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Wer viel fragt . . .
Dem „Derl. Lok.-Anz. wird berichtet:
Der Verein für Sozialpolitik beschäftigt sich mit Unter« suchungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie und glaubt darüber Klarheit erzielen zu können durch einen von Profeffor Max Weber (Heidelberg) entworfenen Fragebogen. Dieser Fragebogen enthält auf vier Folioseiten 26 Fragen mit zahlreichen Unterfragen, und eine Tabelle, worin der Arbeiter, von dem die Beantwortung verlangt wird, seine sämtlichen, nach Vollendung seiner Berufslehre innegehabten Arbeitsstellungen aufzuführen hat. Die deutsche Wissenschaft ist wegen ihrer Gründlichkeit berühmt, und die deutschen Staatsbürger haben ja eine ge- miste Fertigkeit im Schreibwerk dieser Art durch Ausfüllen von Meldezetteln, Steuererklärungen und bei Volkszählungen erlangt, aber ob st« sich dieser über im sie Namen der Sozialpolitik verhängten Heimsuchung willig unterziehen werden, dürfte doch fraglich sein, und selbst, wenn viele, waS zu bezweifeln wäre, dem Ansinnen nachkämen, alle sicherlich nicht. Die Untersuchung kann nur lückenhaftes Material, noch dazu unkontrollierbares, liefern, und daraus lasten sich keine bindenden Schlüsse ziehen. Wenigstens wird ein gewissenhafter Statistiker eS ablehnen, Fragebogen zu bearbeiten, die so unvollkommen sind wie die Speisekarte einer Restaurants um Mitternacht, wo fast alles gestrichen und das Nichtgestrichene auch schon größtenteils nicht mehr vorhanden ist.
Am Pfingstmontag, dem lieblichen Tage, der von Recht- wegen blau ist, unterhielt ich mich mit einem Maschinenschlosser in einer Laubenkolonie über diesen Fragebogen. „Da wird einem ja die Seele aus dem Leibe herausgefragt", sagte er, „Da will man wissen, ob ich verheiratet, verwitwet oder geschieden bin. Warum? Ich war verheiratet, habe meine erste Frau verloren und bin jetzt von der zweiten geschieden und weiß wirklich nicht mehr, wann die Hochzeit war. DaS ist viel zu lange her und die Papiere habe ich verloren. Erfahrungen in Auslese und Anpassung besitze ich also, wie Sie sehen. Was haben die Herren bloß für Vorstellungen von den Fnmilienüberlieferungen in Arbeiterkreisen, wenn sie nach dem Beruf der Großväter fragen! Die waren längst tot, als ich zur Welt kam, und meine Eltern verlor ich, als ich noch zur Schule ging. Ob das eine Mittelschule oder eine Volksschule war, kann ich nicht sagen, ein Gymnasium war eS jedenfalls nicht. Und dann soll ich Auskunft geben, aus welchem Grunde ich den Schlosserberuf ergriffen habe. Du. lieber Himmel, eines TageS führte mich mein Vormund in eine Schlosserei, der Meister schubste mich an einen Werkzeugkasten, und die Meisterin gebrauchte mich zum Milchwärmen und Spazierenfahren des Kinderwagens, sodaß ich mir außer in der Schlosserei noch Berufsgeschicklichkeiten als Kindermädchen erwarb, ohne daß ich dadurch meinen Erwerb zu finden in der Lage wäre, wenn ich aus der Fabrik entlasten werden sollte. Ja, aus welchem Grunde wählt man seinen Beruf? Wenn man noch klein ist, möchte man gern Konditor werden und wird es doch nicht, sondern manchmal Sozialpolitiker. Ich glaube überhaupt, die wenigsten Menschen sind sich über die Gründe ihrer Berufswahl klar, und das ist gut, denn Schlosser wär« ich, weil mir meine Arbeit besonders anstrengend vorkommt sicherlich nicht geworden. Ich habe überhaupt noch niemand gesunden, dem seine Arbeit nicht zu schwer wäre, und schon mein alter Schlossermeister pflegte zu sagen: „Junge, du ahnst nich, mit wie wenig Arbect ick auskommen kann" — und dann ließ er mich schuften. Natürlich fühl« ich mich jetzt in der