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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

uni) den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Hans" undLandwirtschaftliche Vellage".

I DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn I und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich dura die Post bezogen 2.25 M lohne Bestellgelds, bei unseren Zeitunqsstellei. 2, M. frei ins Haus. Druck der Univ.-Buchdruckerei I. Ä. Koch lJnh.: Dr. E. Hikeroths, Markt 21 TeTenfmn 55.

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Marburg

Montaa, 28 April

Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gejpaltene Zeile oder deren Raum 15 *3. bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 -3, für Reklamen die Zeile 60 L. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Zahlungen unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.

48. Jahr-

1913.

wrttos Blatt.

Der (General ft reit m Belmm.

Nach einer Dauer von anderthalb Wochen ist der von der bel­gischen Sozialdemokratie inszenierte Generalstreik zu Ende. Ein Erfolg des Sozialismus und eine Niederlage der belgischen Re­gierung und Regierungspartei ist sein Ergebnis. Das ist leider! nicht zu bezweifeln. Gewiß, es liegt eine starke Ueber- treibung in der Behauptung der belgischen Sozialisten, es sei durch den Generalstreik alles erreicht, was erreicht werden konnte, und derVorwärts" prahlt, wenn er erklärt, dieMacht der Arbeiter­klasse" habe sich in diesen Tagenwunderbar" offenbart, das tapfere belgische Proletariat habe in seine Ruhmeskrone einen neuen Lorbeerzweig geflochten", aber die Tatsache steht nun ein­mal fest, daß eine Minderheit der Bevölkerung Belgiens durch das Zwangsmittel des Generalstreiks die Regierung und die Mehrheit im Lande zum Aufgeben ihrer bisherigen politischen Stellung ge­nötigt hat. Der Generalstreik war unternommen als Demon­stration für das gleiche Wahlrecht im Gegensatz zu dem jetzt in Belgien geltenden allgemeinen Wahlrecht mit der Verhältniswahl und dem Pluralstimmrecht. Die Regierung und die katholische Mehrheit des Parlaments hatte sich bisher geweigert, die Forde- cung des gleichen Wahlrechts in Betracht zu ziehen. Zn der Kam- nersitzung vom Dienstag ist dieser Standpunkt insofern aufgegeben vorden, als die Mehrheitspartei unter Zustimmung der Regierung oie Erörterung einer Aenderung des politischen Wahlrechts in der für die Revision des Provinz- und Kommunalwahlrechts ein­gesetzten Kommission mit der Mastgabe zugestand, daß die Vor­schläge dieser Kommission eventuell die Grundlage für eine Ver­fassungsänderung bilden sollten. Das ist ein Zugeständnis an die soziale Revolution, mit der oie Sozialdemokratie drohte und mit ber sie in Form des Generalstreiks einen Anfang gemacht statt". An dieser Tatsache ändert auch der Umstand nichts, daß in dem Kammerbeschluß vom Dienstag der Generalstreik direkt mißbilligt wird, und estensom'nig der Umstand, d<U' i?'-?r Beschluß keinerlei Bürgschaft für die Durchfiibrung der Wünsche der Sozia!d"mo- kraten in Bezug auf das politische Wastlrecht enthält. Auch die unzweifelbare Tatsache, daß der Generalstreik in der Ausdehnung, bie er schließlich angenommen hatte es war immer erst die Hälfte der industriellen Arbeiter daran beteiligt, keineswegs den Ausdruck der Willensmeinung der belgischen Arbeiterschaft darstellte, zumal neben dem sozialdemokratischen Terror die Lahm­legung mancher Betriebe infolge einer nur teilweisen Arbeits­einstellung in Betracht kam, kann ebensowenig zur Beschönigung der Niederlage der Ordnungspartei und der Negierung dienen, wie die begründete Vermutung, daß die Veranstalter des General­streiks im Hinblick auf die sonst wohl unausbleiblichen Konse- guenzen froh sind, so leichten Kaufes davon gekommen zu sein. Im Gegenteil! Diese Erwägungen verschärfen'nur das Bedenkliche des Ausganges der Sache, der darin besteht, daß an die Stelle des Parlaments und der Mehrheitsentscheidung eine Nebenregierung der sozialistischen Minderheit getreten ist, die sich nicht gescheut stat, zur Erreichung ihrer politischen Endziele dem Wirtschaftsleben des Landes schweren Schaden zuzufügen und die gesamte Bevölkerung den Gefahren einer sozialen Revolution auszusetzen. Das Bedroh­liche dieser Situation brauchen wir nicht erst besonders ausein­anderzusetzen. Herbeigeführt ist sie durch eine bedauerliche Schwäche der Regierung und der Regierungspartei in Belgien und durch den Zwiespalt der bürgerlichen Parteien. Der belgische Liberalis­mus hat sich aus Haß gegen die katholische Negierung und Parla­mentsmehrheit auf die Seite der Revolutionäre geschlagen und damit eine ungeheure Verantwortung auf sich geladen. Die jetzigen Vorgänge in Belgien bilden eine ernste Warnung und Lehre. Das Beispiel Belgiens zeigt, daß nur eine starke Regie­rung und eine geschloffene Mehrheit der bürgerlichen Parteien das Unheil abzuwenden vermag, das aus dem Verbuche einer sozialen Revolution in Form eines Generalstreiks droht.

