presto a
X» geerntet
Russischer Winter.
Bon J««-yk.
(Nachdruck verboten.)
Der Winter im großen Zarenreiche hat trotz seiner Kälte unk Schneestürme, seiner Starrheit und Grausamkeit etwas Berauschende- und Berückendes. In anderen wärmeren Landen ist er als ein arger Tyrann verschrieen — man denkt unwillkürlich gleich an erfrorene Nasen und Ohren, an allerhand unheilvolle, durch die vernichtende, gewaltige Naturkraft hervorgerufen« Verwüstungen. In der Tat hat der russische Winter unendlich viele Gefahren im Gefolge, und doch tauchen beim Gedanken an klirrende Fröste nicht nur öde unabsehbar« Schneefelder vor dem geistigen Auge auf, sondern zugleich etwas Festliches, Buntes, Lebendiges, Glitzernde«, ein Gemälde von überschäumender Lebensfreude.
Zn Petersburg, in der früheren Residenz Moskau, sowie in den großen Gouvernementsstädten ist der Winter den Reichen und Sorglosen, für welche Genuß Lebensinhalt bedeutet, rin hochwillkommener Gast; besonders Petersburg steht im Zeichen de- Winter». Im Sommer flieht ein jeder, welcher die Möglichkeit dazu besitzt, diese Stadt, weil in der heißen Jahreszeit da- Klima dort noch viel ungesunder ist als wie im Winter. AuS den Sümpfen, auf welchen diese Stadt erbaut ist, entwickeln sich dann Krankheitskeime; der Typhus herrscht ja da« rund« Jahr hindurch dort, all, sommerlich in den letzten Jahren die Cholera.
Der Winter bringt einen Pulsschlag neuen Leben- in di« prunkvoll« Residenz. Die Petersburger Straßen, vornehmlich der breit« Newsski Prospekt, in Reiffrost bei glitzerndem Sonnenschein oder bei elektrischer Beleuchtung bieten einen geradezu feenhaften Anblick. Dreigespanne jagen unter Schellengeläut« dahin — der Kutscher in dickem Pelz vermummt, steht vorn im Schlitten.
Hinaus auf die Inseln geht*», über da- blinkend« EiS der Newa; dort locken in Restaurants Zigrunerchöre. Di« Zigeunerlieder erfreuen sich einer gewissen Berühmtheit in Rußland, besonders Moskau ist der Sitz dieser Chöre. Wenn ein echt russischer Kaufmann vergnügt sein will, dann fährt er in einer Troika spazieren und läßt sich von den Zigeunerinn«» ihre einschmeichelnden Lieder vorfingen.
Die oberen Zehntausend der Residenz kehren mit Anbruch des Winters von ihren Auslandsreisen und von ihren fürstlichen Landsitzen heim — di« Salons öffnen sich, ein Fest jagt das ander« ... In den letzten, für Rußland schweren Jahren gab e- kein« glänzenden Hoffeste, doch auf Wohl- tätigkeitSbasaren übernehmen die Großfürstinnen daS Protektorat, und zu dem großen Empfang am Neujahrsfest« begibt fich alle», was hoffähig und befohlen ist, zur Cour ins ZarenpalaiS.
Wie reich Rußland zum Teil ist, das zeigt sich so recht in der Dintersaison, wo jeder, „der Hau« macht", di« bekannte, glänzende russische Gastfreundschaft entwickelt.
Der schneidenden Kälte wird nicht gedacht. In den Blumenläden entfaltet sich hinter Spiegelscheiben ein wahrer Reichtum an seltenen, wunderbar schönen Pflanzen und Blüten. Nizzaveilchen duften, man vergißt beinah bei ihrem Anblick, daß man sich im hohen Norden befindet.
Eine Welt der Pracht erschließt sich in solch einem Petersburger Winter.
Doch wie ergeht es den Armen der Aermsten, den Frierenden und Hungernden in den Mansarden und Kellern der Großstadt? In keiner Stadt fast gibt eS — gab es jedenfalls vor einigen Jahren soviel Bettler wie in den Straßen Peter-burg«. Man konnte sich der Zudringlichkeit in Lumpen, die oft unter Drohungen eine Gabe heischte, kaum erwehren.
Desgleichen bemerkt man in Rußland im Winter mehr denn sonst Berauschte. Der Branntwein spielt ja dort Überhaupt eine große Rolle, die schneidende Kälte scheint förmlich einen Freibrief für den Genuß von Alkohol auSzu- stellen.
