Das Neujahrsfest in Berlin.
Berlin, 1. Zan. Zm Schloß begann die Feier des Neujahrsfestes in der üblichen Weise mit dem großen Wecken. Das Kaiserpaar traf um 9s^ Uhr im Automobil von Potsdam kommend ein und wurde vom Publikum herzlich begrüßt. Alsbald begann die Auffahrt der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, der hier anwesenden Fürstlichkeiten und der Staatswürdenträger, während die militärischen Wachen aufzogen. Auch die Halloren, die wie jedes Neujahr hier eingetroffen sind, begaben sich in ihrer eigenartigen Tracht zum Schloß. Um 9% Uhr empfing der Kaiser den kommandierenden General des 16. Armeekorps, General der Infanterie v. Prittwitz und Eaffron, sowie den des 8. Korps, General der Infanterie v. Ploetz, und überreichte beiden den Schwarzen Adlerorden. Hierauf nahmen die Majestäten die Glückwünsche des Königlichen Hauses und der Hofstaaten entgegen. Bald nach 10 Uhr begann in der Schloßkapelle der Gottesdienst, an dem die Spitzen der Staats- und Kommunalbehörden, die hohen Militärs und die Ritter des Schwarzen Adlerordens teilnahmen. Der Domchor begrüßte den Einzug des Hofes mit dem 98. Psalm: „Singet dem Herrn ein neues Lied". Hinter den Pagen und dem großen Dortritt erschien der Kaiser und die Kaiserin, es folgten der Kronprinz und die Prinzessin Eitel Friedrich, der Herzog Albrecht von Württemberg mit der Kronprinzessin und Prinz Heinrich mit der Prinzessin Viktoria Luise. Die übrigen anwesenden Prinzen schloffen sich an. Nach einem Gemeindegesang und der Lithurgie predigte Oberhofprediger D. Dryander über den vom Kaiser ausgewählten Text (Philippe? 21: „Alle Zungen sollen bekennen, daß Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters"). Das Niederländische Dankgebet schloß die Feier, worauf sich der Hof in den Weißen Saal begab. Hier fand die Gratu- latione- und Difiliercour statt, wobei der Kaiser dem Reichskanzler und dem Präsidenten des Reichstags und des Landtags die Hand reichte. Nach der Cour empfing der Kaiser die Botschafter, das Staatsministerium sowie die kommandierenden Generale und Admirale. Um 12’/2 Uhr ging der Kaiser, der das Band des Schwarzen Adlerordens über dem Mantel trug, gefolgt von seinen Söhnen und den Herren des Hauptquartiers zu Fuß nach dem Zeughaus, vom Publikum im Lustgarten und auf der Schloßbrücke mit Hochrufen empfangen. Am Schloß stand eine Abteilung Pfadfinder. Das Zeppelinluftschtff „Hansa" überflog den Lustgarten. In der Ruhmeshalle des Zeughauses wurde darauf die Nagelung der neuen Fahnen nach der Reihe der Truppenteile vorgenommen. Nachdem die Nagelung durch den Kaiser, die Fürstlichkeiten, den Reichskanzler und die militärischen Chargen erfolgt war, wurde die Weihe der neuen Fahnen im Lichthofe des Zeughauses durch den evangelischen Feldprobst der Armee D. Wölfing in Gegenwart des katholischen Feldprobstes der Armee Dr. Vollmar vorgenommen. Während die Musik des Kaiser-Alexander-Earde-Erenadier- Regiments Nr. 1 das Te Deum spielte, schoß die Leibbatterie des 1. Earde-Feld-Artillerie-Regiments im Lustgarten Salut. Die Parole lautete wie immer „Königsberg-Berlin". Darauf nahm der Kaiser die Rapporte der Leibregimenter und militärische Meldungen entgegen. Um 1% Uhr schloß ein Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie mit den neuen Fahnen und der Salut der Batterie vor
9 (Nachdruck verboten.)
Der fremde Dater.
i? Roman von Kurt Matull. "z"’.''
.1 (Fortsetzung.)
jp 4. Kapitel.
Warmer Maienregen floh vom Himmel, als Anneliese am Morgen erwachte.
Zuerst wuhte sie gar nicht, wo sie sich befand. Traumbefangen richtete sie sich empor. Aus dem Nebenzimmer klang das leise Ticken einer Uhr. Das war die Weckuhr, die ihr Mütterchen des Abends aus der Küche mit ins Schlafzimmer nahm.