Sur Lacre,

Eine österreichische Stimme.

Wien, 26. April. Das morgigeFremdenblatt" schreibt: Vor vier Tagen sind die Montenegriner in Skutari eingerückt. Gestern fand schon die zweite Sitzung der Londoner Botschafter­union seit dieser neuen Phase der Skutarifrage statt. Soweit bisher Nachrichten vorliegen, ist bei dieser Sitzung die Entschlossen­heit der Mächte, an der Entscheidung übet das Schicksal Skutaris nicht rütteln zu lasten, neuerdings in Erscheinung getreten. Damit wird die Auffassung bestätigt - nd bekräftigt, die sich bei uns schon auf Grund der ausländischen Blätterstimmen gebildet hatte: Daß die Mächte in voller Uebereinftimmung an ihren bisherigen Be­schlüssen festhalten und sich nicht selbst desavouieren wollen, eine Tatsache, die nicht verfehlen kann, in weiten Kreisen der Bevöl­kerung gebührende Anerkennung zu finden. Eine wirkliche Be­ruhigung dieser so heiklen Frage und der mit ihr zusammen­hängenden Eventualitäten wird jedoch bei uns wohl erst dann eintreten, wenn es nicht bei der platonischen Bekräftigung der einheitlichen Anschauungen und der einheitlichen Absichten bleibt, wenn vielmehr der gute Wille ohne Verzug auch in Taten um­gesetzt werden wird. In dieser Richtung muß es aber einen schlechten Eindruck machen, wenn im Auslande an manchen Stellen heute noch immer von Kompensationen gesprochen wird, die man Montenegro für seine militärischen Erfolge zubilligen wollte oder könnte, Erfolge, die angesichts des Falles von Skutari in Betracht kommen, doch besonders vom europäischen Standpunkt nichts

weiter bedeuten können, als einen neuen Schlag gegen das An- feljen der Großmächte und gegen das einige Europa. Es ist zweifellos, und keine Sophismen können über die beschämende Tat­sache hinweghelfen, daß in der Skutarifrage das Prestige Europas in doppelte Hinsicht gelitten hat, nach der politischen wie nach der militärischen Seite. Nach der politischen infofern, als die Mächte schon vor vier Wochen in der Frage der Zugehörigkeit Skutaris entschieden haben, und da dieser Beschluß auch heute noch nicht durchgeführt ist. In militärischer Beziehung dadurch, daß die internationale Flottendemonstration nicht int geringsten die Fort­setzung der Belagerung beheben oder den Fall der Stadt zu hin­dern vermochte. Wenn den Mächten diele Verletzung des politi­schen und militärischen Prestiges, dieser Effekt einer militärischen oder politischen Aktion, gleichgültig sein sollte, so kann ihnen Oesterreich-Ungarn auf diesem Wege nicht folgen und wird mit attem Nachdruck darauf bestehen müssen, daß schleunigst und gründ­lich Remedur geschaffen wird. Das Minimum, worauf Oester­reich-Ungarn nach den bisherigen mißlichen Erfahrungen in dieser 8rage rechnen muß, bestand in der sofortigen Ausführung des von ollen Mächten bereits befchloffenen Protestes, in Cetinje in Form einer energischen Aufforderung zur unverzüglichen Räumung Skutaris und im Falle der Weigerung des Königs von Monte-

^ofer Aufforderung Folge zu leisten, in einem weiteren militärischen Unternehmen zur zwangsweisen Durchführung des europäischen Willens. Ein Zurückbleiben Europas hinter diesem Minimum würde in Oesterreich mit Recht Gefühle der Unzufrie­denheit, ja der Erbitterung auslösen, was zu verhindern nach unserer Auffassung gewiß auch im europäischen Interesse liege.

