Aweites Nlatt
Nr. 61
Donnerstag 13. März
Preußischer Landtag.
Stimmungsbild au» Vem Abgeordnetenhause.
Berlin, 12. März.
Eigentlich wollte man heute die letzte Sitzung ,or Ostern abhalten, aber erstens kommt eS anders und zweitens als man denkt. Tie Tagesordnung wurde noch nicht ganz erledigt, so datz morgen noch eine Sitzung staitfindet. Man gedachte daS, Kinderelend" und die „Bezirkshebammen" wortlos zu erledigen; da aber doch Wortmeldungen vorliegen, vertagte man diese Gegenstände bis jenseits der Ostern. Im übrigen bemühte man sich anfangs, rasch von der Stelle zu kommen. Nach kurzer Debatte wurde das Sekundärbahngesetz mit seiner 540 Millionen- Forderung an die Budge:kommtssion verwiesen. Mehr Zeit nahm allerdings die zweite Beratung des Etats des Finanzministeriums in Anspruch. Dabei wurde noch einmal der Fall Held ausführlich erörtert. Nach der Erklärung des Geheimrats Lewald hat die angestellte Untersuchung keinen Anlatz zu irgendeinem Einschreiten gegeben. Die Beratung der Ostmarkenzulage für bte preußischen Beamten brachte eine Fortsetzung der Polendebatte, in die auch Finanzminister Lentze eingriff, um sich gegen verschiedene von polnischer Seite erhobene Vorwürfe zu wenden. Bei der Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses machte die Genehmigung der Ostmarkenzulage keine Schwierigkeiten. Tann kam man zu den Altpensionären. Tie Redner aller Parteien waren darin einig, datz dem Notstände der Alrpensionäre abgeholfen werden mutz. Tas Centrum, die Nationalliberalen und die Fortschrittliche Volkspartei haben nun einen gemein- samen Antrag gestellt, der noch für diese Session rinen Gesetzentwurf verlangt, wonach für die bei oder vor der letzten Besoldungsreform in en Ruhestand ge retenen Staa sbeam.en und Leh- cer und ihren Hinterbliebenen sowie die Hinterbliebenen der vorher gestorbenen Beam'en und Lehrer ein Zuschutz zur Pension beziehungsweise zum Witwen- und Waisengeld in Form eines bestimmten Prozentsatzes gewährt wird. Durch einen Zusatz von den Nationalliberalen wird für die Durchführung dieser Vorschrift auch eine andere feste Grundlage zugestanden. Ter Finanzminister Tr. Lentze freilich wandte sich gegen die gesetzliche Festlegung der Altpensionen, doch wurde nach längerer Debatte der erwähnte gemeinsame Antrag mit dem nationalliberalen Zusatz und mit einem von den Konservativen gestellten Antrag, wonach die Zuwendungen auf :inen geringeren Betrag als 100 Mark nicht besessen werden dürfen, angenommen. Weitere Anträge, die noch auf der Tagesordnung standen, wurden auf morgen vertagt.
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Sitzungsbericht aus dem Abgeordnetenhanfe.
152. Sitzung vom 12. März.
Vizepräsident Dr. Porsch eröffnet die Sitzung am 11 Uhr 15 Minuten.
Der Gesetzentwurf für die Erweiterung des Stadtkreises Linden bei Hannover wird an die verstärkte Gemeindekommission verwiesen.
Tas neue Eisenbahnanleihegesetz sicht zur ersten Lesung. Es bringt 541 Millionen zur Erweiterung, Vervollständigung usw. des Eisenbahnnetzes; davon sollen 345 Millionen für sechs Hauptbahnen, elf Nebenbahnen, . Verbindungsbah
nen usw. neynrnrnr werven, iso Millionen zu? Vermehrung des Wagenparks, 7,5 Millionen für Kleinbahnen und anderes mehr. Die in der Vorlage nicht berücksichtigten Lokalwünsch« werden bis zur dritten Lesung zurückgestellt.
Minister v. Breitenbach gibt ein« kurze Begründung für einige Bauten.
