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General-Anzeiger

Amtliches Organ für Statt- und Fan-Kreis Zanan.

EinrüSungSgedSH« t

Sie fünf gespalten« Petit, «le »d« dam Nau« 24 Wz, im Neklamenteil die Zeit» 36 Pfg.

a. Waisenhauses in Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sann- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

verantwort!. Steeftettt: S. Schrecker in Ham».

Mk. 93 Fernsprechanschlittz Nr. 605»

Die lelltigeMmmer mW cher d.MrjMWiltü

14 Seiten.

Pltnarsitznng Ker HanKtlskammr Hanau

am 28. April 1909.

Tagesordnung:

1. Protokollgenehmigung.

2. Rechnungsabschluß pro 1908.

3. Ergänzungswahlen zur Handelskammer Ende 1909.

4. Ausstellung von Ursprungszeugnissen.

5. Handelsinspektoren.

6. Offenhalten der Schaufenster an Sonn- u. Feiertagen.

7. Detailreisen mit Wäsche.

8. Bestechung von Angestellten.

9. Konkurrenzklausel für technische Angestellte.

10. Konzessionspflicht der Privatlogierhäuser rc.

11. Vekehrsangelegenheiten.

12. Mitteilungen.

Hanau den 22. April 1909.

Die Handelskammer.

Canthal.

Der Syndikus.

9925 Dr. phil. Grambow.

Politische Rundschau.

Das Gerücht von einer bevorstehenden Ver­lobung des fünften Kaiserfohnes, des Prinzen Oskar, wird neuerdings verbreitet. Demnach soll eine Ver­lobung dieses Prinzen mit seiner Cousine Prinzessin Victoria Margarethe, der ältesten Tochter des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen geplant sei.

Der Zentralansschust des liberal-demokra- tifchen Blocks in Bayern genehmigte die Neuschaffung des Organisationsstatuts, insoweit es die Bildung eines geschäfts­führenden Ausschusses und eines Blocksekretariats betrifft, beides vorbehaltlich der Zustimmung der einzelnen Partei­organisationen. Ferner wurde in eingehender Beratung die bayerische Steuerreform durchgelprochen, eine Beschlußfassung hierüber aber unterlassen.

Fürst Karl Günther und die Volksfchullehrer. Aus Sondershausen wird berichtet: Neber das Testament des kürzlich verstorbenen Fürsten Karl Günther von Schwarz­burg-Sondershausen wird noch bekannt, daß einige Vermächt­nisse für Gemeinden des Fürstentums schon jetzt zur Aus-

Feuilleton.

Moderne Kariètèknnst.

Von M. Kossak.

(Nachdruck verboten.)

Wenn ich an meine Kinderzeit zuriickdenke, so tritt aus dem kaleidoskopischen Gewirr der Erscheinungen klar und deutlich eine Gestalt hervor ein großer, herkulisch gebauter Mann mit gutmütigem, aber etwas martialischem'Gesicht, kurz geschorenem, grau-meliertem Haar und eigentümlich energischen Bewegungen. Seine Kleidung besteht in fleisch­farbenen Trikots,' flittergestickten Schwimmhofen und einem blitzenden, auf der Brust befestigten Schild. Natürlich ging er während des Tages auch in der üblichen Tracht anderer Sterblichen einher, aber von dieser ist mir keine Erinnerung geblieben, denn vor meines Geistes Augen steht er nur in Trikots und all dem übrigen Putz, der Seiltänzer. Denn Herr L^on so lautete sein Name war nichts mehr und nichts weniger als ein Seiltänzer, das Haupt einer die kleinen Städte und Dörfer bereisenden Artistengesellschaft. An seinem großen, komfortabel eingerichteten Wohnungswagen war ein Firmenschild mit der Aufschriftßéon & Sohn" angeschlagen. Es war eine alte Firma, die auf mehr als hundertjähriges Bestehen zurücksah. Die Truppe kam alb jährlich mehrmals nach meinem Heimatsstüdtchen, und am Vormittag nach ihrem Eintreffen zogen ihre Mitglieder hoch zu Roß in ihrer Trompete eine Art Signal imb brüllte dann mit voller Lungenkraft:Mit hoher obrigkeitlicher Be- wllliguug werden wir heute nachmittag auf dem Marktplatz eine Vorstellung geben, an der wir das geehrte Publikum Sohn "st einIaben' um zahlreiches Erscheinen bittet Löou &

