Zweites Blatt.
Hanauer K Anzeiger
Bejeyjprdâ:
«.jährlich 1,80 W., m»natlich 60 $(g„ für <u* »ästige Abonnenten mit dem betrefsenüeu P-ftauffchi«-.
Die einzelne Stummer testet 10 Pf-.
Retetienidruck und Verlag der Buchdruckerei ie» mein, r», WaifmhauseS in Hanau.
Gencral-Anzeigrr
Amtliches Orgs« fit 51sdt- uni Fan-Kreis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sann- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Gi»»ück«»,«-,tüh, I
Die fünf gespalten« Petitzeit« »der deren Xan« SS $f^ im LettauauteU die Zal« 36 Pf^
Berautmerti. »«dakteur: Ä. « chr « ck« r le Hanau.
Mr. 115 K«ri„>rrcha»schl«b Nr. 805.
Dienstag den 18. Mai
Ferttsprechanschlutz Nr. 605. 1909
Aiismf des Xlgtntiiitt Deutsche« Tpchmcks.
Durch unser Volk geht eine von Tag zu Tag wachsende Bewegung. Der Deutsche, der mit berechtigtem Stolze sein Vaterland ans früherer Schmach hoch emporgehoben sieht, empfindet mehr und mehr Unwillen darüber, daß seine Sprache noch immer die Spuren jener Erniedrigung an sich trägt. In jedem Zeitungsblatte, jedem Buche, das wir zur Hand nehmen, in der Sprache der Behörden, selbst in der gewöhnlichen Geschäftssprache bis auf die alltäglichen Anzeigen hinab, stoßen wir auf zahlreiche entbehrliche Fremdwörter, Ueberiefte einer — Gott sei Dank! — hinter uns liegenden Zeit, in welcher der deutsche Geist in den Fesseln des Auslandes lag, in welcher die Gelehrten Lateinisch schrieben, die vornehmen Stände aber französischer Sitte und Sprache huldigten und sich ihrer Muttersprache schämten. Man hat die Zahl der Fremdwörter in unserer Sprache auf 70 000 berechnet. Bei manchem Schriftsteller kommt schon auf sieben deutsche Wörter ein fremdes. Die Franzosen spotten über dieses sogenannte Deutsch, das zum großen Teile ans ihrer Sprache zusammengeplündert sei. Und zu der Unzahl alter Fremdwörter kommen immer wieder neue hinzu, jetzt namentlich aus dem Englischen.
Diese Vorliebe der Deutschen für Fremdausdrücke ist ein Unrecht gegen unsere herrliche Muttersprache, deren reiche Schätze zu Gunsten der fremden Eindringlinge mißachtet werden: sie ist eine Geschmacklosigkeit — denn eine Vermengung verschiedenartiger Bestandteile ist und bleibt unschön ; sie ift eine Verführung zu Unklarheit des Denkens und zu Fehlern gegen die Sprachrichtigkeit; sie ist auch eine Unbilligkeit gegen diejenigen unserer Volksgenossen, die fremder Sprachen nicht kundig sind.
Aber nicht nur gegen die Reinheit der Sprache wird gesündigt. In Rede und Schrift begegnen uns allenthalben Fehler gegen die Regeln unserer Sprache, Verstöße gegen den guten Sprachgebrauch; hier schwülstige Rede, langatmige Satzgefüge, dort veraltete Ausdrücke, platte Modewörter, unberechtigte mundartliche Eigenheiten; auf der einen Seite Regellosigkeit, ■ die sich an kein Sprachgesetz bindet, auf der anderen kleinlicher Regelzwang, der die Freiheit der Sprache einschränken möchte.
Den Kampf gegen alle diese Mißbräuche hat der Allgemeine Deutsche Sprachverein ausgenommen. Im Jahre 1885 von Herman Riegel in Braunschweig gegründet und in achtjähriger, aufopfernngsreicher Tätigkeit aufgebaut, umfaßt er gegenwärtig 310 Zweigvereine in allen Teilen Deutschlands und Oesterreichs sowie im Auslande ; seine Mitgliederzahl beträgt über 28 000. Er ist nicht ein Gelehrten-Verein. Er wendet sich an das ganze Volk, an jeden Deutschen, der mit Unwillen siebt, wie seine schöne, reiche Muttersprache miß-
Die Aufgabe unserer Dichtkunst.
Karl Engelhard-Hana«.
