Erstes Blatt.
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Rotationsdruck und Verlag der Buchdruckers deS verein, eo. WarfenhaufeS in Hanau.
General-Anzeiger
Amtlicher Organ für Statt« und Landkreis Zanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
lkinrücknngSgebLhr |
Die fünf gespaltene Petitzeile oder deren Nan« 30 ysg, im Rektameuteil die Zeil« 30 Pfg.
Verantwort!. Redakteur: <S. Schreck«,« Hanan.
Nr. 10 A-rnsprechanschlirtz Nr. 605.
Mittwoch den 13. Januar
Ferusprechanschlutz Nr. 605. 1909
Die heutige Nummer umfaßt rußn -.IlâiâsSllttt
14 Seiten.
Amtliches.
Handelsregister.
Firma August Maret Nachf. Herm. Seeger in Hanau.
Die Prokura des Lagermeisters Fritz Seeger in Hanau ist erloschen.
Hanau den 5. Januar 1909.
Königliches Amtsgericht 5. 1151
Gefundene ob verlorene Gcncnstäiidc re.
Gefunden: 1 Portemonnaie mit 1,10 Mk., 1 kleiner brauner Pelz.
Verloren: 1 Herrenschirm (im Postschalterraum), 1 braunes Damenportemonnaie mit 15 Mk., 1 oxydierte Brosche mit weißer Perle (Rückseite Gold).
Abhanden gekommen: 1 Mülleimer (gez. J. D.).
Entlaufen: 1 langhaariger Jagd-Windhund mit brauner Schnauze und braunen Füßen w. Geschl.
Hanau den 13. Januar 1909.
Politische Rundschau.
Der norwegische Storthing wurde mit einer Thronrede eröffnet, in der die Beziehungen zu den fremden Mächten befriedigend genannt werden. Weiter werden in der Thronrede der Besuch des Königs und der Königin von England, des Präsidenten der französischen Republik, die Ratifikation des Integritätsvertrages, das Uebereinkommen mit Schweden betreffend die Einsetzung eines Schiedsgerichts zur Festsetzung der Seegrenze zwischen Schweden und Norwegen, sowie die Spitzbergenkonferenz erwähnt. Die Thronrede besagt sodann, daß die Staatseinnahmen des laufenden Finanzjahres einen bedeutenden Ueberschuß aufweisen. Ein Gesetzentwurf betreffend den Ausbau der Flotte und des Verteidigungswefens befinde sich in Ausarbeitung.
England und der Mullah. Aus Aden wird dem Reuter'schen Bureau gemeldet: Die Zahl der von dem Mullah in der letzten Zeit geraubten Kameele wird auf 20 000 geschätzt. Zahlreiche Eingeborene, die umer britischem Schutz standen, sollen von den Leuten des Mullahs getötet worden sein. Die englischen Truppen im englischen S^utzgebiet des
Feuilleton.
0 mia Ma Venezia!
Aus dem Tagebuchs einer Malerin.
Novelle von Ludwig Salomon.
< Nachdruck verboten.)
Die Schneeflocken tanzen in dichten Scharen vor dem Fenster des Ateliers und ich fitze im Schaukelstuhle vor dem Kamin. Die Einladung für heute abend habe ich abgelehnt, denn seit ich von meiner italienischen Studienfahrt zurück- gekehrt bin, möchte ich am liebsten in tiefer Einsamkeit leben, womöglich auch mit geschlossenen Augen: ist es mir doch, nachdem ich die Farbenpracht des Südens geschaut, als wandelte ich nun hier beständig in dunkler Nacht.
Ta greift meine Hand wie zufällig nach dem Fächer auf dem Tischchen zur Rechten, schlägt ihn auf und — 0 mia Bella Venezia! rufe ich unwillkürlich. Eine reizvolle Ansicht des Dogenpalastes und der Piazetta leuchtet mir trotz der Dämmerung entgegen. Und nun sehe ich mich wieder in der Märchenstadt, auf dem schimmernden Kanal, im Zauberdunkel der Markuskirche und auch bei der freundlichen Wirtin, die mir so manche wohlige und interessante Stunde bereitete. Ja, ich höre sogar ihre klangvolle Stimme wieder — ich sitze wieder vor ihr, um Abschied zu nehmen und sie widmet mir noch ein Plauderstündchen.