Die deutsche Auffassung.

Berlin, 26. April. In der heutigen Sitzung des Reichs­tages gab bei der dritten Lesung des Etats des Auswärtigen Staatssekretär v. Iagow zur Skutarifrage folgende Erklärung ab: Auf Beschluß der Botschafterkonferenz in London haben die Mächte i stgcstcttt, daß Skutari Albanien gehör"« soll. Durch die Ein- 'whrne Skutaris wird daran nichts. geändert. Der König von Montenegro wird aufgefoi'dert, die Stadt zu räumen. Die Maß- nahmen, die zu treffen sind, wenn er nicht folgt, werden zu beraten sein. Me^r kann ich beute nicht sagen.

B e r l i n, 27. April. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Die .Kapitulation von Skutari hat an dem Standpunkt der Mächte, wonach die Stadt bei der Neuordnung der Verhältnisse des Bal­kans Albanien zugewiesen werden soll, nichts ändern können. Die Mächte bestätigen» d?Ren ihren Standpunkt in den erneuten Ver­handlungen. Es stehl ein gemeinsamer Schritt unmittelbar be­vor, wodurch Montenegro zur Räumung Skutaris aufgefordert wird. Für -bcn Fall, daß dieser Schritt erfolglos ist, werden unter den Mächten weitere Maßnahmen erwogen. In diesem Sinne sprach sich heute Staatssekretär v. Iagow im Reichstag aus und betonte, daß für Deutschland in der Skutarifrage ein res judicata vorliegt. Die Verhandlung über die Beendigung des Kriegs- zustandos ist soweit gediehen, daß auf den baldigen Abschluß des Präliminarfriedens gerechnet werden kann.

Albanien.

Wien, 26. April. DieSüdslawische Korrespondenz" meldet zum Falle Skutaris: Nunmehr bekannt werdende Einzelheiten deuten darauf hin, daß die Situation Effad Paschas insfutari keineswegs verzweifelt war, daß er noch über Munition verfügte, auch der Proviant für die Truppen noch nicht erschöpft war und außerdem die türkischen Truppen in Skutari den Montenegrinern überlegen waren. Im Zusammenhang von Gerüchten, nach denen Effad Pascha sich zum Fürsten von Albanien ausrufen lassen wolle, gewinnt jetzt eine Andeutung von montenegrinischer Seite an Wahrscheinlichkeit, daß Essad Pascha schon früher ein Abkommen mit dem König von Montengro abgeschloffen habe, Skutari nach einem letzten Scheinkamvf zu räumen. Effad Pascha soll nun be­absichtigen, sich mit D'chavid Pascha, welcher mit etwa 50 000 Mann bei Fieri unweit Valona steht, sich zu vereinigen, um ent­sprechend den Plänen der türkisch-albanischen Garnison, ein unter türkischer Suzeränität stehendes Albanien mit einem mohamme­danischen Fürsten an der Spitze zu errichten.

Belgrad, 27. April. Nach einer in Elbassan eingelau­fenen Meldung proklamierte Essad Pascha int Einvernehmen mit Dschavid Pascha ein autonomes Königreich Albanien.

Wien, 26. April. Die Bedrückung der albanischen Be­wohner des Kossowofeldes durch die Serben und Montenegriner dauert der Albanischen Korrespondenz zufolge an. In dem Ge­biete von Dschakowa sollen noch immer Greueltaten verübt werden. Ueber 600 Familien aus der Umgegend flüchteten in das Gebiet der Malissoren, wo sie in einem erbarmungswürdigen Zustand eintrafen.

Saloniki.

Saloniki, 26. April. Der Abmarsch der bulgarischen Truppen von Saloniki nach Serres begann gestern mit dem Ab­rücken der Artillerie. Heute gehen alle Militäreffekten, Muni­tion und Archive, ab. Desgleichen verläßt die bulgarische Infan­terie die Stadt. Das bulgarische Post- und Telegraphenamt schließt seine Schalter. Auch die in Langadha 15 Kilometer nord­östlich von Saloniki stehenden bulgarischen Truppen ziehen sich nach Serres zurück.

