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NeMr 1909,

(Nachdruck derbsten.)

Wieder einmal stehen wir an den Marken eines Jahres, das hinter uns zurückblieb im Grau der Vergangenheit, bald wohl gänzlich versinkt ins Meer der Vergessenheit. Fast wills uns scheinen, als wäre erst gestern der Tag gewesen, an dem wir unsViel Glück zum neuen Jahre" wünschten. Ein Jahr ist darüber vergangen. Enteilt im Fluge. Viel zu schnell wohl allen denen, welche auf ihrem Arbeilsfelde das Ziel sich weit gesteckt hatten. Mit welchen Erwartungen schrillen sie hinein ins neue Lebensjahr I Wie viele Hoff- nungen und Wünsche, berechtigte und unberechtigte, knüpften sie an ihre Arbeit. Manches geriet, manches mißlang. Und wenn alle heute einmal die Bilanz fürs alle Jahr ziehen, zufrieden, wirklich zufrieden sind wohl die wenigsten. Da streicht noch einmal alles am geistigen Auge vorüber. Wie von lichter Höhe schaut er Henie zurück auf seiner Hände Arbeit, auf die Erzeugnisse seines Geistes, die Werke stiller Stunden und durchwachter Nächte. Hat sich der Neujahrs­wunschViel Glück" bewahrheitet? Nicht immer. Zurück- gedrängt im rastlosen, rücksichtslosen Kampfe um die Existenz, gedenkt gar mancher unerfüllter Hoffnungen, wird altes Leid wieder neu, drängt nun bald vergessenes sich wieder einmal in den Vordergrund. Und wer unentwegt, nur das Ziel im Auge vorwärts strebte? Wem gelangs überall? Der Schein trügt sehr oft. Glücklich wohl nach außen, doch im im tiefsten Innern leer und unbefriedigt. Doch lassen wir die Vergangenheit hinter uns, sie ist vergessen, versunken.

Der heutige Tag gebärt der Zukunft mit ihren Hoff­nungen und Wünschen. Was wird das neue Jahr uns »ringen ? Ja, wenn es dem Menschen gegeben wäre, ein­mal nur, einen Augenblick nur Feruschau zu halten auf das dunkel vor uns liegende Gefilde der Tage, wenn er eine Sekunde nur die Schleier lüften könne, welche unsere Zukunft verhüllen! Was dann wäre? Noch unglück­licher, noch unzufriedener wäre die Menschheit, um eine der schönsten Himmelsgabeu, die Hoffnung, wären wir ärmer.

Was knüpfen wir nicht alles mit dem Bande der Hoff­nung an unser Leben im nächsten Jahre. Eltern erwarten das Höchste von ihren Kindern, diese wieder fahren mit Wünschen gar mannigfaltiger Art ins blaue Laud der Zu­kunft. Und wenn d e Reihe der Jahre schon das Haar bleichte und Spuren des Alters ins Gesicht grub, auch er hat noch sein Päckchen Hoffnungen fürs neue Jahr geschnürt.

.Viel Glück im neuen Jahr!" Gar leicht ist's ausge­sprochen. Was ist das Glück? Halls schon jemand ganz besessen. Wers glaubt, der ist darum noch nicht glücklich. ^3 ist ein ganz leichtes, flinkes Wesen, das Glück, gejagt von Millionen, erjagt von manchem, gehalten von wenigen. Und in ihrem Füllhorn hat das Glück einen reichen Segen. Für jedermann etwas, auch wcuns ihm erscheinen möchte, als wäre er leer ausgegangen.

Und wie's im Leben des Einzelnen ist, so tritts zur Er- fdjeinum auch im Zuiamm-nleben die'er Einzelnen, im Leben eines Volkes. Ein neues Jahr. Ein Jahr ruhiger, steter Entwicklung liegt hinter uns. Forlgesckritten sind wir an der Spitze der Völker auf allen Gebieten der Kultur. Rast­los vorwärts. Gefestigt nach innen, stark und gewappnet nach außen. Und im nimmer rastenden Weligeiriebe, in dem großen Räderwerke sind wir, das deutsche Volk, auch nur ein Rädchen in der Maschinen. Und fast wills scheinen, als würde diese zn immer rasenderer Eile angetrieben. Fehlt uns allen nicht ein gut Teil innerer Ruhe? Ein ewiges Hasten und Jagen, ein Varwärtsstüizcn auf dem Wege ins unbekannte Dunkle, das âst das charakteristische Merkmal unsres Völkerlebens.

Und aus dem vor uns liegenden Dunkel strahlt ein Stern zu uns hernieder, ein Licht, das uns allen ins Herz scheinen möge: selbstlose, edle Menschen- und Nächstenliebe. Hallen wir dies Lickt scst im Auge, wir werden nicht straucheln auf dem Wege, immer mehr werden wir uns dem Ziele der höchsten Siltlikcheit nähern. Sie ist das höchste Glück, sie allein bringt Vollkommenheit und wahre Zufriedenheit.

