Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gespalten« Zeil« oder .Q cy t deren Raum 15 4. bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 4. für 4Ö»
1918
Erites Blatt
sein wird, auf der der Dreibund beruht.
— Ein Konflikt zwischen den Berliner Brauereien und Tastwirtrn. Di« Berliner Brauereien hatten beschlossen, für den Fall der Einführung der Berliner Biersteuer die Vierpreise zu erhöhen. Dies hat zu einem Konflikt zwischen den Brauereien und den Gastwirten geführt. Die Großberliner Dastwirte-Organisationen haben mit einer Erklärung des Inhalts geantwortet, daß die Gastwirte nicht in der Lage und nicht gewillt seien, den Konsumenten eine weitere Erhöhung des Bierpreises zuzumuten, sie selbst seien aber angesichts der jetzt schon drückende« Steuerlast nicht in der Lage, höhere Preise zu zahlen. Gin gemeinschaftliches Zusammenarbeiten mit den Brauereien erscheine unter den gegebenen Umständen unmöglich. Di« Gastwirt« müßten deshalb ihr« eigene« Wege gehen und den Kampf um ihre Existenz führe».
Marburg
Dienstag 7. Januar
Reklamen die Zeile 60 4. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt al» Barrabatt. — Zahlungen unter Rr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
i. h
Die „Oberhessische Zeitung- erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Poft bezogen 2.25 M (ohne Bestellgelds, bei unseren Zeitungsstellen 2— M frei ins Haus. — Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch sInh.: Dr. C. Hitzeroths, Markt 21. — Telephon 55.
Ausland.
• • Die Kaiserkrönung in Japan. Tokio, 4. Ian. Gerüchtweise verlautet, daß dir Krönung des Kaisers im November stattfinden werde. Dafür spreche die Tatsache, daß di« kaiserliche Hofhaltung in Tokio und Kioto eifrige Vorbereitungen trifft. — Der „Dschidschi Schimbo" erfähtt aus maßgebender privater Quelle, daß der Kaiser nach der Krönung einen alten Lieblingswunsch ausführen und Europa besuchen werde. Er werde di« Reise auf einem Kriegsschiff machen.
• • Der Thronfolger von Rußland in Mentone. Paris, 6. Jan. Den Blättern wird aus Nizza gemeldet, daß der Zarewitsch gestern abend in strengstem Inkognito in Mentone eingetroffen sei.
• • Setzerausftand. Amsterdam, 6. Ian. In etwa 20 Druckereien brach ein Ausstand der Setzer aus, die den neuen Lohntarif fordern. Die Zeitungen „Standard" und „Amsterdammer" können nicht erscheinen. Der Ausstand dehnt sich wahrscheinlich in einigen Tagen auch auf andere Druckereien aus.
# # Marokko. Paris, 6. Ian. Zu dem neuerdings in der Gegend von Mogador ausgebrochencn Aufstand der marokkanischen Stämme meldet die „Agence Haves", daß El Hiba seinen Stellvertreter mit etwa 3 bis 4000 Mann zu dem Kaid Anflus entsandt habe. Die aufstän- dischen Streitkräfte lagern im Gebiet der Meskufastämme. Eine französische Kolonne vertrieb am 31. Dezember an 300 marokkanische Aufrührer aus der Feste von Karkos bei Mogador, doch signalisierten zwei Militärflieger, die das Tagidirttal überwachen, drei Tage später eine Ansammlung von Aufständischen etwa 2 Kilometer vom Lager der Franzosen. Infolge der Unruhen wurde am 30. Dezember über Mogador der Belagerungszustand verhängt, doch wurde er am 2. Januar wieder aufgehoben.
*• Ein weiblicher Präsidentschaftskandidat. Damit es an Belustigung bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich nicht fehle, hat, wie der „Post" au» Paris gemeldet wird, eine Führerin der Pariser Frauenrechtlerinnen, Fräulein Marie Denizard, gestern ihre Kandidatur für die höchste Würde der französischen Republik angemeldet. Obgleich in den Gesetzesartikeln der französischen Verfasiung stets nur von einer männlichen Persönlichkeit als Präsident gesprochen wird, fehlt doch eine ausdrückliche gesetzliche Bestimmung, wonach nur der Mann mit der höchsten Würde der Republik bekleidet werden könne, und überdies hätte die Nationalversammlung in Bersailles das Recht, auch die Wahl einer Frau zum Oberhaupt« der Republik durchzusetzen. Fräulein Denizard, die, nebenbei bemerkt, eine sehr hübsche junge Person ist, begründet ihre Kandidatur u. a. damit, daß auch die Niederlande von einer Frau beherrscht würden, die sich ihrer Aufgabe durchaus würdig zeige. Selbstverständlich handelt es sich bei der Kandidatur des Fräulein Denizard nur um eine Kraftprobe der Pariser Frauenrechtlerinnen, allein es wird doch nicht uninteresiant sein, aus der Anzahl der abgegebenen Stimmen zu ersehen, wieviel Franzosen den Wunsch haben, sich auch auf dem Gebiete der Politik unter den Pantoffel zu stellen.
