mtt dem Kreisblati für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
M 68
Die „Obrrhrsfische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 JA (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2,— JA frei ins Haus. — Druck der Unio.-Buchdruckerei I. A. Koch
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Marburg
Sonnabend, 22 März
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48. Jahrg.
1913.
Erstes Blatt.
Deutsche Ostern.
Wenn nach dem Choirfreitag die Ostersonne heraufsteigt, dann regt sich in der Brust des Menschen wohl die Hoffnung auf Erlösung aus den Banden des Winters. Wie ferner die sieghafte Gewalt des Auferstehungsgedankens dem religiösen Leben einen neuen Pulsschlag verleiht, so möa-ie man auch in allen menschlichen Beziehungen ein frischeres, ein reineres, ein glücklicheres Dasein erwarten. Immer aufs neue wiederholt sich dieser Vorgang in uns, wenn auch die äußeren Vorgänge zu dieser hoch- gestimmten Hoffnung im einen oder dem anderen Jahre nur allzu schlecht passen. Uns Deutsche will freilich doch eine gewisse Oster- freude nicht loslassen, wenn wir auf unser Volk selbst blicken. Freilich, kleinlichster Parteihader, manche sozialen Erscheinungen, die nur allzu tiefe Schatten werfen auf die so hochgepriesenen Fortschritte der menschlichen Zivilisation, wie der eben erst beendete Prozeß Sternickels und anderes, auch die immer mehr verflachende Lebensauffassung vieler Kreise unseres Volkes zeigen uns, daß es wirklich trübe geMg bestellt ist. Aber eines ist doch im Wachsen, das Verständnis für die nationalen Notwendigkeiten und Pflichten! Und läßt sich hier auch nur erst der Kern einer neuen Lebcns- anschauung in nationalem Sinne entdecken, so mögen die Erinnerungen an die Taten des deutschen Volkes vor hundert Jahren mithelfen, diese Anfänge zu erweitern und zu vertiefen. „Mit Gott für König und Vaterland!" war damals die Devise. Ernst Moritz Arndt sang: „Der ist ein Mann, der beten kann", und andererseits: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte". Das Volk setzte sich mit Gut und Blut ein für die idealen Güter, die immer im deutschen Volke gelebt haben und leben werden, wenn sie auch einmal durch unserem Wesen Fremdes überwuchert und verdrängt erscheinen. Und wenn es heute so aussieht, als ob die Genußsucht und Weltfreudigkeit, die Eigenliebe und Selbstsucht das religiöse und vaterländisch-monarchische Gefühl manchmal übertönt, wir hegen die feste Hoffnung und Zuversicht. das Wort „Der Gott, der Eisenwachsen ließ, der wollte keine Knechte", fiele bei uns auch heute noch in empfängliche Herren, und mit einem Schlage würde das Beiwerk, das unseren völkischen Charakter fast erstickt, verschwunden, wenn die Zeit es verlangt. Hat doch die Geschichte unseres Vaterlandes, eine bittere Geschickte voller Enttäuschungen und llebertälpelung seitens des Auslandes, unser Volk gelehrt, daß es auf der Hut fein muß. Wie sollte man annehmen, daß dieses selbe Volk erst wieder ein Jena erleben müßte, um zu einem Leipzig zu gelangen? Es hieße an unserem Vaterlande und seiner Zukunft verzweifeln, wollte nicht der sieghafte Osterglaube uns trotz allem auch in nationaler Beziehung erfüllen, die Zuversicht, daß der Kern des deutschen Volkes die Gottesfurcht, Vaterlandsliebe, Treue und geraden Sinn noch als sein bestes Besitztum schätzt.
Dieser Glqu^ soll uns aber nicht hindern, sondern darin bestärken, zuversichtlich den Kampf zu führen gegen alles, was offen «nd versteckt am Marke unseres Volkes zehrt, seinen wahren Charakter zu verwirren sucht. b.
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Zum Königsmord von Saloniki.
Die Untersuchung des Anschlags auf den König von Griechenland hat ergeben, daß weitere Versonen daran nicht beteiligt sind vnd der Mörder nicht irrsinnig, aber doch nicht vollkommen zurechnungsfähig ist. Er war vor etwa 20 Tagen von Athen über Volo,
lNachdruck verboten.)