Ueber die majestätisch« Newa, die nun schwelgend unter ihrer Eisdecke ruht, jagen di» Schlitten, gleitet dir Elektrisch« — schlanke Tannenbäumchen fassen den Weg ein. Hüben und drüben blitzen di« Lichter in den verschiedenen, auf Inseln erbauten Stadttellen auf; durch di« eisige Luft wogt eherner Glockenklang — von dem Jsaaksdom schallt's, von der Kathedrale der heiligen Mutter. Gottes von Kasan. . . . Die vorweihnachtlichen Fasten haben begonnen, unzählige Gottesdienste werden von der Frühmesse an abgehalten.
An den Straßenecken lodern zu Beginn de« zeitig herein- brechenden Abend« rirfige Scheiterhaufen — Passanten in dünner, dürftiger Kleidung wärmen fich dort im malerischen Schimmer de« über den blendenden Schnee zuckenden Flammenschein«. Sobald bie Kälte höhere Grad» erreicht, durchziehen Patrouillen bie Vorfiädt«, um Ermüdete, welche dem Erfrieren nahe find, auszulesen'
Umgeben von dem lauten Wintertreiben in den großen Städten denkt man doch unwillkürlich an bie einsamen, verschneiten Landschaften, die unermeßlich weiten Steppen Rußland«, die dichten Wälder, in denen im Schnee halb vergraben Dörfer liegen, an kleine Bahnwärterhäuschen, an welchen im Schneefall mühsam ein Zug vorüberdampft, so lange bis er doch in den weißen Massen stecken bleibt, und die Reisenden fich in ihr Schicksal ergeben und warten müssen, bi« Hilf« naht.
Tiefe« Schweigen im russischen Winterwald . . . . Die Nest« beugen fich unter den schweren Schneelasten — der Mond leuchtet kalt . . . Keine Wolke am Sternenhimmel. — Da erklingen schauerliche Tön« durch die Stille der Nacht: «in Rudel beutegieriger, hungriger Wölfe steht dicht gedrängt auf einer Waldlichtung und heult.....Der Bauer, der iUm bie Stund« vor di« Tür seiner Hütte tritt, schlägt angstvoll bei den unheimlichen Tönen ein Kreuz: „Der Himmel behüt« uni*, murmelt er. Sacht, sacht, fällt der Schnee, in immer höherem Wall umgibt er da» Dorf — kau» Berman man aus du Stube zu den EM«n im
winzigen Hof zu gelangen; neugeborene Kälber und Kinder, Hühner, Ferkelchen — kurz alles, was jung und zart ist und der Wärme bedarf, haust in der niederen, Überheizten Stube beieinander. Auf dem breiten Ofen, der „Lejanka", liegt die Großmutter. Der Ofen ist während der Wintermonate der Stammplatz von „Großmütierchen und Groß- Väterchen." In einem russischen Gedicht ist von einem Großvater die Rede, der jahrelang nicht seinen warmen wohligen Ofenplatz verlassen hat und lauschend zum Rande seiner Lagerstatt dort oben kriecht, als er vernimmt, daS sein Eukelchen mit heller Stimme auS einem Buche laut vorliest. Im Kreise steht andächtig lauschend die Familie und staunt das Wunderkind an . . . In Rußland gibt es nämlich noch immer eine sehr große Anzahl von Analphabeten.
AuS den Dörfern geht während deS Winter» meist ein Sohn der Familie, oder auch der Familienvater selber, in die Großstadt, um sich dort bei einem Fuhrherrn alS Schlittenkutscher zu verdingen. Den Wochenlohn sendet er den Seinen nach Hause. Diese „Jswostschiks" (Kutscher), wenn sie frisch vom Dorfe gekommen sind, haben eine ganz besonders zutrauliche, naive Art. Sie duzen jeden Fahrgast, ihn nichtsdestoweniger respektvoll mit „Darin" und „Barina" (Herr — Herrin) anredend. Für zehn bis zwanzig Kopeken fährt man eine unwahrscheinlich lange Wegstrecke, und hört, in seinen Pelz geschmiegt, zu, wie der Rosselenker von seinem heimatlichen Dorfe erzählt. Oft leidet solch ein Bursche an Heimweh, und ihm gefällt eS in „Piter" — so nennt daS Volk Petersburg — oder in „Mütterchen Moskau" gar nicht gut.
Welch ein unsagbarer Reiz liegt in einer taghellen, lachenden russischen Winterlandschaft: kerzengerade steigt der Rau^ in die Lüfte — der Schnee knirscht unter den Schritten, der Frost stählt bie Nerven . . .
