Hanauer K Anzeiger
«ezngsvret-, VkerteljShrNH 1.80 DL, monatlich 00 Pfg., fHr ae* «artige Abonnenten mit dem betreff. Postauffchla-, Die einzeln« Stummer kostet 10 Pfg.
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General-Auzciger
Amtliches OW» für Stob und Landkreis Sana«.
Erscheint «igkch mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 167 Uernsprechanschltch Nr. 230. Donnerstag den 20. Juli
üstnrstâtngsgebsthrt
Vi« ögespakten« Petitzeil« oder deren Rem« « M im ReklamenteU Me Zeil« 45 Pfg,
verantwort!, Redakteur: <5. Schreck»« in Hana»
Fernsprechanschlutz Nr. 230 1911
Amtliches.
Stadtkreis Hanau. Bekanntmachung.
Die diesjährige Kastanien-Ernte auf den städtischen Straßen (Bruchköbelerlandstraße, an der krummen Kinzig, Auheimer Weg, Viadukt am Ostbahnhof, Kastanineallee, Oberrealschule und Nordstraße) soll verkauft werden.
Schriftliche Angebote sind bis Montag den 31. d. M. auf dem Rathaus, Zimmer Nr. 22, einzureichen.
Hanau den 17. Juli 1911.
Der Magistrat
Dr. Eebeschus.
In Hitzkirchen (Kreis Büdingen) ist die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden.
Hanau den 19. Juli 1911.
In den Gemarkungen Langendiebach und Oberissigheim ist die Schweineseuche erloschen.
Hanau den 19. Juli 1911. V. 4690
Kreissparkasse zu Hanau.
Die Kreissparkaffe verzinst Spareinlagen mit 38/< °/o.
Die in den ersten drei Tagen eines Monats bewirkten Einlagen werden vom 1. des betr. Monats ab verzinst und Einlagebücher kostenfrei ausgestellt.
Der» Vorstand. 653
Politische Rundschau.
Der Zwischenfall Boisset. Aus Paris, 19. Juli, wird berichtet: Die Agence Havas veröffentlicht folgende Note: Der spanische Botschafter besuchte den Minister des Aeußern und erklärte ihm, er wäre beauftragt, ihn wissen zu lassen, daß die Regierung den Zwischenfall Boisset bedauere. Der Staatsminister empfing noch keinen Bericht, aber er habe dem französischen Botschafter, nachdem er von den offiziellen Informationen der französischen Regierung Kenntnis genommen, sein lebhaftes Bedauern ausgedrückt. Die spanische Regierung, fügte Caballero hinzu, bat ihn, den Ausdruck des Bedauerns zu erneuern, sie beabsichtige, sobald sie selbst unterrichtet sei, Oberst Splvestre aufzufordern, Boistet seine Entschuldigung auszusprechen. Die spanische Regierung wünsche, mit Frankreich herzliche Beziehungen zu unterhalten. Sie erließ übrigens in diesem Sinne Anweisungen an ihren Vertreter in Elksar. — Ferner wird aus Madrid, 19. Juli, gemeldet: Bei einem Empfang von Journalisten sagte heute der Ministerpräsident, er habe noch keine Nachricht über den Fall Boistet erhalten. Canalejas fügte hinzu Mein persönlicher Eindruck ist der, daß es ein sehr schwaches Verlangen nach Einvernehmen beweist, wenn man behauptet, daß wir es sind, die diese Reibungen verursachen. Der Zwischenfall an sich ist meiner Auffastung nach nicht schwer, aber er ist ein Anzeichen einer Erregung der Geister, denn schon morgen könne jede beliebige Tatsache zu Erklärungen Anlaß geben. Deshalb haben der Minister des Aeußern und der französische Botschafter in ihrer Unterhandlung diese Stimmung in Betracht gezogen.