Abg. v. Quast (kons.): Der Westen wird vor dem Osten zu stark bevorzugt. Ich beantrage lieber- Weisung an die Budgetkommisiion.
Abg. Dr. v. Lavigny (Str.): Die NebenbcHnen kommen sehr schlecht weg. Wir werden in der Kommission die einzelnen Petitionen genauer prüfen.
Abg. Dr. Maeco (ntl.): Ich halte es für er- treulich, datz namentlich Hauptbahnen für den Westen gebaut werden. Wir müssen von großen ®e sichtspunkten ausgehen.
Abg. Dr. Ehlers (Vp.): Besonders zu begrützen ist der Ausbau des Wagenparks. Der Wagenmangel war der Hauptgrund der dreitzigjcihrigen Misere. Allerdings sind 190 Millionen Mark zu wenig.
Die Vorlage gcht an die Budgetkommission.
Der Etat »es Finanzministerium».
Die Budgetkommission hat bet diesem Etat den ßlenum einen Beschluß unterbreitet, bei der Ge- vährung von Zuwendungen an Altpensionäre und teren Hinterbliebenen von der Erfordernis einet nes Antrages abzusehen, dann bei den Ruhegehäl ’n bis " 500 Mark und entsprechenden Witwengel ,ern von der Voraussetzung Der Notwenvtykett etner Zuwendung auszugehen, und schlietzlich bet der Bemessung von Zuwendungen an altpensionierte Leh- cer Die Aenderungen deS neuen LehrerbesoldunaSge- setzes zu berückstchtigen. Ferner wird ein Nachtragsetat für Teuerungszulagen an kinderreich« Unterbeamte a!fer Verwaltungen verlangt.
Aba. M.zerSki (Pole) fordert die Beseitigung der Ostmartenzulagen.
Abg. Dr. Friedberg (ntl.): Unsere Bedenken gegen die Ostmarkenzulagen sind durch die Handha- ung durchaus zerstreut worden. Die Polen betonen immer, datz sie die Zulagen für wtderruflich halten und sie deshalb wegen der KorruptionS- gefahr bekämpfen: aber im Reichstage, wo die Un= Widerruflichkeit festgelegt worden ist, haben sie gegen die Vorlage gestimmt. Ich komme nun auf den Fall Held zu sprechen, den Dr. Hahn vor einiger Zeit beim Präsidenten der Lotteriedirektion zur Sprache gebracht hat. Ich stelle fest, datz die national« liberale Reichstagspartei sich schon früher mit der Sache befaßt hat, datz aber ein Verschulden deS Abg. Held nicht festgestellt werden konnte.
Präsident der Lotteriegeneraldirektion Le»«ld: Die Untersuchung gegen Herrn Held hat kein positives Ergebnis gehabt. Nachher sind kein« Beschwer' den an Die Generaldirektion gekommen.
Abg. Dr. Friedberg (ntl.): Es lag unS daran, fesizustellen, datz unsere Parteifreunde loyal vorgegangen sind und die Sache geprüft haben, ohne auf Herrn Dr. Hahn zu warten.
Geheimrat Lewald: Wir sind nicht nur dazu da, unsere Beamten zu kontrollieren, sondern auch zu schützen. Gegen Herrn Held sind nur ein paar Zeitungsausschnitte eingeschickt worden, wir Haber uns mit der Sach« befaßt, bad Resultat war ein „non liquet*.
Abg. Borchardt (Soz.): Wir müssen Protest er» heben gegen Positionen, über die nicht genügend Rechenschaft gegeben wird, und die zur Unterdrückung des Polentums verwendet werden. Es sind im ganzen sechs Millionen, also keine Kleinigkeit. Vielleicht wird das mal anders, wenn ein deutscher Prinz mit einer polnischen Prinzessin verheiratet wird.
Slbg. v. Trampezhnsfl (Pole): Die Beamten werden Wahlen schon gematzreaelt. rvenn Ile Jiä
bloß u?r TEttnrme enthalten. Die Opmarkenzulägt ist ein Korruptionsfonds.