Voller Wagemut geht man dem Großen der russischen Wälder, dem Bären zu Leibe. DaS Ossizierkorps so manchen Regiments fährt zur Bärenjagd, wie einstmals Bismarck; eine große Schar von Treibern stört Meister Petz in seinem friedlichen Schlummer — ober der König der nordischen Wälder, der gewaltige Elch, den man nur noch in einigen Gegenden Rußlands findet, wird eingekreist und erlegt. Auf der sÜdrusstschen Steppe jagen die Tataren mit Windhunden und Falken die graum Hasen und bie schnellen, scheuen Trappen.
Die aus dem Kaspise« gewonnenen Fische, den riesigen Stör und Weißfisch, läßt man zu Stein und Bein gefrieren, und versendet sie alsdann in» weite Reich, wo sie al» Leckerbissen auf den winterlichen Diner» verzehrt werden.
Aber unter all dem bunten Glanz der Feste, welcher da» weiße Gewand de» nordischen Winter» verziert, wohnt der bitterste Hunqer, da» unsagbarste Elend unter der Bevölkerung jener Gouvernement», welche von einer Mißernte betroffen worden find. Da» wiederholt sich leider nur zu oft.
Doch kein Licht ohne Schatten — die wundervolle Poesie de» russichen Winters können auch noch so trübe Bilder nicht verdrängen. WaS ein Kachelofen von riesigem Umfang ist, daS weiß man nur in Rußland. Auf alten Schlössern dort gibt es solch wundervolle Oefen, Kunstwerke in ihrer Art, Denkmäler vergangener Jahrhunderte, welche Anspruch auf historischen Wert besitzen. Ob ste noch heutzutage ausreichend Wärme spenden, ist eine andere Frage. WaS erzählt nicht alle» ein lustig flackernde« russisches Ofenfeuer.... Eine moderne Zentralheizung hat doch keine Spur von Poesie . . Wie traut und heimelig wird es einem zu Sinn, wenn knisternde Funken, hüpfende Flämmchen allerhand träumerische Gedanken in einem wachrufen.
Der Schlittschuh-, Schneeschuh« und Trabersport kommt in Rußland gut zu seinem Recht. „Die Eisbahn!" lautet lange Monate hindurch dir Parole de» Tage«. Von künstlich hergestellten Eisbergen sausen kleine Schlitten. Niemand kümmert sich um den Frost, wenn lustige Märsche, wiegende Walzer, schnelle Galopps von einer Regimentskapelle gespielt werden. Man gleitet auf dem Stahlschuh leichtbeschwingt dahin — und wozu gäbe eS denn in Rußland solch köstliche» Pelzwerk, wenn man nicht, der Kälte ein Schnippchen schlagend, fich warm und wohlig in bie weiche Pracht hüllen könnte?
Nordlichter stehen am Horizont ... die HeiligdreikönigS- fröste nicht mehr fern — Weihnachten steht vor der Tür — bereits wird eine endlose Menge von Weihnachtsbäumen auS den Wäldern in die Städte gebracht. Ueber Nacht ist auf dem dazu bestimmten Platz ein grüner Wald entstanden.
Die Sitte, am heiligen Abend einen Weihnachtsbaum anzuzünden, hat sich erst in letzter Zeit bei den Russen eingebürgert. — Viele bescheren auch erst am 25, Dezember. Doch immer mehr und mehr findet die schöne WeihnachtS- sitte in ganz Rußland Anklang.
Auch kommt eS vor, daß eS keine weiße Weihnachten gibt, sondern grüne, verregnete. AuS dem Jahre 1859 findet sich in einer russischen Zeitung folgende Notiz: „Wahrlich, ein Regen im Januar, am Höhepunkt der Winterszeit, da« ist» mit Verlaub, schon zuviel"; dann wieder heißt«»: 1869, im Dezember: „Keine Schneeflocke liegt in den Straßen P«t«rS- burgS."
Man steht, baß auch solche gestrenge Herren, wie der russische Winter, milde gestimmt sein können. In Rußland aber nennt man schon dann den Winter einen späten, wenn erst im November Schnee fällt und das Eis fest wird in den nördlichen Gegenden, ausgenommen natürlich die Bezirke im ganz hohen Norden.
Er ist grausam und hart, der russische Winter, aber er ist dennoch köstlich, er schmeichelt sich den Leuten in die Herzen, so daß man seiner, wenn man ihn in seiner vollen Pracht, in seiner unermeßlich reiche» Abwechselung geschaut hat, nicht so leicht vergißt.
