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Gtnkral-Anzeiger

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sann- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

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Nk. 175 Fernsprechanschlutz Nr. 605.

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Amtliches.

Eandhrds Hanau.

Die Königliche Regierung, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen, hat die Königliche Kreiskasse hierselbst ange­wiesen, die Differenzbeträge zwischen den für das Rechnungs­jahr 1908 nach den früheren Sätzen gewährten Alters­zulagen und den nach § 8 des Gesetzes vom 26. Mai 1909 zu zahlenden Alterszulagen für Lehrer und Lehrerinnen an die berechtigten Empfänger bezw. an die betreffenden Gemeinde- pp. Kassen unter dem Vor­behalte einer etwa noch erforderlichen anderweiten Regelung alsbald zu zahlen.

Hanau den 27. Juli 1909.

Der Königliche Landrat.

V 4197 I. V.: Hartmann, Kreissekretär.

Unter den Schweinen in Bischofsheim ist die Schiveine- seuche festgestellt.

Hanau den 28. Juli 1909.

Der Königliche Landrat.

V 4228 I. V.: Hartmann, Kreissekretär.

Gefunden im Schloßgarten: 1 Kinderstrohhut. Abzubolen im Geschäftszimmer der Armenverwaltung.

Hanau den 28. Juli 1909. 17557

politische Rundschau.

Dem Reichstag sollen iu der kommenden Session ein« Reihe von sozialpolitischen Vorlagen gemacht werden, vor astem die Reichsverstcherungsordnung. Sie wird dem Reichs­tag vermutlich erst nach dem Neujahr zugehen, da der Bundesrat nicht früher fertig wird. Beim Ärbeitskammer- gesetz und der Gewerbeordnungsnovelle wird die Regierung den Beschlüffen der Kommission in einer Reihe von Punkten scharf entgegentreten. Viel Wahrscheinlichkeit hat die Angabe, daß die verschiedenen Titel zur Gewerbeordnungsnovelle, die jetzt trotz ihrer Verschiedenartigkeit in einem Entwurf zusammen» gefaßt waren, in Einzelentwürfe zerlegt werden, um die Be­ratung und Beschlußfassung zu erleichtern. So kommen wir zu Vorlagen über die Regelung der Heimarbeit, über die Stellung der technischen Beamten (Konkurrenzklausel), über die Arbeitszeit und Sonntagsruhe der kaufmännischen Ge­hilfen, über die Lohnzahlung (Trucksystem), über die Fort­bildungsschulen für Arbeiterinnen und anderes mehr.

Der neue Unterstaatsfekretär im Reichsamt des Innern. Nach demNeichsanzeigerâ ist Unterstaats- sekretâr im preußischen Handelsministerium Richter zum Unter- staatssekretär im Reichsamt des Innern ernannt.

Die letzten Tage von Messina.

Roman von Erich Friesen.

(11. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Er ist überaus zart in seinem Benehmen dem scheuen jungen Mädchen gegenüber. Mit sanften, aber eindring­lichen Worten sagt er ihr, wie ihre traurige Lage ihn rühre, wie er den großen Wunsch hege, sie und ihren Vater vor aller Not zu beschützen. Wie dies jedoch nur möglich sei, wenn sie ihm ein Recht dazu gäbe mit einem Wort, wenn sie sich entschlöffe, seine Werbung um ihre Hand anzu­nehmen.

Ruhig, ohne jede Spur von Erregung, hört Clelia zu.

Kein mädchenhaftes Erröten. Kein stärkeres Pochen des Herzens.

Aber auch kein Entsetzen bei dem Gedanken, ihr Leben fortan an der Seite dieses Mannes verbringen zu sollen.

Seit der Nachricht von Orlandos Tod hat sie die Emp­findung, als sei ihr Herz erstarrt, als könne es nie mehr aufjubèln in seligstem Glück . . . aber auch nie wieder zu- sammenschnuern in wilder Verzweiflung.