Schlechte Ernteaussichten in Rußland. Auf eine vom Handelsmiuister an die Behörden einzelner Gouvernements ergangene Umfrage über den Saatenstand sind bis jetzt die Antworten hier eingelaufen. Sie schildern die Ernteausfichten als schlechter als in den beiden Vorjahren, in Sibirien sogar ungünstiger als seit langer Zeit. Im Kuban- gebiet hat man bereits mit der Errichtung von Vorratshäusern begonnen, um einer Hungersnot, die für dort bestimmt erwartet wird, zu steuern. Das Ministerium hat in die Gouvernements Saratow, Simbirsk, Kasan, Nischni- Nowgorod und Jaroslaw Beamte entsandt, um die Verhältniße noch einmal an Ort und Stelle nachzuprüfen.
Unfall bei Nachtmanövern der englischen Flotte. Bei den Nachtmanövern stieß das Kanonenboot „Spitofull" mit dem Torpedoboot Nr. 101 zusammen. Die beiden Schiffe wurden so schwer beschädigt, daß sie in der Nacht noch nach dem Hafen von Portsmouth zurückgebracht werden mußten.
Ausstand. Die Dock-, Hafen- und Transportarbeiter in Newyork haben in einer stark besuchten Versammlung beschlosten, sich dem Ausstand anzuschließen. In Hull ist es gestern abermals zu Ruhestörungen gekommen. Scharen von Ausständigen zogen durch die Straßen und schlugen die Fenster der Mühlen ein. Jeder Mehlwagen wird von vier Polizisten begleitet.
Eine deutsche Patrouille niedergemacht? Reuter meldet au$ Livingstone (Rbodesia) unter dem 19. Juli: Der Ver
waltung ging von Sesheke an der Grenze von Deutsch-Südwestafrika folgende Nachricht zu: Nach Gerüchten, die unter den Eingeborenen dort umliefen, sei eine Patrouille, bestehend aus dem Distriktskommiffar von Frankenberg, zwei weißen Sergeanten, 14 schwarzen Polizisten und 20 Trägern von Leuten des Okawangostammes in Ngamiland niedergemacht worden. Frankenberg sei auf einem Maultiere entkommen. Die Nachricht ist bisher unbestätigt. Reuter erfährt, daß auch die Chartered Company keine Mitteilung erhalten habe, obgleich Ngamiland auf englischem Gebiet liege. Die Anwesenheit der deutschen Patrouille auf emglischem Boden erkläre sich daraus, daß die Grenze noch nicht genau festgelegt ist. — (Notiz des W. T.-B.: An amtlicher Stelle liegt keinerlei Meldung vor; richtig ist, daß Frankenberg sich nach dem Caprivizipfel begeben sollte.)
Zur Kolonialpolitil.
Unsere Kolonialpolitik, deren tatkräftige Führung geradezu eine Lebensfrage für das deutsche Volk ist, hat leider immer noch mit einer Fülle unberechtigter Vorurteile zu kämpfen. Derartige Vorurteile und falsche Vorstellungen sind nicht nur m den von der Sozialdemokratie verhetzten unteren Volkskreisen, sondern bedauerlicherweise auch noch in weiten Schichten deS gebildeten Bürgertums anzutreffen. Es ist daher eine höchst dankenswerte Aufgabe, sich der Zerstreuung und Widerlegung solcher Vorurteile zu unterziehen.
