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Mittwoch

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Hus aller Mell.

Dos Schicksal einer alten Soldatenstosc. Mit einem «baulichen Prozeß beschäftigte sich das Schöffengericht in Halle a. d. S. Unter der Anklage des Diebstahls stand die bisher unbescholtene Böttcherfrau Am'm Wasser, die be­schuldigt wird, eine zerschlissene weißleinene Unterhose fünfter Garnitur dem Füsilietregiment Nr. 36 entwendet zu haben. Die Frau war, wie dasB. T." meldet, auf folgende Weise in den Verdacht gekommen: Eine junge Dame, eine Nach­barin der Angeklagten, hatte das ominöse Beinkleid aus der Trockenleine der Frau Auf'm Wasser hängen sehen, und da der Regimentsstempel in dem Bekleidungsstück war, dieses dem Regiment zugestellt. Das Regiment reklamierte die Hose als sein Eigentum, stellte Ermittelungen an und über­gab die Sache zur weiteren Verfolgung dem Amtsgericht. Zu der Verhandlung waren sieben Zeugen und dèr Ver­teidiger der Angeklagten erschienen. Das weißleinene Bein­kleid lag als corpus delicti auf dem Tisch des Hauses. Sechs von den Zeugen traten vor den Richtertisch und äußerten sich unter ihrem Eide über die weißleinene Unterhose, die von dem Amtsrichter aufgerollt und den Zeugen als Beweis­stück vorgezeigt wurde. Was ergab aber die Beweis­aufnahme über dieEntwendung" des militärischen Unter­beinkleides ? Das Regiment verkaufte ausrangierteKleidungs- stücke an einen Althändler in Magdeburg und der Althändler liefert alte Militärunterkleider als Putzlappen an das elektrische Depot in Halle. Der Sohn der Angeklagten erhielt die alte Hose, die zum Ueberziehen bei schmutzigen Kanalarbeiten benutzt wurde, nahn» sie mit nach Hause und ließ sie von seiner Mutter reinigen .... Selbstverständlich wurde die Angeklagte freigesprochen und die Kosten wurden der Staats­kasse zur Last gelegt. Die alte Soldatenunterhose kostet also dem Fiskus eine hübsche Summe.

Soldaten als Helfer in der Not. AlS'hilfreich und gut hat sich in Süditalien, wie zumeist bei solchen Unglücks- sällen, in erster Linie der vom viel geschmähten Militaris­mus erzogene Soldat bewährt. Nicht auf Befehl, sondern auch abseits von dem Vorgesetzten, schlägt er willig und freudig sein Leben für den Mitmenschen ohne Aussicht auf Entgelt in die Schanze. Die aufopfernde Haltung des italienischen Militärs wird in der neuesten Nummer des Militärwochenblattes" rühmend hervorgehoben. Es heißt dort unter andern» :Italienische Offiziere und Soldaten sind seit jeher gewohnt, opferwillig und heldenmütig in die Bresche zu treten, wenn Naturgewalten, Erdbeben, Bergstürze, Ueber- schwemmungen mit grausig überraschender Wucht die Be­völkerungen der Halbinsel treffen, wenn Epidemien langsam aber sicher zahlreiche Opfer fordern. Auch bei der diesmaligen Erd- und Seebebenkatastrophe, die durch ihre Furchtbarkeit alle Erinnerungen der letzten Jahrhunderte verblassen läßt, tritt das italienische Heer Hand in Hand mit der Flotte, und soweit es kann, wieder in die allererste Linie gegen Elend und tatenlose Verzweiflung. Soweit es kann! Denn im Erdbebengebiet hat das Verderben gerade unter den Garnisonen, in den Kasernen reiche Ernte gehalten. Da wo sonst die Kasernen sich geleert und pflichteifrige, disziplinierte junge Männer unter Führung ihrer Offiziere helfend, und von früh bis spät sich rührend, eingegriffen hätten, da sind vielleicht nur wenige von dem Würgengel verschont geblieben. Wir beklagen mit dem uns nahestehenden italienischen Heere den Verlust so vieler hoff­nungsvollen Existenzen, und wir wünschen den Ueberlebenden Gelingen für ihre opfervollen Werke der Nächstenliebe." Auch die Offiziere und die Mannschaften der fremden Kriegsschiffe haben wahre Wunder an Opfermut und Heldentum ver­richtet. Der_ Minister Orlango sagte, man mache sich gar keinen Begriff von dem, was sie dort unten leisten müßten. Sie haben viele Hunderte von Menschenleben gerettet, Tausende von Verwundete verbunden und gebettet, die Ent­kommenen getränkt, gespeist, gekleidet und untergebracht. Sie haben radiotelegraphische und telegraphische Stationen errichtet, Straßen durch die Trümmer gebaut, für Beleuch­tung gesorgt, Leichname beerdigt. Sie müssen den Lan­dungshafen bewachen, Polizeidienste versehen, Eisenbahn­dienst machen, Baracken bauen, da nur drei Häuser von ganz Messina brauchbar sind.Und diese Helden der Pflicht", ruft der Minister aus,wagt eine giftige Kritik zu be­schimpfen !"

