6. Trtohar
Donnerstag
Sette S
Drahtnachrichten
Die Revolution in Portnool.
Lissabon, 5. Oktbr. Hier wurde eine provisorische Regierung gebildet, die wie folgt zusammengesetzt ist: Theophilo Braga, Präsidentschaft; Alfonso Eosta, Justiz; Bernadino Machado, Aeußeres; Antonio Luiz Gomez, öffentliche Arbeiten; Oberst Barretto, Krieg; Brazilio Telles, Finanzen; Antonio Jose Almeida, Inneres; Amarao Azevado Gomes, Marine und Zivil- gouverneur von Lisiabon Ruzebio Leao. — Die neue auf dem Stadthaus gehißte Flagge wurde von der Feldartillerie salutiert.
Lissabon, 5. Oktbr., 12 Uhr 5 Min. früh. Vom Balkon des Rathauses hielt der republikanische Führer Eusebio Leao eine Ansprache, in der er der Bürgerwehr die Polizei und die Aufrechterhaltung der Ordnung anvertraute. „Schonet", so rief der Redner, „das öffentliche und private Eigentum; schonet das Leben eines jeden, wer es auch sei. Ich widerhole, wer es auch sei. Die Republik ist großmütig und großherzig." Eine gewaltige Menge stimmte ihm stürmisch zu.
Lissabon, 5. Oktbr., 12 Uhr 20 Min. früh. Um 11 Uhr versuchten die Aufständischen, welche oben in der Avenida de Liber- dade lagerten, in die innere Stadt einzudringen, wurden aber von königstreuen Soldaten zurückgewiesen. Abends herrschte in der Stadt Ruhe. Man hört aber andauernd Geschütz- und Gewehrschüße. Die elektrische Beleuchtung ist unterbrochen. Der verabschiedete General Carlos Reis befehligt die Aufständischen. Die Kreuzer „Adamastor" und „Sao Rafael" sowie die Matrosenkaserne Alcantara haben noch immer eine rote Fahne gehißt. Wagen vom Roten Kreuz und von der Feuerwehr sammeln allenthalben Verwundete und Tote.
Lissabon, 5. Oktbr. Die Agence Havas meldet von 12 Uhr 35 Min. nachts: Die Kriegsschiffe der Aufständischen, die auf die Stadt, besonders auf die Ministerien, die die Praca commercio umgeben, und auf das Königsschloß Necesiiadades feuerten, richteten großen Schaden an den Gebäuden an; auch der Turm der Kirch'e von Necesiiadades ist zerstört. Gewehrsalven in der Unterstadt töteten mehrere Passanten. Man schätzt die Zahl der Toten bis jetzt auf etwa 100; die Zahl der Verwundeten ist bedeutend größer. König Manuel befindet sich immer noch im Schlosie, ohne Schaden erlitten zu haben. Die Königin Amelie und die Königin Pia sind in Cintra. Man sagt, die Aufständischen seien im Verlust und zögen sich nach Monsanto in der Nähe von Lissabon zurück. Mit Ausnahme der Dörfer Vorreiro und Setubal auf dem anderen Ufer des Tajo, Lisiabon gegenüber, werden Unruhen aus anderen Orten Portugals nicht gemeldet.
Lissabon, 5. Oktbr. Während der Nacht dauerte das Gewehr- und Eeschützfeuer unausgesetzt fort und verstärkte sich mit Tagesanbruch noch mehr. Alle Zugänge zur inneren Stadt sind gesperrt. Die Aufständischen, welche in der Nahe der Avenida de Liberdade gelagert hatten, und denen man die Zugänge zum Inneren der Stadt durch die Avenida abschnitt, nahmen einen anderen Weg. Die aufständischen Schiffe beschießen andauernd bestimmte staatliche Gebäude, befonbers das Marinearsenal. Die Zahl der Toten aus der Nacht ist groß. Allenthalben werden Rufe: „Es lebe die Republik!" laut. Nachrichten aus der Pro- oinz kommen nicht in die Stadt.
Lisiabon» 5. Oktbr. Die Volksmenge hißte auf den Gebäuden des Arsenals und dem Rathause die republikanische Flagge; die meuternden Kriegsschiffe schossen Salut. Von auswärts kommen keinerlei Nachrichten in die Stadt. Die Aufständischen stürmten alle beflaggten Gebäude, zogen die alte portugiesische Fahne ein und zerrissen sie.