Fabrik durch das Maschinengeräusch belästigt, und es wäre mir lieber, wenn sie statt zu rumpeln und zu klappern, die „Lustige Witwe" spielten. Na, und dann wollen die Herren etwas über die Wirkung der zu weit getriebenen Arbeitsteilung erfahren. Ja, das ist zuweilen so: Ich gebe ein Stück zum Abfeilen an einen Arbeitsburschen, der gibt es einem anderen weiter, weil er aus her Kantine Bier holen muß, und dann kann ich mich lotschreien, bis ich das Stück wiederkriege. Mein Ideal über die Entlohnung besteht in der kleinsten Arbeitszeit bei höchstem Zeitlohn, weil ich dabei am besten in der Laubenkolonie arbeiten und mein Gärtchen pflegen kann. DaS ist meine Haupterholung, wenn Sie «8 hören wollen, und nebenbei treibe ich Rennsport, indem ich bei unserem Budiker auf die Traber in Weißensee wette. Außerdem gehöre ich dem Rauchklub „Blaue Wolke" an und beschäftige mich in meiner freien Zeit mit der Erfindung einer nikotinfreien Patentpfeife. Diese Mitteilungen werden aber schwerlich die Zwecke der Sozialpolitik fördern, und ich lehne es ab, über meine Lohnver-
— Alle Inserate, =
die für den „Hanauer Anzeiger"
aufgegeben werden, erscheinen gleichzeitig, und zwar unentgeltlich, in den Nebenausgaben des „Hanauer-
Anzeigers", dem
„ßnWtdia Acher"
und dem
„8oiiWlMta AyM"
Amtliches Organ für den AmtSort Langenselbold.
Inserate in dem „Fjanauer Anzeiger" sind daher von durchschlagender Wirkung.
hältniste Rede zu stehen, denn das geht niemand etwas an, und ich erkundige mich auch nicht, welchen Lohn die Herren Sozialpolitiker für ihre Tätigkeit beziehen. Dasselbe gilt von meinen Ersparnisten, und da warne ich Sie bloß, sich nichts von meinen Kollegen aufbinden zu lassen. Es gibt „Stöhners" und „Prahlers" in der Welt, und die „Stöhners" die immer klagen, haben gewöhnlich etwas auf die hohe Kante gelegt, wollen aber nie Mitgliederbeiträge zahlen. Die Brüder kennen wir, und die werden mit der Wahrheit gewiß nicht herausrücken. Tief gerührt bin ich über die Frage, welches Lebensziel ich zu erreichen hoffe und welches Ziel ich mir früher gesteckt habe. Das ist schon mehr eine Beichte, aber Sie, Herr Doktor, werden verschwiegen sein: ich spiele nämlich mit einigen Kollegen ein Viertellos in der Preußischen Klassenlotterie, und wenn dies einmal mit dem Hauptgewinn herauskommt, schaffe ich mir ein Automobil an und fahre jeden morgen damit zur Fabrik. Das ist mein Ideal, und wenn ich es erreicht habe, werde ich auch den Veranstalter der Enquete, der seine Adresse auf dem Fragebogen „behufs eingehenderer Vernehmung" angegeben hat, besuchen und mich mit ihm über die Neugier der Menschen unterhalten. Wenn ich die Tabelle über meine verschiedenen Arbeitsstellungen und die Gründe des Stellenwechsels auS- füllen sollte, müßte ich einen Roman schreiben mit dem Motto:
„Härt' die Frau Meist'rin Fleisch gekocht, Mär' ich daheim geblieben."
Wie in allen Romanen, würde nicht alles stimmen, aber wer kann denn behalten, wo er überall in der Welt einmal gearbeitet hat und noch dazu nach Jahr und Monat? Ich schätze, ich bin ungefähr in meinem Leben in dreißig Stellungen und ungefähr zwanzig verschiedenen Städten gewesen, habe mich auf der Walze vielfach umgesehen von Hamburg bis Wien, viel erlebt und möchte doch den sehen, der trotz erheblich jüngeren Lebensalters imstande wäre, buchmäßig richtige Angaben über seine Stromerei zu machen. Das kann vielleicht einer fertig kriegen, der immer hübsch hinter dem grünen Tisch gesessen hat, aber von einem Schlosser ist das nicht zu verlangen, und wie ich denken wohl die meisten deutschen Arbeiter, die sich den Wind haben um die Nase gehen lassen."