Eins der am weitesten verbreiteten Vorurteile ist dieAa- stcht, die Neger lebten vor der Berührung mit den Europäern in einem idyllischen Zustande, der eitel Friede und Freude sei. Hiergegen wendet sich einer unserer erfahrensten Kolonialpolitiker, Hauptmann Leßner, in seinen „Kameruner Briefen" mit folgenden Worten: „Der sogenannte idyllische Zustand, in welchem sich nach der Ansicht so vieler Europäer der Neger in Afrika befindet, ist in Wirklichkesi ein Schreckens- zustand, voll Ungewißheit und Furcht, in der sich kein Mensch dauernd glücklich fühlen kann. Die Wohlhabenderen will ich ausnehmen, jeder andere Neger aber fitzt, wenn ich so sagen darf, eigentlich fortgesetzt auf dem Pulverfaß. Seine Hâupt- linge, seine Zauberer saugen ihn in schamlosester Weise aus, Gewalttätigkeiten aller Art, schreckliche Folterungen, grausame Gottesurteile find an der Tagesordnung; große Sklavenjagden, bei denen die Männer zu Hunderten in der scheußlichsten Weise niedergemacht ober verstümmelt, Weiber und Kinder aber in die Sklaverei geschleppt werden, finden auch heute noch in Afrika vielfach statt; ich erinnere nur an die Raubzüge des Rabeh und seines Sohne? vom Nil bis zum Tsadsee. Selbst wenn alle die Greueltaten, die über uns Weiße hier draußen von manchen Seiten in Deutschland geflissentlich verbreitet werden, auf Wahrheit beruhten und alle Tage vorkämen, so würde der dadurch geschaffene Zustand immer noch eine erhebliche Verbesserung in der Lebenshaltung des Negers bedeuten gegenüber den Verhältnissen, in welchen er sich befand, ehe der Europäer und seine Kultur nach Afrika kam. Rechnet man hierzu Pocken und andere Epidemien, denen der Neger wehrlos zum Opfer fällt, trotzdem er die Miltelchen des Medizinmannes mit den höchsten Summen bezahlen muß, und man hat den viel gepriesenen idyllischen Zustand des Negers".
Ebenso räumt derselbe Kolonialpolitiker mit dem Vorurteil auf, als rb wir den Negern ihr angestammtes Land widerrechtlich fortnähmen. Hauptmann Leßner bemerkt hierzu : „Wenn ich die unzähligen Negerstämme Kameruns an meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, so finde ich keinen einzigen, der auf altangestammtem und vererbtem Besitze seßhaft ist. Sie alle haben sich vielmehr vor verhältnismäßig kurzer Zeit mit Gewalt und unter Ballführung der größten Grausamkeiten in den Besitz ihrer augenblicklichen Wohnsitze gesetzt, indem sie ihre Vordersassen niedermctzelten oder zu Sklaven machten. Auch heute noch finden fortgesetzt blutige Kämpfe unter den einzelnen Stämmen statt, durch welche die Bevölkerung geradezu dezimiert wird. Man kann überall im Hinterlande quadratmeilengroße Strecken finden, die früher mit blühenden Dörfern bestanden waren und jetzt verödet und brach daliegen; sie spreche eine beredte Sprache. Wenn wir nun also auf dieses seit Jahrhunderten fortgesetzt den Herrn wechselnde Gebiet unsere Hand legen und cs als die Stärkeren endgültig in Besitz nehmen, so handeln wir nach dem RechtSgefühl des Negers — und dieses muß doch hier in Afrika maßgebend sein —^ durchaus richtig; er würde es uns als Dummheit und Schlappheit anrechuen, falls wir eS anders machten. Wenn ferner durch unser Erscheinen hierselbst dem ewigen Kriegszustände ein Ende gemacht wird, so tun wir dadurch ebenfalls ein christliche Werk indem wir die Schwächeren vor den unverdienten Be- drückunaen und Grausamkeiten der Stärkeren schützen und
ihnen endlich den Frieden bringen. Schließlich ist noch zu bedenken, daß in unserem Vaterlande 60 Millionen Menschen wohnen; hier in Kamerun, das ebenso groß wie Deutschland und ungleich fruchtbarer ist, leben nur etwa 6 Million««. Dort arbeitet man im Schweiße seines Angesichts von früh bis spät, um sich sein tägliches Brot zu verdienen, hier lebt die Bevölkerung in den Tag hinein und läßt den herrlichen Boden brach und unbenutzt daliegen. Da scheint es mir doch nicht mehr als recht, daß wir hierher kommen, von dem Land« Besitz ergreifen und das fruchtbare Stück Erde unter Kultur nehmen, zu welchem Zwecke es doch der liebe Hrrrgott g«- schaffen hat.
Diese Ausführungen einer Autorität in kolonialen Dingen sind so überzeugend, daß es sich erübrigt, ihnen auch nur ein Wort hinzuzufügrn, und daß man nur wünschen kann, sie fänden weiteste Beachtung.
RunTt und Heben.