Einen Fächer wollte ich mir noch zum Andenken mitnehmen, hatte ich ihr gesagt, einen solchen mit einer Ansicht von Venedig, wie ich deren verschiedene in Schaufenstern gesehen und nun weiß sie mir gleich den besten Rat zu geben: „Einen solchen dürfen Sie nur bei Concetta kaufen, nur sie hat die wirklich künstlerisch gemalten. Sie werden es sehen, — in ganz Italien weiß man es. Selbst von Neapel her bekommt sie Bestellungen. Freilich har dazu nicht wenig ihr guter Engel, die schöne Königin Margherita, beigetragen."
»Ah, die Königin Maraherita?" fragte ich verwundert.
SomalilandeS werden im Hinblick auf die Möglichkeiten eines Angriffs durch den Mullah verstärkt. 300 Mann Einge- boreneutruppen aus Britisch - Ostafiika und 400 Mann indischer Truppen sind in Berbera bereits ein getroffen. Die Lage in Somaliland ist, wie das Reutersche Bureau et fâbrt, undzweifelhaft ernst, jedoch wird nicht beabsichtigt, eine Expedition gegen den Mullah.zu entsenden.
Der Preutzlsche Etat.
Berlin, 12. Ian. Dem Landtag ging der preußische Etat zu. Für das Etatsjohr 1909 sind die Einnahmen des Staates auf 3 671474 685 Mk. veranschlagt, die Ausgaben im Ordmarium auf 3 596 531370 TOL, im Exiraordinarium auf 230 943 315 TOL, Rammen auf 3 827 474 685 TOL, mithin sind die Ausgaben um 156 Millionen höher als die Einnahmen. Der Fehlbetrag ist durch die Aufnahme einer Anleihe zu decken, deren Betrag in den Etat der allgemeinen Finanzverwaliung als außerordentliche Einnahme eingestellt ist. Der vorliegende Etat wirft für allgemeine Aufbesserung und Dienstbezüge der Beamten, Geistlichen und Lehrer 126 Millionen aus. Andererseits sind zur teilweisen Deckung dieser Ausgaben 55 Millionen als Sollaufkommen neuen direkten Steuern bei den Einnahmen des Finanzministeriums veranschlagt. Des weiteren sind, den Wünschen des Landtages entsprechend, alle wesentlichen Einnahmen und Ausgaben, die mit dem Essenbahnetat in Zusammenhang stehen, dort aber bisher nicht nachgewieien waren, auf diesen Etat übernommen worden. Gegenüber den Veranlagungen zeigen die Schlußsummen des Etats für 1909 eine Erhöhung um 465 459 999 TOL Dieke Erhöhung setzt sich zusammen bei den Ausgaben aus der Erhöhung um 422 650 096 TOL im Ordingrium und um Mark 41 802 903 im Exiraordinarium. Es sind angesetzt bei den staatlichen Betriebsverwaltungen die Einnahmen um 54 177 051 Mark niedriger, die Ausgaben um 345 503 892 Mark im Ordinarium und um Mark 44 727 400 im Exiraordinarium höher, bei den Dotationen und der allgemeinen Finanzverwaltnng die Einnahmen um 288 080 Mark und die Ausgaben im Ordi- uarium um 47 551965 Mark höher, bei den eigentlichen Staatsverwaltungen die Einnahmen um Mark 75 549 230 und die Ausgaben im Ordinarium um Mark 29 594 239 höher, die Ausgaben im Extraordmarium um 19 24 49 7 TOL niedriger. Bei den staatlichen Betriebsverwaltungen ist im Ordinarium ein Minderüberschuß von überhaupt 399 680 943 Mark veranschlagt, wovon man aver, um ein richtiges Bild zu erhalten, die ermähnten Uebertragungen auf den Etat der Eisenbahnverwaltung im Gesamtbetrags von 332 038 455 Mark in Abzug bringen muß. Es ergibt sich dann noch ein Mindestüberschnß von 67 642 488 Mark, der zusammengesetzt ist aus den Minderüberschüssen von 98 797 698 Mark und aus den Mehrüberschüssen von 31 155210 Mark. An
„Keine geringere,“ versetzte die Wirtin. „O, die Königin hat einen feinen Geschmack. Sie liebt nicht den Prunk, aber das wirklich Schöne und das weiß sie überall sehr bald herauszufinden. Auch bei Concetta hat sie es schnell erkannt und das war die letzte Rettung für die Aermste."