Aber nein — mein Gott! — jetzt wich der Traum — nun überstürzten sich ihre Gedanken — brachten das Herz in fliegende Furcht.
Vergebens kämpfte sie dagegen, und mit zitternden Füßen kostbaren Teppich betretend, ging sie zu einem Fenster, um, wie sie es von Hause gewohnt, die Vorhänge zurückzuziehen und ein Fenster zu kffnen.
Grau in Grau! — von allen Blättern und Kieferngezweig tropfte es, und als sie in den Regen hinausstartte, da war ihr, al« ob der Himmel mit ihr weine.
Es war ja alles so unsäglich traurig.
Sie wußte wieder, daß heute ihre Mutter begraben wurde, und Furcht ergriff sie, daß sie vielleicht ihre Mutter nicht mehr sehen könne. Ein allerletztes — letztes Mal, bevor man sie ihr für immer fortnehmen würde. —
Sie wandte sich von dem Fenster, und da sahen ihre Augen wieder auf das große Porträt ihrer Mutter.
Mit strahlendem Lächeln in jugendlicher, siegreicher Schönheit blickte ihre Mutter sie an, und das Bild verwischte wie mit einem Schlage all' ihre traurigen Gedanken, ließ sie vergeffen, daß die Mutter tot war, ließ ihr da, Leben van neuem erstehen.
„Mutter," flüsterte sie leise. Und dann, wie unter hypnvttschem Bann stieg sie auf das Bett, reckte sich, so hoch ee ging, zu bem Bilde empor und streichelte es mit den Händen.
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Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeil« oder deren Raum 15 »3, bei amtlichen und auswärttgen Anzeigen 20 4, ffli
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1918
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hinaustrat.
lForijetzung folgt.)
। zählte die Stunden, die irste — zur toten Mutter
Endlos dünkten ihr di« Stunden.
Dann und wann sah sie auf die Wanduhr und
bem Zeughaus die Feier ab. Der Kaiser kehrte darauf zu Fuß in das Königliche Schloß zurück. Um 1 Uhr fand Frühstückstafel statt. Um 2y2 Uhr empfing der Kaiser die Direktoren der königlichen Porzellanmanufaktur. Nachmittags fuhr der Kaiser bei den Botschaftern vor.
Am liebsten wäre sie auf einen Stuhl geklettert, um das Gesicht zu küffeu.
Sie hörte gar nicht, wie die Leuschner einttat und vor Erstaunen die Hände zusammenschlug. Dann rief sie:
„Aber Fräuleinchen — liebes Fräulein, was machen Sie denn nur!" Wie eine Nachtmandelnde. durch harten Zuruf aufgeschreckt, starrte sie die alte Frau an, sank langsam auf das Bett und erwiderte:
„Es ist ja meine Mutter."
„Ja doch, Kind, ja doch, und es ist ja alles sehr traurig. Aber nun wollen wir uns mal fix anziehe» und frühstücken. Sonst wird es Mittag, und wir haben noch kein Frühstück gegessen. Ich bin eben zu Ihrem Herrn Vater gerufen worden, und der hat mir Geld gegeben, damit ich fiir Sie alles Nötige, was Sie brauchen, kaufen soll. So einfach dürfen wir nun in Zukunft nick> mehr gehen, haben es ja auch nicht nötig, mein liebes Fräulein, und dann werden wir gleich nach dem Mittageffen zum Begräbnis fahren. Ich habe für Ihren Herrn Vater und Sie ein paar Kränze bestellt. Wollen uns nun ein bißchen sputen. Ich hab noch 'ne Menge Arbeit, manchmal wünsch' ich mir vier Paar Hände. Ja — ja, mein liebes Fräulein — das werden Sie noch sehen, wie schwer ich ee als einzelne Frau in dem großen Haushalt habe."
Anneliese ließ den Redeschwall widerstandslos über sich ergehen, kleidete sich an und folgte der alten Frau, die ununterbrochen weiter über alle möglichen Dinge sprach, in das kleine Speisezimmer, wo sie in ihrer Gesellschaft ein einfaches Frühstück einnahm. Dann folgte sie ihr in die Küche und blickte in heller Verwunderung auf all' die vielen Töpfe, Geschirre und sonstigen Dinge, der sie in dem einfachen Haushalt ihrer Mutter nicht kennen gelernt.
Und während Frau Leuschner in der Küche das Mittageffen bereitete, saß sie still an einem der Fenster, welche mit dem Erdboden fast in gleicher Höhe anfingen, und sah den Regenttopfen zu, die schwer auf» klatschend, den Kiesboden ttafen und immer einen kleinen Sandwirbel, wie von einer Explosion, erzeugten.