Diese Vorstellungen waren allemal ein Fest für mich, und ich wurde nicht müde, ihnen aus einem Fenster in der oberen unseres am Markt gelegenen Hauses zuzuschauen. Aber auch das Privatleben dieserArtisten" interessierte mich

Donnerstag den 22. April

zahlung gelangen. So erhält Arnstadt 30 000 Mark, Sondershausen 20 000 Mark, Ebeleben, Hehren, Groß­breitenbach, Langewiesen, Plaue und Keula je 15 000 Mark. Die Zinsen dieser Summen sollen alljährlich am 7. August als Unterstützung oder Zulagen an würdige bedürftige oder ältere Volksschullehrer verteilt werden. Wie es heißt, wollte Fürst Karl Günther mit diesen Legaten Zeugnis von seiner Sympathie für den Volksschullehrerstand ablegen. Auch das 71. Infanterieregiment, dessen Inhaber der Verstorbene war, ist in dem Testament bedacht.

Z«r Reichsfinanzreform Hatder sächsifcheProvinzial- austchuß der nationalliberalen Partei am Sonntag in Magde­burg nach einem Vortrage seines ersten Vorsitzenden, Land­tagsabgeordneten Kammergerichtsrat Schiffer, einstimmig eine Entschließung angenommen, worin es u. a. heißt: Die soziale Gerechtigkeit fordert, daß zur Aufbringung der notwendigen außerordentlichen Steuerlasten nicht lediglich die indirekten Steuern herangezogen werden, sondern daß ein erheblicher Teil durch Steuern auf den Besitz unter Schonung der schwächeren Schultern aufgebracht wird. Nach der erwiesenen Unmöglichkeit, zu dieser Besitzsteuer auf anderem Wege zu gelangen, bleibt hierfür nur der Ausbau der Erbichaftsbe- steuerung übrig. Aus diesen Gründen tritt der Provinzial­ausschuß mit Entschiedenheit für die Erledigung der Reichs­finanzreform unter Einbeziehung des Ausbaues der Erb­schaftsbesteuerung ein und ersucht die nationalliberale Reichs- tagssraktion um ein energisches Vorgehen in diesem Sinne.

Lärmszenen in der Reichsduma. Das in der gestrigen Dumasttzung beantragte Glückwunschtelegramm zur Unabhängigkeitserklärung Bulgariens wurde von Krupenski als die Kompetenzen der Duma überschreitend für nicht debattierbar erklärt. Als Chomjakow darauf verwies, daß jeder Antrag debattiert werden müsse, entgegnete ihm Samys- lowski, ob er einen auf den Umsturz der bestehenden Staats­ordnung absieleuden Antrag auch debatueren lassen würde. Es kam hierbei zu großen Lärmszenen; die Rechte gebärdete sich außerordentlich gereizt. Chomjakow schloß die Sitzung mit der Erklärung, er werde ein Telegramm in seinem Namen absenden. Während des tobenden Streites ertönten Rufe von links:Man muß augenscheinlich die Erlaubnis Deutschlands abwarten." Nach der Sitzung dauerte der Lärm fort, bis das Licht abgedreht wurde.

Das Beispiel der französischen Postbeamten hat auch auf ihre Kameraden jenseits des Kanals ansteckend gewirkt. Wie wir nämlich aus einer englischen Zeitung ent* nehmen, fand am 14. d. M. in Nottingham eine große Protestversammlung der Mitglieder des Verbandes der mittlern Postbeamten statt, zu der zahlreiche Vertreter aus allen Teilen des Reichs erschienen waren. In heftigen Reden wurde insbesondere darüber geklagt, daß der Verkehrsminister mächtig, und da mein Vater, welcher dazumal der einzige Arzt des Städtchens war, in Krankheitsfällen ihnen häufig seine Dienste lieh, so erfuhr ich viel darüber und gewann sogar Gelegenheit, einen Einblick in den Wohnungswagen der Seil- tänzeriamilie zu bekommen. Bereits zu jener Zeit lernte ich erkennen, wie falsch die Vorstellungen des Publikums über das Tun und Treiben jener Leute "sind. Da war nichts von der Unordnung und Verkommenheit, die man gemeiniglich für unzertrennlich von ihnen hält; in dem Wagen sah es pein­lich sauber und fabelhaft Behaglich aus, seine Bewohner be­zahlten, was sie kauften, ja, sie legten sogar einen Notgroschen für die Tage ihres Alters zurück, und vor allem war das Familienleben ein außerordentlich inniges und friedliches.