Hellglänzend, wie die sri'che Morgensonne, steigt es am Firmament empor: 1909. Möge cs uns in diesem Sinne allen Glück und Segen bringen. Das ist unser Wunsch zum neuen Jahr.

Silvester.

Der letzte Tag des Jahres ist dem heiligen Silvester geweiht, der am 31. Dezember 335 gestorben ist. Die Legende erzählt, Papst Silvester habe den Kaiser Konstantin den Großen kurz vor dessen Lebenstorschluß auf dem Toten­bette getauft, weshalb er auch stets abgebildet wirb mit dein Schlüssel in der Hand als Pförtner des neuen Jahres. Ein matter Glaube ist cs, daß der Mensch in der letzten Stunde des Jahres eine Frage an das Schicksal frei habe. Auf diesem Glauben beruht die grobe Zahl von Silvester- gebrâuchen. So suchen die heiratslustigen Mädchen alles Mögliche hervor, um über ihren Zukünftigen einen Anssckluß zu erhalten. In verschiedenen Gegenden weisen die Mädchen auf dem Lande am Silvesterabend Hanf und Lein vor ihr Bett, und wenn sie schlafen gehen, spiechen sie laut:

Ich säe Hanf und Lein

Und wünsche, daß mir mein Dräniigam erschein'.

Wem in der Nacht kein Mann im Traume erscheint, der toll unfehlbar dazu verurteilt sein, als alte Jungfer zu sterben. Allgemeiner Brauch ist es auch bei jungen u taomen, namentlich auf dem Lande, ihren Schuh oder Pantoffel über

den Kopf zu werfen und aus seiner Lage zur Tür sich zu deuten, ob sic im neuen Jahre im elterlichen Hause bleiben oder aus ihm Herangehen weroen. Andere Heiratslustiae wieder wollen a>is ben Windungen einer über den Kopf geworfenen Aepfelichale den Warnen des zukünftigen Freiers hernuslesen, ob-r sie greifen im Dunkeln nach den im Keller liegenden Holzstncken: haben sie eine gerade Zahl gefaßt, dann sind sie freudig bewegt, denn ein Freier steht in Aus­sicht ; greifen sie aber eine ungerade Zahl, daun können sie betrübt singen:Nie doch kommt der Freiersmann." Aber auch kommendes Glück und Unglück sollen die Silvester- bräuche ergründen. Allgemein verbreitet ist das Bleigießen, bei dem man aus den gegossenen mehr oder weniger phan­tastischen Figuren schließt, was das neue Jahr bringen wird. Als Silvesierspeisen dienen bewnders Herings alat in Mittel­deutschland und Karpfen in Norddeutichland. Don den Spcffen, die auf der Silvcslertafcl anfgeiragen werden, muß aber ein Rest bis in? neue Jahr aufbcwahrt werden, wenn man nicht im neuen Jahre Mangel leiden will. Die Sckuppeu rom Karpfen heben viele im Portemonnaie auf; sie sollen Glück bedeuten und das Portemonnaie nie leer werden lassen. Freilich ist schon mancher durch diesen Aber­glauben sehr enttäuscht worden.

Die MckMastrophe in Malia

Zwischen den Trümmern von Messina.

