Kttegsminister hatte durchaus Recht, wenn et einesteils erklärte, da» Verttauensverhältnis zwischen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften sei im deutschen Heere viel bester, al» in anderen Armeen, und wenn er andernteil» bemerkte, e» sei ein verwerflich«« Verfahren, durch Verallgemeinerung einzelner Fäll« die Ehr« der Arme«
anzutasten und hn Auslande, das derartige falsche Behauptungen mit begreiflichem Behagen aufnehme, herabzusetzen. Aber nicht nut bi« Ehre bet deutschen Armee wirb durch die sozialdemokratischen An», lastungen beeinträchtigt, sondern auch die Sicherheit de» Reiches, denn im Auslande muß man auf Grund derartiger Darstellungen zu der Annahme gelangen, es müsse um den inneren Halt und damit auch um die Schlagfertigkeit und Schlagkraft unsere» Heeres schlecht bestellt sein, wenn es nur mehr möglich sei, die Disziplin mit Hilfe von tätlichen Mißhandlungen bet Soldaten aufrecht zu halten. An dem ernsten Bestreben der maßgebenden Stellen im Heere, die Soldatenmißhandlungen nach Kräften auszumerzen, kann nicht der geringste Zweifel obwalten; um so schärfere Verurteilung verdient die von sozialdemokrattscher Seite betriebene tendenziöse Ausbeutung der wenigen Fälle, die noch Vorkommen und die sich schwerlich ganz hintanhalten lasten werden. Diese Der- urteilung muß um so schärfer ausfallen, als es gerade die Sozialdemokratie ist, die durch ihre aufreizende, alle Autorität untergrabende Tätigkeit zweifellos dazu beiträgt, die Aufrechterhaltung bet Disziplin im Heere, bes Grundpfeiler» unserer Wehrkraft, zu untergraben.
Politische Umschau.
Die Wehrvorlage in bet Budgetkommission.
Berlin, 28. April. Die Budgetkommission des Reichstages begann heute die Beratung bet Wehrvorlage. Der Sitzung wohnten bet der Präsident bes Reichstages unb zahlreiche Abgeordnete als Zuhörer. Der Präsident bet Kommission, Spahn, schlug vor, in bie erste Lesung bet Deckungsvorlagen einzutreten, dann bie zweite Lesung beider Vorlagen anzuschließen. Hierüber entspann sich eine mehr als halbstunbige Debatte. Im Verlauf betreiben setzte bet Kriegsminister bie Gründe auseinander, welch« abgesehen von dringenden militärischen Gesichtspunkten einemöglichst baldige Entscheidung über die Wehrvorlage notwendig machten. Die Gründe seien eine rechtzeitige Beschaffung bes Unteroffi« zierersatzes, Pserbeersatzes, Bestellung ber Materialien für Festungs- bauten, Vorbereitung für Grunderwerb, Exerzierplätze, Schießstände ufro. Der Kriegsminister betonte, gerade die rechtzeitige Bereitstellung unb Unterkunft erfordere zahlreiche zeittaubende Vorbereitungen, die rein wirtschaftlich fchon für eine baldige Entscheidung sprächen. Die Forderungen für das Lustfahrtwesen sollten eigentlich schon am 1. April 1913 in Kraft treten. Eine Verzögerung würde diese Waffe, deren Materialbeschaffung besonders schwierig ist, schwer schädigen. Von einer Beschlußfassung übet die Behandlung ber Vorlagen würbe abgesehen. Hieraus erstattete bet Referent einen allgemeinen Bericht übet bie Vorlagen. Der Korreferent wies auf die geringe Truppenzahl Deutschlands unb Oesterreichs gegenüber Frankreich unb Rußland hin. In diesen Momenten liege bie Notwendigkeit neuer Maßnahmen. Die Erenzkorps müßten fchon in Friedenszeiten auf Kriegsstärke gebracht werden, e« entstehe aber die Frage, ob wir genügendes Soldatenmatettal zur Verfügung hätten. 