Hier endete meine Unterredung, und ich bin gespannt, welchen Erfolg der Verein für Sozialpolitik mit seiner Umfrage haben wird. Mir scheint, daß sie einen verhältnismäßig winzigen Kern, wie der Halleysche Komet, innerhalb eines unendlich langen Schweifes von grauen Theorienebeln enthält und bei einer teilweise tendenziös zugespitzten Fragestellung, die manchmal suggestiv wirken muß, wenig dem sozialen Frieden dienen wird. Nicht die geringste Gewähr für eine sachgemäße Beantwortung ist geboten, und Spaßvögeln eröffnet sich ein weites Feld zur Irreführung wohlmeinender Gelehrter. Da jedoch nur di« Resultate dieser Enquete, falls sie anS Licht der Oeffentlichkeit gebracht werden sollten, und nicht ihr Material allgemein bekannt werden, entgeht dem großen Publikum die Möglichkeit mitzuprüfen, und daS ist schad«: «s wird ihm viel Stoff zum Lachen vorenthalten.
Drahtnachrichten
Die Stellvertretung veS Kaisers.
Berlin, 28. Mai. Im „Reichsanzeiger" sind folgend« Erlasse veröffentlicht:
Da ich auf ärztlichen Rat mir für einige Tage Schonung meiner Hand auferlegen muß, will ich Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit und Liebden für die Dauer meiner Behinderung beauftragen, an meiner statt diejenigen Schriftstücke unterschriftlich zu vollziehen, welche ich Euerer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit und Liebden zu diesem Zweck zugehen lassen werde. Neues Palais den 27. Mai 1910. Wilhelm I. R., v. Bethmann Hollweg, Frhr. v. Rheinbaben, Dr. Delbrück, Dr. Beseler, v. Breitenbach, v. Arnim, v. Moltk«, Sydow, v. Trott zu Solz. — An den Kronprinzen deS Deutschen Reichs und Kronprinzen von Preußen, Kaiserlich« und Königliche Hoheit.
In der Anlage laffe ich Ihnen einen an Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen des Deutschen Reichs und Kronprinzen von Preußen gerichteten Erlaß mit der Weisung zugehen, ihn nebst meinem gegenwärtigen Erlaß durch daS Reichsgesetzblatt zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Neues Palais den 27. Mai 1910. Wilhelm I. R., v. Bethmann Hollweg. — An den Reichskanzler.
Dem Staatsministerium laffe ich in der Anlage einen an Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen gerichteten Erlaß mit der Weisung zugehen, ihn nebst meinem gegenwärtigen Erlasse durch die Gesetzsammlung zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Neues Palais den 27. Mai 1910. Wilhelm I. R., v. Bethmann-Hollweg, Frhr. v. Rheinbaben, Dr. Delbrück, Dr. Beseler, v. Breitenbach, v. Arnim, v. Moltke, Sydow, v. Trott zu Solz. — An das StaatS- ministerium.
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Berlin, 30. Juni. Dem „Lokalanz." zufolge sind gestern in der Schweiz auf der Birsig-Talbahn hinter Schloß Bott- mingen zwei Züge mit Ausflüglern von und nach Basel in voller Fahrt an einer Kurve aufeinander gefahren. Der Materialschaden ist groß. 15 Personen sind verwundet.
Berlin, 30. Mai. Die Deutsch-Asiatische Gesellschaft veranstaltete gestern abend im Hotel Bristol ein Diner zu Ehren deS Prinzen Tsai-Tao. Um 12 Uhr 10 Minuten begab sich der Prinz mit Gefolge in einem Sonderzug nach Hamburg, von wo st« heute abend 12 Uhr 30 Minuten wieder in Berlin eintreffen werden.
Landsberg a. d. W., 30. Mai. Durch ein scheu geworbenes Pferd wurden bei dem Dorfe Selow der Gemeindevorsteher Schulz, der Gutsbesitzer Diesig und dessen kleiner Sohn aus dem Wagen geschleudert. Schulz war sofort tot, Diesig liegt an einem komplizierten Schädelbruch hoffnungslos darnieder, der junge Diesig trug innere Verletzungen und einen Beinbruch davon.