Von einer vereitelten Hochzeit wird aus dem Gau geschrieben : Wollte am vergangenen Samstag in einem Orte an der der badisch-bayrischen Grenze ein schon ältliches Pärchen Hochzeit feiern. Abends 7 Uhr sollte die Zivil- trauung und am Sonntag früh die kirchliche Feier stattfinden. Freudenschüsse begleiteten das Paar aufs Rathaus. Aber mit des Schicksals Mächten ist bekanntlich kein ewiger Bund zu flechten! AIs die seieriiche Handlung vorgenommen wer­den sollte und der Polizeidiener das beurkundete Aufgebot n priesen wollte, konnte er nur noch das leere Kuvert vor- weisen. Unverrichteter Sache mußten Paar und Zeugen wieder nach Hause ziehen, diesmal aber ohne Freudenschüsse. Wo hin die Urkunde kam ob sie der Polizeidiener verloren hatte, oder ob ihm ein loser Streich gespielt wurde bleibt ein Rätsel. Tatsache ist, daß er sie noch Samstags nachts

und Sonntag früh im Dorfe gesucht hat, aber leider ver­geblich !

Drahtnachrichten

Wahlrechtsantrag.

Berlin, 13. Jan. Der freisinnige Wahlrechtsantrag soll erst nach den Etaisberatungcn auf die Tagesordnung kommen.

Könnest.

London, 12. Jan. Der internationale Luftschiffahrts­Kongreß hielt heute seine Schlußsitzung ab. Auf Antrag des Präsidenten des belgischen Aeroklubs wurde die Stiftung vou Preisen im Gesamtwerte von 1 200 000 Francs für Flugmaschinen und lenkbare Luftschiffe beschlossen.

Altljoff-Stiftnng.

Berlin, 13. Jan. Mehrere Blätter bringen einen Auf­ruf ul Gunsten einer Althoff-Stiftung. An der Spitze des Aufrufes steht Fürst Bülow.

Pietätlos.

Reffensbnrst, 13. Jan. In ErgolgiNg stellte sich bei der Einsargung der Leiche eines 13jährigen Sohnes eines Taglöhners heraus, daß der Sarg zu kurz sei. Der Schreinermeister Fischer hackte kurzerhand der Leiche mit dem Willen des Vaters beide Beine ab. Der Staatsanwalt legte sich ins Mittel.

Verurteilt.

Wien, 13. Jan. Der Buchhalter Reitz, der aus der Affäre Kragugewitsch bekannt ist, der unter dem Verdacht steht, in Berlin den Kaufmann Engel ermordet zu haben, wurde gestern wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit zu zu einem Monat schweren Kerkers verurteilt.

Neberlegen.

Peking, 13. Jan. Bei den mehrwöchigen Vergleichs- Versuchen zwischen Krupp und Crcusot zeigten sich die Ge­schütze deutscher Firmen überlegen.

Brand.

Chemnitz, 13. Jan. In Neichenbrand brannte die große Müller'sche Trikotagenfabrik mit allen Vorräten und Maschinen nieder. Der Schaden wird auf 100000 Mark geschätzt.

Erdftnrz.

Paris, 13. Jan. In der Gipsgrube zu Salins im Departement Jura wurde durch einen Erdsturz ein Arbeiter getötet und mehrere verletzt.

Die Erdbeben in Süditalien.

Madrid, 12. Jan. Die Kammer bewilligte heute *200 000 Pesetas für die Opfer des Erdbebens in Süd­italien.

Messina, 12. Jan. Händel und Wandel tritt in der zertrümmerten Stadt bereits wieder deutlich in Erscheinung. Die Ausfuhr von Zitronen und Apfelsinen ist wieder im Gange. Auf den Straßen halten fliegende Händler Milch, Grünzeug und Lebensmittel feil. Selbst Verkaufsläden sind provisorisch eingerichtet. An mehre»en Stellen sind in­mitten der Trümmer Speifeanstalten für das Publikum ge­öffnet.

Erdbeben.

Bellingham (Staat Washington), 12. Jan. Nach amtlichen Berichten ist die ganze Nordwestküste von den Erd­erschütterungen betroffen worden. In Port Townsend wurden Dächer Find Fenstericheiben beschädigt. Die Wasser­rohren platzten und die Häuser mürben überschwemmt. Der Mount Baker, ein als erloschen geltender Vulkan, war kurze Zeit in Tätigkeit.

Degradation.

Przemysl, 13. Jan. In der Pionierkaserne wurde gestern der Leutnant Schneider wegen verschiedener Vergeht» zur Degradation verurteilt. Als er zur Entgegennahme des Urteils vorgeführt werden sollte, erfolgte auf dein Korridor eine furchtbare Explosion. Schneider wurde buchstäblich in Stücke gerissen. Er hatte eine starke Dynamitpatrone bei sich verborgen getragen.

Die Orientkrisis.

Paris, 13. Jan. DieKölnische Zeitung" meldet aus Ueskrib: Aus zuverlässiger Quelle verlautet, es seien wichtige Depeschen aus Konstantinopel eingetroffen, daß Bulgarien Truppen an der Grenze zusammenziehe. Man befürchtet, daß Bulgarien in einem Ultimatum an die Türkei die An- erkennuna des Königsreiches fordern werde.