“ Die Panamakanalfrag«. Newyork, 4. Jan. In seiner Rede auf -bem Diner des internationalen Friedensformus führte Präsident Taft aus: Es bestehe kein Zweifel, daß er im gegebenen Zeitpunkt die Panamakanalftage vor ein unparteiisches Schiedsgericht bringen werde. Er sei gewillt, die Angelegenheit mit Großbritannien schiedsgericht- lich auszutragen, sobald man zu dem springenden Puntt gekommen sei. Gerade jetzt sei er für schiedsgerichtliche Erledigung. Der Augenblick, wo man fürchtete, daß man nicht gewinnen werde, sei eine Prüfung für den guten Glauben an das Schiedsgericht. Der Präsident tadelte mit lebhaften Worten den Senat wegen der Rolle, die er bei der Ablehnung der geplanten Schiedsgerichtsverträge mit England und Frankreich gespielt habe.
“ Abschluß der Eov-dongaangelegenheit. Mexiko, 5. Ian. Di« Untersuchung in der Eovadongaangelegenheit ist abgeschloffen. Die Entscheidung des Spruchgerichts wird voraussichtlich in visrzchn Tageg erfolgen.
•* China. Tfchifu, 6. Jan. Infolge von Unregelmäßigkeiten bet der Soldzahlung kam es hier zu schweren Ausschreitungen der Soldaten, die in den Straßen schaffen. Dabei wurden 32 Leute getötet und General Yin schwer verwundet. Mehrere chinesische Banken sind geplündert und einige Häuser angezündet worden.
werden. Der Botschafter Jagow hinterläßt bei uns ein Andenken an seine Person und sein Werk, das bei den Italienern nicht so leicht verwischt werden kann. Und das ist es, was uns allein für den Verlust unseres Gastes entschädigen kann, daß die Person des neuen deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen uns eine Garantie ist, daß die auswärtige Politik des verbündeten Staates immer mehr von dem Geiste warmer Freundschaft durchdrungen
Deutsches Reich. -
— Ein Armeebefehl. Berlin, 6. Jan. Der Kaiser erließ folgenden Armeebefehl: Mein Eeneraladjutant, Eeneralfeldmarschall Graf v. Schlieffen, ä. la suite des Eeneralstabs der Armee und des Ersten Earde-Ulanen-Regiments, ist aus einem an Arbeit und Er- folgen reichen Leben durch Gottes Fügung abberufen worden. Ich beklage tiefbewegt das Hinscheiden des bedeutenden Mannes, der in fast 60jähriger Dienstzeit Mir und Meiner Armee in Krieg und Frieden die vortrefflichsten Dienste geleistet hat, insonderheit in der verantwortungsvollen Stellung als Chef des Eeneralstabs der Armee, die er nahezu fünfzehn Jahre lang bekleidete; fein großzügiges Wirken in dieser Zeit wird unvergessen bleiben; die Wissenschaft, die seinen bis in das hohe Alter fortgesetzten kriegsgeschichtlichen Forschungen viel verdankt, erleidet einen herben Verlust. Um das Andenken des Eeneralfeldmarschall» zu ehren, den Meine warme Anerkennung zur letzten Ruhestätte geleitet, bestimme ich: 1. Sämtliche Offiziere der Armee legen drei Tage Trauer an; 2. bei den Offizieren des Eeneralstabs der Armee und dem Ersten Earde-Ulanen-Regiment währt die Trauer acht Tage; 3. an den Trauerfeierlichkeiten in Berlin haben teilzunehmen: a) der Chef des Eeneralstabs der Armee, b) der Oberquartiermeister, c) die Eeneralstabsoffiziere des Standorts Berlin, d) eine Abordnung des Ersten Earde-Ulanen-Regiments, bestehend aus dem Kommandeur, einem Rittmeister und einem Oberleutnant oder Leutnant; 4. die Trauerparade ist nach den Festsetzungen der Earnisondienst-Vorschrift zu gestellen. — Neues Palais, 4. Januar 1913. Wilhelm.
