Erstes Blatt.
Hanauer
General-Anzeiger
Amtliches Organ für Stadt- and Landkreis Hanan.
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Sie süss gespartem Peticheile »der deren Raum 20 tzsG in Neklamenteil Me Heile 36 Kn
Berantmortl. Redakteur: 6. Schrecker de Hanau.
Nr. 98 K-rnspr-chanIchluß Rr. 605.
Mittwoch den 28. April
F»nspr«chanschli>b Nr. 605. 1909
Die ttiMumer «Mi cher d.MrhaltinillSM
14 Seiten.
Gcfmidcnc und verlorene GegciistSndc re.
Gefunden: 1 Sparkassenbuch Nr. 2723 für Elise Heinrich, 1 Zwicker, 1 Paar hellbraune Seidenhandschuhe.
Gesunden auf dem städtischen Friedhof: 1 schwarzer Damengürtel. Abzuholen bei der Armenverwaltung.
Verloren: 1 Korallenkette.
Hanau den 28. April 1909.
Der Thronwechsel in der Türkei.
Die Absetzung des Sultans.
Zum zwölften Male in 400 Jahren ist jetzt ein gewaltsamer Thronwechsel im türkischen Reiche erfolgt. Bis zu der furchtbaren Vernichtung der Ianitscharen durch den gewaltigen Machmud II. waren es diese Prätorianer, die den Umsturz durchsührten, und jedesmal stützten sie sich auf ein theoretisches Gutachten, das der Schech ül Islam mit dem obersten Rat der Uelemas, der Kenner des geistlichen Rechts, erstattet hatte. Machmud II. und sein Sohn Abd ül Meschid sind als Herrscher gestorben, Abdül Asts und Murad V. aber traf wieder das Los der Entthronung, das jetzt auch Abdül Hamid II. ereilt hat. Immer konnten die Machthaber dabei die Massen des mohammedanischen Volks auf ein Fetwa des Schech ül, Islam verweisen, das die Negierungsunfähigkeit des Sultans aus Gründen des Scheriats darlegte. Selbst der große türkische Staatsmann Midhad Pascha hat in einer geheimen Denkschrift an die Großmächte vor der Absetzung von Abdül Asis ihre Notwendigkeit staatsrechtlich damit begründet, daß der Sultan unzählige Male das heilige Gesetz übertreten habe und wahnsinnig, nicht in vollem Besitz seiner physischen und geistigen Kräfte sei und somit den Thron räumen müsse. In den alten Zeiten benutzten die hohen Geistlichen und Beamten wohl die Ianitscharen, mit denen sie sonst oft tief zerfallen waren, um einen Herrscher zu beseitigen, der übergroße Machtgelüste zu zeigen begann. Mit der ganzen Gewalt, die das religiöse Empfinden ausübt, arbeiteten dann die Sofias und Hodschas an dem Sturz des Khalisen, dem sie ein Ablenken von dem Weg vorwarfen, den die heiligen Vorschriften des Islams wiesen. Heute ist Abdül Hamid gefallen, nachdem eine- Gegenrevolution der orthodox mohammedanischen Schichten in Konstantinopel wohl die liberale Mehrheit des neuen Parlaments hatte wegschwemmen können, aber gescheitert war an dem Eingreifen des Heeres der modernen Türkei. Damit ist die Bedeutung dieses Thronwechsels gekennzeichnet, und mit Sorge blicken die Freunde eines starken selbständigen ottomanischen Staates in die Zukunft. Sein Bestehen ist für die Gestaltung der internationalen Beziehung von höchster Bedeutung; und innere Wirren, bei denen ein Teil des Volkes gegen den andern die Waffen erhebt, können nur zu leicht bei den gierigen Anwärtern auf den türkischen Besitz die Ansicht hervorrufen, es sei der Augenblick gekommen, die langersehnte Beute zu teilen. Die Männer, die im vorigen Jahr den großen Umschwung vorbereiteten und durchführten, die Offiziere in erster Linie, haben damals von einer Entthronung des Sultans abgesehen. Wenn sie jetzt ihr zugestimm't haben, so kann es nur aus der Ueberzeugung heraus geschehen sein, daß eine Verständigung der alten Gewalten mit den durch die Verfassung an die Oberstäche gebrachten Kräften nicht möglich sei. Sie haben sich nicht gescheut, Moslim zum Kampf gegen Moslim zu führen und Christen und Juden als freiwillige Gehilfen dabei zuzulassen, aber wie Augenzeugen ausdrücklich betonen, hielt das mohammedanische Volk sich grollend von den Siegern zurück, die gegen Glaubensgenossen die Waffen geführt haben. Den Kern des Staats, die Mohammedaner, mit der vollendeten Tatsache zu versöhnen, ist die ungeheure Aufgabe, die sich vor den neuen Machthabern erhebt. Der Oberbefehlshaber der mazedonischen Armee, Machmud Schewket Pascha, hat erklärt, daß seine Truppen nur gekommen seien, die Schuldigen an der Meuterei des 13. Aprils zu bestrafen, die Neuordnung der Verhältnisse sei Sache der Volksvertretung. Das Heer tritt danach wieder in den Hintergrund zurück, das Parlament, d. h. seine dem Einfluß des jungtürkischen Komitees unterstehende Mehrheit muß die Verantwortung für oie Versöhnung der Gegensätze übernehmen, Mohammed V., der neue Khalif und Padischah, ist machtlos.
