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General-Anzeiger

Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

Notationsdruck und Verlag der Buchdruckerei des «rein. eo. Waisenhauses in Hanau«

AMlilhes Organ str Stobt nnü Landkreis Kanas.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Conn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Einrückungsgebllhrr

Die ögespaltene Petitzeile oder deren Raum 8s ssM im ReNamenteU die Zeile 45 Pfg.

Verantwort!. Redakteur: E. Schreckeri» H««^

Nr. 255

?Lern?prechattschltitz Nr. 230,

Montag 6 tu 31. Oktolm

Ferusprechanfchlttft Nr. 230

1910

Amtliches.

Achtuhrladenschlntz.

Nachdem mehr als ein Drittel von Inhabern offener Verkaufsstellen in Großauheim bei mir den Antrag gestellt haben, den Achtuhrladenschluß an sämtlichen Wochentagen unter Ausnahme der Geschäfte der Bäcker und Metzger ein­zuführen, fordere ich gemäß § 139 f Absatz 2 der Reichs­gewerbeordnung und § 5 der Bundesratsbekanntmachung vom 25. Januar 1902 (Amtsblatt Seite 95) die Inhaber offener Verkaufsstellen in Großauheim einschließlich der Anttagsteller und ausschließlich der Metzger und Bäcker auf, eine Aeußerung für oder gegen den Achtuhrladenschluß so­wie etwaige Einwendungen gegen die Richtigkeit der Liste der Inhaber offener Verkaufsstellen bei meinem hierzu be­stellten Kommissar, Herrn Bürgermeister Grün in Groß­auheim, in der Zeit vom 1. bis einschließlich 8. November d. Z. schriftlich oder zu Protokoll zu geben.

Nach Ablauf dieser Frist wird die Liste der beteiligten Geschäftsinhaber vom 15. bis einschließlich 30. November d. I. im Amtszimmer des Bürgermeisters in der Zeit von 912 Uhr vormittags und 46 Uhr nachmittags zur öffentlichen Einsicht ausgelegt. Einsprüche gegen die Rich- ttgkeit und Vollständigkeit der Liste können nur vom 15. bis 30. November schriftlich oder zu Protokoll erhoben werden.

Bei Feststellung der für die Abänderung des Laden­schlusses erforderlichen Zweidrittelmehrheit werden nur die­jenigen Geschäftsinhaber gezählt, die eine bestimmte Aeuße- cung für oder gegen die Abänderung innerhalb der gesetz­lichen Frist abgegeben haben.

Cassel den 12. Oktober 1910. Ä. II. G. 1811 Der Regierungs-Präsident.

I. V.: v. Rietz.

Wird veröffentlicht. 23941 Großauheim, 30. Oktober 1910.

Grün, Bürgermeister.

Dikustnachrichten aus dem Kreise.

In der Gemarkung Bergen ist die Schweineseuche festgestellt worden.

Hanau den 29. Oktober 1910. V. 6274

Gefundene und verlorene Geqenstlinde re.

Gefunden: 1 rotesHandtäschchen mit einemSchlüstel- ring mit 4 Schlüsseln und einem Portemonnaie mit etwas

KunTt und Heben.

Die Schmucksteinausstellung in der Königl. Zeichenakademie.