Das Ostermännchen.
Von Curt Julius Wolf.
(Schluß.)
Am anderen Morgen ist er zeitig auf den Beinen, viel früher als feine beiden Mütter: die junge, liebreiche und die grauhaarige Scheltmutter mit dem faltigen Gesicht. Er kann's kaum erwarten, bis die Letztere das Haus aufschließt. Im Nachtkittel, wie er ist, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, ein weißes Fähnchen auf der Reversseite her- ausstehend, schlurrt er in den Garten. Beim Zaune hinten hören ihn die Frauen plötzlich hell ausichreien. Gleich darauf tanzt er barfüßig in die Stube, das vom Waschen und von der Luft gerötete Gesicht strahlend vor Freude.
„Gel, Großmutter," jauchzt et, in jeder Hand ein Osterei in die Höhe haltend, „da guchste, was mein Hase für Eier legt!"
Er gibt ihr eins, das schwer und mattweiß ist wie von Alabaster Das andere legt er der Mutter in den Schoß. Es ist auch von Zucker; aber rosenrot mit blauseidenem Henkelbändchen und abgeschnittener Spitze. Vorn kann man durch ein rundes Elasfensterchen hineinsehen »us Innere. Bildlich dargestellt, sitzt darin ein Liebespaar unter rot- blühenden Rosen.
I „Ob Rosen, ob Zypressen —
Nie kann ich dein vergessen" ' vkht darunter zu lesen.
„Und das hier ist meins", fährt er glückselig fort, ein drittes Ei *”5 dem Kittel langend und an die Stubbsnafe haltend. Es ist braun "Nb glänzig und riecht so prächttg nach Schokolade.
Mutter und Tochter schütteln die Köpfe und wundern sich. Sie Wnnen aber nicht mehr in Erfahrung bringen, als die höchst ergötzliche Geschichte vom weißen Kaninchen, das noch viel mehr wert ist wie der Osterhase, weils Eier von Zucker legt. Mit dem Bindfaden am Staket sestgebunden, hockt es immer noch geduldig im Garten. Triumphierend »eigt er's ihnen. Das Ostermännchen scheint er vergeßen zu haben.
Gleich nach dem Kaffe mutz die Mutter fort und noch einmal zum l/en. Die Klara, seine Jüngste, wird heute konfirmiert, und sie chr da» Kleid gemacht. Das Probieren und Fettigmachen nimmt
wo er sich einige Tage aufgehalten hatte, nach Saloniki gekommen. Er entwickelte sozialistische Ideen, indem er unter anderem ankündigte, in kurzem werde vollkommene Gleichheit herrschen, es werde weder Reiche noch Arme geben, die Arbeitszeit werde auf zwei Stunden herabgesetzt. Er war früher an der midizinischen Fakultät in Athen immatrikuliert und später Lehrer. Auf die ihm vorgelegten Fragen antwortete er immer, doch verwickelte er sich manchmal in Widersprüche. Für das Verbrechen gab er keine Erklärung, er sagte nur, er habe vor zwei Jahren im Schloße um Unterstützung gebeten und sei von dem Adjutanten brutal hinausgeworfen worden. Auf die Frage nach dem Beweggrund der Tat äußerte der Mörder: Irgendwie muß ich doch sterben, da ich an Neurasthenie leide. Ich wollte nicht umsonst gelebt haben. Schinas machte körperlich einen schwächlichen Eindruck. Er soll fast ausschließlich von Milch gelebt haben.