Konstantinopel, 27. April. Soeben verkünden Kanonenschüsse den Regierungsantritt des Sultans Mohammeds V., des bisherigen Prinzen Reschad Effendi.
Konstantinopel, 27. April. Die Art der Beendigung der Herrschaft Abdül Hamids wird außer von Mitgliedern des Komitees von Fremden und Einheimischen kritisiert. Man findet, daß die Thronentsetzung nicht in geheimer Sitzung ausgesprochen werden durfte, sondern so öffentlich wie möglich geschehen mußte. Ferner wird der Aufschub der formellen Thronbesteigung Mohammeds V. auf morgen durch die Bedeutung des Dienstags als Unglückstag nicht genügend aufgeklärt gefunden. Schließlich wird an der Liste des neuen Ministeriums manches getadelt. Zunächst wird Achmed Risa trotz seiner anerkannten Verdienste als Redakteur Meschwerets keineswegs für den Mann gehalten, der so ungeheuer schwierigen Aufgaben gewachsen sei, wie sie jetzt dem Großwesir zufallen. Hauptsächlich aber ist die Ministerliste zu rein komiteefreundlich, als daß sie nicht den Widerstand anderer, auch der liberalen Partei herausfordern sollte. Zeichen der Zeit sind die gestrige Verhaftung des Prinzen Sabach ed Din, des Sohnes Machmud Damad Paschas, eines der anerkannten Führer der liberalen Partei, ferner die noch unbestätigte Nachricht, daß in den asiatischen Provinzen sich heftiger Widerspruch gegen den jüngsten, Abdül Hamid feindlichen Umschwung erhebe und sogar beschlossen worden sei, ein mohammedanisches Heer gegen Konstantinopel zu senden, das sich in den Händen von Atheisten und Christen befinde. Heute abend sind hier die Geschäfte schon um 7 Uhr zu schließen.
Wien, 27. April. Wie der „Neuen Freien Presse" aus Konstantinopel gemeldet wird, besagt der Fetwa, der in der Nationalversammlung verlesen wurde, folgendes: Wenn ein Kalif mit Unrecht Menschen hinmorden läßt, wenn er zwischen den Nationen Anlaß zu Unruhen gibt, wenn er beschworen hat, die Nationen zn organisieren und gewisse verbotene Handlungen nicht mehr zu begehen und dann meineidig wird; wenn die Provinzen erklären, daß der Sultan entthront ist, und ihm nicht mehr gehorchen wollen: dann haben die Weisen des Volkes zu entscheiden, ob Entthronung oder Abdankung angezeigt ist. Nach der Verlesung erklärte der Präsident des Senats Said Pascha: „Die Weisen des Volkes sind wir und unter uns kann kein Zweifel sein, daß Abdul Hamid zu entthronen sei!" Unter frenetischem Beifall nahm die Versammlung den Vorschlag an.
Der neue Sultan.