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sie noch warten mußte, bi» sie zu ihrer Mutter dui
— und nach Haus« fuhr — »um niewiederkehrenden „Zuhause".
Bestellungen für das erste Quartal 1913 »uf die „vberhessische Zeitung" nebst ihren Beilagen »erden von unserer Expedition fMarkt 21), unseren sämtlichen Ausgabestellen sowie von allen Postanstalten und Landbrieftragern entgegengenommen.
Marburg
Donnerstag, 2. Januar
Die „Vberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen 2— m frei ins Haus. — Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch sJnh.: Dr. E. Httzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Zum Tode v. Kiderlen-Wächters.
schreibt Th. Schiemann in der „Kreuzzeitung": „Herr v. Ktderlen hattt eine feste Hand und einen sichern Blick, der ihn das Wesentliche mit untrüglicher Sicherheit erkennen ließ, und brachte ein angeborenes Phlegma in seinen Beruf mit, das ihn vor jeder Ueberstürzung bewahrte. Er war ohne jeden Anflug von Menschenfurcht, und ohne eine Spur jenes Ehrgeizes, der seine Befriedigung in Aeußerlichkeiten findet. Von Natur heiter, lebenslustig und voller Humor, dabei von unverwüstlicher Arbeitskraft, wo es galt, einen wohl erwogenen Plan durchzusetzen und ein gestecktes Ziel zu erreichen. Von den Schwierigkeiten, die er als Staatssekretär und vorher beim Abschluß des Marokko-Abkommens vom 9. Febr. 1909, zu überwinden gehabt bat, werden einst die Aften berichten. Sie waren weit größer, als den Kreisen der nicht Eingeweihten bekannt geworden ist, und wurden überwunden als Etappe zum 2. Marokkovertrag vom 4. November 1911, der wiederum den Charakter einer Etappe an sich trägt. . . Herr v. Kiderlen hatte eine ganz ausgezeichnete Schule durchgemacht. Er war ein Schüler, aus dem ein Meister geworden ist. „Hut ab, ihr Gesellen, ein Meister ist geschieden."
Die „Germania" schreibt: „Wegen seiner Marokkopolittk ist Herr v. Kiderlen-Wächter in der alldeutschen Presse, welche die „Geste von Agadir" am liebsten in einen Krieg gegen Frankreich und damit in einen Weltkrieg umgewandelt hätte, heftig angegriffen worden; heute denkt man auch in jenen imperialistisch-gesinnten Kreisen anders darüber, und man wird diese zu würdigen verstehen, wenn einmal der Umstand, daß Deutsch-Kamerun jetzt an zwei Punkten den Kongo berührt, seine weittragende Bedeutung zeigen wird. Die Balkanwirren hat Herr v. Kiderlen-Wächter gewiß auch längst kommen sehen, aber sie zu lösen, war er allein nicht mächtig genug. Es wird ihm aber unvergessen bleiben, daß er die deutsche Politik in dieser Balkanpolitik dem verbündeten Deutsch-Oesterreich zur Seite gestellt, und daß er auch Italien fester an den Dreibund angeschloffen hat, so daß dieser jetzt mit seiner Einigkeit und Macht bei der Lösung der orientalischen Frage ein gewichtiges Wort in die Wagschale werfen kann. Besonders erfreulich ist es, daß es dem Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter gelungen ist, heftete Beziehungen zwischen Deutschland und England herzustellen. Für den Diplomaten bilden seine Erfolge den Maßstab der Wertschätzung. In dieser Beziehung darf für Herrn v. Kiderlen-Wächter ruhig das Urteil der Gegenwart und der Geschichte angerufen werden. Aber auch als Mensch war Herr v. Kiderlen der höchsten Achtung würdig. Und was man von einem deutschen Diplomatien erwarten kann hat er in reichem Maße geleistet, und es darf ibm vielleicht als ein Vorzug angerechnet werden, daß et als Diplomat auch ein echter deutscher Mann geblieben ist."