Mehrere Jahrzehnte waren verflossen, als ich gelegentlich einen hübschen, hochelegant gekleideten jungen Mann traf, der mir merkwürdig bekannt aussah. Auch er stutzte, als er meinen Namen hörte, und meinte dann lächelnd:Sie erkennen mich natürlich nicht mehr, aber vielleicht erinnern Sie sich doch noch meiner, wenn ich Ihnen sage, daß ich der Theo ßéan, her Sohn des Direktors der Seiltänzergefellschaft ßéon und Sohn" bin, der ehedem in F. so oft seine Künste auf dem Turnseil zeigte." Wir kamen nun in ein Gespräch, und er erzählte, daß die Truppe sich nach bem Tode seines Vaters aufgelöst hatte und daß er und seine Geschwister sich darauf ein Engagement in einem Zirkus suchten. Es glückte ihnen über Erwarten, denn sie übertrafen bezüglich der Sicherheit und Kühnheit ihrer Leistungen alle ihre Kollegen, nur fand man ihre Nummern langweilig.Das heutige Publikum hat weniger Sinn dafür, daß man präzis und gut arbeitet, als daß die Nummern neu und verblüffend sind", äußerte er.^um mindesten müssen stets neue Nüancen" dabei zum Vorschein kommen". Ein japanischer Jongleur, der selbst kein großer Künstler, aber unerschöpflich im Ersinnen solcher Nüancen war, brachte die Geschwister Leon auf den rechten Weg. Verschiedene außerordentlich zugkräftige Nummern wurden ihrem Repertoire eingereiht, und nicht lauge dauerte es, als die Variètebühnen großer Städte sich um sierissen". Einmal verwandelte man den ganzen Bühnenraum in einen Garten mit blühenden Bäumen und Büschen, zwischen denen Seile ausgespannt waren, die

Fernsprechanjchlutz Nr. 605. 1909

dem amtlich anerkannten Verbände verboten habe, die Interessen einzelner Beamten, die zu Unrecht gemaßregelt worden seien, zu vertreten, und darauf ausgehe, das bisher von Beamten besorgte Briefsortiergeschäft den geringer be­zahlten Unterbeamten zu übertragen. Die Verhandlungen wurden mit einer stürmischen Sympathiekundgebung für die entschiedene Haltung der französischen Kameraden geschloffen, wobei ein Redner die Hoffnung aussprach, daß die englischen Postbeamten nicht durch das Verhalten der Regierung ge­zwungen würden, zu ähnlichen Gewaltmitteln zu greifen.

Annäherung Rufilands an Deutschland- Auf dem in Petersburg tagenden Kongreß der slawischen Gesell­schaften entwickelte während der Sitzung der politischen Sek­tion der ehemalige Minister Gurko in interessanter Rede die Idee unbedingter Annäherung an Deutschland im Namen der realen Interessen Rußlands. Gurko stieß bei zahlreichen Panslawisten auf ausfälligste Opposition.

Japanische Siegestrophäen an der pazifischen Küste. Einem Blatte wird aus Washington telegraphiert, daß Japan zur Eröffnung der Ausstellung in Seattle an der pazifischen Küste am 1. Juni zwei eroberte russische Kreuzer entsendet.