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Parks, 5. Oktbr. Sin Freund von Coria, dem Führer der portugiesischen Revolutionäre, teilte einem Berichterstatter mit: Er sei überzeugt, daß Corta jede grausame Ausschreitung verhindern wird. Er habe ihm erst kürzlich gesagt: Es werden vielleicht Straßenkämpfe stattfinden, aber man wird niemanden ermorden. Sechs zuverlässige Männer seien schon lange dazu ausersehen, sich im gegebenen Augenblicke des Königs zu bemächtigen, aber nur um sein Leben gegen die Wut der Exaltierten zu schützen.
Paris, 5. Oktbr. Mehreren Blättern zufolge hat der hiesige brasilianische Gesandte über England eine Depesche erhalten, welche angeblich bestätigt, daß König Manuel sich an Bord des „Sao Paulo" geflüchtet hat.
Paris, 5. Oktbr. Von hier lebenden Portugiesen wird erzählt, die Marine sei bereits seit drei Jahren fast durchweg für die Sache der Republikaner gewonnen worden, und auch die Mannschaften und subalternen Offiziere des Landheeres seien größtenteils republikanisch gesinnt, während die Generale und höheren Offiziere monarchistisch gesinnt seien. Die dissidierenden Progressisten und Republikaner machten gemeinsame Sache und hielten angeblich eine schon vollständige Regierung bereit.
Paris, 5. Oktbr. Nach einer aus Cintra eingetroffenen Depesche soll Lissabon sich in den Händen der Aufständischen befinden. Der König soll an Bord eines portugiesischen Torpedobootes entkommen sein.
Madrid, 6. Oktbr. Nach einer offiziellen Meldung aus Bajadoz ist in Portugal die Republik erklärt. Die provisorische Regierung bilden Theophilo Braga Präsident, Vernadino Machado Außenminister, Antonio Jose Almeida Innenminister, Alfonso Costa Unterrichtsminister.
Paris, 6. Oktbr. Die radikale und die sozialistische Presie begrüßen die Proklamierung der Republik in Portugal in wärmster Weise. Die .Lanterne" schreibt: Unsere erste Pflicht ist, der portugiesischen Republik langes Leben zu wünschen. Es ist für die von der Ueberlieferung der französischen Revolution beseelten Republikaner stets eine neue Freude, eine Republik mehr erstehen zu sehen. Man muß hoffen, daß dieses Beispiel befolgt werden wird. Der „Radical" schreibt: Man hat den Bankerott der Republik angekündigt. Der beste Beweis für ihren lebendigen und starken Geist ist der, daß sie sich auch im Auslande verbreitet. Jaurès schreibt in der „Humanitè": Alle Regierungen Europas, Monarchien und Bourgeoise-Republiken werden gut daran tun, diese Warnungen zu beherzigen. Die Frist, die sie noch vor sich haben, ist vielleicht kürzer als sie glauben. — Die konservative Presse spricht ihre Bestürzung und Entrüstung über die Lissaboner Ereignisse aus. Die „Correspondence Nationale", das Organ des Herzogs von Orleans, veröffentlicht eine Note, in der es heißt: „Wird Portugal, für welches die Monarchie die Grundlage des nationalen Friedens bildet, ein Experiment mit der republikanischen Anarchie machen? Unsere Blicke sind mit unsagbarer Erregung auf den Königspalllst gerichtet, der von den Meuterern bombardiert wird. Das portugiesische Volk würde sich, wenn es die geheiligten Häupter des Königs und seiner Mutter, einer Tochter Frankreichs, entasten würde, mit Niedertracht bedecken. Aber man darf alles von der Verschwörung befürchten, die durch die Freimaurer angezettelt und von Männern ausgeführt wird, an deren Händen bereits das Blut eines Königs klebt." Der „Eaulois" schreibt: Wir können uns nur schmerzlich vor dem jungen König und der Königin verbeugen, welcher der schwerste Leidensweg beschieden ist, den jemals eine Frau gewandelt ist. Wenn die Königin Amalie eine Zufluchtsstätte in Frankreich suchen würde, dann würde sie hier nur Ehrerbietung, Liebe und Mitleid finden.