Im Verlag von Fritz Eckardt-Leipzig ist ein Buch erschienen*), das sich hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, welche Aufgabe und welchen Wert eigentlich die Dichtkunst im allgemeinen und die unserer Zeit im bes anderen hat, mit anderen Worten: inwiefern die Dichtkunst nicht um ihrer selbst willen, d. h. ohne Strömung in der Richtung eines höheren KutturwillenS da ist, sondern jene Lichtkraft in sich tragen muß, die uns beglückt, bereichert, befestigt, uns zu dem Höhengeiste reinsten Menschentums führt.
Es muß allen Ern st es einmal arisführlich auf den Willen und Geist dieses Buches eingegangen werden. Wir sind — nicht nur auf dem Gebiet der Literatur — in ein „slagellantisches Aesthetentum", wie der Verfasser sagt, in rin so leeres Formgetue hineingeraten, daß ernst suchende, den Geheimnissen des Alllebens zustrebende Seelen sich von allem „modernen" künstlerischen Schassen angewidert abwenden. Und es sollte doch von der Dichtkunst namentlich ein Strom ausgehen, in den hineinzutauchen gleichbedeutend ist mit einem Bad seelischer Wiedergeburt und Erneuen,ng des ganzen Menschen. „Die Dichtkunst soll es sein, die unserm Innenleben, unserem sittlichen und religiösen Empfinden Weite und Fülle gibt und ihm die Möglichkeit schafft, die Schwingen zu recken uud nach anderen Ebenen zu streben: in die Tiefe hinab zur Erdenwahrheit und in die Höhe hinauf zur Himmelsklarheit zu steigen."
Der Verfasser erkennt die Schwäche und Vergänglichkeit der mobernen Dichtkunst darin, daß sie sich zum großen Teil in Formwerten erschöpfte, ohne ihrem Wesensziel gerecht zu werden: den Lebensgeist selbst als leibhaftige Form zu schauen und im Kunstwerk zu verdichten . . . Das umfassende Ich- und Lebensgefühl des Dichters soll und muß aus den mannigfachen Meltan- schauungsbildern des seelischen Bewußtsein? die tiefere Wahrheit gewinnen, daß der Mensch nicht nur Sinn ist, und daß
*) „Die Äxlturmijfioii der Dichtkunst" von Schulze-Berghoff.
handelt wird. Der Deutsche Sprachverein will nach den Satzungen:
„den echten Geist und das eigentümliche Wesen der deutschen Sprache pflegen,
Liebe und Verständnis für die Muttersprache wecken, den Sinn für ihre Reinheit, Richtigkeit, Deutlichkeit und Schönheit beleben,
insbesondere ihre Reinigung von unnötigen fremden Bestandteilen fördern und auf diese Weise das deutsche Volksbewußtsein kräftigen."
Der Allgemeine Deutsche Sprachverein bekämpft nicht unterschiedslos alle fremden Ausdrücke; mit Besonnenheit und Mäßigung folgt er dem Wahlspruche seines Gründers:
„Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann!"
Neben dem Kampfe gegen die entbehrlichen Fremdwörter, dessen wissenschaftliches Rüstzeug seine Verdeutschungsbücher bilden, sucht er in seiner Zeitschrift und in anderen Drucksachen durch volkstümlich geschriebene Aufsätze über sprachliche Fragen das Verständnis unserer Sprache zu fördern und weiteren Kreisen zu erschließen. Allen staatlichen und kirchlichen Parteibestrebungen fernstehend, verfolgt er das echt vaterländische Ziel, durch Schärfung des sprachlichen Gewissens die Liebe zu unserm Volkstum zu beleben und zu kräftigen.
Der Ruf nach Reinigung der deutschen Sprache von entbehrlichen Fremdwörtern ist nicht ungehört verhallt. Im Post- und Eisenbahnwesen, in der Heeresverwaltung, in der Gesetzgebung sind bedeutende Erfolge errungen. Das neue Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich ist in rein deutscher Sprache abgefaßt. In der Sprache der Wissenschaft und der Presse ist ein Fortschritt zum Besseren nicht zu verkennen. In den Regierungskreisen finden unsere Bestrebungen dankenswerte Förderung. Der deutsche Kaiser selbst geht mit leuchtendem Beispiele voran. Auf der kaiserlichen Tafel werden seit dem Jahre 1888 nur deutsche Speisekarten aufgelegt. Ein mit Jubel begrüßter Erlaß unseres Kaisers über die Beseitigung gewisser Fremdausbrücke in der Heeressprache beginnt mit den Worten: „Um die Reinheit der Sprache in Meinem Heere zu fördern."