Paris, 30. Mai. Aus Nacebrouck (Departement Noire) wird gemeldet: Zwischen französischen Zollwächtern und Schmugglern, die in einem Automobil verschiedene Waren aus Belgien nach Frankreich werfen wollten, kam es bei Boeschepe an der französisch-belgischen Grenze zu einem hart- nüdtqen Kampfe. Beiderseits gab es Verwundete. Die Schmuggler wurden schließlich gezwungen, mit ihrem Automobil nach Belaien zurückzukehren. 1
Paris, 30. Mai. Die Akademie der Wissenschaften, deren I wirkliches auswärtiges Mitglied Professor Dr. Robert Koch j war, wird in ihrer morgigen Sitzung dem Verstorbenen einen | Nachruf widmen.
Paris, 29. Mai. AuS Algier wird gemeldet, daß ein- Polizeitruppe bei einem Streiszug durch Süd-Osten die Ort» schaft Ksar del Uleb Kaddu beschossen und zerstörten, wohin sich der noch nicht unterworfene Stamm geflüchtet hatte. Dit Gegner hatten zahlreiche Tode, 24 Leichname wurden aufgefunden. Auf französischer Seite waren keine Verluste zu verzeichnen.
New-York, 29. Mai. Der Aviatiker Curtiß gewann den von dem „New-York World" gestifteten Preis von 10000 Dollars. Er startete morgens um 7 Uhr in Albany, landete um lO Uhr 40 Min. im oberen Teile von Manhattan- Island, um seinen Petroleumvorrat zu ergänzen, stieg um 11 Uhr 35 Minuten wieder auf und flog bis Governors» Island.
Teheran, 30. Mai. Der frühere Postminister EminÄ Mulk ist gestern abend durch einen Schuß aus einem Mausergewehr schwer verwundet worden und bald daraus gestorben. Der Mörder gehört zu den MudjeddinS.
Calais, 29. Mai. An dem Unterseeboot „Pluviost* sind zwei Ketten befestigt. Ein Taucher hat an dem Schiffsrumpf ein klaffendes Loch und einen Riß oberhalb bet Torpedo-Lancierrohres festgestellt.
Malaga, 29. Mai. Während der Vorführungen in der Arena von Alhaurin el Grand« stürzte eine Tribüne ein. Els Personen wurden schwer verletzt.
Newyork, 29. Mai. Das Reuterschr Bureau meldet aus Bluefields: Die Regierungstruppen unter General Lara unternahmen einen äußerst heftigen Angriff auf hie Stellungen Estradas um Bluefields, wurden jedoch mit einem Verlust von 250 Toten und Verwundeten zurückge- schlagen. Morgen wird eine Abteilung Seesoldaten der Vereinigten Staaten eintreffen, um Gefechte innerhalb der Stadt zu verhindern.
Das Urteil gegen Hofrichter.
Wien, 28. Mai. DaS heute gefällte kriegsgerichtliche Todesurteil gegen Hofrichter wird nunmehr vom Gerichtsherrn , Korpskommandanten Dersbach, dem Militär-Obergerichte zugewiesen werden. Von der Familie Hofrichters wurden Schritte eingeleitet, um dem Verurteilten den RekurS an die obergerichtliche Instanz zu ermöglichen, trotzdem diesem nach der Militärstrafprozeßordnung ein derartiges Recht nicht zusteht. In der Berufungsschrift sollen hauptsächlich psychiatrische Momente geltend gemacht werden. Die Publizierung des Urteils wird erst nach dem Eintritt der Rechtskraft erfolgen. Dann wird auch Hofrichter eine Zusammenkunft mit seiner Frau behufs zivilrechtlicher Verfügungen gestattet werde».
Schiffsberichte.
(Mitaeteilt von 'N gern Ad. rreusch - Hauau.)
Hamburg, 27. Mai. Der Dampfer „DoSnia* von der Hamburg - Amerika - Linie ist gestern in Boston und der Dampfer „Spreewald" vorgestern in Vera-Cruz eingrtroffm.
Schiffsnachrichten.
Mitgeteilt vom Vertreter des Norddeutschen Lloyd in Bremen, M. Schuster, Fahrstraße Nr. 1.
Der Dampfer „Prinzeß Alice" deS Norddeutschen Lloyd ist am 25. Mai wohlbehalten in Dew-Dork angekommen.
Der Dampfer deS Norddeutschen Lloyd „Cassel* ist am 25. Mai wohlbehalten in Baltimore angekommen.
Bremen, 26. Mai. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Franken" ist gestern in Colombo eingetroffen.
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