A th e n, 21. März. Seit 7 Uhr früh drängte sich eine große Menschenmenge in der Umgegend der Deputiettenkammer. Das Wetter ist schön. Alle Deputierten kamen lange vor der Zeremonie an. Der Metropolit von Athen, begleitet von Mitgliedern der heiligen Synode, betrat den Sitzungssaal um 10 Uhr 20 Minuten. 101 Kanonenschüße kündigten den Aufbruch des königlichen Zuges vom Palais an, die Menge begrüßte den Zug mit begeisterten Hochrufen, die Militärkapellen spielten die Nationalhymne. Um 10 Uhr 30 Minuten betraten der König Konstantin und die Königin Sophie, begleitet von dem Kronprinzen Georg und dem Prinzen Alexander den Saal. Die Deputierten erhoben sich von den Plätzen. Der König trug Eeneralsuniform mit umflorten Achselstücken, die Königin Sophie erschien, in tiefe Trauer gehüllt, mit dem Eroßkreuz des Erlöserordens. Der Metropolit sprach das Gebet und verlas dann den Eid, welchen der König mit lauter Stimme wiederholte. Darauf unterzeichnete der König die Eidesformel, welche die Minister und der Metropolit gegenzeichneten. Die Minister, Deputierten und übrigen Anwesenden brachen in langanhaltende begeisterte Zurufe aus. Als das Königspaar die Deputiertenkammer verließ, wurde es von einer ungeheuren Menschenmenge stürmisch begrüßt. In der königlichen Loge der Deputiertenkammer wohnten auch die Tochter des Königs, Prinzessin Helene und die Schwester des Königs, Prinzesfin Maria, der Feier bei. Die Ueberführung der Leiche König Georgs findet Mittwoch statt, die Ankunft in Athen am Donnerstag. König Konstantin, Königin Olga sowie die ganze königliche Familie werden die Leiche von Saloniki nach Athen geleiten, während Veni- selos früher nach Athen zurückkehrt. Drei Tage lang wird die sterbliche Hülle des Königs aufgebahrt bleiben. Das Begräbnis wird voraussichtlich am 30. März unter militärischer Ehrenbezeugung stattfinden. Wiewohl offiziell noch nichts feststeht, betrachtet man es als sicher, daß mehrere Mitglieder europäischer Dynastien beim Begräbnis anwesend find.
Saloniki, 20. März. Die Königin Olga, die Prinzesfin Alice und die Prinzen Georg und Andreas, welche sich gestern an Bord des russischen Kanonenbootes „Uralez" eingeschifft hatten, sind hier eingetroffen und haben sich sofort, vom Prinzen Nikolaus geleitet .nach dem Wohnhause des Königs begeben. Die Königin Olga war von dem Anblick ihres so jäh dahingerafften Gemahls von tiefstem Schmerze überwältigt.
Athen, 21. März. Es laufen fortgesetzt Beileidsdepeschen ein. Sämtliche Staatsoberhäupter, Ministerpräsidenten usw. bekundeten ihre Teilnahme. Wie verlautet, begeben sich König Peter und König Ferdinand über Saloniki nach Athen, um den Beisetzungsfeierlichkeiten für König Georg beizuwohnen.
Berlin, 20. März. Reichstagspräsident Dr. Kämpf übermittelte dem griechischen Geschäftsträger namens des Reichstages den Ausdruck aufrichtiger Teilnahme anläßlich der Ermordung viel Zeit in Anspruch. So kommt sie etwas spät in die Kirche. Die zwei ersten Verse find schon gesungen. Sie findet auch keinen Platz mehr, denn die Kirche ist überfüllt. Die Männer stehen sogar dichtgedrängt auf der Emporetreppe. Es gelingt ihr aber dann doch, bis zum Mittelgang vorzudringen, wo sie wenigstens die Konfirmanden sehen kann, die in zwei dunklen Häuflein — kurzhaarig das eine, langzöpfig das andere — zur Rechten und Linken des Altars sitzen.
Als die letzte Sttophe verklungen ist, fühlt sie sich am Arm berührt. In der letzten Bank ist der alte Steinklopfer Hannes ausgestanden und bietet ihr freundlich nickend seinen Platz an.
„3d) bin's stehen gewohnt," meint er, als sie zögert, mit feinem breiten, gutmütigen Lächeln.
Hätte sie aber gleich sehen können, welchen Nachbar sie nun bekommt, sie hätte das Anerbieten dann doch lieber abgelehnt. Sie hat sich noch gar nicht gesetzt, schlägt ihr schon das Blut ins Erficht. Starr sieht fie geradeaus und rückt zusammen, so sehr fie kann. Da zu ihrer Linken stteckt sich neben dem gesunden Bein ein Stelzfuß vor, der fie völlig verwirrt. Erst während der Predigt wird sie ruhiger und hott bald nichts mehr als die Stimme des alten, weißlockigen Predigers auf der Kanzel, der von der Auferstehung des Herrn und der triumphierenden göttlichen Liebe spricht.