Brasilien besitzt in dem DreadnoughtSao Paulo" das größte Kriegsschiff der Welt. Das Schiff wurde am Montag in Barrow von Stapel gelassen und ist etwas länger und weniger breit als die Schiffe der englischen Et. Vincent-Klasse. DaS Schiff trägt zwölf 12 zöllige Geschütze, während die englischen Schiffe deren nur zehn besitzen. Bei dem Festessen nach dem Stapellauf sagte der brasilianische ; Gesandte, daß Brasilien keinerlei feindliche Absichten hege. Brasilien bereite sich lediglich darauf vor, seine eigenen In­dustrien verteidigen zu können. Vickers von ^er Firma Vickers, Sons u. Maxim Ltd., erklärte, daß dieSao Paulo" das beste Kriegsschiff der Welt sei.

Die Annexion Bosniens.

London, 21. April. (Unterha.u S.) Hazleton (Nationalist) fragt an, ob die Regierung die Annexion Bosniens und der Herzegowina anerkannte, und ob die An­erkennung die Zustimmung der Regierung zur Verletzung des Artikels 25 des Berliner Vertrages in sich schließe. Er fragte weiter, warum die Forderung nach einer inter­nationalen Konferenz aufqegeben worden sei. Parlaments- Nmerstaatssekretâr Mac Kenna erwiderte: Der britische Botschafter in Wien richtete am 17. April 1909 an den österreichischen Minister des Aeuhrren eine Note, die den Minister von der Zustimmung der britischen Regierung zur Aufhebung des Artikels 25 des Berliner. Vertrages in Kenntnis setzte. Dieses Vorgehen schließe die Zustimmung der britischen Regierung zur Verletzung des erwähnten Artikels nicht in sich. Es wurde unternommen, weil die vermöge eines optischen Tricks den Zuschauern nahezu un­sichtbar Blieben. Theo Leon, als Heuschrecke oder gehörnter Riesenkäfer kostümiert, wanderte auf diesen Seilen hin und her, seine jungen Geschwister, die allerhand geflügelte In­sekten darstellten, verfolgend und am Ende haschend. Noch mehr Beifall fand eine zweite Nummer, bei der ein Spinnen­netz aus Seilen von ungeheuren Dimensionen vertikal in in der Mitte der Bühne stand. Horizontal ausgespannte, durch Buschwerk verdeckte Seile befanden sich ja rechts und links davon, und auf diesen übten abermals die jungen Leons in Gestalt schillernder Libellen und Fliegen ihre Kletterkünste derart, daß es aussah, als ob sie von Ast zu Ast flogen. Theo Leon, der als große Spinne in dem Netz hing, hatte nun die Ausgabe, die geflügelten Wesen in dieses bineinzuziehen. Die Schwierigkeit bei der Sache war hauptsächlich die, daß er nicht auf horizontal ausgespannten, sondern sich meist in schräger oder direkt vertikaler Lage be­findlichen Seilen zu gehen hatte.

Im Laufe der Zeiten trennten sich die Geschwister, die Mädchen verheirateten sich, der Bruder ging nach Sidney, und Theo ßéon, der sich übrigens nunmehr ganz anders nannte ungefähr wieSignor Mandarello" oder so ähn­lich, blieb allein. Er versuchte sich mit einigen halbwüchsigen Artisten zu assoziieren, um die gleichen Vorstellungen geben zu können, wie bisher, aber da sie seinen Ansprüchen nicht genügten, verkaufte er seine kostbaren Dekorationen und Kostüme und dachte sich etwas ganz anderes aus. Zur Zeit, als ich ihn sprach, betrieb er das Seiltanzen im Sack. Dieser bestand manchmal in einem wirklichen dicken Hanfsack, häufiger aber in einem großen, mit allerlei Zierraten ge­putzten Gelatineei oder einer Art Laterne aus Gaze, der dünne Drahtstäbe ihre Form gaben. In diesen Behältern konnte man ihn ganz deutlich sehen, sie machten etwa den Eindruck eines durchsichtigen Riesenostereies mit Moos, Blumen, Arabesken und einer menschlichen Figur im Innern, respektive einer entsprechend dekorierten bunten Laterne. Farbiges elektrisches Licht mußte die Wirkung des Ganzen heben.Ich beabsichtige, mich mit einem Clown zu asso­ziieren, der gleichzeitig mit mir auftritt und meine Leistungen parodiert," erzählte " der junge Artist.Selbstverständlich