London, 27. April. Das Reutersche Büro erfährt, in Lon­doner diplomatischen Kreisen werde der Rückzug der bulgarischen Truppen aus Saloniki für sehr bedeutungsvoll hinsichtlich der griechisch-bulgarischen Differenzen über den Besitz dieses Hafens angesehen. Seit dem Falle von Janina hätten die Griechen un­behindert ansehnliche Truppenmassen von der Gegend von Salo­niki konzentrieren können. Es sei wahrscheinlich, daß ber bul­garische Befehlshaber in Serres beunruhigt gewesen sei über die Lage der bulgarische« Truppe», die verhältn^mäßig gering an

Zahl und in Saloniki isoliert seien. Man glaube nicht, daß der R'''kzug direkt oder indirekt den bevorstehenden Bruch ankündig^ denn die Griechen und Bulgaren wüßten wohl, daß Feindselig­keiten ihren Ländern, die schon durch die Anstrengungen bes Krieges mit der Türkei so hart geprüft seien, unermeßliche Leiden auferlegen und die Früchte ihres Sieges angesichts der gebrachten Opfer sehr klein sein würden. Andererseits sei unmöglich anzu­nehmen,daß der Rückzug der bulgarischen Truppen irgend eine Aenderung in der Haltung Bulgariens gegenüber Saloniki be­deute, wenn es auch schwer sei, die wahrscheinlichen Folgen dieser Maßnahme vorher zu sagen. Jedenfalls sehe man der weitere» Entwicklung der Angelegenheit mit großer Sorge entgegen.

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Konstantinopel, 26. April. Der Sultan verlieh dem deutschen Flieger Scherff und dem türkischen Begleitoffizier Kemal Bey die Liakatmedaille als Auszeichnung der Tapferkeit vor dem Feinde. Soweit bekannt ist, ist dies die erste während des Krieges verliehene Dekoration. ,

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Politische Umschalt

Deutschkonservativer Wahlaufruf.

Der Aufruf der deutsch-konservativen Partei für die Landtagswahlen wird in derKonservativen Korrespondenz" veröffentlicht. Wir entneh­men dem Aufruf folgende Stellen: Wieder gehen wir den Wahlen zum Abgeordnetenhause entgegen. Sämtliche Liberalen und Demokraten sind bereit, um, wie bei den letzten Reichstagswahlen, Sturm zu laufen gegen die konservative Partei. Da gilt es für uns, festzustehen und unsere ganze Kraft dranzusetzen, um den Besitzstand unserer Partei voll zu wah­ren. Handelt es sich doch dabei nicht bloß um unsere parlamentarischen Mandate am letzten Ende richtet sich jener Ansturm gegen unser gutes altes Preußen selbst. Schwächt man uns, dann glaubt man den Weg frei zu dem letzten Ziele, auch für Preußen das demokratische Wahlrecht des Reichstages zu erzwingen, den vom Parlament regierten deutschen Ein­heitsstaat anzubahnen und Preußens durch Jahrhunderte geschichtlich entwickelte und bewährte staatliche Eigenart, sein festes monarchisches Gefüge, seine straffe Zucht und Ordung auf allen Gebieten des staatlichen Lebens zu vernichten ... Es gilt, wertvolle Güter zu verteidigen, vor allem auch unser bewährtes Wahlrecht zu schützen. Mag es in Einzel­heiten auch verbefferungsfähig sein andere Wahlrechte haben zweifel­los mehr Mängel man soll also doch da erst anfangen. In seinen Grundlagen ist unser prernßisches Wahlrecht gut: es stuft das Wahlrecht ab nach dem Maßstabe von Leistungen und Pflicht, es verhindert eine wilde Agitation, wie sie die Vegleiterscheinung der direkten und geheimen Wahl ist, es gibt dem Mittelstände einen überwiegenden Einfluß gegen­über dem Massenwahlrecht des Reichstages. Vorwärts dann unter bem alten Wahljpruch: Mit Gott für König und Vaterland!

Der Geschäftsführende Ausschuß: von Wedel-Piesdorf. von Heydebrand. Stackmann. Dr. Mehnen.

Dr. Klasing.