So könnte fie stundenlang sietzen und hören. Not und Trauer liegen fern. Kindheitserinnerungen wachen auf in ihrem Herzen, auf einmal kniet sie unter den Konfirmandinnen vor dem Altar, und der alte treue Seelsorger, der fie alle eingesegnet, legt auch ihr die sanften Hände auf den Scheitel. Frohe Erwartung in der jungen Seele tritt sie noch einmal hinaus ins Leben. Die Heimat liegt vor ihr int Glanz der Frühlingssonne — Glockenläuten, und sie geht wie auf Wolken und Winden, hingezogen von einer wunderbaren Macht. Erste Liebe und erstes Leid — ausgehend von den ernsten Augen, die ihr am tiefften in die Seele blickten. Sie sieht sich lachen und meinen, glühen und tanzen unter diesen Augen, bis der finstere Schatten fällt. Im Winter vom glattbereiften Wagen abgerutscht, haben ihm die Räder das Bein abgefahren. Ihr Herz ist voll Erbarmen; aber die Mutter sagt, es könne nicht gut tun, eines Invaliden Frau zu werden. So läßt sie sich dem tfremben, der von ungefähr ins Dorf kommt, mtt klugen Worten um fie werbend. Nach zwei Jahren einer freudlosen Ehe macht der Tod ihr Leben von diese« Zwang« frei. Wie aus einem schweren Traum et»
des Königs von Griechenland. — Der Präsident Graf v. Schwerin- Löwitz hat dem griechischen Geschäftsträger in Berlin aus Anlatz des tragischen Ereignisses in Saloniki namens des Abgeordnetenhauses feine Teilnahme ausgesprochen.
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* Die Lage auf dem Balkan.
Sehr friedliche Klänge sind es nicht, die sich vom Balkan her in das Ostergeläute der Glocken mischen. Glaubte man, daß endlich die bis zum Überdruß immer wieder betonte Einigkeit der Großmächte dem Blutvergießen Einhalt tun werde, so hatte man sich geirrt. Auf die Frechheiten der Serben Oesterreich-Ungarn gegenüber folgen die Montenegros, das in seiner unglaublichen Erotz- mannssuchb der Donaumonarchie zu trotzen wagt und den berechtigten Vorhaltungen dieses Landes nicht das erforderliche Entgegenkommen zeigt . Oesterreich wird daher, und mit ihm, wie es heißt, Italien, als Unterstützung seiner Forderungen eine Flotten- demonstration vor Antivari unternehmen. Die Vorgänge in Medua scheinen also ernstliche Folgen zu haben, wenn nicht im letzten Augenblick Fürst Nikolaus, der Beherrscher der Schwarzen Berge, einlenkt und die gewünschte Genugtuung gibt. Diese ist er aber auch in anderer Beziehung schuldig. Wie aus den untenstehenden Meldungen hervorgeht, setzen die Montenegriner alles daran, um die katholische oder türkische Bevölkerung unter Todesdrohungen zum Uebertritt zur orthodoxen Kirche zu drängen. Bei dieser Auffassung von einem »„Kreuzzug" seitens dieses Völkchens und bei den täglich vorkommenden Missetaten und Scheußlichkeiten in diesem Kriege dürfte es den Großmächten nun doch endlich an der Zeit erscheinen, mit aller ihrer Macht hier einzugreifen und unbekümmert um alles Geschrei von Vergewaltigung usw. die größenwahnsinnigen Balkanvölker zur Raison zu bringen und dem zwecklosen Blutvergießen ein schnelles Ende zu bereiten. Ueber die angedeuteten Greueltaten, Über das Verhalten Montenegros und Über die Kriegslage liegen folgende Meldungen noch vor:
Serbische Greueltaten.