— Eine Reife des Erotzherzogs von Oldenburg nach dem Mittelmeer. Oldenburg, 6. Jan. Der Eroßherzog reist am 15. Januar auf seiner Dampfjacht „Lensahn" auf ärztlichen Wunsch nach dem Mittelmeer, um sich von den hartnäckigen Folgen einer Influenza zu befreien. Die großherzoglichen Kinder schließen sich später in Venedig an.
— Eeneralfeldmarschall Freiherr v. d. Goltz sollte nach Presse- Meldungen sich mit Rücktrittsgedanken tragen. Diese Nachricht wird jetzt dementiert. Es wird erklärt, daß der Eeneralfeldmarschall in nächster Zeit ein Abschiedsgesuch nicht einreichen werde.
— Dom Zweckverband Groß-Berlin. Berlin, 6. Ian. Der Zweckverband Eroß-Berlin trat dem Anträge seiner Kommission bei und erklärte die Wahl des Staatssekretärs Dernburg für un- giltig.
— Kollision. Kiel, 6. Ian. Heute abend gegen 6 Uhr kollidierte vor Friedrichsort der Kreuzer „Straßburg" mit dem dänischen Dampfer „Christian IV.“ Es verlautet, daß mehrere Personen verletzt sind. Beide Schiffe befinden sich gegenwärtig aus dem Wege nach dem Kieler Hafen. Einzelheiten fehlen noch.
— Französische Werber. Metz, 6. Jan. Die Polizei Gahm gestern fünf Personen fest, darunter eine Frauensperson, die Werber für die Fremdenlegion waren. Die Werber durchzogen als Seifen- und Parfümeriehändler hausierend Elsaß-Lothringen und hatten in letzter Zeit ihr Absteigequartier in einer Metzer Wirtschaft. Sie boten den deutschen Wehrpflichtigen 350 Franks, wenn sie sich verpflichteten, mit ihnen nach Frankreich zu fahren und sich dem nächsten Werbebüro zu stellen.
— Neujahr beim Fürsten Bülow. Der „Köln. Zig." wird aus Rom geschrieben: Ein Nenjahrsempiang in der Villa Malta vereinigte am 1. Januar, wie auch vor Jahresfrist, eine große Zahl der in Rom lebenden Deutschen als Gatte des Fürsten und der Fürstin von Bülow. Von 10 Uhr an füllten sich die kostbar ausgestatteten Festräume der Villa, die im 18. Jahrhundert Goethe, Herder, und die Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar in ihrem Schatten geseben und im 19. Jahrhundert einer langen, glänzenden Reihe deutscher Künstter wie ihrem Gönner Ludwig I. von Bayern als Heim gedient hat, mit den Damen und Herren der deutschen Gesellschaft. Das Fürstcnpaar empfing mit der wohlbekannten Herzlichkeit seine Gäste und tauschte mit ihnen freundliche Neujahrswünsche aus; beide waren in beneidenswerter Frische und unermüdlich in der Erfüllung ihrer gastlichen Pflichten. Die deutsche Diplomatie war vollzählig vertreten, mit Ausnahme der in Trauer befindlichen Bayern; der neue kaiserliche Konsul mit Gemahlin, die Leiter der wissenschaftlichen Institute des Reichs und Preußens, zahlreiche Gelehrte und Künstler, Journalisten, manchs vornehme Romreisende und alles, was in der deutschen Kolonie Roms einige Bedeutung hat, brachten freudig dem Fürsten und der Fürstin die besten Wünsche zum neuen Jahre dar. Nach 11 Uhr wurde unten in der prächtigen Halle und den Nebenräumen an kleinen Tischen gespeist, während von der Loggia des ersten Stocks eine gedämpft« Tafelmusik ertönte, ohne die Unterhaltung zu stören. Erst nach Mitternacht verließen die Gäste mit herzlichem Dank den schönen Ruhesitz des vierten Reichskanzlers, der mit echt deutschem Herzen aus der historischen Villa Malta wieder den vornehmsten Brennpunkt deutscher Geselligkeit in der Ewigen Stadt gemacht hat.