»Herr Marchese* erwidert sie leise, und groß und voll richten sich ihre Augen auf ihnSie wissen wohl nicht, daß ich seit mehr als vier Jahren verlobt war "

Ich weiß es", fällt er rasch ein.,Ihr Herr Vater hat es mir gesagt."

Auch, daß ich meinen Bräutigam von ganzem Herzen liebte? Ja, daß ich ihn noch immer liebe?"

Auch das."

Und trotzdem wollen Sie*

Trotzdem".

Ein leiser Seufzer hebt ihre Brust.

Wollen Sie mir Bedenkzeit gestatten, Herr Marchese?"

Gewiß, Signorina. Aber ich bitte zu berücksichtigen, daß mein Glück von Ihrer Antwort abhängt."

Zustimmend neigt sie daS Haupt.

9tid)t sieht sie den lauernden Ausdruck in seinen halb­geschlossenen Allgen. Nicht den grausamen Zug um den sie freundlich anlächelnden Mund.

Donnerstag den 29. Juli

Rückkehr in die Heimat. Der Norddeutsche Lloyd- dampferOldenburgs traf gestern mit der abgelösten Be­satzung des ostasiatischen Kreuzergeschwaders, bestehend aus 30 Offizieren, 36 Deckoffizieren, und 621 Unteroffizieren und Mannschaften in Bremerhaven ein. Zwei Sonderzüge beförderten die Eingetroffenen nach Wilhelmshaven und Kiel weiter.

Ein Vorstotz der Castro-Partei in Vene­zuela ? Don Castro hat man seit einiger Zeit nichts mehr gehört. Er scheint aber doch noch nicht endgültig aus der Oeffentlichkeit verschwunden zu sein, denn aus Caracas wird gemeldet, daß die Anhänger des Expräfidenten in Venezuela einen Staatsstreich vorbereiten. Ueber die etwas geheimnis­volle Affäre, an der auch ein Reichsdeutscher beteiligt sein soll, verbreitet dieAssociated Preß" folgende, der Bestätigung wohl noch sehr bedürftige Meldung: Der deutsche Untertan Theodor Hauer und sein Anwalt Porpaeen wurden am Dienstag in Maracaibo verhaftet. Hauer versuchte als Castros Vertreter angeblich venezolanische Aktien desselben zu verkaufen, organisierte aber in Wirklichkeit eine Revolution zugunsten Castro-, was Korrespondenzen und Geheimeode, die bei ihm gefunden und beschlagnahmt wurden, bewiesen. Wichtige Verhaftungen werden erwartet. Castros Anhänger im Kongreß sind beunruhigt.

Die Vorgänge in Spanien.

Madrid, 28. Juli. Der König unterzeichnete heute ein Dekret, wodurch die konstitutionellen Garantien für ganz Spanien aufgehoben werden.

Madrid, 28. Juli. Im heutigen Ministerrat teilte der Minister des Innern mit, daß in Alcoy und Rioja Un­ruhen ausgebrochen seien, die jedoch weniger bedrohlich als die in Barcelona seien. Zu ihrer Ururrdrückung seien strenge Maßnahmen ergriffen worden.

Madrid, 28. Juli. Von amtlicher Seite wurde nach­mittags zur Lage in Barcelona erklärt, daß nach einge- gangenen Nachrichten das Feuer, wie man hier glaubt, auch mit Artillerie, gegen die Barrikaden eröffnet worden ist. Oeffentliche Anschläge in Barcelona fordern die friedliche Einwohnerschaft auf, sich in den Häusern aufzuhalten, um der Möglichkeit, durch Geschosse verwundet zu werden, aus dem Wege zu gehen.

Madrid, 28. Juli. Der König, Jnfant Ferdinand und der Minister des Aeußern sind hier eingetroffen. D«r König konferiert mit dem Ministerpräsidenten und dem Kriegs­minister.