Alle Nachrichten, die über das Schicksal der unglücklichen Stadt eiugeben, lauten übereinstimmend verzweifelt. Im An­schluß an untere bisherigen Meldungen meldet ein Spezial­bericht desB. L. A." : Die Kaiastrophe in Süditalien ist von unermeßlicher Größe und Furchtbarkeit. Sicherlich ist sie das gewaltigste Naturereignis der modernen Zeit und stellt selbst die Erdbeben von San Francisco und Valparaiso, wenigstens an Verlust von Menschenleben, weit in den Hintergrund. Dieser wird verschiedentlich zwischen 50000 und 150000 Toren angegeben. Fast alle Berichte von Augen­zeugen stimmen darüber überein, daß die Flutwelle bie meisten Menschenopfer forderte. Unter dem Wasser in der Straße von Messina hat sich ein maritimer Vulkan aeöffnet, der die Fliitwelle verursachte. Das Meer trat zuerst 300 bis 400 Mctcr vom Lande ab, dann kam cs plötzlich, 10 Melcr hoch, mit furchtbarem Getöse zurück und begrub die verzweifelt zwischen ben stürzenden Häusern auf die Straße flüchtenden Menschen. Eine Dame, die sich nach Palermo flüchtete, schildert diesen Moment folgendermaßen:Wir lagen alle im Deite und 'ckliefen ; da begannen plötzlich die Betten zu wiegen, die Wände zu schwanken, Fensterscheiben zersprangen und Möbel stürzten um. Ich sprang im Hemd aus dem Zimmer. Einer meiner Brüder trug mich die Treppe hinab und riß mich hinter sich her. Auf der Straße hinter uns stürzte das Haus ein; Dvnnergepoller dröhnte unter uns in der schwankenden Erde. Ueberall stürzten Häuser mit lautem Krachen zu­sammen. Es war eine höllische Szene. Plötzlich gab cs eine furchtbare Detonation ; die Gaswerke waren explodiert. Dann mürbe alles um uns bunfel.Tcrrcmoto 1 Tcrre- moto I" schrien die Menschen, bie gleich uns wie wahnsinnig burd) die Straßen nach dem Hafen liefen.Die Welt geht unter!" schrien andere. Wir liefen, während der falte Regen auf unsere fast nackten Körper herabprasselte; wir stolperten über Trümm^rhauken, über Verwunden oder Tote. Meine Brüder rissen mich wieder auf. Nur fort, immer fort! Dann plötzlich, nähw am Hafen, wurden die Straßen schlüpfrig. Wir sanken oft bis an die Knie in den Scklamm, den die furchtbare Flutwelle, die glücklicherweise bereits zurückgcttetcn war, hinterlassen hatte. Ich konnte nicht mehr; ich wurde ohnmächtig. Wie ich auf das Schiff kam, das mich nach Palermo brachte, weiß ich nicht mehr. Mein Gott, was für eine Nacht, was für eine furchtbare Nacht!" Andere haben mit Schiffskapttänen gesprochen, die an dem fürchterlichen Morgen bie Straße von Messina passierten. Der Kapitän e nes Dampfers sagte, daß plötzlich das Steuer ve>sagte und das Schiff mit nube- zwinglicher Macht gegen bie Küste trieb, nur die schon wieder zurückkehrende Flut rettete ihn vor verleib icher Strandung. Die ganze See war mit Trümmern bedeckt, aber in der Dunkelheit waren Einzelheiten nicht zu erkennen. Der Dircktor'dcr Gazcita bi Mess na Fulci, der aus Mcs- fina entkommen ist, langte in Palermo an und erzählte:Ich rettete mich mit meiner Familie in wunderbarer Weise, wäh­rend meine Vettern, dieDeputicrten Nicola und Ludovico Fulci, in der daneben liegenden Wohnung mit ihren Familien einen schrecklichen Tod fanden. Der Geruch der zahlreichen Leichen macht sich bereits bemerkbar. Man hört auch immer noch aus den Trümmern verzweifeltes Schreien und Hilferufen. In Palermo traf eine Frau Karalech aus Budapest ein, die sich ans dein zusammenvrechendcn .Hotel durch einen Sprung aus dein dritten Stock gerettet hatte und merkwürdigerweise unverletzt geblieben war. Ebenso kamen dort, zivar aller Habe entblößt, aber doch heil an bie Mitglieder des lyrischen Ensembles vom Tcalro Vittorio Emanuele. Auch ein deut­scher Nome, ein Professor Weise, befindet sich unter der kleinen Anzahl der Flüchtigen."

Hus aller Melt.

Selbstmord eines Amtsrichters. Der Amts- gerichtsrat Rother in Kreuznach hat sich während der Nacht­zeit mittelst Leuchtgas vergiftet. R. begab sich in das Bade­

zimmer, an beffen Tür er einen Zettel befestigte, der die Worte enthielt:Vorsicht Gas, nicht mit Lickt hineingehrn Als das Dienstmädchen am Morgen die Äffische bemerkte, schlug es Lärm. Man erbrach sofort die Tür, doch wurde R. bereits als Leiche aufgesunden. Das Motiv zu der un* seligen Tat ist unbekannt.

Heftige Stürme in Nordspnnien.

San Sebastian, 29. Dez. Seit Sonntag richteten heftige Stürme in den Provinzen Nordspaniens beträchtlichen Schaden an. In Bilbao wurden ganze Stadtviertel über­schwemmt. Mehrere Häuser sind zerstört. Die Flüsse sind über die U'er getreten. Die Schiffahrt an der kantabrischen Küste ist unterbrochen.

Schisisnachrichten.

Mitgeteilt vom Vertreter des Norddent'cken Lloyd in Bremen, M. Tchirster, Fahrstraße Dir. 1.

Der DampferBarbarossa" ist am 24. Dezember wohl­behalten in New-Pork angekommen.

Ter DampferWittenberg" des Norddeutschen Lloyd ist am 23. Dezember wohlbehalten in Galveston angekommen.

