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Mittwoch

14. Oktober

an die Türkei eine auffallend entschiedene, ja geradezu scharfe Sprache.Wetscherna Poschta" schreibt:Wir erwarten von der zukünftigen europäischen Konferenz nichts, sie kann über unsere Unabhängigkeit garnicht verhandeln. Für uns ist es angebrachter, ohne Rücksicht auf diese nach dem Pulver zu schauen, denn allem Anscheine nach wird uns dasselbe gegenwärtig nötiger sein als jemals. Noch heftiger äußert sich das demokratische BlattWreme". ES schreibt:Bul­garien ist unter der Gefahr eines Krieges selbständig ge­worden, es hat sich durch einen Staatsstreich von der Türkei osgemacht. Es wäre absurd, diesen Staatsstreich durch eine Geldentschädigung an die Türkei korrigieren zu wollen. Will die Türkei.eine solche, so muß sie uns dazu zwingen, wünscht sie es, so stehen wir zur Verfügung".

Herbsttage am Bodensee.

(Nachdr. verb.) 8. u. H. Friedrichshafen, 13. Oktober.

I.

Ein goldener Herbsttag lacht über dem Bodensee. Von ven Schweizer Bergen webt ein frischer Wind herüber und läßt die Fahnen auf den Türmen und Häusern Fricdrichs- baiens lustig weben, die zu Ehren des Besuchs des Prinzen Heinrich von Preußen beim Grafen Zeppelin von der Bürger­schaft ausgestcckt worden sind. Eine frohe Stimmung herrscht in dem Städtchen, über das der Name Zeppelin seinen reichen Segen ausgeschüttet hat. Wird es doch, nachdem kürzlich der Vertragsabschluß zwischen der Stadt und den Unternehmungen des Grafen zustande gekommen, für immer die Heimat des ersten deutschen lenkbaren Luftschiffes starren Systems sein. Und wer weiß, was Friedrichshafen und mit ihm das deutsche Volk von der Entwicklung der Dinge noch zu erwarten haben! Seine entzückende Lage an den Ufern des Schwäbischen MeereS hat die Stadt schon früher zum Ziel­punkt vieler Erholungssuchender gemacht. Aber erst die denkwürdige Anlage in dem benachbarten Hafen von Manzell hat ihm zu seinem Weltruf verholfen. Der Besuch des Groß­admirals der deutschen Flotte und Bruder des Kaisers sowie die Anwesenheit des Württembergischen Königspaares, der warmherzigen Förderer der Zcppelin'schcn Unternehmungen, hat zahlreiche Fremde nach hier gelockt, nicht zum wenigsten aber die Ankündigung, daß cs bereits in der nächsten Woche zu einem neuen Aufstieg des Grafen kommen wird, dem man nach dem unglücklichen Tage von Echterdingen mit doppeltem Interesse und den besten Wünschen für ein glückliches Ge­lingen entgegenffeht. Freilich auf den Werken in Manzell und im Direktionsbureau, wo jetzt der neuernannte Direktor der Unternehmungen, Herr Colsmann und der langjährige Generalsekretär des Grafen, Schriftsteller Ahland, ein Nach­komme des edlen schwäbischen Sängers, das Szepter führen, weiß man offiziell noch nichts von der Sache. Aber man muß berücksichtigen, welche guten Ratschläge dem Grafe» nach seiner Schweizer Fahrt und der darauf folgenden Rheinfahrt gegeben worden sind. Damals, als auf dem Münsterturm Straßburgs die Stadtvertretung vergeblich auf das Erscheinen dM kühnen Grafen harrte, und die Kanonen der Feste ver­geblich ihrer Benutzung warteten, um den König der Lüfte willkommen zu heißen, sprach man es unumwunden aus, daß das deutsche Volk mit seinen hochgespannten und schließlich enttäuschten Erwartungen sich vor dem Auslande etwas lächerlich gemacht hätte, da den großen Hoffnungen die Tat nicht gefolgt sei. Und auch als dann die Fahrt über Mainz nach Stuttgart glücklich gelang, aber die Echterdinger Kata­strophe alle Hoffnungen zu schänden machte, fehlte es nicht an warnenden Stimmen, die dem Grafen nahe legten, keine unnützen Hoffnungen zu erwecken. AuS diesen Gründen schweigt man sich in Friedrichshafen zur Zeit noch in allen lebenden Sprachen über den nächsten Aufstiegtcrmin aus. Und es ist auch ganz gut so, denn ein Zeppelin kommt immer noch früh genug. Vor allem die guten Friedrichshafener und weit darüber hinaus alle Anwohner des Bodensees glauben viel zu fest an die Zukunft der Idee Zeppelins, als daß sie sich durch gelegentliche Mißerfolge beirren ließen. Die An-

Lils Nackte in her bildenden Kunst.