Madrid, 28. Juli. Der Minister d«s Innern hat der Presse über die Ereignisse in Katalonien fol­gende Mitteilungen zugehen lassen: In Reus ist der allge­meine Ausstand erklärt worden und es haben dort Ruhr­störungen stattgefunden. Auch in Alcoy herrscht allgemeiner

Sie hat es nicht gelernt, hinter der Maske das wahre Gesicht eines Menschen zu erkennen.

Mit einem wehmütigen Lächeln reicht sie ihm zum Ab­schied die Hand, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen zieht.

Er weiß, sein Spiel ist gewonnen.

Trotz der Bedenken seiner Schwester! Trotz seiner Ver­gangenheit, die wie ein dräuendes Gespenst zu ihm herüber- düstert!

Seine Laun« verlangt nach dieser holden Mädchenblüte.

Und der Marchese Ludovico Martinelli ist nicht gewohnt, sich irgend eine Laune zu versagen.

10.

Einige Wochen sind vergangen.

Mählich beginnt die gedrückte Stimmung, die seit der Messina-Tragödie auf Palermo gewuchtet, zu schwinden.

Die Verletzten, die in den Hospitälern oder auch in Privat­häusern untergebracht waren, sind entweder ihren Wunden erlegen oder als geheilt entlassen. Die Flüchtlinge aber, denen man aus Barmherzigkeit wochenlang Asyl gewährte, haben sich in die weite Welt zerstreut, um sich irgendwo, fern von der Heimat, ihr kärgliches Brot zu verdienen.

Der Trubel, der noch bis vor kurzem jeden in die Bahnhofshalle einfahrenden Zug empfing vor­über. Keine neuen Flüchtlinge mehr und keine Verwundete.

Ruhe ist wieder eingezogen in Palermo.

Unter den wenigen Passagieren des heutigen von Messina kommenden Nachm'ittagszugès fällt besonders ein hochge­wachsener, etwas bleicher junger Mann auf.

Der feucht-heiße Schirokko, der den ganzen Tag Sizilien überglutete, so daß Mensch wie Tier schlapp und schlaff war und nach einem dahertändelnden frischen Lüftchen lechzte, scheint auch ihm arg zugesetzt zu haben.

Ganz erschöpft steigt er aus einem Coups zweiter Klasse, winkt einen der vor dem Bahnhof haltenden Wagen heran und ruft dem Kutscher die Adresse zu:

Santa Agata-Hospital!"

Nach wenig Minuten schon hält der Wagen vor dem hohen schmucklosen Gebäude. Der Pförtner öffnet, und der junge Mann fragt nach Herrn Dr. Röder.

S«nfyted)«nfd)Iu6 Nr. 605. 1909

AuSstand. Die TelegraphendrShte wurden zrrschnitten. Di» Gendarmen mußten von der Schußwaffe Gebrauch machen, wobei es Tot« und Verwundete gab. Die Ordnung würd» bald wieder hergestellt. In Calahorra versuchte die Volks­menge den Verkehr auf der Eisenbahn zu verhindern. Durch Zerstörung der Weichen und durch andere Beschädigungen wurde ein Zug mit Truppen zum Stehen gebracht. Die Truppen feuerten sofort. Mehrere Personen wurden gr» tötet oder verwundet. Der Verkehr konnt« alsbald wieder ausgenommen werden. In anderen Ortschaften spielten sich ähnliche Vorkommnisse ab. So wurde in Venadrell ein Zug angehalten, der Truppen von Valencia nach Barcelona brachte. Die Regierung hat Beweise, daß Agitatoren um jeden Preis eine aufständische Bewegung ausgesprochen revolutionären Charakters in ganz Spanien Hervorrufen wollen, um den Transport von Truppen zu verhindern und der AktionSfreiheit der Regierung, besonders bezüglich des Feldzuges bei Melilla, Hindernisse zu bereiten. Die Nachrichten, die heute mittag «US Barcelona eingetroffen sind, nachdem die telegraphischen Verbindungen, die in der letzten Nacht unterbrochen wurden, wieder hergestellt waren, enthalten, daß die Brandstiftungen und die Angriffe auf die öffentliche Gewalt fortgesetzt werden und daß die öffentliche Macht dir Ordnung mit Waffengewalt wieder herstellt. Unter den kirchlichen Niederlassungen, di« von den Aufrührern angegriffen wurden, befindet sich auch daS Kloster der kleinen Schwestern der Armen. Im Hinblick auf das Andauem der Bewegung hat der Minister des Innern allen Gouverneuren gemessenen Befehl erteilt, ohne Schonung für die Aufrecht­erhaltung der Ordnung zu sorgen, die heute mehr als je ohne irgendwelches Zaudern gewahrt werden müsse.