1911 feien 42 000 taugliche Mannschaften nicht eingestellt, wovon 19 000 im Laufe ber Zeit abgegangen seien, sodaß 23 000 übrig geblieben sind. Nötig seien aber nach der Vorlage 40 000. Keinesfalls dürften minderwertige Leute zum Militärdienste herangezoget werden. Ein Sozialdemokrat erklärte, auch seine Partei wolle nicht, daß die östlichen Provinzen vom Feinde überschwemmt würden, aber nach seiner Ansicht sei doch viel zu schwarz gemalt. Der Kttegsminister erklärte, Deutschland sei gewillt, den Frieden zu halten. Dazu ist aber eine kräftige Wehrmacht erforderlich. Nach einigen weiteren Angaben fuhr der Minister fort: Abgesehen von Mobilisierungsgründen, spielen auch die Ziffern eine große Rolle, Den Ausgang eines Krieges könne niemand vorhersehen. Auch die ziffernmäßige Bedeutung ist eine gewiss« Grenze. Die Stärkung der Zusammensetzung unserer Reserve truppen sei ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt, dazu sei auch eine Verstärkung der Etats der Korps im Innern vorgesehen. Von Neuaufstellungen im Innern sei Abstand genommen, weil sie doch mehr Offiziere und viel« technische Truppen, Kolonnen usw. erfordern und noch mehr Kosten erfordern würden. Der vorgeschlagene Weg sei bet beste, schnellste unb billigste. Ausgeschlosien sei es, daß wir in Deutschland zur Milizarmee übergingen wenn nicht alle Nachbarn es auch täten. Es sei ein Verbrechen, schlecht ausgebildete Leute ins Feld zu schicken. Zur Ausbildung gehört aber schon rein technisch viel Zeit. In Frankreich seien sich bi« Sachverstänbigen schon lange einig, daß bie dreijährige Dienstzeit, namentlich bei ber Kavallerie wieder eingeführt werden müße. Die Kosten für die Ausbildung der Ersatzreserve würden nicht dem Erfolg entspre- chen; denn im Mobilmachungsfalle feien solche Leute nicht bei den Feldtruppen, sonderen zunächst bei den Ersatzformattonen zu verwenden. Friedensübungen halten nicht für die lange Dauer der Zeit des Beur- laubtenstandes vor. Man mfifie im Kriege fo start unb wohlausgerüstet wie möglich. Den Schaden eines verlorenen Kriegs trügen in erster Linie die arbeitenden Klasien. Ein fortschrittlicher Redner betonte, in Deutschland denke kein Mensch bi« in, bie so wertvolle Neutralität Bel- giens zu verletzen. Er warnte auf bie bebingt tauglichen unb zukünftig Tauglichen zurückzugreifen. Der Rebner erbat bie Prüfung bet Verproviantierung unb ber Führung so großer Masten, er sprach sich für bi« Hebung bes innere Wertes der Truppe aus und reichte die diesbezüglichen Wünsche in zwei längeren Resoluttonen ein. Generalleutnant Wandel erklärte, bet Rekrutenbedarf werde nicht nut aus Ersatzreser- visten, sondern auch aus Zurückgestellten genommen. In diesem Jahre seien nach den bisher vorliegenden Musterungsetgebnisten bereits 85 000 mehr Taugliche vorhanden, ohne baß im geringsten bie Anforderungen an bie körperliche Tauglichkeit herabgesetzt seien. Der Kttegsminister führte aus, bie Führung großer Masten mache naturgemäß große Schwierigkeiten. Dem werbe vorgebeugt burch bie Dezentralisation ber Befehlsgewalt. Die große Länge unserer Grenzen mache naturgemäß mehrere Kriegstheater notroenbig; bann würden wir eher zu wenig als zn viel Leute haben. Der Kttegsminister sprach über bie Bedeutung bet russischen Armee und unterstttch seine vorherigen Ausführungen über da» günstige Ergebnis der letzten Musterungen, wobei bie Anforderungen in keiner Weise herabgesetzt worden seien. Generalleutnant Wandel betonte das lebhafte Jntereste ber Verwaltung an einer strengen Auswahl der Tauglichen. Die Grundsätze hierfür seien durchaus klar unb sachlich geregelt. Am Schluß bet Sitzung entspann sich eine Geschäftsorbnung* bebatte auf den aus bet Kommission geäußerten Wunsch, der Reichskanzler unb bet Staatssekretär bes Aeußern möchten heute den Beratungen beiwohnen. Es war von biesen Herren erroibert worden, sie seien augenblicklich am Erscheinen verhindert. Darauf beantragten die 6* jtalbemotraten, die weiter« Debatte auszusetzen. bis der Reichskanzler und ber Staatssekretär erscheinen könnten. Schließlich stimmte bie Äow Mission einem Vorschlag bes Vorsitzenden zu, bet dahin geht, den Staat* sekretär zu bitten, in der morgigen Sitzung Auskunft übet einige Fr* gen gn geben, -Wachste Sitzung Dienstag. j