Keine direkte Vermögenssteuer für das Reich.

Berlin, 26. April. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" führt aus, daß mit der lebenskräftigen Entfaltung des Reiches und dem An­wachsen seiner finanziellen Bedürfnisse die Ergiebigkeit der indirekten Steuern und Zölle, seiner hauptsächlichen Einnahmequellen, nicht Schritt gehalten haben, und daß daher die Parteien, welche keine weitere Entwicklung der Verbrauchssteuern wünschten, auf die Uebertragung direkter Landessteuern an das Reich drängten, aus welchen die Einzel­staaten bisher ihre Haupteinnahmen zogen, z. B. 1911 einschließlich der Erbschaftssteuern 780 Millionen Mark neben nur 216 Millionen aus den Verkehrs-Aufwandsteuern, welche immer mehr an Bedeutung verlören, da das Reich außer den indirekten auch die Verkehrssteuern immer mehr an sich ziehe. Die Einkommen- und Vermögenssteuern brachten den Staaten 1911 allein 618,3 Millionen ein. Die Uebertragung der direkten Vermögenssteuer auf das Reich würde also die einzelstaatlichen Finanz­systeme derart beschneiden, daß sie die Landesausgaben, besonders Kultur­aufgaben, nicht wie bisher erfüllen könnten. Das Reich gab 1911 für Unterricht, Kirche, Kunst und Wissenschaft wenige Millionen aus, die Bundesstaaten dagegen 531,2 Millionen Mark, davon allein für den Unterricht 428,5 Millionen. Die Kulturausgaben sind prozentual viel stärker gestiegen, als alle anderen Ausgaben, selbst diejenigen von Heer und Marine. Die Kulturausgaben betrugen 1881: 106,8 Mill., 1911: 531,2, d. i. eine Steigerung auf 500 Proz.; Heer und Marine 1881: 156,9 Mill., 1911: 465,7, d. i. eine Steigerung auf 350 Proz. Daneben ist zu beachten, daß die einzelstaatlichen Kulturausgaben 1881 nur 38, 1891 schon 53 und 1907 69 Prozent der einzelstaatlichen Einnahmen aus den direkten Steuern ausmachten, denn es betrugen 1881 die Kultur­ausgaben 106,8 Mill., die Einnahmen aus direkten Steuern 282,7 Mill.» 1891: 177,9 Mill, und 335,4 Mill., 1907 : 379,7 Mill, und 552,5 Mill. Grft in den letzten fünf Jahren entwickelten sich Kulturausgaben und direkte Landessteuern im gleichen Verhältnisse, weil eine Reihe von Ein- zelstaaten die Einkommensteuer mehr ausgebaut haben. Die Unter­brechung dieser günstigen Entwicklung durch die Uebertragung direkter Vermögenssteuern auf das Reich würde die Kulturaufgaben der Einzel- staaten gefährden, ihre kräftige Entwicklung verkümmern und das Reich, das, wie der Reichskanzler am 12. April betonte, ein Bundesstaat ist und an der kräftigen Entwicklung seiner Glieder interessiert ist, an der Wurzel seiner Kraft treffen.

Di«Nordd. Allg. Ztg." gegen die sozialdemokratische Landtags­wahlagitation.

Berlin, 26. April. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Auch in der Landtagswahlagitation der Sozialdemokratie spiele die Wehrvorlage eine große Rolle. Unbekümmert darum, daß die Kosten der Heeresverstärkung von den besitzenden Klassen getragen wer­den sollten, zeterten die sozialdemokratischen Agitatioren über die Schröpfung und Ausbeutung des Volkes, über Schaffung fetter Posten und Versorgungsstellen und sie behaupteten frank und frei, daß bei der Deckung der laufenden Ausgaben die Besitzenden nicht selbst in den Beutel greifen, sondern das arme Volk wieder mit indirekten Steuer« bedrücken würden, wogegen nur eine gewaltige Anzahl sozialdemokra­tischer Stimmen bei den bevorstehenden Wahlen als Menetekel helfe« können. Das Blatt bespricht die in der Berliner Protestversammlung ausgeübte Einseitigkeit der sozialistischen Agitation, die ohne Rücksicht auf die Lage Deutschlands und die Rüstungen seiner möglichen Gegner lediglich mit hohlen Schlagworten operiere und selbst revisionistisch