Paris, 28. Juli. Wie aus Cerbère gemeldet wird, ist der Eisenbahnverkehr zwischen Barcelona und der franzifi- schen Grenze vollständig unterbrochen. Dir Bevölkerung von Culrra hat die Eisen-ahnlinien auf mehrer« Kilometer stark beschädigt.

Die Lag« in Marokko.

Madrid, 28. Juli. Amtlich wird mitgeteilt, daß der letzte Kampf bei Melilla ein Erfolg der Spanier, welche neue Stellungen besetzt haben, gewesen zu sein scheint.

Madrid, 28. Juli. Nach drm amtlichen Bericht vom 27. Juli aus Melilla dauert« der Kampf der beiden spanischen Kolonnen zum Schutz der Wiederherstellung-arbeiten der von den Mauren teilweise zerstörten Minenbahn den ganzen Tag. Die von General Pintos geführte Kolonne richtete ihr Feuer vornehmlich gegen di« vom Feinde auf dem Berge Gurugu aufgeführten Befestigungen. Di« Mauren erneuerten trotz des mörderischen Artilleriefeuers ihre Angriffe unaufhörlich. Sie hatten außerordentliche Verluste; aus spanischer Seite wurden mehr als 200 Mann getötet oder

Der Bescheid, der Herr Doktor sei heute nicht mehr zu sprechen, scheint den Fremden sichtlich zu erlegen. Ob der Pförtner nicht wiffe, wo er den Herrn Doktor treffen könne.

Nach kurzem Nachdenken bedeutet der Pförtner dem jungen Mann, zu warten. Er werde Fräulein Nanell fragen. Die wisse Bescheid.

Gleich darauf erscheint eine einfach gekleidete, auffallen« zierliche Dame.

Sie wünschen den Herrn Dr. Röder zu sprechen, Signore e

Ja, Signorina. Ich bin nur deshalb hier. Der Herr Doktor ist ein Freund meiner bei dem Erdbeben umS Leben gekommenen Eltern." , c ....

Voll Interesse ruhen PiaS dunkle Augen auf dem hüb­schen Gesicht des jungen Mannes, daS deutlich den Stempel einer kaum überstandenen schweren Krankheit tragt.

Der Herr Doktor ist in der Villa Miranda unten im Kai," erwidert sie jetzt freundlich.Er besucht dort einen Patienten." .

Glauben Sie, daß ich ihn dort noch antreffen werde Sicher. Der Patient ist ein alter Freund von ihm, bei dem er stets ein Stündchen verweilt."

Besten Dank, Signorina."

Bittesehr!"

Pia will sich wieder zurückziehen. Aber ein chr selbst un­erklärliches Interesse an dem bleichen jungen Mann läßt sie noch zögern. .......

Ihr Name, Signore?" fragte sie schüchtern.

Orlando Perini."

Orlando Perini?"

Pia widerholte eS stockend, angstvoll, als habe sie nicht recht gehört.

Sie will den jungen Mann zurückrufen, will ihm sagen, daß er nicht nach der Villa Miranda gehen dürfe.

Zu spät.

Bereits rollt der Wagen mit Orlando davon.

Bleich vor Erregung blickt Pia den aufwirbelnden Staub­wolken nach. Großer Gott, waS hat sie angerichtet! Was wird Dr. Röder dazu sagen! . . .

Inzwischen holpert der Wagen die schmalen Straßen ent* lang, hinunter zum Kai.