(Unber. Nachdruck verb.) 8. u. H. Frankfurt, 13. Oktbr.

Die gegenwärtig im Mittelpunkte der Erörterungen stehende Frage der Nacktkultur bildete den Gegenstand eines interessanten Vortrages, den der bekannte Kunsthistoriker und Aesthetiker Prof. Dr. Lange (Tübingen) auf dem soeben zu Ende gegangenen Kongreß der Deutschen Sittlichkeitsvereine hierselbst hielt. Die geistvoll und feinsinnigen, von tiefstem Verständnis für die Aufgaben und mittelbare Kunst ge­tragenen Ausführungen verdienen es, daß man sie etwas ausführlicher nachträgt, als es in dem allgemeinen Referat über die Tagung der Fall sein konnte. Der Vortragende wies zunächst darauf hin, daß er sich stets gegen eine mora­lische Bevormundung der Kunst ausgesprochen habe. Unsere Gegenwart sei keineswegs unsittlicher als etwa die Zeit der Renaissance und die Zeit des dreißigjährigen Krieges. Unserer Kultur haften aber viele unmoralische Auswüchse an, die zu beseitigen oder wenigstens zu beschränken die Pflicht aller derer sei, die es ernsthaft mit dem Volke und der Jugend meinen. Die Frage aber, ob die Sittlichkeits­bestrebungen gerade bei der Kunst einsetzen können, ob cs klug und weise, ja überhaupt möglich sei, den moralischen Gesundungsprozeß mit der Kunst zu beginnen, sei durchaus nicht so einfach zu beantworten. Die Lehre der älteren Aesthetik, daß die Kunst die moralische Tendenz haben müsse, in sittlicher Weise auf die Menschen einzuwirken, stehe die neuere Aesthetik sehr skeptisch gegenüber. Wenn diese auch der Poesie, das Recht auf die Menschen einzüwirken, nicht bestreitet, so leugne sie doch, daß das ihre eigentliche Auf­gabe sei. Gewissen Künsten, wie der Malerei und der Musik, spreche sie sogar den pädagogischen Beruf ab, weil eine Malerei mit frommem Inhalt noch niemals einen sündigen Menschen bekehrt, die malerische Darstellung einer Schlacht noch niemals einen Menschen blutdürstig gemacht habe. Die Tendenz widerspreche dem Wesen der Kunst. Zwischen Kunst und Kunst bestehe aber ein Unterschied, und die Art, Kunst anzuschauen und zu genießen, kann eine sehr verschiedene sein. »Eine Bäuerin, die vor einem süßlichen Madonnenbilde in fromme Schauer versinke, genieße ästhetisch nicht rein. I

hänglichkeil dieser Leute an den Grafen ist geradezu rührend.

Ihre Begeisterung kommt z. B. in der lebhaften Beteiligung an dem Württcmbcrgischxn Landesverbände des Deutschen Luftflottenoereins zum Ausdruck, der sich am 9. d. Mls. in Stuttgart konstituiert hat, mit dem Motto:Unsere Zukunft liegt in den Lüsten!"

Die Begeisterung der Friedrichshafener für ihren Grafen konnte man auch wieder recht beobachten, als Prinz Heinrich zu dessen Besuche hier eintraf. Der Prinz kam von Raggatz in der Schweiz, und zwar per Automobil, welches Beförderungsmittel er bekanntlich als eifriger An­hänger des neuen Sports und Vorsitzender des Kaiserlichen Automobilklubs bevorzugt. Als der staubbedeckte Benzwagen des Prinzen sich dem Städtchen näherte, standen Hunderte und aber Hunderte in den passierten Straßen, die den Bruder des Kaisers, der sich in Begleitung des Kammerherrn von dem Knesebeck befand, stürmisch willkommen hießen. Auf den Prinzen Heinrich ist ein gut Teil der Popularität über­gegangen, deren sich sein Vater, der Führer der Süddeutschen in den Jahren 1870/71, gerade in Süddeutschland erfreute, zumal Prinz Heinrich, was von älteren Leuten allgemein konstatiert wurde, im Aeußern seinem Vater immer ähnlicher wird. Der Prinz war so rücksichtsvoll, den Grafen der frühen Stunde wegen nicht stören zu wollen; er fuhr zu­nächst nach dem Hotel eines Vorortes und wartete hier eine Stunde, worauf er sich zur Begrüßung des Grafen nach dem Deutschen Hause" begab. Der Graf empfing seinen hohen Gast am Portal und geleitete ihn nach dem im ersten Stock­werke gelegenen nachgerade historisch gewordenen Salon, den der Besitzer deS Deutschen Hauses nach dem geplanten Um­bau bekanntlich in ein Zeppelin-Museum umwandeln will. Während der Unterredung zwischen dem Grafen und dem Prinzen hatten sich vor dem Hotel eine große Menschenmenge angesammelt, die begeisterte Hochrufe auf beide ausbrachte. Der Prinz ist übrigens hier kein fremder Gast. Er hat be­kanntlich schon vor einem Jahre, als noch niemand an den Aufschwung in der Ausführung von Zeppelin's Ideen dachte, dem Grafen einen Besuch abgestattet und damit nach einem Wort des Kaisers auch für sich dokumentiert, daß er gewillt sei, dem genialen Erfinderdie Stange zu halten". Der Graf machte dem Prinzen eingehende Mitteilungen über seine weiteren Pläne, worauf dieser seinen Dank aussprach und nach herzlicher Verabschiedung nach dem Königlichen Schlosse weiterfuhr. Hier fand am Abend ein Empfang statt, an dem auch der Graf teilnahm.