Abg. Dr. Fri^berg (ntl.): Die Ostmarkenzulage ist eine billige Entschädigung der Beamten für pol nische Anfeindungen. Hum Fall Held möchte ich noch bemerken, ban in der blösten Rede deS Abg. Hahn doch kein Anlast zu einer neuen Untersuchung liegen konnte.
Abg. Borchardt (Soz.): Im Osten würde sofort Ruhe eintreten, wenn die Regierung endlich einmal mit der Unterbrückungspolitik gegen bie Polen Schluß machen wollte. Die Polen sind ja so gute Christen und der preußische Staat auch. (Abg. R a m b o h i ruft: Sie haben ja keine Ahnung vom Christentum!) Ich stelle fest, batz der Pfarrer Ramdohr, wenn ich den Geist des Christentums in der Versöhnung suche, sagt, daß ich keine Ahnung vom Christentum besitze.
Finanzminister Dr. Lentz«: Richt die Regierung peitscht das Volk auf, sondern diejenigen, die die Maßnahmen entstellen. Mir hat man sogar nachgesagt, ich hätte die Polen mit Verbrechern auf eine Stufe gestellt. Ich habe nur gesagt: Wenn dem Staate verboten werden soll, gegen die Polen Steuermittel aufzuwenden, die auch von ihnen selbst mit aufgebracht worden sind, so ist das keine Logik. Dann Dürfte man ja auch keinen Verbrecher ins Ge- sängnis stecken, weil er bisher Steuerzahler war. Wir haben keinen Hatz gegen die Polen: aber ihr Verhalten ist eine direkte Gefahr für die Existenz des Staates. Mären die Polen loyale Preutzen, so wäre die Ostmarkenfrage längst gelöst. Zeigen Sie mir eine einzige Position im Etat, die der Unterdrückung dient. (Gelächter.) ES ist eine Verdrehung des Abg. Borchardt (Zwischenruf d«S Abg. Borchardt.) Also sagen wir, eine eigenartige Interpretation. (Abg. Borchardt: Er kann sich also auch besser ausdrücken! — Große Unruhe. — Stufe: Ruhe!) Ich mutz bie Vorwürfe des Abg. Bor- thardt entschieden zurückweisen. (Lebhaftes Bravo! ced)t8.)
Nach weiteren kurzen Ausführungen der Abgg Sroitala (Pole), Dr. Friedberg (ntl.) und Borchardt (Soz.) geht die Beratung auf Die Resolution über die
Alttzensiouilr« über.
Abg. v. Goslar (kons.): Die von der Regierung vorgelegten Grundsätze genügen nicht. ES soll nicht erst eines Antrages bedürfen. Die Pension soll kein Almosen sein. Di« Regierung soll selbst prüfen, wer in Frage kommt. Kein alter Beamter soll an der Gerechtigkeit Preußens verzweifeln.
Abg. Dr. v. Savignv (Str.) begründet den Cen- trumSantrag in seiner fpe*tetl:n Tendenz, den die Budgetkommission in ihre Resolution mit hineinge- arbeitet hat. ES ist doch von großem Wert, daß eine gesetzliche Regelung schon jetzt erfolgt. Vielfach können bte Unterstützungen nicht gezahlt werden, weil Die Mittel dazu fehlen. An Etatsüberschreitunger wirb baS Haus in biefen Fällen ja keinen Annof tehmen, aber es ist doch grundsätzlich eine bebenffi*« Jach«. DaS schlimme ist fa, daß man die Srsül. lung deS Bedürfnisses so lange Fahr« hat anstetzen lasse». Das Schützen gegen Notlage» muß dauernd geschehen, nicht nur zmtweilig.
Abg. Dr. SchrSver-Kassel (ntl.): Die Unter» stützungsbedürstigkeit hat sich gegen da» Vorjahr erheblich gesteigert, aber die Behörden verstoßen gegen diese Grundsätze, Pensionäre, bie jährlich 26 Mark bekommen, sollen an bie Behörben Mitteilung machen, ob sie vielleicht einen kleinen Rebenverbienst haben.