In der Bibliothek der Kgl. Zeichenakademie ist zur Zeit eine recht bemerkenswerte Ausstellung von Steinwaren und Schmucksteinen zu sehen. Zahlreicher Besuch verrät ein so weitgehendes Interesse unserer Bürger, daß die Frist der Ausstellung noch um zwei Tage (bis Mittwoch einschließ­lich) verlängert wurde. Idar und Oberstein, die beiden be­kannten Vororte des deutschen Schmucksteinhandels, haben Diese Sammlung auf die Wanderung geschickt. Gern bot der Hanauer Kunstgewerbeverein ihr fteundlichen Willkommen, während die Leitung unserer Akademie ihr gastliche Stätte bereitete. Man fühlt, daß eine liebevolle Hand diese Schätze feinfühlig ordnete, sodaß von vornherein das Mißbehagen weicht, das uns in mineralogischen Kabinetten nun ein­mal eigen ist. Die malerischen Reize dieser Aufstellung find anfangs so stark, daß erst langsam das Schätzungsvermögen für die Kostbarkeit des Geschauten sich einstellt. Immer wieder lenkt der Blick zu den satten Farben des Lapis- Lazuli, des Nephrits, Rosenquarzes oder Malachits zurück. Ihre Flächen lassen in unzähligen feinsten Kristallformen das Licht in so schimmernder Pracht sich brechen, daß man mit geheimer Ehrfurcht der Jahrtausende gedenkt, die diese Schönheit in stillster Arbeit schufen. Gern vergißt man da­bei, daß hier und da ein kluger Chemiker durch geeignete meist höchst geheimgehaltene Bäder den spröden Glanz dieser Naturkinder noch zu kultivieren vermochte. Kaum darf man in solchen Verfahren eine Täuschung er­blicken. Neben den schon genannten Steinarten, von denen besonders der Lapis-Lazuli in einer künstlerisch hochstehen­den Schale gut vertreten ist, bietet die große Achatsamm­lung eine gewiße Ueberraschung. Der feinere Geschmack hat sich mit Recht den oft rohen Farbwirkungen dieses billigen Materiales entfremdet, besonders, seit dem die Chemie aus Kaseinstoffen noch weit billigere, farbig gleichwertige Surrogate schuf. Nur noch in den Bädern und billigen Schmuckgeschäften durfte man auf Arbeiten aus Achat rechnen, deren zweckwidrige und häßliche Ausführung mit den übrigen dort ausgebotenen Mitbringseln u. bergt sich auf braver Höhe zu halten pflegt. Leider zeigt die Aus­

über 6 Mark, 1 Rosenkranz, 1 Zahngebiß (etwa im Monat Mai d. Z.), 1 blaue Schleife, 1 Schlüsselring mit 5 kleinen Schlüsseln.

Verloren: 1 Lorgnette, 1 goldene Brosche (Kaiser Friedrich-Zwanzigmarkstück), 1 schwarzes emailliertes Me­daillon mit Photographie, 1 Krankenschein für Christine Knoth.

Hanau den 31. Oktober 1910.

PolitiTcbe Rundschau.

Wahlbündnisse. Das Wahlbündnis zwischen Zenttum und dem Bund der Landwirte in Kaiserslautern ist perfekt. Die Sozialdemokraten werden isoliert in den Reichstags­wahlkampf eintreten und in den sechs Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstellen. Zwischen Nationalliberalen und Fortschrittlicher Volkspartei wird voraussichtlich auch ein Bündnis zustande kommen, um eine Zersplitterung zu ver­meiden. Wenn sich die linksliberale Partei verpflichtet, bei einer Stichwahl zwischen Sozialdemokraten, Zentrum und Bund der Landwirte für den Sozialdemokraten zu stimmen, so werden die pfälzischen Sozialdemokraten auch die Na­tionalliberalen und die Fortschrittliche Volkspartei gegen Zentrum und Bauernbund unterstützen. Die Parole in der Pfalz wird sich gegen denschwarz-blauen Block" richten. Im Reichstagswahlkreise Marburg-Frankenberg stellen Konservative den Negierungs-Assessor Dr. Bredt auf. Wie verlautet, wollen die Marburger Nationalliberalen diese Kandidatur unterstützen, weil sie es trotz des ausdrück­lichen Wunsches ihres Zentralvorstandes nicht über sich bringen, für den jetzigen Vertreter, den antisemitischen Syndikus des Bauernbundes Dr. Boehme einzutreten.

Stürmische Debatte in der Deputiertenkammer.

Paris, 29. Oktober. Die Deputiertenkammer setzte heute nachmittag die Beratung der Interpellattonen über den Eisenbahnerausstand fort. Auf Angrifft verschiedener Red­ner gegen die Regierung erklärte der Iustizminister, nie­mand sei gerichtlich verfolgt worden, weil er sich an dem Ausstande beteiligt habe. Die Verhaftungen seien erfolgt wegen Angriffe auf die Freiheit der Arbeit und wegen Sabotage. Das Gesetz sei nicht verletzt worden. Als im weiteren Verlaufe mehrere Redner dem Deputierten Reinach vorwarfen, er erhebe gegen die Ungesetzlichkeiten gegen die Eisenbahner keinen Einspruch, erwiderte Reinach, die Ungesetzlichkeiten seien nicht erwiesen. Die Sozialisten riefen:Nieder mit den Juden!" Jaures spielte auf den Fall Dreyfus an, für den Reinach eingetteten sei, und sagte: Wir haben keine weiteren Beweise verlangt, um Dreyfuß

