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KstationsdruL und Verlag der Buchdruckerei des «rein. ev. Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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Nr. 101 N-rnspr-chanfchlttsr Nr. 230. Montag Bett 1. Mai U-r,»fprechai»schlttK Nr. 230 1911
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Gesnndene und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 1 Paar Schuhleisten Nr. 39, 1 Schlüssel mit Ring und Haken, einige einzelne Schlüssel.
Verloren: 1 Zwanzigmark-Stück.
Abhanden gekommen: 1 Mülleimer (gez. M. N.)
Zugelaufen: 1 weißer Foxterrier mit graubraunen Abzeichen, w. Eeschl.
Hanau den 1. Mai 191L
Politische Rundschau.
Deutsch-militärischer Einfluß in Südamerika. Das Ansehen deutscher Kriegstüchtigkeit und der deutschen Waffenindustrie in den Republiken Südamerikas ist ständig im Wachsen, während sich diese früher fast ausschließlich Frankreich in dieser Beziehung zugewendet haben. Chile läßt gegenwärtig durch eine in Europa befindliche Kommission für 300 000 Dollar Gold Material für die Genietruppen einkaufen, und der Löwenanteil entfällt davon auf Deutschland. Der brasilianische Kriegsminister akzeptierte die Offerte der Rheinischen Metallwarenfabrik, die ein Berggeschütz zur Probe anbot. Im argentinischen Kriegsministerium wird ein Dekret vorbereitet, das die Annahme der deutschen Militärmontur für den Heeresgebrauch als reglementmäßig anordnet. Am 27. April sind sechs höhere argentinische Offiziere zu den deutschen Manövern abgereist. In Volivia haben die deutschen Instrukteure ihre Tätigkeit begonnen. Major von Rheinbaben instruiert das Kavallerie-Regiment in Abaros und Oberst Kundt ist zum Unterkommandanten des bolivianischen Eeneralstabs ernannt worden.
Zn Ler W>âM WM Mä äMM «â große Volksversammlung statt, an er der Premierminister Asguith und der Führer der Opposition, Balfour, die Häupter der anglikanischen und der katholischen Kirche sowie auch der Oberrabbiner teilnahmen. Was hier die Vertreter so verschiedener politischer und religiösere Richtungen zusammen- geführt hatte, war der Vorschlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Taft, einen allgmeinen unbeschränkten Schiedsvertrag zwischen den beiden großen englischsprechenden Ländern zu schließen, der für die Zukunft einen Krieg zwischen ihnen unmöglich machen soll. Die Begeisterung für den Taftschen Gedanken war groß, wie ja auch in den Vereinigten Staaten eine starke Bewegung in der öffentlichen Meinung für die Ausschaltung des Krieges als Schiedsrichter wahrzunehmen ist. Und doch sind noch allerlei Schwierigkeiten und Bedenken zu überwinden. Sie machten sich auch in den beiden Hauptreden des Tages, wenn auch nur leise und unvollständig, wahrnehmbar. Das Haupt der liberalen Regierung Asquith beteuerte, daß der geplante
Trotzdem.
Skizze von E. Stramm.
Und nun war der Mai da!
Auf dem Hofe, der vor dem Fenster des Kontors lag, stand, von niedrigem Eisendraht umspannt, ein Fliederbusch über spärlich gesätem Rasen.
Viel Sonne ließen die hohen Häuser nicht hinunter auf dieses grüne Fleckchen. Dennoch begann es zu knospen und zu blühen zwischen den munteren Zweigen.
Thilde lächelte jedesmal, wenn sie von ihrem Fensterplatz dieses Blühen sah. Heute nachmittag hatte sie sogar schon dreimal die Feder sinken lassen und im süßen Nichtstun geradeaus in den blauen Tag geschaut.
„Mai!" jauchzte ihre Seele, „Mai!" zwitscherten die Spatzen am Fenstersims.
Bis der alte Buchhalter Reschke brummend „Aber Fräulein!" mahnte und die beiden jungen Gehilfen wütend auf die reglosen Mädchenfinger starrten.
Dann schrieb sie wieder, rechnete, zählte nach und war doch mit allen Sinnen beim lieben Frühling. Und bei Hans! Frühling und Hans waren gleichbedeutend für sie.
„Hans," flüsterte sie ganz versonnen, als sie den Geschäftsbrief adressierte und mechanisch dabei „An Herrn Ferdinand Meyer" schreiben mußte.
Am heutigen Samstag war Sechsuhrschlutz im Geschäft. Und dennoch schlichen die Stunden langsamer als an andern Tagen dahin.
Thilde konnte gar nicht mehr still sitzen. Als sie schon wieder einmal verträumt durchs Fenster blickte, hob der alte Buchhalter drohend den gekrümmten Zeigefinger.
„Wenn Sie bis 6 Uhr nicht fertig werden, Fräulein, wird hübsch nachgearbeitet — jawohl!"
„Machen Se bloß nicht so was!" ulkte ein Junger. „Se hat 'ne weiße Bluse an. Menschenskinder! Da brennts irgendwo!" . ..