Zwecks AblS ung von NeujahrSgratulationen werden Drträg« zum Besten armer Kinder bei hiesige Waisenhauses entgegengenommen.
Die Namen der Geber werden am 31. Dezember im „Hanauer Anzeiger" veröffentlicht.
Hanau, 23. Dezember 1909.
Waisenhaus-Verwaltung,
Hammerstraß« Nr. 9.
fandet Gewerbe and Verlebe.
Kurs -Bericht.
22. Dez. I 28. De,. « De, i LS. Dq.
Provinztal- und Kommunal-Obl.
4"/o Rbeinprovinz
101.10
101.10
Aktien v. Transport» Unternehmungen.
Kablarnnd E-B.
119.-
118,50
4'/« Hanauer
Hamburg-Amerika
Stadt-Anleihe
100.70
100.70
Paket
134.-
138.40
4*/, Lissaboner
81.-
81.10
Norddeutsche LloyT
102.60
102.40
Oesterr. StaatSbahn
159,—
159.40
Lose.
Oesterr. Sstdbabn
SW Min«
(Lombardi
22.80
22.80
Mind. Lose
188.-
187.50
Balttmore u-Ohio Sch.
—r“
•■»geMw
4'/, Mein. Prâm.-
Pfandbriefe 4°/o Oesterr. V. 60
188.-
174.60
138.-
174.50
Aktie« indnstriell.
2W/0 Raab Kraz.
114.70
Unternehmungen.
Ungar. fL (Guld.)
^rff. Henninger Br.
188.-
133.50
100 Lose
872.80
372.8t
fianau Rieolay-Br.
Deutsche
Badische Anilin« u. Sodakabrik
459.-
459.-
StaatSpapiere.
Deutsche Kold» und
4°/o D. Reichsanl.
102.40
102.50
Silber-Scheideanst.
548.-
549.75
8'/,»/°
94.-
94.10
Nächster Farbwerke
469.50
469.50
8«/»
84.90
85.—
ANaem. Elektr.-Aktien
259.75
261.75
4% Preuß. Kons.
102.50
102.40
Labmeyer
107.-
107—
8'/,»/. , ,
94.-
94.10
Schuckert-Aktien
139.—
13S.—
8»/° ,
85.-
85.-
Siemens u. Halske
248.50
248.80
8'/,*/« Bayern
98.30
98.50
Niederrh. Leder, Spier
208.80
206—
4"/o 1899er Hessen
100.50
Mlerwerke Klever
365 20
866—
4°/, 1906er ,
101.60
101’70
Westd. Jutespinner«
129,50
129,50
4«/» 1909er ,
102.10
102.—
8‘W«
98.20
81.60
93.—
83.-
Berg« erks-Aktie«
Bochimer
112’75
««Ständische
Dndenr» Eisenwerk
117-
StaatSpapiere.
Harpener
208.—
208—
4°/»Oesterr.Goldr.
100.-
99.90
Br. König. Laura
200—
8«/. 1903er Rum.
4°/. Rum. amort.
101.70
90.80
101.70
90.80
PrioritätS-Ohligat.
convert.
5°/» Oesterreich. Süd»
4Vte/e Russen
99.30
99.30
bahn (Lomb.)
102.60
102.70
4«/. 1902er Russen
91.-
90.30
4°/e Oester. Südb.
85—
85.80
4°/» Serben
4°/eUngarn(®oIb)
88.60
95.40
83.20
95.80
4°/» Oesterr. Staatsb. von 1883
98.90
99—
4#/e „ Kronen
92.40
92.50
4»/o Russ. Südost.
87.80
87.70
b°/e Chinesen
102.60
102,60
4«/. Rybinsk E.-B.
87.80
Panl-Aktten.
8"/» I. Anatolier 8V0 Saloniaue
103.60
108.65
Berliner Handels- ges.-Aktien
181.10
Monastir-Anl.
66.60
66.60
Darmstädter Bank
Pfandbriefe.
DiSk.-Komm. A.
W^*j.M
195^20
Dresdner Bank-
4°/o Franks. Hyvoth.»
100.80
Aktien
181.50
161.20
Bank, Ser. 20
100.80
Mitteldeutsche
40/0 Frankf.Hypothek.«
100,60
loo.bo
Kreditbank
120.-
119.80
Kredit-Ver., Ser. 48
Oesterreichische
4°/o Meininger Hypo
Kredit-Anstalt
210.75
210.50
thekenbank, Ser. 18
100.40
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