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Gencraè-Akzeiger
ANtlichts Organ für Stadt- nad Landkreis Kanan.
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Erscheint täglich mit Ausnahme d« Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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Nr. 120
Zpernsprechanschlittz Nr. 605.
Donnerstag den 26. Mai
Ferusprechartschlutz Nr. 605. 1910
AmtNAeK.
Unter Beziehung auf den Erlaß vom 6. Mai 1908 Nr. 1419/3 08 0 2 wird, entsprechend dem in der Reichs- zivitverwaltung eingeführten Verfahren, auch für die Empfänger der aus Militärfonds zahlbaren Pensionen, Warte- gelder, Witwen- und Waffengelder, Witwen- und Waisenrenten, fortlaufenden Unterstützungen, Erziehungs- und sonstigen Beihilfen, sofern sie ein Postscheckkonto haben, die Zahlung der Bezüge durch Ueberweisung auf ihr Postscheckkonto zu- gelassen.
Da indessen die Postscheckämter nicht in gleicher Weise wie die Bankhäuser (Ziffer 4 deS Eingangs erwähnten Er- lasseS) die Verpflichtung übernehmen können, der Reichskasse die überwiesen erhaltenen Beträge wieder zuzuführen, falls der Bezugsberechtigte den Fälligkeitstag nicht erlebt hat, so kann die Zahlung auf Postscheckkonto nur nach vorheriger Einsendung der vorschriftsmäßigen Empfangsbescheinigung erfolgen.
Die Ueberweisung der Beträge erfolgt durch Zahlkarte — § 2 A her Postscheckordnung.
Die vorstehende Bestimmung findet auf alle auS der Militärwitwenkaffe zahlbaren Pensionen gleichmäßige Anwendung. (Nr. 841/3 10 0 2.)
Berlin W 66 den 15. April 1910.
Kriegsministerium, VersorgungS- und Justiz-Departement. M1863 (gez.) v. Vallet deS Barres.
Von beachtenswerter Seite ist darauf hingewielen worden, daß die auf den Siraßen feilgehaltenen Mineral-Wâsier, wie Selterser, Soda-Wasser u. a. m. an die Abnehmer stets eiskalt verabfolgt werden und daß der Genuß so kalten Wassers, welcher schon in normalen Zeiten leicht ernste Verdauungsstörungen von längerer Dauer nach sich ziehe, beim Droben der Cholera die Neigung zu ähnlichen Erkrankungen befördere.
Im Auftrage des Herrn Minister- der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten werden daher die Verkäufer von Mmeral-Wâssern im Ausschanke hiermit angewiesen, das Getränk fernerhin, gleichviel, ob die Cholera droht oder nicht, nur in einem der Trinkwasser-Temperatur entsprechenden Wärmegrade von etwa 10° Gels. abzugeben. Gleichzeitig wird das Publikum vor dem Genuffe eiskalter Getränke überhaupt, also auch des zu kalten Bieres, insbesondere aber der Mineral-Wässer, gewarnt. (A II 8624).
Cassel am 22. Mai 1909.
Der Regierungspräsident.
V 3137 I. V.t Rieß von Scheurnschloß.
Verirrt.
Novellette von Klara Anlepp-Stübs.
(Nachdruck verboten.)