Die „Kölnische Zeitung" führt aus: „Kiderlen ist zu ftüh gestorben, als daß man endgültig urteilen könnte, wie er sich weiter entwickelt haben, und welches sein Einfluß auf die Geschicke Deutschlands gewesen fein würde. Man hatte vielfach geglaubt, in ihm einen Forisetzer Bis- marckscker Politik sehen zu können ,und in der Tat hatte er einige Bis- marcksche Züge, namentlich die Entschloffenheit. die Rücksichtslosigkeit, und auch die geringe Einschätzung der Meinung anderer. So verdienstlich das in der hohen Politik manchmal auch lein mag, so dürfte die Isolierung auf das tigene Ich doch manchmal auch nachteilige Folgen gehabt haben. Ein besonderes Kapitel müßte den Beziehungen Kiderlen« zur Presse gewidmet werden, und da ist allerdings nicht zu verkennen, daß der sonst so kluge, politisch geschulte und in vielen Punkten durchaus modern denkende Mann mit der Preffe nicht in den richtigen Takt gekommen ist. Noli turbare circulos meos! war ihm der erfte Grundsatz, und am liebsten hätte er bei seinen politischen Verhandlungen die Preffe ganz und gar ausgeschaltet.
Die „Freisinnige Zeitung" schreibt: „Wir verhehlen nicht, daß wir manches, was der Staatssekretär getan und gesagt, nicht billigen, so seine Ausführungen über die Zulaffung der Bürgerlichen zur Diplomatie. Aber das muß anerkannt werden, daß er an seinem Teile mit daran gearbeitet hat, den Frieden aufrecht zu erhalten, unter voller Wahrung der Würde Deutschlands. Das trifft gerade auf die letzte krisenreiche Zeit
mit oem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Saus" und „Landwirtschaftliche Bella««".
zu, die die höchsten Anforderungen an seine unermüdliche Arbeitskraft ge- sttttt hat."
Da« Urteil bet Londoner Preffe Wer den Verstorbenen ist ebens« sympathisch. Sie betont vor allem seine starke Persönlichkeit, hebe» seinen Patriotismus hervor und die gegenwärtige Annäherung der deutschen und der englischen Polittk und ihre Kooperation im Interesse de« Friedens. Die „Times" schreiben u. a.: „Der plötzliche Tod des Staat» fekretärs v. Kiderlen-Wächter ist ein Verlust nicht allein für seinen kaffer- lichen Herrn und seine Landsleute, sondern für die europäische Dipl» matte. Wa» immer die Tendenzen seiner Polittk in der Bergangenhett und wa« seine persönlichen Neigungen gewesen sein mögen, so besteht in gut unterrichteten Kreisen kein Zweifel, daß et während des ganzen Verlaufes bet gegenwärtigen Krisii» loyal, tüchtig und unverrückt i» der Sache des eurpäischen Friedens gearbeitet hat. Auch in der Press« der übrigen Länder, wird der Tod v. Kiderlen-Wächters mit tiefem Bedauern besprochen. So schreibt bet „Popolo Romano": Deutschland beklage den Verlust eine« außerordentlich intelligenten Staatsmannes, der stets wesentliche polittsche Angelegenheiten mit einem klaren Blick einzuschätzen wußte. Die Verbündeten Deutschlands schließen sich auf« richtig der Trauer an. — „Vita" schreibt, v. Kiderlen-Wächter habe durch feinen letzten Besuch in Rom bewiesen, welchen Wert et dem Bündnisse mit Italien beilegte. Das Bedauern über das Ableben werde aber abgefchwächt durch die Gewißheit, daß fein Werk fortgesetzt werde und daß die Freundschaft Italiens mit Deutschland immer enget werde.
Die Pariser Morgenblätter veröffentlichen ebenfalls ausführliche Artikel über den Verstorbenen. Der „Figaro" schreibt: Wenn der dahin- geschiedene Staatsmann auch nicht unser Freund war, wenn sein Name in einer für französische Ohren unangenehmen Weife mit der Agadir- Krise verknüpft bleibt, so müffen wir doch feinen Charakter und sein Talent anerkennen, sogar seine Fehler waren sympathisch. Bei ihm wußte man sofort, woran man war und konnte dementsprechend feinen Gegenzug einrichten. — „Rapell" schreibt: Herr v. Kiderlen-Wächter glaubte aufrichttg, daß er die Politik Bismarcks fortsetze. Es ist nicht unsere Sache, die Verdienste vom deutschen Standpunkt aus zu beurteilen, aber von unserem Gesichtspunkte können wir feststellen, daß et durch fein Vorgehen dazu beigetragen hat, die nationale Wachsamkeit der Franzosen wieder zu beleben. — „France" schreibt: In kurzer Zeit wurde die deutsche Diplomatie von zwei grausamen Verlusten betroffen. Herr v. Kiderlen-Wächter war gewiß nicht unser Freund, aber wir können ihm unsere Anerkennung nicht versagen, denn et war ein Mann der Pflicht, ein Patriot und ein loyaler Gegner.