Ende Februar kam serbisches Militär in das Dorf Schaschare. Nachdem alle Männer und Knaben des Ortes entfernt worden waren, vergewaltigten die Soldaten die Frauen und Mädchen des Dorfes. Dasselbe Verfahren übten serbische Soldaten im Dorfe Letmica. Es sei besonders hervorgehoben, daß sowobl S '-'hare als auch Letmica eine rein slawische und katholische Bevölkerung haben. Schaschare ist eine Ansiedlung von über hundert Familien. In 29 Dörfern des Karadag wurden 280 Eeböfte muselmanischer Albaner niedergebrannt. Alle männlichen Einwohner, die nicht die Flucht ergriffen, wurden getötet. In den Dörfern Trstenik, Senica, Vrban, Ngubina und Eeulekar wurden 288 Männer getötet. In Sefer wurde eine alte Frau gemeinsam mit ihrem katholischen Diener lebendig verbrannt. Das Elend der Bevölkerung ist groß. Im Dorfe Ngubina ist die Not bis zu dem Grade gestiegen, daß muselmanische Albaner Frauen an die überlebenden Mohammedaner um 400 Piaster als Eigentum und gewissermaßen als Sklavinnen verkaufen. In diesem Dorfe haben die Serben einen Mann, eine alte Frau und zwei Kinder lebendig verbrannt. In einem anderen Dorfe wurde einer schwangeren Frau mit einem Bajonett der Bauch aufgeschlitzt und fie in wiederzugebevd-r Weis- verstümmelt. In Presta erschoß ein Muselman eine Frau, deren Mann man weggeführt hatte. Die Serben brannten darauf das ganze Dorf, 90 Gehöfte, nieder. Die Grausamkeiten der Serben richten sich in gleicher Weise gegen Mohammedaner und Katholiken.
Zwangsbekehrungen.
Wien, 20. März. Wie die Abendblätter melden, ist am letzten Sonntage die Frist, die Montenegro in Dschakowa einigen wacht, fühlt fie noch immer die alte Liebe und das alte Erbarmen, Tränen in den Augen blickt fie auf den Stelzfuß nieder.
Beim Verlassen der Kirche wird alles bankweife hinausgeschoben Sie möchte mit den Armen das Gedränge teilen, um Raum zu schassen für den Mann an ihrer Seite, der sich nicht mehr auf zwei gesunden Beinen behaupten kann. Draußen sind fie noch immer zusammen, so schnell sich jetzt auch die Menge lockert und lichtet. Keins kann reden, und doch ist es nicht anders möglich, als nun nebeneinander den Kirchweg hinab» zuschreiten, durchs Dorf und weiter, wie damals in ihrer guten Zeit Nur manchmal erinnert sie der aufftoßende Holzfuß und die leise knav renden Riemen, daß etwas anders ist.
„'s Laufen ist dir jetzt schwergemacht, Ernst," sagte fie endlich.
„Ja, meint er, „aber man gewöhnt sich dran. Nur das ist komisch Matthä, immer hab' ich das Gefühl, als wär' der Fuß noch da. Ich geh« damit und spüre jeden Stein. Manchmal juckt sogar die große Zehe — bloß kratzen kann man sich nicht mehr daran."
Sie muß mitlachen. Dann gehen sie wieder ein ganzes Stück, schwel gend, in Gedanken versunken.
„Ernst," sagt fie bann, „du hast dein Bein nicht mehr, und ich hab jetzt ein Bübchen."
Er nickt: „Schon recht und ist auch was viel Eescheidteres. Uni wieder nach einer Weile: „Aber das Bübchen und die Mutter kann ick nicht mehr im Stiche lassen."
Er bleibt stehen und fieht fie schmunzelnd an.
„Du und dein Bübchen und deine Mutter und ich — das gäbe ew vierfaches Band. Wenn das nicht halten sollte!"
So kommen fie an das Haus hinterm Garten, wo das Peterwe« am Fenster auf der Mutter Heimkehr paßt. Nun kommt» aus der gesprungen, steht, stutzt und beschaut sich der Mutter einbecnigen Begleiter mit runden, verdutzten Augen. Auf einmal lachts und renn ihm entgegen. . . _ .. .
Dreie " nickt es ernsthaft, ebenso viel runde, rosige Klumps'.ngerchei emporhebend. „(Ein weißes für die Großmutter, ein rotes für die Mutte« und das von Schokolade für mich."
Die Mutter macht große Augen.
„Kennst du denn den Onkel?" fragt sie verwundert.
„Onkel?" macht der Kleine mit altklugem Gesichh „Nu freilich Mutter! Da» ist doch'» Ostermännchen."