Vertrag nur eine Friedensbotschaft, aber keine Drohung für die übrige Welt bedeute und nicht auf eine Offensiv- und Defensivallianz hinauslaufen werde. In der Tat wünscht man in den Vereinigten Staaten nicht, irgendwie an dem Austrag englischer Ehrenfragen gegenüber dritten Mächten beteiligt zu werden. Allianzgedanken hegen die Amerikaner nicht, und es fragt sich nur, wie verhindert werden kann, daß sich aus dem gegenseitigen Verzicht auf die ultima ratio in Lebens- und Ehrenfragen zwischen zwei selbstbewußten Rationen doch eine Koalition auf gegenseitigem Gedeih oder Verderb entwickele. Auf der anderen Seite verwahrte sich der Führer der Konservativen Balfour gegen die Möglichkeit, daß der Triumph der Humanität in einem englisch-amerikanischen Vertrage eine Einschränkung der Rüstungen zur Folge habe. Er sprach ferner von dem großen Unglück, wenn etwa der Vertrag in schwierigen Momenten infolge nationaler Rivalitäten doch nicht gehalten werden sollte, und Betunbete gegen einen solchen pessimistischen Gedanken sein Vertrauen in die Reife der beteiligten Völker für den unbedingten Frieden. In seiner eigenen Partei jedoch ist dieses Vertrauen nicht allgemein. Es ist gerade ein konservatives Blatt, die „Morning Post", welches aufs schärfste vor einer Ueberschätzung des praktischen Nutzens des geplanten Vertrags warnt. Insbesondere für England steht das Blatt keinen Vorteil darin, daß die Vereinigten Staaten doch wahrscheinlich alle Streitfragen, die die Monroe-Doktrin und die nordamerikanische Vorherrschaft in den Grenzländern des Panamakanals berühren, von schiedsgerichtlicher Regelung ausnehmen und außerdem als Oberinstanz über die Anwendung des Schiedsgerichts im einzelnen Fall den Senat in Washington einsetzen werden. Damit wäre /trerliL.der unbeschränkte Kharakter des Schiedsvertrags
den Teils aufgehoben. So kommt selbst der kühnste Pazi- fismus unter den günstigsten Verhältnissen nicht über die natürlichen Schranken hinweg.
Zn Ponape ist alles ruhig. Wie der kleine Kreuzer „Con- dor" aus Iap meldet, verließ er am 24. April Ponape und ging nach Tsingtau. In Ponape ist alles ruhig. Irgendwelche Unbotmäßigkeiten von Eingeborenen sind nicht vorgekommen. Die ständige Anwesenheit eines Kriegsschiffes wird daher nicht mehr für nötig gehalten.
Marokko.
Das lange Ausbleiben positiver Nachrichten aus dem belagerten Fez ist beendigt. In Tanger sind vorgestern wieder mehrere Kuriere mit wichtigen Meldungen über die Lage der Hauptstadt und über die mit Spannung erwartete Ankunft der Entsatztrupp« unter Führung des Majors Brenwnd eingetroffen. Hierüber liegen folgende Drahtberichte vor:
Und der andere zwinkerte eifersüchtig mit den wasserblauen Augen und hob die mageren Schultern.
„Er wart' gewiß schon wieder unten. . . . Na, denn man zu, und raus mit de Bluse an de Frühlingsluft!" setzte er singend hinzu.
Das Mädchen hielt den braunen Kopf tief, tief über ihre Arbeit gesenkt. Sie antwortete gar nicht. Aber in das junge Gesicht war dunkles Rot gefommen, und die Hand über der Feder zitterte.
Sie war auch fertig, als es 6 Uhr schlug. Mit dem ihr eigenen kurzen,stolzen Nicken grüßte sie zurück und war auch schon zur Tür hinaus, ehe die anderen drei sich recht umgesehen. Sie lief die Treppen hinab, durch zwei Höfe und Haustore auf die Straßen im Herzen Berlins, und dann weiter Lis zum Schloßplatz. Dort, kurz vor dem Kaiser Wilhelm-Denkmal, stockte ihr Fuß.
Er war schon da. Er stand, scheinbar in das Kunstwerk vertieft, vor der Säulenhalle und sah sich nicht um.
Im nächsten Augenblick war sie an seiner Seite. Sie konnte vor lauter Seligkeit nicht einmal „Guten Abend" sagen. Sie streckte nur die Hand aus und sah ihn an.
Da lächelte er. Es war aber ein sonderbares Lächeln. Die Zähne halb zusammengebissen, das hübsche Gesicht gesenkt und helles Rot unter dem blöden Haar.
And als er fo stand und sie anblickte, das braune, gelockte Haar, das gange, junge, holde Gesichtchen, da kam es dem jungen Mädchen vor, als täte ihr dieser Blick weh, als müßte sie schnell hier vor allen Menschen seinen Kopf nehmen, um ihre zitternden Lippen wie schutzbedürftig auf seinen Mund zu pressen.
Er hatte ihren Arm genommen und hielt ihre Hand mit seiner Linken fest.