Bremen, 28. Dezbr. Der Dampfer des Norddeutsche«

LloydHalle" ist gestern in Ovorto eiirgetroffen.

Hus Hanau Stadt und CancL

Hana«, 31. Dezember.

Vereins- tu Verinni »nisnahrichten

für Donner?tag ben 81. Dezember.

Owang. Männer- und Inn^tinnSverein: Bibetgnnde sRc. BerelnSbaiis.l Turngememd-: 56: Midchenabieilnng, 67: ffnabenabtdlung, 7*1* bis 8-/.: Franenabieiwn, A, 910; Ingendabteiliwg.

Turngeietttchm't: ?>bends von 810 Uhr: Turnen der Jugend- und Männer-Abieilung.

Verein der Deiulcken Kankleute, Ortsverein Hanau: Derrlnèabend int RestaurnmCarlsberg".

Katboliscker Mânnerverein: Vereinsabend in der 'Restauration Mohr, c^eiml-werei» ,.tiröt lichtest": Siugstunde im Beleinszokale.

Arendè'jkber Stenoqrapbenveiein ..Apollobund" (Gasthauszum Grafen Miiivv Ludwig") ; Bereinsabend.

Dramotisch-lilerar'schcr Verein ..Melpomene":ur Sonne": Lesung. NattoncUsienogrorben-Verein: Lehr- 11. Ucbungsstunde (Lokal,,Zur große» Krone' Sleiiibeimerslroste 26).

Allgemeiner BildnuaSverein: Abends 9 Uhr: Leie-, Diskussion!» und Bok» irnqsaben' im Restwrantzur Sonne. Naiioualliberaler DonnerSwas-Liammtisch in derConcordia". Oefterr. »Ung. Klus: Vereins abend in der Brauerei Orschler.

VereinCanaria': Vereinsabenv im Vereinslokal .3. deutschen Schlitzen* KlubBavaria": Klubabend in der RestinrationAllemania Crste Hanauer Pouleoeiellichab: Preisspiel imDeutschen Haus". StintConcordia": Stammtisch imKarpfen" (Paiadeplatz). FußballklubVittoria": Vereiusabend imgoldnen Rab". DiabsabretDcrem Hanau 1885: Klubabend in derCentralhalle". NadfahrervereinVorwâns": Zusanimeukunft im Gasthaus1. Sonne".

Svrecktsaal.

Von fachmännischer Seite ist mir schon oftmals versichert worden, daß, wenn heute die Straße von Hanau nach Ilben­stadt gebaut würde, die Steigungen nicht so blieben, wie sie jetzt sind, sondern mehr geebnet würden. Nach den Planie» rungsarbeilen der neu zu bauenden Straße Niederissigheim- Bulicrstadt scheint dieses aber doch fraglich zu sein, denn nach dem Stande der gegenwärtigen Ausführung bleiben in der Straße zwei Veiliefungen bestehen, die mit leichter Mühe, wenig Arbeit und in Folge dessen auch wenig Mehrkosten ganz gut wegzubringen wären. Wmden auf den beiden höchsten Stellen noch einige Kubikmeter Erde mehr abgehoben und in die beiden Täler gebracht, so wäre der Sache ab» geholfen. Die Straße würde dadurch viel schöner, bekäme zwei Gefälle, das eine nach Niederissigheim, das andere nach iBunerftabt. Die wenigen zu bewegenden Kubikmeter Erde, etwa 4500, und der Kostenpunkt dafür sind doch in einer solchen Sache in keinen Anschlag zu bringen. Die Straße wird doch nicht für kurze Zeit, sondern für immer gebaut. Alle übrigen Arbeiten und Ausgaben, wie Stellbau usw.. bleiben- doch die gleichen. P. J.

Nenjahrswnnsch der ZtitnnMügtrm.

Viel Glück im Jahre 1909.

Wie früher, ging ein Jahr zu Ende, Stellt sich auch jetzt zur Jahreswende Mit einem Glückwnnsch, das muß sein, Die Zeilungsirägcrin sich ein.

Was hat doch in dem Blatt gestanden!

Von Pärchen, die sich liebend fanben,

Von Onkel Eddy, der da reifte,

Der Hochbahn, die, ach Gott, entgleiste.

Von Zeppelin, dem wackcrii Helden,

Konnt' unsre Zeitung manches melden:

Wie nach dem Unglück gleich das Glück

Mit Millionen kam zurück.

Das Glück cs mog' zu jedem kommen.

Der dies Gcreimsel hier vernommen,

Und der sich freundlich und geneigt

Erkenntlich mir sich heute zeigt.

Nun wünsche ich noch reichsten Segc:

Erfolg der Arbeit aderivegen,

' Und treue Freunde in Gefahr.

Prosit l Ein frohes neues Jahr!

Die ZeitungSträgerur.