Auf Frau Doktor Riemanns Grab blühten die Rosen. Weiße Falter und dunkle Trauermäntel taumelten auf und flogen von Blume zu Blume, saßen auf den Grabsteinen nieder und breiteten wieder die Flügel im Sonnenglanz weit auseinander. Ueber den Mittelweg' schritt im schmucklosen weißen Kleid Elisabeth von Ramin. Sie stand an manchem Grab still und ließ ihre Augen über die Inschriften der Steine gleiten. Sie wandelte mit leisem, fast andächtigem Schritt zwischen den Grabreihen und strich zuweilen wie liebkosend hier über eine zartweise Rose, dort über die glänzenden Blätter deS Efeus, der sich an einer marmornen Engelsgestalt emporrankte. „Wie ist es schön hier" — beinahe hätte sie eS laut gesagt. Sie ließ sich auf eine Ruhebank nieder, dort — wo man von den Vorübergehenden wenig gesehen wurde, und das Blau des Himmels nur gedämpft durch geheimnisvoll rauschende, hohe Laubbäume drang. Von diesem Platz aus schaute Elisabeth von Ramin mit sinnenden, melancholischen Augen in bie Blütenpracht auf den Gräbern. Ein in die weichen Linien ihres fast noch kindlichen Gesichtes eingearabener Schmerzenszug trat schärfer hervor. Ach - sie fühlte sich so bitter allein — - Ihr von innerer Kraft drohte sie oft zu verlaffen. Denn sie hatte keine — keine Seele auf der weiten Welt, der sie sich anvertrauen konnte. Und weil ihr Herz noch blutete über den Tod der Mutter, empfand sie jede unsachte Berührung, jede Unfreundlichkeit von außen her bis in den zartesten Nerv. O, - sie fühlte nur zu gut, daß sie hier den meisten Kolleginnen und wohl auch vielen Familien in der Stadt nicht willkommen war. Denn die Kolleginnen besaßen Freundinnen, die Familien Töchter — für die sie die Lehrerinstellung an der höheren Privattöchterschule ge- wünscht . . . Und nun kam sie — die Fremde — und nabm sie ihnen weg. „Gewiß hat sie hohe Fürsprache" — flüsterte man sich zu und beobachtete mit Mißtrauen das 'chöne, junge Geschöpf, das die Herzen ihrer kleinen Schüle-
Stadtkreis Hanau. Bekanntmachung.
Der Bedarf der nachstehend aufgeführten Naturalien für die Zeit vom 1. Juli bis 81. Dezember 1910 für die hiesige Kleinkinderkrippe und Kleinkinderschule ist im Wege des öffentlichen Angebots zu vergeben.
Für den oben genannten Zeitraum sind erforderlich: ca. 250 Pfd. Ochsenfleisch,
ca. 450 Pfd. Rindfleisch, ca. 100 Pfd. Kalbfleisch, ca. 250 Laib Brot, ca. 3650 Brödchen.
Angebote mit der Aufschrift „Naturalienbedarf für die Kleinkinderkrippe und Kleinkinderschule" ve» sehen, find biS zum 10. Juni 1910 im Zimmer 14 des Rathauses abzugeben.
Hanau den 21. Mai 1910.
Der Oberbürgermeister.
J. B.: Hild. 12261
PolitiTcbe Rundtdrau.
Die österreichischen Staatsbahnen. Im Budget- ausschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses verteidigte der Eisenbahnminister Wrba bei der Beratung des Voranschlages des Eisenbahnministeriums die Eisenbahnverwaltung gegen die erhobenen Angriffe. Er erklärte, daß er ungeachtet der so wenig erfreulichen Ergebnisse des Betriebes der Staatsbahnen in den letzten Jahren doch der bestimmten Ueberzeugung sei, daß wie in Deutschland und den anderen Nachbarländern auch in Oesterreich der Staatsbahnbetrieb die einzig richtige Betriebsform sei. Die bisherige Verschlechterung der finanziellen Ergebnisse des Staatsbahnbetriebes beruhe vorwiegend auf der rapiden Steigerung der Betriebsausgaben. Der Minister gab sodann Aufschlüsse über diese Steigerung der Ausgaben, sowie über die Höhe der Staatszuschüsse für das Jahr 1909 und kam zu dem Ergebnis, daß der Staat durch den Staatsbahnbetrieb mit 53,4 Millionen Kronen effektiv belastet werde. Ganz mit Unrecht würden die glänzenden Erträgnisse der preußischen Staatsbahnen gegenübergestellt, welche größtenteils nur auf die dortigen, besonder- günstigen Betriebs- und Verkehrsverhältnisse zurückzuführen seien. Der Minister verwies darauf, daß die Umarbeitung der direkten Tarife im gesamten Kohlenverkehr mit Deutschland bereits vollzogen sei und daß in diesem Verkehr bereits die neuen Anteile zur Erhebung gelangen; aber auch in den übrigen, finanziell weniger belangreichen Arten des Güterverkehr- sei die Umarbeitung der Tarife bereits in Angriff genommen worden. Er müsse entschieden die Anregungen betreffend den Verkauf oder die Verpachtung des Staats
rinnen im Sturm eroberte. Der Lehrerin Blumen in die Schule mitzubringen, war verboten da trug man sie ihr einfach in die Wohnung. Und Elisabeth fand in ihrem Stübchen nicht Gläser und Vasen genug, um die duftenden Liebesgaben unterzubringen. Ach — sie war so glücklich über das bißchen Sonne, das die Blumen in ihr Leben zauberten. Dennoch wehrte sie in liebevollster Weise. Denn sie wußte, man sah diese Aufmerksamkeiten nicht gern. Und richtig — da kam auch schon ein strenger Verweis, und dunkle Wolken verscheuchen den kurzen Sonnenstrahl , . . Die ganze Welt hatte plötzlich wieder ein graues Gesicht bekommen. Mit etwas vorgeneigtem Haupt saß Elisabeth und sah still vor sich nieder.