Aber wenn auch manches besser geworden ist, so gibt es doch noch viel zu tun. Noch immer gibt es nicht wenige Deutsche, die in dem Gebrauche von Freindwörtern ein Zeichen feinerer Bildung sehen. Noch immer wurzelt tief im Herzen des deutschen Volkes der alte Erbfehler der Ausländerei, die von dem Fürsten Bismarck oft so bitter gerügte Vorliebe für alles Fremde, für alles, was „weither ist". Trotz unserer Siege über die Welschen ist das Welschtum im deutschen Volke noch in üppiger Blüte. Gegen dieses Welschtum kämpft der Allgemeine Deutsche Sprachverein. Aber ein solcher Kampf wird nicht in raschem Siegeslauf
wir den Glauben, die Hingabe an eine „Idee" von nölen haben und darum im WesenSkern selbst „Idee" sind, ein Etwas in uns bergen, was jenseits der nur sinnlichen Erfahrungen liegt. „Nur mit diesem starken Ichbewußtsein, dem Glauben an das in Raum und Zeit unverlierbare und unveräußerliche Selbst kommt uns auch wieder der feste, schwindelfreie Blick auf den großen, ewig fließenden Strom, der alle zeitlichen Dinge in Wirbel und Wandel mit sich reißt, kann über uns als Denker, Dichter und Lebenskünstler wieder eine edle, innere Gewißheit und schöpferische Ruhe kommen."
Wir haben hier dieselbe Forderung, wie sie Friedrich Lienhard schon gleich bei Beginn der sogenannten „literarischen Revolution" und seither immer wieder in den „Wegen nach Weimar" mit Berufung auf Heinrich von Stein, Emerson, Friedrich den Großen, Schiller und Goethe und zuletzt in seiner Schrift über „Wesen und Würde der Dichtkunst" („Deutsche Wiedergeburt", Heft 2, herausgegeben von Dr. Wachter, Jena) ausgestellt hat: Mensch sein ist auf alle Fälle wichtiger als „Literat" sein! „Ueberatl in den modernen Formen sind Poesieteile, in Hauptmann wie in Hoffmannstal, in unseren Romanen wie in unseren Bühnenstücken ; w i r kommen aber nicht in g r o ß e O ffe n b ar u n g en hinein, weil sich etwas, was ich religiösen Hunger nennen möchte, nicht mächtig emporzurecken wagt." Und ein andermal in seinen „Wegen nach Weimar": Der Dichter ist der F r i e d e n s b r i n g e r, er ist der einfache Aussprecher und Gestalter des so ganz nahen Guten, des Guten in uns". An Dante, der suchend durch Hölle und Fegefeuer zog, erinnert das: „Die Augen richten wir aufs höchste Gut und dringen so, indem wir nach ihm sehen, so tief als möglich in die reine Glut". Das höchste Gut aber ist das höchste Glück: die Persönlichkeit, die gesetzte und große Seele: sie allein vermag uns etwas zu geben, was uns das Ewige, das Gute und Reine fühlen und erkennen und betätigen läßt. „Eine starke Seele", sagt Prof. Seeßelberg in seinem jüngst erschienenen Buch „Volk und Kunst" (bei Fritz Heyder, Berlin), „wird gewiß immer, selbst in der angewandten Kunst, eine be» deutsame Widerspiegelung ihrer selbst liefern. Aber bie
mit fliegenden Fahnen ausgefochten; dazu bedarf «8 langer Zeit, zäher Ausdauer, aufopfernder Unterstützung von allen Seiten. Ja alle, die ein Herz für ihre Muttersprache haben, sollen Mitstreiter sein in diesem heiligen Kriege, jung und alt, hoch und niedrig, Männer und Frauen — „wir alle sollen Hüter sein I"
Jeder Deutsche, der seine Muttersprache als ein köstliches Kleinod seines Volkstums betrachtet, wird gebeten, unserm Vereine als Mitglied beizutreten. Er wird dadurch nicht Nur selbst immer neue Anregungen erhalten, sondern auch für sein Teil dazu beitragen, daß eine edle, vaterländische Sache gefördert wird. Denn nur durch das Zusammenwirken vieler kann etwas Nachhaltiges geschaffen werden.
„Vereinte Kraft Großes schafft."