Finanzminister Dr. Lentz«: Die Wünsche der Mit» Pensionär« liegen der Regierung sehr am Herzen, aber bie gesetzliche Festlegung Der Erhöhung der Altpensionen würbe auf Abwege führen. Durch eine neue Wesolbunüsorbnuna mit rückwirkenber Kraft
aucg rar Die nacht metye aktiven Beamten wurde« die Schwierigkeiten wesentlich verstärtt.
Abg. Biereck (freit.): Wir werden für bte Anträge auf gesetzliche Festlegung stimmen.
Aba. TrliuS (Bp.): Auch wir verlangen ebw gräßliche Regelung.
Abg. StrSdcl (Soz): Eigentlich sollten bte AU» Pensionäre den Neupensionären gleichgeiielft werbe». Jedenfalls verlanaen wir gesetzliche Regelung.
Centrum, Nationalliberale und BosiSpartet hoben einen gemeinsamen Antrag gestellt, Der noch für diese Session einen Gesetzentwurf verlangt, mH Zuschuß zur Pension und zum Witwen- und Waisengeld in Form eines bestimmten Prozentsatzes. Tie Nationalliberalen wollen für die Durchführung dieser Vorschrift auch eine andere fest« Grundlage zu- gestehen. Dieser Antrag wird nrit dem von den Konservativen gestellten Anträge, daß die Zuwendungen nicht weniger alS 100 Mark betragen sollen, angenommen. So abgeändert, wird bie Resolution der Budgetkommission angenommen.
Weitere Anträge der Volkspartei und deS Zentrums fordern zu gunsten fester Lergütigungen an kinderreiche Beamten samt lten die Verringerung bes Remunerationsfonds. Das Zentrum beantragt Erziehungsbeihilfen, bie Konservativen Teuerungszu- lagen für kinberreiche llntefbeamte.
Finanzminister Dr. Lentze wendet sich gegen dies« Anträge, Die eine Abänderung bet bestehenden Besoldungsordnung bedeuten.
Das HauS vertagt sich.
Donnerstag 10 Uhr: Fortsetzung.
Schluß 6 Uhr.
Sitzungsbericht aus »em Herrenhaus«.
— Berlin, 12. März.
Die preußische erste Kammer trat nach langet Pause heute wieder zu einer Sitzung zusammen. Auch hier fand zunächst eine Jahrhundertfeier statt, indem der Präsident v. Wedel in kurzen Worten jener glorreichen Zeit gedachte und zum Schluß ein Kaiserhoch ausbrachle. Das stark besetzte Haus stimmte dreimal in den Ruf ein und ehrte bann bas Andenken der verstorbenen Mitglieder in üblicher Weise. Bei der Beratung des Gesetze» über den
Besuch ländlicher Fortbildung-schule» flammte der alte Streit über den ReligioaSnntev» riqt in den Fortbildungsschulen erneut auf. Besonders Kardinalfürsibischof Dr. v. Kopp bedauerte, baß bec Entwurf bte religiöse Fortbilbung nickt berück- sichtig«, unb erinnerte baran, daß die Kirch« bte erst« Jugendpflegerin gewesen sei. Oberhoipredi- ger Dr. Dhrander hält die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichtes in den FortbübungS- schulen nicht fttr angebracht, meint bagegen. ban bet Geist ber angemanbten Religion unb der praktischen Et HÜ ben ganzen Unterricht burd>bringen müsse. Schließlich tourbe bie Vorlage in ber Fassung bes Abgeordnetenhauses angenommen, desgleichen eine slyjg, s.r ajq sitzmjar öun-zzSsjg aiq »,q ‘uoynjaJajg Fortbildung der Konsession in einer dem reiferen Alter und ben Verhältnissen ber Zeit entsprechenden Form zu veranlassen. Ein Antrag des Kardinals KotP, an Sonntagen keinen Unterricht abzuhalten, wurde abgelegne Dann kam man zum
64,1 ppinonopolgesetz
auf dem Rhein-Weser- unb Lippe-Kanal. Hierbei setzte eine längere Debatte ein, bei ber es sich hauptsächlich um bte Ausbehnung beS Schleppmonopols hanbelte. Vergeblich wandten sich aber ber Dort- munber Oberbürgermeister Dr. Eichhoss, Fürst zn Salm-Horstmar unb Tr. Freiherr v. Lanbsberg- Steinfurt hiergegen. Der Gesetzentwurf würbe mit ben Abänberungen bes Abgeorbnetenhauses angenommen, bazu noch eine Resolution über Kanalabgaben unb Schlepplohn. Dann vertagte sich baS Haus auf Donnerstag zur Beratung kleiner Vorlagen unb Petitionen.