„Fräulein von Ramin I" Es war Doktor Werner Riemanns Stimme, die das Mädchen aufstörte. Sie zuckte zusammen und sah auf.
„Sie, Herr Doktor l" sagte sie langsam, wie erwachend. Doktor Riemann lüftete den Hut. „Ja. Darf ich mich zu Ihnen setzen?" „Gewiß. Gern." Sie rückte etwas nach dem Ende der Bank. „Bitte!" Nun saßen sie auf dem stillen Friedhof wie auf einer verlorenen Insel im brausenden Weltmeer nebeneinander, und keiner fühlte daS Bedürfnis, zu reden. Aber Elisabeth fiel es doch auf, daß ihr Kollege ebenso schweigsam blieb wie sie. Und plötzlich dachte sie: Er kam gewiß vom Grabe seiner Frau.....Ihre Seele wollte aus tn Teilnahme. Fast ängstlich prüfte sie sein Gesicht. Doch das sah zwar tiefernst, aber nicht unglücklich aus. Und nun wandte er auch den Blick zu ihr und zeigte in die Runde: „Diese Umgebung — sie richtet unsere Gedanken ganz von selbst aus das große Todesmysterium, dem wir alle entgegeneilen —". Sein Auge lief über ihre zarte Gestalt in dem weißen Kleide und über ihre Züge, die so kindlich weich aussahen. „Aber was führt Sie an diesen Ort?
Sie sah ihn schmerzvoll an. „Meine liebe Mutter starb vor zwei Jahren. Ich kann ihre Ruhestätte und auch die meines Vaters nicht aufsuchen--". „O — daS wußte ich nicht. Wir haben ja bisher leider so wenig miteinander gesprochen. Aber haben Sie nicht gefühlt, daß ich immer Teilnahme für Sie empfand?" „Ja, ich fühlte, daß Sie gut zu mir waren." „So? Nun sehen Sie — und ich habe be-
bahnnetzeS abl-hnen. Im Jahre 1910 dürfte der Staat mit 67 */> Millionen Kronen belastet werden. Bei einem entsprechenden Zusammenwirken aller Faktoren erscheine die Lage der Staatsbahnen durchaus nicht so trostlos, wie sie aus den verschiedensten Motiven dargestellt werde. Der Minister sagte zum Schluffe, die Parteien möchten durch Zurückstellung der nationalen und politische« Sonderinteresser und Differenzen zu einer gedeihlichen Entwicklung der österreichischen Staatsbahnen beitragen.