„So luftig heute?" fragte er leise. „Frierst Dy nicht in dem Mulldings, Thilde?"
Sie süttelte den Kopf.
„'s is ja Mai. Hans!"
Tanger, 29. April. Wie amtlich gemeldet wird, ist die Mahalla des Majors Bremond am 26. April in Fez ein» getroffen.
Tanger, 29. April. Deutsche Meldungen aus Fez stell« die dortige Lage als ruhig dar. Die Europäer erhalten kaum Nachrichten von der Außenwelt, nur Gerüchte über bi« Mahalla Brëmonds dringen zu ihnen. Die einzig sichere Nachricht haben sie aus Mekines über die Ausrufung Mulay Sins zum Gegensultan der Berber. Dieser ernannt« zu seinem Chalifa einen Verwandten Mulay Brahim. In Fez wurde auf diese Meldung hin, ein in Fez lebender ander«! Bruder des Sultans Mulay Mohammed, b«n Augen des Volkes entzogen, damit sich nicht eine Strömung zu sein« Gunsten bilde. Die Fezer Nachrichten wissen nichts von bei angeblichen Plünderung von Mekines. Ist derartiges überhaupt vorgekommen, so dürfte es sich um «ine isoliert« Ausschreitung von Berbern der Umgegend, um ein Plündern bei von ihren Besitzern verlassenen Läden gehandelt haben. Das wäre ein Anzeichen, daß die Mekineser Gegenregierung ihr« eigenen Geister nicht in der Hand hat.
London, 29. April. Der Exchange Telegraph Company wird aus Tanger telegraphiert, daß dort nach zehntägiger Abwesenheit aller Nachrichten aus Fez wieder Giriere auS der Hauptstadt eintrafen. Alles war Lott wohl am 21. April, dem Tage ihrer Abreise. Am 19. April fand jene Schlacht statt, bei welcher die Truppen des Sultans geschlagen wurden. Die Straßen nach Tanger find »och gr» .sperrt. Die französischen Truppen aus Algier sowie die Mahalla sind bei Mehedia an der Mündung der Seru Wadi, einige Kilometer von Rabat entfernt, konzentriert.
Rabat, 30. April. Die Staffeln der Kolonne Brulard vereinigten sich mit der Spitze der bei El Kuiftra stehend« Kolonne uns werden hier die Konzentration and Verproviantierung abwarten, während die Gums bei Zallaits vorrücken. Die Beni Hassen verhalten sich ruhig, da sie fürchten, zwischen di« Gums und die bei El Tifä lagernde Mahalla zu geraten.
Tanger, SO. April. Nach durch den französischen Mz«» konsul hierher gelangten Nachrichten hat die Uneinigkeit unter den Fez belagernden Stämme zugenommrn, und die Beni Naraia haben sich für den Wachsen erklärt.
Tanger, 30. April. Briefe aus Mekines teilen mit, Latz die Mitglieder des von Muley el Zin einberufenen Machfen nur die Aufgabe übernahmen, die Ordnung aufrecht zu erhalten, und nicht feindselig gegen Mulay Hasid gesinnt seien. Gleichwohl sollen nach den neuesten Nachrichten, die eng-> lische und deutsche Post geplündert worden sein,
Das war gerade wie ein Jauchzen.
Er preßte krampfhaft ihre Hand und schritt so schnell mit ihr die Linden entlang, daß ihr Atem schwer wurde.
„Wieder in den Tiergarten, ja?"
Sie nickte.
„Wohin Du willst, Hans."
Sie zitterte plötzlich noch mehr. Ueber ihre helle Seligkeit kam ein unverstanden Bangen. Sie begriff sein seltsames Schweigen nicht und seinen Blick, der sich förmlich feft- klammerte an ihrem Körper.
Als die ersten stillen Wege des Tiergartens um sie waren, seufzte er.
Sie blieb stehen, versuchte zu lachen und zog ihren Arm aus dem seinen. *
„Du bist wohl vom Mai trübsinnig geworden, Hannemann? Huh — wie siehst Du aus! Denk mal, morgen ish Sonntag, der erste Maiensonntag! Weißt Du noch, voriges Jahr? , . . Werder . . Friedrichshöhe . . . Johannisbeerwein und Kirschblüten? Machen wir morgen alles nochmal Du . . ja?"
Er schüttelte den Kopf. Seine Arme streckten sich ihr entgegen und legten sich schwer um ihre Schulter. Wie ein .Trunkener küßte er sie.
Als sie sich endlich wieder losriß, hatte sie die Augen geschlossen und war totenblaß geworden.
„Nein . . so . . sollst Du mich nicht küssen, Hans, so so, ich will das nicht, ich . . Hans, ich kann das nicht!"
Es war fast wie Schluchzen, als sie das sagte.
Er nickte.
(Schluß folgt.)
Albumblätter.
Eh' es sich rundet in einem Kreis,
Ist sein Wissen vorhanden, So laug' nicht einer alles weiß Ist die Welt nicht verstanden. Rückert.