stellung auch noch derartige Geschmacksverirrungen, z. B. ein Geldtäschchen, besten scharfgeschliffenen Achatplatten man unmöglich Sympathien entgegenzubringen vermag. Da sei hervorgehoben, daß sehr wohl der Achat zu feinerer Schmuckwirkung herangezogen werden könnte, wenn man mehr auf seine selteneren Mischungsprodukte, z. B. bei Bei­mengung von Kupferkies, achtete, So findet sich in der Sammlung ein solcher Mischachat, ein sog. Kabinettstein, der in seiner farbigen Delikateste keineswegs den Opalin­gesteinen nachsteht. In noch feinerer Wirkung sttahlen die Tigeraugen und Labradore. Je nach dem verschiedenen Ein­falle des Lichtes verändert sich ihre Farbe; besonders der Labrador zeigt unter seiner etwas seifigen Oberfläche durch­scheinende Azur- und Eoldtöne, wie wir ihnen nur in der Natur bei den Kolibris wieder begegnen. Neben ihnen genannt seien noch sehr schöne Stücke aus Rauchtopas, Avanturin und Bergkristall. Recht bedauerlich bleibt nur die mangelhafte künstlerische Qualität vieler dieser Arbei­ten. Schön sind nur die einfachen Schalen und Büchsen, die man mit großer Meisterschaft z. T. so dünnwandig aus diesen spröden Gesteinen schnitt; daß ihre Hauptschönheit in den feinen Brechungen der durchschießenden Lichtstrahlen beruht. Wagt sich aber der Schleifer dieser kostbaren Steine an figürliche Darstellungen, z. B. an Eulen als Briefbe­schwerer, Bergkristall-Schirmkrücken in Gestalt von Tier­köpfen usw., dann wird man doppelt traurig: um das schöne Material, um die fleißige Arbeit. Diese Darstellungen könnten von sehr hohem künstlerischem Reize sein, wenn sie in Formen behandelt würden, die bei tüchtiger Naturbe­obachtung in strenger Vereinfachung sich den Gestaltungs- Möglichkeiten des Materials unterordneten. So hat man naturalistische Formen von anschauungsarmer Grobheit vor sich, die nach künstlerischer Läuterung dringend ver­langen. Neben dieser Abteilung feinerer Steinware n rst eine fast noch bedeutendere von ausgesprochener- Sch'nu^ steinen gestellt. Wie wohl keine andere Ze-t vor uns, - langt ja gerade die heutige Schmuckkunst nach ^e Halbedelsteinen, die ja in ihrer Strahl-nbrechnng ,h»n edlen Vettern zumeist arg unterlegen [in .1 SBirtuna ihre Billigkeit entschädigen, ^hre ^e dekorative Wirkung hat sie unseren SchmuÄünstlern fast lieber als die wirk­lichen Edelsteine gemacht, die ja vielen Tragern werter

aus dem Vagno zu befreien, wir werden ebenso die Eisen­bahner aus dem Gefängnis befreien. Jaures sprach über eine in einem Arttkel derHumanite" gebrauchte Rede­wendung, welche als eine Aufforderung zur E r - mordung Briands gedeutet worden ist. Jaures be­stritt diese Absicht. Er warf der Regierung vor, sie habe keine Anstrengungen gemacht, um einen Ausgleich herbei­zuführen. Millerand protestierte abermals. (Beifall.) Jaures warf in heftigen Worten den Ministern Viviani, Millerand und Briand vor, sie hätten dell nordfranzösischen Arbeitern das Versprechen gegeben, sie wollten mit ihnen für das Recht auf Streik kämpfen. Die Regierung habe nicht das Recht, die Eisenbahner einzuberufen, um den Streik zu verhindern. Redner bestritt die Berechttgung der von Briand aufgestellten Behauptung, daß der Arbei­terausstand eine Verschwörung wäre. Im weiteren Ver­laufe seiner Rede klagt Jaures über die Auskunstsmittel einer Regierung, deren Chef seit 1890 als ein Vertreter der Idee des Generalstreiks bekannt sei. (Briand zuckt mit den Achseln.) Jaures fuhr fort: Briand besitzt nicht die nötige moralische Autorität, um die Aus­standsbewegung zu unterdrücken. Ueörigens verlangt Briand das Vertrauen für das Vergangene und macht Vor­behalte für die Zukunft. Dadurch beweist er, daß die Re­gierung weder in ihrem Programm noch in ihrer Zu­sammensetzung einheitlich ist. Es werden sich Meinungsver­schiedenheiten im Kabinett zeigen, und Rüâritte sind sicher zu erwarten. Im Verlaufe der Debatte kam es zwischen dem Abgeordneten Jaures und dem Arbeitsminister Viviani zu einem dramatischenZusammenstoß. Der Minister erklärte, daß er nichts von seinem sozialistischen Ideal ver­leugnet habe, daß die Arbeiter ihn morgen wieder zur Ver­teidigung ihrer Rechte und Interessen auf dem Posten fin­den könnten, daß er aber niemals einegeheimeBürg- schaft der Gewalttaten übernommen habe. Der Ministerpräsident Briand schilderte hierauf den franzö­sischen Eisenbahnerausstand. Er sagte: Ich habe allerdings den Weg der Gesetzlichkeit verlaßen, um den des Rechtes zu beschreiten. Diese Worte entfesselten bei der Rechten stür­mischen Beifall, dann aber einen tobenden Wider­spruch und großen Lärm auf den Bänken der So­zialisten, der sich auch auf die republikanischen Bänke aus- dehnte. Zwischen dem Lärm tönt fortwährend der Ruf: Demission! Die Sitzung dauerte bis spät in. die Nacht hinein.