„Für die Aermste?" warf ich ein. „Sagten Sie nicht, daß sie ein großes, blühendes Geschäft besitze?"
„Jetzt allerdings," entgegnete die Wirtin, „aber damals, o, damals war sie tief unglücklich! Oft kam sie in dieser Zeit hierher zu mir und suchte Trost und Rat; wie manchesmal hat sie hier neben mir gesessen und schmerzlich geweint. Ich war von jeher ihre vertrauteste Freundin und so weihte sie mich in alle Geheimnisse ihres Herzens ein."
„Sie machen mich in der Tat gespannt," rief ich, „alle Geheimnisse ihres Herzens, — die Königin Margherita" —
Die Wirtin lachte. „Es ist keine große romantische Tragödie im Stile der Lucrezia Borgia oder der Caterina Cornaro, zudem weiß die einfache Geschichte jetzt ganz Venedig, ich kann sie Ihnen also frei erzählen, ohne unzart zu sein."
„Das schönste Angebinde zum Abschied!"
„Nun, so warten Sie!" Ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, dabei setzte sie sich behaglich in ihrem breiten Korbstuhl zurecht.
„Sie war das Kind eines kleinen Beamten", begann sie, „und diese bekommen hier gerade so viel, daß sie mit genauer Not leben können, wenn sie aber frühzeitig sterben, so gerät ihre Familie fast immer in Not. So war es auch . bei Cone"tta. Ihr Vater verunglückte am Canale Grande, als sie eben erst zwölf Jahre alt war, und nun kam die Witwe mit dem Kinde in große Bedrängnis. Da verfiel Concetta auf den Gedanken das Malen zu erlernen; von jeher hatte sie dazu große Lust gehabt. Sie nahm Stunden bei dem alten Mattea an der Riva deqli Schiavoni und machte schnell solche Fortschritte, daß sie schon nach einem halben Jahre Arbeiten .für Geschäfte übernehmen konnte. Doch war sie noch fort und fort bemüht, sich weiter auszubilden, machte auch Studien nach der Natur in den Giardini Pubbsici und auf bem Lido und arbeitete sich so sehr bald zn einer tüchtigen Künstlerin empor. TOit Bor
den Minderübersüssm ist die Eisenbahnverwaltung mit 93 034 258 Mark beteiligt. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr find um 18 897 000 Mark, auS dem Güterverkehr um 79 056 000 Mark niedriger veranschlagt. Die Verwaltung der Zölle und der indirekten Steuern zeigt einen Minderüberschuß von 3 842 840 Mark und zwar Mindereinnahmen von 2 653 000 Mark, und Mehrausgaben von 1 189 840 Mark. Bei der Forstverwaltung ergibt sich ein Minderüberschuß von 1 063 000 Mark, indem Mehreinnahmen von 1668 000 Mark und Mehrausgaben von 2 731000 Mark gegenüber stehen. Von den Mehrüberschüssen entfällt der größe Teil mit Mark 30 744 400 auf die Verwaltung der direkten Steuern, bei welcher die Einnahmen aus der Einkommensteuer um 30 000 000 Mark höher in Ansatz gebracht sind. Die Verwaltung der öffentlichen Schuld erfordert eine Mehrausgabe von 42 562 892 Mark. Bei der allgemeinen Finanz- verwaltung ergibt sich ein Mehrbedarf von 2 838 848 Mark, der zusammengesetzt ist aus den Mehreinnahmen von 2147 385 Mark und aus den Mehrausgaben von 4 986 233 Mark. Bei der Handels- und Gewerbeverwaltung ist die dauernde Ausgabe um 821854 Mark gestiegen, insbesondere treten hinzu für das gewerbliche Unterrichtswesen 529 474 Mark. Die dauernde Mehrausgabe der Justizverwaltung stellt sich auf 4 489 700 Mark, darunter sind enthalten neue Stellen für 124 Richter und Staatsanwälte. Von den dauernden Mehrausgaben beS Kultusministeriums im Gesamtbeträge von 4 358 678 Mark sind zu erwähnen: 3 188 453 Mark für das Elementar Unterrichtswesen, darunter der Mehrbedarf für 12 neue Seminare und 3 neue Präparanden- anstalten, 329 100 Mark für die höheren Mädchenschulen auS Anlaß der Neuordnung. Von den einmaligen und außerordentlichen Ausgaben entfallen auf die Betriebsverwaltungen 167 035 150 Mark, darunter 153 642 000 Mark auf die Eisenbahnverwaltung und auf die eigentlichen Staats, Verwaltungen 63 908 165 Mark. Bei der Eisenbahnver- waltunq sind außerdem in Aussicht genommen, in den nächsten Eisenbahnanleihegesetzentwurf einzustellen für die Vermehrung der Fahrzeuge und für die bereits bestehenden Bahnen 92 000 000 Mark und für die Herstellung zweiter Gleise, sowie zum Ausbau zweier Nebenbahnen zu Hauptbahnen rund 46 000 000 Mark.