Das Schulgeschenk, eine neue Waffe im Kampf gegen die Schundliteratur. Das irregeleitete Lesebedürfnis Erwachsener läßt sich erfahrungsgemäß nur noch schwer korrigieren. Die Volksbibliotheken haben ja hier manche erfreuliche Besserung gebracht, aber ihrer Wirksamkeit find naturgemäß Grenzen gezogen, und da, wo es sich darum handelt, die Freude am Eigenbesitz des Buches zu beleben, haben sie öfters sogar schädlich gewirkt, wie z. V. in England die Entwicklung des dortigen Bibliothekwesens den Eigenbesitz zu Gunsten des Leihbesitzes ständig zurückgehen läßt. Die Volksbibliothek muß daher ihre notwendige Ergänzung in der Hausbibliothek finden. Aber auch da heißt es: „Jung gewohnt, alt getan." Wer frühe die Freude am Besitz eigener guter Bücher kennen gelernt hat, wird auch in späteren Jahren manchen Groschen übrig haben, um den Bücherbesitz aus der Jugendzeit allmählich zu einer wirklichen kleinen Hausbibliothek auszubauen und sich so eine stetig fließende Quelle reinsten Genusses zu verschaffen. Kann aber diese Freude an einer eigenen Bücherei wirksamer angeregt und wachgehalten werden, als dadurch, daß man dem deutschen Schulkinde alljährlich ein Buch als freies Geschenk zu eigen gibt? Selbstverständlich muß jeder schulmäßige Zwang fortfallen, d. h. also auch jede irgendwie fühlbare Kontrolle über die Wirkung des Geschenks. Trotzdem wird die Schule leicht Gelegenheit finden, das Interesse für das Geschenk zu wecken und zu vertiefen, und sicher werden sich dadurch die heimlichen Angelpunkte für das Verhältnis des Lehrers zu seinen Schülern vermehren — eine gewiß nicht unerwünschte pädagogische Begleiterscheinung. — Eine entsprechende Anregung, die Dr. Ernst Guggenheim vor etlicher Zeit in der Frkf. Ztg. gab, ist nun von einem „Vorbereitenden Ausschuß für das Schulgeschenk", dem die Comenius-Eesellschaft, die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung, die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, die vereinigten deutschen Prüfungsausschüsse für Jugendschriften, Dr. R. v. Erdberg von der Zentralstelle für Volkswohlfahrt u. a. angehören, in dankenswerter Weise ausgenommen worden. Den energischen Bemühungen dieses Ausschusses wird es hoffentlich in nicht zu ferner Zeit gelingen, durch kraftvolle Propaganda uni zweckmäßige Organisation der Mittel und Kräfte den Gedanken des Schulgeschenkes zu realisieren. Zu seiner Durchführung bedarf es allerdings eines Kostenaufwandes von rund 5 Millionen Mark, einer im Verhältnis zu un. seren sonstigen im öffentlichen Interesse gemachten Aufwendungen immerhin bescheidenen Summe, für deren Bereitstellung an erster Stelle die Gemeinden, an zweiter der Staat und an dritter die private Gemeinnützigkeit in Betracht kommen. Vor allenDingen wird es sich nun zunächst darum handeln, Ortsausschüsse für das „Schulgeschenk" zu bilden. Solche Ausschüsse, die für Werbung und Aufbringung der Mittel an Ort und Stelle tätig sind, sollten für jede Schule, auch für die kleinste Dorffchule. bestehen, damit gute und gesunde Lektüre auch bis in die entferntesten Kanäle geleitet werden kann. Warnen möchten wir immerhin vor einer allzu streng durchgeführten Uniformität, die leicht die besten Absichten vereiteln kann. Man wird vielmehr der Individualität von Lehrern und Schülern weitgehend Rechnung zu tragen haben. Nur
so wird es möglich sein, das Schulgeschenk nicht nur zu einer blanken und scharfen Waffe im Kampfe gegen die Schundliteratur zu gestalten, sondern es auch dem umfassenderen Interesse der Volkswohlfahrt dienstbar zu machen. — Geschäftsführer des „Vorbereitenden Ausschusses für das Schulgeschenk" ist Dr. Fritz Loeper in Berlin, ßennéftr. 4, an den sämtliche Zuschriften zu ri^ ten sind.