Der Streit im Baugewerbe. Der Deutsch« Arbeit» geberdund für das Baugewerbe veröffentlicht die folgende Zusammenstellung der in den einzelnen Verbänden deS
Deutschen Arbeitgeberbunde« für das Baugewerbe bis zum 18. Mai 1910 entlassenen Bauarbeiter:
1. Ostpreußlscher Bezirksverband 2 815
2. Westpreußifcher Landesverband 5 342
3. Arbeitgeberbund für die Provinz Posen 4 500
4. Schlesischer Provinzialverband f. d. Daugewerb« 11 500
5. Bezirks- Arbeitgeberverband für Pommern 2 800
6. BezirkSverband für Neuvorpommern 150
7. Mecklenburgischer Verband 4 814
8. Arbeitgeberverband Unterelbe 5 583 9. Nordwestdeutscher Verband 13 500
10. BezirkSverband Unterweser- und EmSgebiet 3 142 11. Bezirksverband für die Provinz Brandenburg 2 230 12. Bezirksverband für die Nieder! austtz 900 13. BezirkSverband im Königreich Sachsen 28 000 14. Bezirksverband für Thüringen 6 300 15. Bezirksverband für die Provinz Sachsen 8 000 16. Landesverband Braunschweig 2 200 17. Mitteldeutscher Verband 11400
18. Arbeitgeberbund in den rhein.-westf. Industriegebieten 24 700
19. Arbeitgeberverband für die Rheinprovinz 8 900
20. Bergischer Schutzverband 3 100
21. Arbeitgeberverband im Saargebiet 1 750
22. Pfälzischer Kreisverband 1 000
23. Nordbayerischer Bezirksverband 9 931
24. Südbayerischer BezirkSverband 14 215
25. Arbeitgeberbund für Württemberg 4 100
26. Arbeitgeberbund für Baden 3 100
27. Arbeitgeberbund für Elsaß-Lothringen 6000
28. Einzelne Ortsverbände: im östlichen Thüringen 2 372
Lübeck 1004, Pyrmont 129, Magdeburg 1687 2 820
Zusammen 197164
Nach dem Vorstand zugegangenen Nachrichtm sind gegenwärtig in Arbeit: in Hamburg etwa 8000 Bauarbeiter und in Bremen 4000 bis 4500 Sauarbeiter. In Berlin beabsichtigt man, die Zahl der beschäftigten Bauarbeiter ebenfalls festzustellen, kann aber vorläufig Angaben nicht macken.
merkt, daß Sie niemand haben, der Ihnen einmal seinen Rat leihen kann. Ihr« Stellung ist nicht ganz leicht hier, und ich kenne auch den Grund. Sie sind noch so jung — ich bin schon zwölf Jahre Lehrer und habe so allerlei «r- fahren — vielleicht bedürfen Sie zuweilen einer Aussprache? Mir können Sie ruhig alle- sagen, Fräulein von Ramin — ich meine es gut mit Ihnen — glauben Sie mir daS?" Wärme strömte ihr zum Herzen. Sie sah ihn dankbar an. „Das fühle ich l" „Nun denn — also wenn je wieder etwas Sie bedrückt, besprechen Sie eS mit mir, und St« sollen gewiß sein, daß ich alles tun werde, um Ihnen Ihr« Stellung zu erleichtern. Sie müssen mir nur anvertrauen, wenn Sie in Not oder trüber Stimmung sind. Wollen Sie das?"
„Gern, Herr Doktor — o, so gern!" Elisabeth von Ramin durchströmt« heiße Dankbarkeit. Ihr, die sich so oft von aller Welt verlassen fühlte, bot ein Kollege und Ehrenmann seine Hilfe an. „Also sind wir Freunde?" „Ja", sagte st« so laut, daß sie beinahe darüber erschrak. „Gut. Also von jetzt an: Treue Freundschaft?" — „Ja, von jetzt an treue Freundschaft!" Sie blicken sich an — in des Mädchens Auge: höchstes Vertrauen, in deS ManneS: gedankenvolle Zufriedenheit.
Machtvolle, feierliche Klänge zogen durch die Lust: „Meine Lebenszeit verstreicht, stündlich eil' ich zu dem Grabe."
„Ein Begräbnis' , sagte Elisabeth leise. Doktor Riemann nickte und schwieg — Sie begriff, was in diesem Augenblick in seinem Herzen vorging, und fühlte mit ihm. Mit einfacher Herzlichkeit bot sie ihm die Hand: „Sie haben auch viel verloren!" Er sah überrascht auf. In der nächsten Sekunde nahm er jedoch die Hand und sagte mit starker Betonung: „Ja, Fräulein von Ramin, das habe ich. Und mein Gleichen ebenfalls", setzte er nach einer kleinen Pause hinzu „Es ist zu traurig, daß sie ohne Mutter aufwachsen muß."
Elisabeth sonnte nichts entgegnen darauf, aber ihr ganzes Innere wallte auf für das Kind, das schon lange ihre Sieb- hng§fd)ülerin war. Ein Wildfang und zuweilen auch ein Trotzköpfchen war ja die Kleine aber zugleich das süßeste goldigste Geschöpfchen von der Welt. Und während sie so an daS Kind dachte, fiel ihr ein, daß zu Haus noch nie.