Nach dem Erbrecht, das neuerdings im türkischen Reich auch durch die Verfassung festgelegt ist, gilt als Thronfolger das älteste männliche Mitglied der Familie Osman. Es ist der bisherige Prinz Mohammed Reschad Effendi, der älteste Bruder Abdül Hamids. Als Sohn des Sultans Abdül Medschid wurde er am 3. November 1844 geboren und hat eigentlich sein Leben lang in strenger Abschließung von der Welt zubringen müssen. Sein Onkel Abdül Asis trug sich mit dem Gedanken, einem seiner eigenen Söhne die Krone zu vererben und hielt deshalb die älteren Prinzen des Hauses unter schärfster Aufsicht. Als dann 1876 Abdül Hamid den Thron bestieg, wurde das Los des nunmehrigen Thronfolgers Mohammed Reschad noch trauriger. In einem der Paläste verbrachte er seine Tage, ohne mit anderen Kreisen in Berührung zu treten, geschweige denn zum Anteil an den Staatsgeschäften herangezogen zu werden. Von seinen Fähigkeiten weiß man eigentlich nichts, allerlei Gerüchte sprechen von einer absichtlich vom Hof herbeigesührten Neigung zu Ausschweifungen. Erst der vorige Sommer brachte Meschad Effendi wieder Freiheit. Er konnte nach Belieben seinen Palast verlassen, und es fand eine Art von Aussöhnung zwischen ihm und dem Sultan Abdül Hamid statt. Stellung zu den Bestrebungen der einzelnen Parteien in der neuen Türkei hat er, nach allem, was bekannt geworden ist, gar nicht genommen. Er ist ein unbeschriebenes Blatt, wie früher alle die Sultane, die aus dem „Prinzenkäfig" plötzlich durch den Tod oder die Absetzung ihrer Vorgänger zur Regierung geholt wurden, und wie die Dinge liegen, könnte nur eine neue Reaktion ihn in den Besitz wirklichen Einflusses und tatsächlicher Macht bringen. Die Thronbesteigung wird äußerlich durch die Umgürtung mit dem Schwerte Osmans kundgetan. Die Feierlichkeit vollzieht sich in einer schönen Moschee, die am Ende des Goldenen Horn auf dem Südufer sich erhebt. Sie trägt den Namen nach dem Fahnenträger des Propheten Mohammed, Abu Gub ben Sejid, der 672 bei der ersten Belagerung von Byzanz durch die Araber hier gefallen und beerdigt sein soll. Während des letzten Angriffs der Osmanen auf die Stadt wurde das Grab angeblich entdeckt, und Mohammed II. ließ die Moschee errichten, deren Betreten jedem Nichtmoslim aufs strengste untersagt ist. Nur in Verkleidung ist es einzelnen Christen gelungen, Einlaß zu finden. Die Umgürtung des Sultans mit dem Schwert Osmans ist ein Vorrecht des Schechs des Ordens der Mewlewi, der sogenannten tanzenden Derwische. In ununterbrochener Reihenfolge vererbt sich die Würde seit 700 Jahren von dem Gründer Dschebal ed Din Rum, einem der größten Philosophen des Islams. Der Schech, von den Gläubigen Tschelebi Effendi genannt, hat seinen Sitz in Konia und besitzt dort einen ungemeinen Einfluß. Da von
den Mitgliedern des Ordens sein Ahnherr Dechelal eb Din als Sultan bezeichnet wird, gilt der Tschelebi Effendi dem Volk vielfach als erbberechtigt auf das Khalifat bei einem Erlöscheu des HauseS Osman. Dieser Grund genügte, um ihm beim alten Regime höchst verdächtig zu machen. Er durfte den Umkreis von Konia nicht verlassen und stand unter strenger Aufsicht.
Konstantinopel, 27. April. Die Ausrufung Reschad Effendis als Sultan Mohammed V. erfolgte im Kriegsministerium. Der Scheich ül Islam verlas ein Fetwa und sprach die bei dieser Gelegenheit üblichen Gebete.
Konstantinopel, 27. April. Die ganze Garnison und alle makedonischen Truppen waren am Nachmittag ausgerückt und bildeten vom Palais des neuen Sultans bis zur Pforte und weiter bis zum Kriegsministerium, wo der Generalissimus Mahmud Schewket mit der ganzen Generalität den Sultan erwartet, Spalier, hinter dem sich die Bevölke- rung in Massen drängte und gemeinsam mit den Truppen jedm Kanonenschuß mit Beifall begrüßte.