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Gewagtes Spiel.
Roman von C. Teutgen-Horst.
30 lFortietzung )
Er war ausgeftiegen unb ging, eine Zigarre rauchend, vor dem Conpee auf und ab, als plötzlich eine ihm nur zu wohl bekannte Stimme seinen Namen rief. Erstaunt wandte er sich um und — erblickte Martine Longa, -etzi Fürstin Warschinsky, am Arm ihres Mannes auf sich zukommen.
Sie sah strahlend heiter aus und war sehr elegant, wenn auch ein wenig ausiallenv gekleidet.
„Grüß Gott! Graf Reinstein. Welch ein reizender Zufall, daß wir uns I)iei treffen!' tief sie, ihres Mannes Arm loslaffend und ihm beide Hande entgegenstreckenb.
Er war im ersten Augenblick so überrascht von dieser plötzlichen Begegnung, daß er gar keine Worte fand, und nur mechanisch, als gehorchte er einer bloßen Form der Höflichkeit, erwiderte et ihren freundlichen Gruß. Matline aber half ihm gewandt über die erste Verlegenheit hinweg, indem sie sich den Anschein gab, als ob sie als bie besten Freunde der Welt von einander geschieden wären. Und Fürst Warschinsky stand daneben und beobachtete mit stolzem Lächeln auf dem verlebten, alten Gesicht jedes Wort und jede Bewegung seiner schönen Frau.
„Sie sind wie wir auf der Hochzeitsreise? O bitte, bester Graf, manchen Sie mich mit ihrer jungen Frau bekannt! Ich brenne darauf, sie kennen zu lernen", klang Marlinens helle Stimme an Feodoras Ohr.
Sie hatte am offenen Fenster gestanden, als das auffallende Paar auf dem Bahnsteig erschien, sich aber schleunigst zurückgezogen, als sie sah, daß die schöne Tarne am Arm bes vornehmen, alten Herrn ihren Mann «kannte, unb ihn mit so vertrauter Herzlichkeit begrüßte. Durch den Vorhang geschützt, konnte sie von ihrer Ecke aus die vor dem Coupee stehende Gruppe ganz deutlich beobachten.
Als die Dame den Wunsch äußerte, sie kennen zu lernen, hatte sie das Gefühl, als müßte sie sich dieser Vorstellung entziehen und schnell in ein anderes Coupee flüchten, aber die Antwort ihres Mannes hindette sie daran.
„Bedauere sehr, Fürstin, Ihrem Wunsche nicht nachkommen zu können. Meine Frau ist des Reisens noch ungewohnt und klagte vorhin über Kopfweh — ich möchte ihr gern jede Aufregung fernhalten."
„Schade!" lautete die Antwort. „Ich hätte mich wirklich aufrichtig gefreut. Wohin reisen Sie denn? — An die See! — Das haben Sie besser überlegt als wir. Wir fuhren zuerst nach dem Süden, aber die unerträgliche Hitze änderte unseren Entschluß und trieb uns nach dem Normen. Wie wäre es übrigens, wenn Sie sich uns anschlössen? Ach ja, — lasten Sie Rügen und kommen Sie mit uns nach Kopenhagen! Von dort aus machen wir dann einen gemeinsamen Ausflug nach der norwegischen Küste. Kannst du dir das nicht reizend denken, Ivan?" fragte sie, sich schmeichelnd an den Arm ihres Mannes hängend. Aber besten Gesicht zeigte trotz des verbindlichen Lächelns eine so eisige Abwehr, daß sie ihre Bitte nicht zu wiederholen wagte. Sie lachte plötzlich hell auf und sagte dann, ihren Kopf zärtlich an des Fürsten Schulter schmiegend: „Ich scherze selbstverständlich ja nur, Graf — auf der Hochzeitsreise kann man die Gesellschaft anderer entbehren, nicht wahr, Ivan?"