Die Verständigung zwischen Oesterreich-Ungarn und der Türkei.
Konstantinopel, 12. Jan. Der Großwesir und der Minister des Aeußern haben sich allen Botschaftern gegenüber, welche gestern nachmittag auf der Pforte vorsprachen, (befriedigt über das österreichisch-ungarische Angebot von 21/» Millionen Pfund, und lobend über die Haltung und das Entgeaenkommen Oesterreich-Ungarns sowie über die Wirkliebe malte sie Fächer, sowohl mit Blumenstücken wie mit Landschaften; oft waren ihre Bilder sehr reizvoll, so duftig, daß ich mich gar nicht satt sehen konnte. Natürlich bekam sie nun and) viele Aufträge von den Geschäften, aber trotzdem war ihr Verdienst nur ein geringer; den meisten Nutzen zogen eben die Händler; das ist nun einmal so in der'Welt. Doch konnte sie immerhin, wenn auch nur bescheiden, so doch bequem, mit ihrer Mutter leben.
ES kamen nun stille Jahre der Arbeit, ich besuchte sie oft, und abends gingen wir meist zusammen auf dem Markusplatz und auf der Piazetta spazieren. Da verlobte ich mich, viele neue Pflichten traten an mich heran, ich konnte nur noch selten zu ihr gehen. Hub in dieser Zeit der Vereinsamung kam die Liebe nun auch über sie. Ich freute mich anfangs herzlich darüber, denn ich kannte den jungen Mann, dem sie ihr Herz geschenkt, als einen sehr tüchtigen und wohlgebildeten, bald aber machte ich mir doch die b.ltersten Vorwürfe, daß ich sie so vernachlässigt hatte; dem kurzen Sonnenblick folgte eine lange Reihe sehr trüber und schmerzvoller Wochen.
Paola hatte nur eine kleine Stelle in einem der Luxus- geschälte unter den Colonnaden des Markusplatzes und war im übrigen ebenso mittellos wie sie. Ihre Mutter, eine immer sehr gewissenhaft rechnende Frau, wollte deshalb die Verbindung auf keinen Fall zugeben. . „Wohin soll ba$ i ähren ?" sagte sie jedesmal, wenn man versuchte, sie umzustimmen. Ost klang das recht hart, — aber wenn man alles überlegte, — nun, genug, ich weinte manche Träne mit Concetta. Dann aber nahmen mich wieder meine eigenen Angelegenheiten vollständig in Anspruch, ich verheiratete mich, müße nun hier der Wirtschaft vorstehen, und Sie können sich wohl denken, daß mir da keine Zeit für andere blieb, nicht einmal für die liebste Freundin.
Da, eines Nachmittags, die Table d'hote war eben vorüber, die Gäste waren bereits in ihre Zimmer gegangen, um das Mittagsschläfchen zu halten, und ich stehe hier an der Tafel und lege die Servietten zusammen, tritt Concetta in den Saal und eilt, als sie mich erblickte, laut schluchzend an meine Brust. Ich war vor Schrecken zunächst ganz bestürzt, dann nahm ich mich aber zusammen und führte sie zu