— Kein Rücktritt des Eeneralfeldmarschall» Freiherr« e. d. Goltz. In einem Teil der Presst wurde in den letzten Tagen die Nachricht verbreitet, Eeneralfeldmarschall Freiherr v. d. Goltz habe um seinen Abschied nachgesucht und dieser sei ihm vom Kaiser ohne weiteres bewilligt worden. An diese Mitteilung wurden weitgehende Einzelheiten über die Gründe zu diesem Rücktritt geknüpft. Wie demgegenüber mittgeteilt wird, entspricht die Nachricht von dem Rücktritt des Freiherrn v. d. Goltz ebenso wenig wie die Vermutungen über irgend welche Gründe, die zum Rückttitt führen könnten, den Tatsachen. An maßgebender Stelle ist weder von einer Rücktrittsabsicht des Eeneralfeldmarschall», noch von einer bereit» erfolgte« Bewilligung eine» Abschiedsgesuche» etwa» bekannt.
Marburg und Umgegend.
Nachdruck aller Orginalartikel ist gemäß § 18 des Urheberrechts nur mit der deullichen Quellenangabe „Oberheff Ztg." gestattet)
Marburg, 7. Januar.
* Akademischer Gottesdienst findet am nächsten Sonntag, ben 12. Januar morgens in der reformierten Stadt- und Universitätskirche statt. Die Predigt hält Prof. Dr. Simons.
* Landes-Versicherung. Der Herr Landesversicherungsinspektor Siebert in Marburg, Biegenstraße 21, Erdgeschoß, gibt an jedem Sonnabend von 8—1 Uhr und von 4—6 Uhr in Sachen der Invaliden-, Alters- und Hinterbliebcnen-Versicherung unentgeltlich Auskunft. Schriftliche Anfragen können jederzeit an ihn gerichtet werden.
* Eisenbahnunfall. Gestern früh wurde von hier aus eine Lokomotive nach Wallau beordert, weil dort eine solche au» den» Geleise geraten war.
* Vom Kaufmanns- und Gewerbegericht. Der Iahresübersicht über diese beiden Gerichte entnehmen wir folgendes: Beim Kauf« ckannsgericht lagen 15 von Gehilfen und Lehrlingen anhängig gemachte Klagen vor. Davon endeten je 5 durch Vergleich obet Zurücknahme und die übrigen 5 durch andere Endurteile. Der Wert des Streitgegenstandes betrug in je einem Falle 20—60 und
mti Dem Kreisblatt für die Kreise Marbmg und Kirchham
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Mrs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
Der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amtes
An Stelle des so plötzlich verstorbenen Staatssekretärs des Auswärtigen v. Kiderlen-Wächter ist, wie bekannt, der bisherige Botschafter in Rom, Gottlieb Eugen Günther v. Jagow zum Leiter der deutschen Auslandspolitik ausersehen worden. Der neue Staatssekretär des Auswärtigen — ein entfernter Verwandter des Berliner Polizeipräsidenten — ist als Sohn des Erbfägermeisters der Kurmark Brandenburg am 22. Juni 1863 zu Berlin geboren und ist unverheiratet. Die Familie gehört zu den ältesten der Uckermark, die bereits 1395 einen Statthalter Hans von Jagow besaß. Seit 1892 gehört Herr v. Jagow dem Korps der deutschen Diplomatie an und wird als liebenswürdiger, vornehmer und gewandter Weltmann geschildert. Fürst Bülow liebte es seinerzeit bereits, Herrn v. Jagow als den FäPgsten unter dem jüngeren diplomatischen Nachwuchs zu bezeichnen. Während seiner Studienjahre in Bonn gehörte der neue Staatssekretär gleichfalls dem Korps der Boruffen an, von denen bereits viele Karriere machten, und welchem Korps viele Fürstlichkeiten angehörten. Auch Kaiser Wilhelm trug bekanntlich 1878 die Farben 'der Borussia und hat als Alter Herr an vielen Feiern derselben teilgenommen.
Die Ernennung des neuen Mannes hat nicht lange auf sich warten lasten, aber doch immerhin zwei Tage länger, als man zunächst in Aussicht genommen hatte. Diese kleine Verzögerung ist, wie man wohl annehmen darf, darauf zurückzufllhren, daß der bisherige Botschafter des Deutschen Reichs am italienischen Königshofe, Herr v. Jagow, ernste Zweifel hegte, ob seine Gesundheit den Anforderungen genügen würde, die der Ruf des Kaisers und des Kanzlers für ihn bedeuteten. Rein menschlich betrachtet kann man sich ja gewiß überhaupt etwas Angenehmeres denken als so eine Staatsdepesche, die ^«»«'Botschafter von den Ufern des Tiber oder auch der Donau, Newa oder Seine nach Berlin beruft, und als der nachmalige Reichskanzler, Bernhard v. Bülow, den Palazzo Caffarelli am Capitol mit der Dienstvilla an der Königgrätzer Straße in Berlin vertauschen sollte, da hatte bekanntlich sein französischer Koch das Gefühl, daß seine Herrschaft ins Elend geraten sei, weshalb ihn der Kaiser, den diese rührende Teilnahme außerordentlich erheiterte, immer „Monsieuer Misöre" nannte.