Ueber das hagere, gebliche Antlitz des Fürsten flog ein malitiöfes Lächeln. „Denn wollen wir aber dem Grafen unsere Gesellschaft nicht länger aufdrängen, meine Liebe — zudem geht unser Zug in wenigen Minuten", sagte er.
„Viel Glück auf die Reise, Graf Reinstein, unb auf Wiebersehen!" hotte Feodora noch einmal die Frauenstimme rufen, bann war es still.
Sie sprang auf unb stellte sich wieder an das geöffnete Fenster. Da stand ihr Mann unb sah mit Augen, beten Blick sie nicht zu beuten vermochte, dem dahi»eilenden Paar nach. Der Ausdruck seines Gesichtes frappierte sie. Diese zrisamme,'.gepreßten Lippen, diese finsteren Brauen — in welchem Zusammenhänge standen sie mit der strahlend schönen Erscheinung jener Frau?
Ohne sich bemerkbar zu machen, setzte sie sich wieder in ihre Ecke. Es widerstrebte ihr, ihm zu zeigen, daß sie ihn beobachtet hatte.
Einige Minuten noch stand Graf Kurt wie in Gedanken verloren. Dann ging ein verächtliches Zucken über sein Antlitz. „Widerlich — sich diesem Kecken zu verkaufen, dieser lebenden Mumie!" flüsterte er. Sein Herz war vollständig ruhig.
Als er eingestiegen und seinen Platz Feodora gegenüber wieder eingenommen hatte, fragte er, ob sie gesehen, daß er Bekannte getroffen hätte. Sie nickte nur und erkundigte sich dann wie beiläufig nach bei Namen.
„Fürst Waschinsky unb Frau", antwortete er zögernd. Aber gerade dieses Zögern reizte sie.
„Warum sagtest du der Tarne, daß ich Kopfschmerzen hätte?" fragte sie. „Verzeih die Luge — ich glaubte, dir läge wenig daran, Bekanntschaften zu machen, und —"
„Und —? forfchte sie, als er schwieg, ihn mit ihren klaren Augei fest ansehend.
„Zch hatte auch nicht Lust, dich mit ihr bekannt zu machen."
Ein heißes Rot färbte ihre Wangen. „Warum —? Schämst du diH bereits der „bürgerlichen" Frau?"
„Feodora — ich bitte, keine falschen Verdächtigungen! Ich wünsche diesen Umgang für dich nicht, und du wirst mir wohl gestatten, meins Gründe für mich zu behalten."
„Bitte, ganz wie du willst — ich bin nicht neugierig“, antwortet# st«, und damit war das Thema erledigt.
Gegen vier Uhr nachmittags trafen sie in Stralsund ein, und bet zweistunbige Aufenthalt würbe zu einem Spaziergang durch bte berühmte, alte Stabt benutzt, an welcher ber gefürchtete unb gewaltig# Wallenstein einst vergebens fein Pulver verfchoffen hatte.
Die vielen altertümlichen Häuser mit ben spitzen, nach bei Straß« zu gelegenen Giebeln, bas im gotischen Stil erbaute schöne Rathaus, bie alten, prachtvollen Kirchen unb besonders das Haus, vor dem der tapfere Major von Schill bei der Verteidigung der Stadt gegen bie Franzosen im erbitterten Straßenkampfe ben Heldentod gefunden hatte — das alles machte auf Feodora einen tiefen Eindruck, und mit geheimer Bewunderung erkannte Graf Kurt, daß feine junge Frau nicht nur eine» großen Schatz von Kenntnissen ihr eigen nannte, sondern auch eine sehr leichte Auffassungsgabe, eine richtige und schnelle Urteilskraft und besonders eine für alles Schöne und Edle sich begeisternde Seele befaß.
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