Haftentlassung.

Köln, 13. Jan. Der Arzt Dr. Rubin wurde gestern gegen eine Kaution von mehr als 15000 M. aus der Haft entlassen. Dr. Rubin war unter dem Verdachte verhaftet worden, in dem Ehescheidimgspro» eines Berliner Varieteekomikers und einer Kölner Operettensängerin einen Meineid geleistet zu haben.

Paris, 13. Januar. DerRappel", das Blatt der antimimfterieUen Radikalen, schreibt anläßlich der morgigen Debatte über die Marokko-Nachtragskredite: Wenn die Kammer forifährt, das Budget Frankreichs mit neuen durch das marokkanische Unternehmen verursachten militärischen Ausgaben ^u belasten, dann verhindert sie den Senat daran, die Frage der Arbeiterpensiouen zu lösen. Das Parlament muß zwischen einer imperialistischen und einer sozialen Politik wählen. Frankreich hat nicht die Mittel, sich kostspielige Expediiionen in Afrika und gleichzeitig Ruhegehälter für seine alte»» Arbeiter zu leisten.

Paris, 13. Jan. Der gestern wegen Entfernung der Amtssiegel in contumatiam zu 6 Monaten Gefängnis ver­urteilte Deputierte B i e t r y teilte dein Kammerpräsidenten mit, daß er den Justi 'minister über die mit buffen Zu­stimmung von den Gerichtsbeamten verübten Amtsmißbräuche interpellieren w olle.

Paris, 13. Jan. Infolge der in den letzten Wochen durch die Mitglieder eines royalistischen Vereins, der Camelots du Roi", in der Sorbonne hervoraenueneri Ruhe­störungen hat sich ein Verband republikanische»- Studenten gebildet, der ben Entschluß gefaßt hat, die Professoren gegen die Kundgebungen und Gewalttätigkeiten der Royalisten zu verteidigen. Dem Verbände gehören bereits mehrere hundert Studenten an.

Verlosungen. (Ohne Gew.)

Anleihe der Stadt Paris vom Jahre 1N99. Ziehuna pom 26. Dezember 1908. Auszahlung ab 10. Ja­nuar 1909. Hauptpreise : Nr. 54615 zu 100 000 Frcs Nr. 335826 410458 je 10 000 F,cs. Nr. 2387 13103 13181 50037 59756 68294 75036 93664 97778 117259 121855 132834 144940 159778 178449 192066 206133. 216223 253096 257465 291453 310611 314806 341437 352146 365691 382930 385373 399548 410724 je Fr. 1000.

S-rachcckc des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.

Zweigverein Hanau.

Sprache unD Sittengeschichte.

In unserer Sprache können wir unsere gesamte Kultur - entwicklung wie in einem Spiegel erblicken; wenn wir die Bedeutung der einzelnen Wörter und Redewendungen scharf ins Auge fassen, so entrollen sich da vor uns Bilder aus den verschiedensten Zeitaltern, die wie in einem großen Bilder­saal in unserer heutigen Sprache vereinigt sind. Wörter wie Kaiser, in dem nichts anderes als der Name des großen Cäsar steckt ».die alten Römer sprachen das Wort Kaesar), und Pfalz oder Palast, entstanden aus Palas, beides uon palatium, dem Palast der römischen Kaiser auf dem mons Palatinos, erinnern uns an die Zeit, wo Rom die Beherrscherin und der Mittelpunkt der ganzen Welt war. Wie der eine Iulius Cäsar allen Kaisern (auch dem russi­schen Zaren), so hat der eine römische Kaiserpalast allen Palästen der Welt ihre Bezeichnung gegeben. Und wenn mir dasselbe Wort später um die Zeit der Vorherrschaft Ludwigs XIV. noch einmal in unveränderter französischer Form als Palais in unsere Sprache aufnahmen, so mahnt uns das an die Zeit unserer schmachvollen Abhängigkeit von Frankreich, von der wir uns bis zum heutigen Tage noch immer nicht völlig losgemacht haben. Redewendungen wie in d ie Schranken treten, einem den Fehdehand­schuh hinwerfen, die Spitze (nämlich der Lanze oder des Schwertes) bieten, miteinander eine Lanze brechen, einen ausstechen, aus dem Sattel heben, auf den Sand setzen, sich die Sporen verdienen u. a. führen uns mit einem Schlage die ganze Herrlichkeit des alten Rittertums vor Augen. Andere Wendungen wie einen d i n g f e st machen (d. h. ihn festnehinen, um ihn vor das Ding, die Gerichtsversammlung, zu führen), die Feuerprobe bestehen, denStab über jemand brechen (wie der Richter wirklich mit dem Verurteilten tat) u. a. sind unserer alten Rechtspflege entnommen. Worte wie Glücksstern (von dein alten Sternenglauben) und Laune, mhd. lüne Mondwechsel, dann (durch diesen Wechsel hervorgerufene) wechselnde Stimmung des Menschen, reden noch heute oon dem mittelalterlichen Aberglauben usw.

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