Es liegt auf der Hand, daß die Berufung zur Nachfolge des Herrn v. Kiderlen-Wächter einer der größten und ehrenvollsten Vertrauensbeweise ist, den der Kaiser und der Reichskanzler zur Zeit erteilen können. Es liegt ferner nahe, anzunehmen, daß die politische Tätigkeit des Herrn v. Jagow im Jahre des Tripolis- kriegs und der Dreibunderneuerung ihn den maßgebenden Stellen als den geeigneten Mann für diese wichtige Aufgabe hat erscheinen lasten. Der Botschafter des Deutschen Reiches beim Quirinal mußte gerade während dieses Jahres aufs gründlichste insbesondere in die Orientfrage eingearbeitet sein, die gegenwärtig die europäische Politik beherrscht und beunruhigt. So ist anzunehmen, daß Herr v. Jagow in der Tat in sein neues Amt außer seiner allgemeinen Qualifikation die besonderen Kenntniste mitbringt, die es vor allem erfordert, und so ist denn auch die Aufnahme, welche die Nachricht von seiner Ernennung in Italien sowohl wie in Deutschland gefunden hat, im allgemeinen sehr sympathisch. Eine Ausnahme allerdings macht wieder einmal ein bekanntes freisinniges Berliner Blatt, das während der ersten Hälfte des Tripoliskrieges in auffälligster Weise den Türkenfreund spielte und deshalb in der italienischen Prest« den Vorwurf zu hören bekam, daß er in dieser großen politischen Frage die finanziellen Interessen gewister Bankkreise vertreten habe. Es scheint, daß das Blatt Herrn v. Jagow im Verdacht hat, der Urheber dieser Erklärung seiner seltsamen Haltung zu sein. Wir wisten nicht, ob das richtig ist, jo wir möchten sogar ernstlich daran zweifeln, obwohl wir es auf der anderen Seite geradezu für ein Verdienst halten, wenn ein Botschafter jede sich bietende Gelegenheit ergreift, um dieses Blatt, desten Einfluß und Verbreitung von allen politisch urteilsfähigen Deutschen im Ausland geradezu als unheilvoll empfunden wird, kräftig abzuschütteln. .
Interessant und äußerst ehrenvoll für den von Rom scheiden- den Botschafter sind die italienischen Prestestimmen. „Popolo Romano" schreibt: Wenn uns ein wenig Egoismus erlaubt wäre, hätten wir keinen Grund, uns über die Beförderung Jagows zu freuen, da sie uns nicht nur eines sympathischen und illuftren Vertreters einer befreundeten Nation, sondern eines der aufrichtigsten Freunde Italiens beraubt. Das Blatt betont dann, mit welchem diplomatischen Geschick und welcher Liebenswürdigkeit Jagow während des Trienniums die Botschaft geleitet und sich in allen hiesigen Kreisen Sympathien erworben habe. Das Blatt schließt mit dem Wunsche, daß Jagow in Berlifl dieselbe persönliche Genugtuung wie in Rom finde. — „Mestagero" hebt die großen Der- i dienfte Jagows um die Aufrechterhaltung der guten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien und die vorzeitige Erneuerung des Dreibundes hervor, an der er energisch mttarbertete. Das Blatt wünscht Jagow, daß er seinen Äamen mit dem Friedenswerk verknüpfe und während seiner Tätigkeit in der Wilhelmstratze hie Beziehungen zwischen Deutschland und Italien immer herzlich bleiben mögen. — „Vita" schreibt: Jagow trug zur Unterhaltung der lebhaften Freundschaft zwischen Deutschland, Italien und Oesterreich-Ungarn bei. Die Italiener seien Jagow dankbar für das vollbrachte Werk und wünschten, daß er fein Freundschafts- öefühl für Italien auch als Minister bewahre. — „Tribuna" schreibt: Wenn auch die Ernennung Jagows uns eines aus- Sezeichneten Freundes und lieben Gaste» beraubt, so kann sie in Italien doch nur mit warmer, allgemeiner Sympathie begrüßt