Konstanttnopel, 27. April. Der Thronwechsel werd von der Armee, der Mehrzahl der Beamten, der Intelligenz der Jungtürken sowie der Christen mit sehr großem Jubel begrüßt und äußert sich in mannigfachen Kundgebungen in Wort und Schrift sowie starkem Freudenschießen. Die Mehrzahl der Alttürken verhält sich reserviert. Eine Extraausgabe des „Osmanischen Lloyd" meldet: Die Nationalversammlung habe gestern in geheimer Sitzung die Absetzung des Sultans beschlossen und die Thronbesteigung des neuen Sultans Reschad als Mohamed V. auf morgen angesetzt. Die Nationalversammlung als gegenwärtig höchste Reichs- autorität, habe den Präsidenten der Kammer Achmed Rizo mit der Kabinettsbildung betraut. Das Kabinett sei in folgender Weise zusammengesetzt: Hilmi Pascha, Inneres: Deputierter Huffein Pascha Dschahid, Unterricht; D'chavid, Finanzen; Rifaat Pascha, Aeußeres; Vitalis (Christ), Marine; Noradunghian, Bauten.
Konstanttnopel, 27. April. Je zwei von der Nationalversammlung gewählte Deputierte und Senatoren haben heute im Jildis Abdul Hamid seine Absetzung bekannt gegeben. Er empfing die Mitteilung niedergeschlagen und äußerte t Das war ein Verhängnis! Als Abdul Hamid sich für sein Leben besorgt zeigte, erklärte ihm die Deputation, er stände unter dem Schutz der Station und wiederholte ihm diese Versicherung, als er auf eine mögliche Sinnesänderung hinwies. Schließlich sprach der frühere Sultan den Wunsch aus, daß er in Tscheragan wohnen dürfe, wo seinerzeit Sultan Murad gefangen gehalten wurde.
Konstanttnopel, 27.' April. Wie verlautet, wurde Abdul Hamid bereits in der vergangenen Nacht aus dem Jildis auf einem Torpedoboot nach dem Palast von Beyler Bey gebracht, der ihm vorläufig als Wohnung dienen soll.
Konstanttnopel, 27. April. Einer hier eingktroffenen Depesche zufolge sollen von Dedeagatsch nach Adana entsandte Truppen an den allgemeinen Christenmaffakres ir Adana teilgenommen haben. Eine Bestätigung dieser Statt)1 richt liegt noch nicht vor.
Ein Augenzeuge über den Entscheidungskampf.
Konstantinopel, 24. April. Durch heftiges Geschütz- und Gewchrfeuer wurden die Bewohner der Hauptstad heute früh aus dem Schlafe geschreckt. Die Okkupations. armee hatte sich in der Nacht an den Grenzen der^Stadi und in den Vororten aufgestellt und begann sich mit Tagesanbruch der einzelnen Kasernen zu bemächtigen. Das vor der deutschen Botschaft liegende Kasernenquartier, mit der Taschklischa (Steinkaserne) als Zentrum, wurde heftig ver> teidigt. Gegen 3 Uhr gelang es der Zernierungsarmee, die Artilleriekaserne zu besetzen, und nun begann von dori ein heftiges Gewehrfeuer gegen die Steinkaserne, welches alsbald durch Schrapnellfeuer von der in Nischantasch gelegenen Kriegsschule aus unterstützt wurde. Die Garnison- truppen, einschließlich der Salonikirr Jäger, welche sich seinerzeit der Meuterei angeschlossen hatten, waren ohne regelrechte Führung, was sich dadurch kenntlich machte, das Hunderte von ihnen mit Gewehr und reichlich Patronen sich in die Umgegend der deutschen Botschaft und des Konaks des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten flüchteten. Beide Gebäude waren durch Komiteetruppen besetzt, und eS gab einige bange Momente, als die zahlreichen Flüchtlinge ihre Feinde hinter den Mauern entdeckten nnd Einlaß begehrten. Bei dem immerwährenden Fluktuieren der planlosen Militärmassen war es das Geratenste, die Schntzivache ihren Blicken zu entziehen. Führer der Einmarscharmee ist Enver Bei, dem seine Truppen unbedingt ergeben sind. In dem Kasernenviertel liegen zahlreiche Tote, die Verwundeten wurden non ihren Kameraden ins Hospital