Madrid, 5. Oktbr. Ministerpräsident EanalejaS empfing am Abend die Journalisten und gab ihnen an Hand der bei der spanischen Regierung eingelcmsenen Berichte folgende Darstellung von den Ereignissen in Lissabon: Gestern nacht gegen IV» Uhr wurde die Bevölkerung Lissabons durch 21 Kanonenschüsse aufgeweckt. Alles eilte aus die Straße oder stürzte zum Fenster, um zu sehen, waS los sei. Man sah nach allen Richtungen Menschen laufen, während Trompeter zur Sammlung bliesen. Die Revolution war ausgebrochen, 21 Kanonschüsse waren das Signal. Die sofort mobil gemachte Polizei warf sich auf die Aufständischen, wurde aber von diesen mit Bomben empfangen. Nunmehr wurden di« Truppen zu Hilfe gerufen, aber von ihnen ging ein Teil sofort zu den Revolutionären über, während der andere seiner Pflicht und der Monarchie treu blieb. Es entspann sich ein erbitterter Kampf, bald fielen Tote und Verwundete, besonders die Artillerie forderte zahlreiche Opfer. Den Revolutionären gelang es, sich des Soldatenviertels in der Nähe des Schlosses Ncessidades zu bemächtigen. Als der König sah, was vorging, verließ er auf den Rat von vier seiner Vertrauten das Schloß, begab sich mit ihnen an einen sichern Ort, während der Kampf in den Straßen weiter tobte. Die Revolutionäre errichteten Barrikaden und schickten Abteilungen aus, welche die Brücken sperren und die Telegraphenleitungen abschneiden sollten. Im Laufe des Tages trafen dann auS verschiedenen Provinzggrnisonen Truppen in Lissabon ein, die sich mit den treu Gebliebenen vereinigten, so daß sich die beiden Parteien ungefähr das Gleichgewicht hielten. Ich glaube, so fügte Canalejas hinzu, daß die Königin Amelie ihr Schloß in Eintra nicht verlassen hat, ich weiß, daß die aufständische Bewegung in der Provinz nicht unterstützt wurde. Das spanische Kriegsschiff „Numancia" ist nach Lissabon in See gegangen.
Berlin, 6. Okt. Ein junger Bote der Volksbank hatt« gestern vormittag im Postamt 33 einen größeren Geldbetrag in Emp'ang genommen. Von dem Schalter ging er an einen Schreibpult und ließ dort unvorsichtiger Weise, nach seiner Angabe 800 Mk. in Gold, die zusammengerollt waren, liegen. Erst nach einiger Zeit erinnerte er sich auf der Straße des Geldes, eilte zurück, fand aber nichts mehr vor.
Berlin, 6. Oktbr. Die Gattin des ehemaligen Direktors der städtischen Elektrizitätswerke in Wyberg, die 40-jährige Frau Else Wahl unternahm gestern einen Selbstmordversuch. Sie nahm zunächst 8 Gramm Suplimat und jagte sich dann eine Revolverkugel in die Brust. Vor zwei Jahren siedelte sie nach Charlottenburg über, wo ihr Mann an der Technischen Hochschule studierte. Seitdem war er von einem Nervenleiden befallen und er bedrohte seine Frau mit dem Tode. Frau Wahl ließ ihn in einer Nervenheilanstalt unter- bringen; kurz darauf verfiel sie selbst in Trübsinn.
Berlin, 6. Okt. Nach einer Meldung von der russischen Grenze wurden zwei aus elf Personen bestehende Bauernfamilien auf bestialische Weise ermordet und beraubt. Die Täter sind noch nicht ermittelt.
Berlin, 6. Okt. Professor Deckert von der Königlichen Maschinenbausckule in Görlitz, der seit dem 17. Sept, vermißt wird, ist gestern als Leiche aus der Reiste gezogen worden. Es gilt noch als zweifelfast, ob ein Selbstmord oder Unfall vorliegt.
Bern, 6. Okt. Die Strafe der Tatiana Leontieff, die in Interlaken den Pariser Kurgast Müller, den sie für den russischen Minister Durnowo hielt und ermordete, ist abge- lauken. Bis auf weiteres bleibt sie in der Irrenanstalt Münzingen. Ihr Benehmen wechselt. Sie wird streng überwacht, damit sie nicht aus der Anstalt entfliehen kann.
Merlenbach (Kreis Forbach), 6. Oktbr. Heute morgen feuerte der Bergmann Jakob Bardezk auf seine Geliebte mehrere Revolverschüste ab und tötete sie.
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Sabbatfeier von Samstag, 8. Okt.: Vorabend 5 Uhr 30 Min., ^rühgottesdienst 6 Uhr 30 Min., morgens 8 Uhr 30 Min. — Predigt- nachmittags 4 Uhr 30 Min.
Sabbatausgang 6 Uhr 35 Min.
Wochengottesdienst von Sonntag, 9. Okt. an: morgens 5 Uhr 15 Min. nachmittags 5 Uhr 30 Min.
Mittwoch, 12. Okt.: morgens 4 Uhr 30 Min., nachm. 3 Uhr — Min.