Berlin, 81. Dez. Der Präsident des Reichstages Dr. Kämpf hat anläßlich des Hinfcheidens des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts v. Kiderlen-Wächter der Schwester des Verstorbenen Freifrau v. Eem- mingen-Eutenberg die herzlichste Anteilnahme des Reichstages ausgesprochen und den Direttor des Reichstages Geheimrat Jungheim beauftragt. am Sarge einen Kranz niederzulegen. — Der Präsident des Preußischen Abgeordnetenhauses Graf v. Schwerin-Löwitz sandte an die Schwester des Staatssekretärs v. Kiderlen folgendes Beileidstelegramm: Zu dem schweren Verlust, welchen mit Ihnen, gnädige Frau, unser ganzes Vaterland in ernster Zeit durch den plötzlichen Heimgang Ihres von mit so verehrten Herrn Bruders erlitt, gestatte ich mir, Ihnen meine herzlichste Teilnahme und auch die des Preußischen Abgeordnetenhauses auszusprechen. — Das Kaiferpaar beauftragte den Reichskanzler mit feiner Vertretung bei bet Beisetzung des Staatssekretärs v. Kiderlen- Wächter. Der Reichskanzler begab sich Mittwoch abend nach Stuttgart.
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Die Lage.
Di« Verhandlungen.
Konstantinopel, 31. Dez. Nach Informationen aus kompetenten Kreisen bet Pforte haben bie Bevollmächtigten bet Balkanstaaten ben letzten Vorschlag bet Pforte in bet gestrigen Sitzung, wenn fie ihn auch nicht kategorisch verwarfen, boch mit Anzeichen bes Unwillens ausgenommen. Der Vorschlag geht bahin, ben Mächten bie Lösung aller aus bem Kriege sich ergebenden Fra- gen anzuvertrauen, ausgenommen bie Frage betreffend Adria- nopel und die Inseln des Archipels, über welche bie Pforte mit ben Verbündeten direkt zu verhandeln beabsichtigt. Obwohl bie Instruktionen bet Pforte sehr klar waren, verlangten bie türkischen
Ohne jeden Appetit setzte sie sich wieder in das Speisezimmer, diesmal von dem alten Leuschner bedient, und war froh, als deffen Frau kam und sagte:
„Jetzt wollen wir un« fertig machen."
Sie brauchte nur wenige Sekunden. Ihr dünnes Mäntelchen, der billige, einfache, schwarze Ktepphut, den ihr noch die alte Kulicke rasq aus einem Warenhaus besorgt hatte, dazu gehörte nicht viel Zeit.
Sie ging in die Halle, wo sie Frau Leuschner erwarten sollte.
In einen hochlehnigen, antiken Sessel ließ sie sich nieder. Sie fühlt« sich nicht kräftig genug lange zu stehen, und während sie nun die präch- tige, aus weißem Marmor gebaute Halle anschaute, ohne deren wundervolle Kunst zu beachten, bemerkte fie starken Blumengeruch, der de« Raum füllte.
Bei den Pfeilern, welche die Ausgangstreppe flankierten, lagen zwei große, mit Schleifen versehene Totenkränze auf dem Marmor.
Zu den Kränzen mußte fie gehen. Wie ein Gruß ihrer Mutte» waren sie ihr, und sie beugte sich nieder, um sie mit den Händen zu berühren. Zart strich sie mit den Fingern über die Blüten und dachte, wie gut es doch die Blumen hatten. Die dursten bei ihrem Mütttrchen bleiben und mit ihr sterben. —
Endlich kam Frau Leuschner.
Die hatte ihr Schwarzseidenes an und sich möglichst begräbnis- feierlich angezogen. Sie sah so stattlich aus, daß Anneliese sie nicht gleich als dieselbe Person erkannte, die noch vor kurzer Zeit mit Schürze, weißem Häubchen und einfacher Bluse in der Küche gearbeitet.
„Denn wollen wir man gehn. — Hat 'n bißchen lange gedauert. — Aber wir kommen noch hin. Den Kranz hier nehmen Sie, liebe» Fräulein."
Sie zeigte auf einen Kranz aus Immergrün und Veilchen. t»Unb ben hier, bet ist von Ihrem Herrn Vater, den nehme ich. Das war ein Palmenzwelg mit Callen und Chrysanthemen.
„Wie schwer der Kranz ist," dachte Anneliese, al« fie in ben Rege»