Der Beitritt erfolgt durch Anmeldung als Mitglied bei dem Vorsitzenden des Zweigvereins Hanau, Oberrealschuldirektor Dr. F. S ch m i d t, hier. Der Jahresbeitrag beträgt 3 Mark. Die Mitglieder nehmen teil an den Versammlungen, Vorträgen, Vorleseabenden, Besprechungen usw. des Zweigvereins und erhalten kostenlos durch den Zweigverein zugesandt :
die Zeitschrift des Sprachvereins (12 Monatsnummeru im Jahre),
die „Wissenschaftlichen Beihefte" zur Zeitschrift (meist zwei im Jahre),
sowie sonstige geeignete Veröffentlichungen des Vereins.
Die Ansteckung aus Eisenbahnen.
Die Verhandlungen im Reichstage über den Eisenbahn- etat haben auch mancherlei Auslassungey über die gesundheitlichen Verhältnisse unserer Bahnen laut werden lassen. ES liegt auf der Hand, daß nach dieser Richtung noch viel zu tun bleibt, und daß ein schnellerer Fortschritt hauptsächlich durch finanzielle Rücksichten behindert wird. Nach den seit 1898 bestehenden Vorschriften dürfen in Deutschland Personen, die mit Pocken, Flecktyphus, Diphtherie, Scharlach, Cholera oder Aussatz behaftet sind, nur in einem besonderen Wagen nach den Sätzen des Tarifs befördert werden. Die Beförderung von Pestkranken ist überhaupt verboten. Wer an Masern, Keuchhusten oder Diphtherie erkrankt ist, darf nur in einem besonderen Abteil mit Abort fahren und hat dafür den vollen Preis zu bezahlen. Nötigenfalls ist ein ärztliches Zeugnis wegen der Unverdächtigkeit der Erkrankung beizubringen. Endlich müssen Kranke, deren Anwesenheit aus irgend einem Grunde für ander« Reisende unerträglich sein würde, den Preis für ein besonderes Abteil erlegen und können, falls ein solches im Augenblick nicht zu beschaffen ist, von der Beförderung vorläufig ausgeschlossen werden. Diese Bestimmungen sind mit Rücksicht auf die kleine, verworren gebildete, schwache Seel«, was hat st« widerzuspiegeln? Und gerade diese arme, zerfahrene Seel« will nun mit stolzer Losung das Unerhörte, daS Nieda- gewesene leisten, will riesige Rätsel aufgeben. Und so haben diese kleinen Gernegroße zeitweise eine Gesuchtheit, eine Zügellosigkeit in die junge Kunst gebracht, die ihrem Ansehen unendlich geschadet hat. Hergelaufene aus jedem Berufe, völlig ungeschulte Persönlichkeiten glaubten durch di« wildesten Ausschweifungen ihr künstlerisches Bekenntnis in Form setzen zu dürfen . .
Doch kommen wir auf Schulze-Berghoff zurück. Auch er vertritt, wie Lienhard den Gedanken, daß wir in der Kun st um das Sittliche nicht herumkommen. „Das sittliche Gefühl wächst auS unseren natürlichen Kräften heraus und ist deshalb in Wirklichkeit di« Blüte der Menschheitspflanze, aus der allein auch die Frucht der Menschheit, das höhere, edlere Leben hervorgehen kann, es ist der Herzmuskel unseres Innenlebens; alle durch SinneSeindrücke und Vorstellungen gemachten seelischen Er- fahrungen und Erlebnisse strömen zu ihm hin, um dann von ihm aus wieder als aufbauender Lebensstrom unser ganze» Wefen zu durchdringen und seine bewegenden Kräfte zu ernähren itnb zu stärken. Wo der Herzmuskel stockt, da ist es um Blut und leibliches Leben geschehen, wo das sittlich« Gefühl versagt, stirbt die geistige Persönlichkeit . .
Diese sittlich- künstlerische Lebens Wahrnehmung wird nun an „Byrons Manfred-Charakter" veranschaulicht. In „Faust und der Tatcharakter unserer Zeit" wird künstlerische« Schaffen in diesem Sinne als die Selbstoffenbarung bei Göttlichen im Menschen angesehen, gegenüber dem nur ®e« bärden zeichnenden „Naturalismus" die Herrschaft bei Geistes, der Seele gefordert. „Der Mensch als bewußt«, Bildner seines Lebensschicksals, das ist unsere Aufgabe, bie Tat unserer diesseitigen Erlösung, der unsere Liebe gehört und für die wir Blut und Leben lassen."
An Ihlen vermißt er das „Heldenhafte der Erscheinung, d,e heitere Unbefangenheit und das siegessichere sonnige Lächeln Siegfrieds". Es fehlen den Gestalten Ibsens der Glaube an ihr neubegründetes persönliches Recht, das recht« Zutrauen zu dem erst jüngst eroberten Selbst, di« innere