Paris, 30. Oktober. Der Ministerpräsident Briand be­tonte, der Lärm habe ihn gestern gehindert, seine Ge­danken vollständig zur Kenntnis zu bringen. Er habe ge-

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nichts als eine allgemeinverständliche Zurschaustellung nicht alltäglicher Vermögensverhältniße bedeuten. Dom künstlerischen Standpunkt kann man deshalb diese Vorliebe für die Halbedelsteine herzlichst begrüßen. Dem neuen Be­dürfnis sind die Schleifereien in Idar und Obetstein weit entgegengekommen. Sie zeigen eine wirklich reiche und qualitätreiche Auslese dieser immerhin billigen Schmuck­steine, wie Aquamarine, Amethysten, (von diesen sogar eine mächtige Eesteinstufe), Turmaline, Topase, Opale, Tür­kisen, Mondsteine, Berylle, Kaprubine, Onyxe u. a. Durch sorgfältigen Schliff teils Facette, teils Capochon find alle Wirkungen aus dem Material gelockt, das in seinem Rohzustand recht selten die in ihm schlummernden Reize verrät. Mit besonderem Danke soll deshalb der eine Sammelkasten genannt sein, in dem stets das Urmaterial und der aus ihm geförderte Schmuckstein lehrhaft gegen­übergestellt find. Unzweifelhaft löst er in dem Beschauer lebhafte Anerkennung für die Geschicklichkeit der Idar-Ober- steiner Arbeiter aus. Geringeren Genuß bereitet die kleine und künstlerisch unbedeutende Abteilung der Steinschnitte (Kameen und Gemmen). Was gezeigt wird, ist zumeist süß­lich und krantt an zu kleinlicher Formenauffastung. Wenn man sich der wunderbaren Blüte des Steinschnittes in der griechisch-römischen Zeit und der Renaistance, ja selbst noch des Empires erinnert, so möchte man die Erneuerung dieser intimen Kunst gern miterleben. .

Hanau darf seinem Kunstgewerbeverein aufrrchttg dank­bar für diese Ausstellung sein. Besonders den Schülern der Akademie wurde ein Material geboten, das manchen zu neuen Schmucklösungen anregen dürfte. Idars und Ober­steins Industrie sei ein pekuniärer Erfolg freundlichst ge­gönnt und gewünscht. Gerade fie braucht starke Einnahmen, damit sie das Los ihrer Arbeiter verbestern kann. Fast alle größeren Arbeiten sind an den mächtigen Schleiftädern ge­schliffen, an deren Querseite der Arbeiter, auf dem Bauche liegend, mit seiner Brust den Gegenstand drückt. Schwere Lungenleiden sind deshalb die häufige Folge. Ihnen kann nur durch möglichste Schonung der Arbeiter und Ausarbei­tung neuer Druck- und Schleifstaub-Absaugemaschinen be­gegnet werden. Dann dürfte man diese schönen Luxus­arbeiten mit noch erhöhterem Genuß bettachten.