Heute früh erschien der Prinz abermals bei Zeppelin und fuhr mit ihm auf dessen Motorboot nach Manzell hinaus, um dort die Reichsballonhalle und die Arbeitsräume für den Z I zu besichtigen. Der Besichtigung wohnte Kuch der Neffe des Grafen bei, sowie Ingenieur Dürr, der Führer des bei Echterdingen verunglückten Ballons, der dem Prinzen im Verein mit dem neuernannten Direktor Colsmann sämtliche Anlagen eingehend erklärte. Der Prinz äußerte seine Ueberraschung über die umfangreichen Neuanlagen des Betriebes, die seit dem Vorjahre hier entstanden sind und gab wiederholt dem Grafen zu verstehen, daß auch der Kaiser mit dem lebhaftesten Interesse seine Arbeiten verfolge und damit rechne, daß dem- nächst ein Aufstieg mit dem Z I stattfinde.

Von den Arbeiten am Z I dringt natürlich wenig Positives an die Oeffentlichkeit. Man erfährt aber, daß die äußere Ballonhülle vollständig fertiggestellt ist, an den Motoren wird dagegen noch gearbeitet. Der Gasvorrat wird dieser Tage nach der Ballonhalle in Manzell geschafft werden. Angesichts dieses Standes der Arbeiten glaubt man vielfach, daß bereits die nächsten Tage den neuen Aufstieg bringen würden, jedoch erscheint diese Annahme nach Mitteilung von berufener Seite als unrichtig, vielmehr wird als frühester Termin für den Aufstieg der 20. Oktober angegeben.

Das Schmerzenskind der Zeppelinschen Unternehmungen bildet zurzeit bekanntlich noch die schwimmende Halle, die allen Ansprüchen vorläufig noch nicht genügt. Es wird daher zur Erlangung von Entwürfen, statischen Berechnungen und

Ein junger Mensch, der nachts einen Kriminalroman ver- | schlinge, sei weit entfernt von ästhetischer Anschauung. Sei etwa schon jemand durch den Anblick von Rafaels Syxtinischer Madonna katholisch oder durch die Lektüre von Dostojewskys Raskolnikow zum Verbrecher geworden? Man müsse unter­scheiden zwischen der hohen Kunst, die die Frage der Schilderung sittlicher Zustände in der Poesie oder der Dar­stellung des Nackten in der bildenden Kunst unbefangen mit rein künstlerischen Absichten behandle und der niederen, der Pseudokunst, die mit ihren Erzeugnissen nur reizen wolle, und der es nicht um die künstlerische Wirkung zu tun sei. Die Aesthetik könne nur auf Grund der Erzeugnisse der hohen Kunst ihre Grundsätze formulieren, der praktische Volks­erzieher, der die tatsächlichen Verhältnisse ins Auge fasse, könne die Pseudokunst aber nicht unberücksichtigt lassen. Niemand werde behaupten, daß das Nackte an sich unsittlich sei. Der nackte menschliche Körper sei an sich nicht, was an Unsittlichkeit zu erinnern brauche.Dem Reinen ist alles rein". Er werde erst dann anstößig, wenn man unsittliche Gedanken an seine Vetrachtung knüpfe. So wie man jedoch in guter Gesellschaft nicht von Ehebruch und freier Liebe spreche, so gehe man doch auch bei gesunden Sinnen nicht nackt auf der Straße spazieren. DaS sei eine Tatsache, an der die Nacktheitsapostel nichts ändern werden. Redner erörtert dann eingehend die psychologischen und künstlerischen Gründe, weshalb die bildende Kunst von jeher mit Vorliebe das Nackte dargestellt habe/ obwohl es im Leben für anstößig gelte. Es komme nicht darauf an, was in einem Kunstwerk dargestellt werde, sondern wie es dargestellt sei und wie es von denjenigen angeschaut werde, für die der Künstler es geschaffen habe. Das Unmoralische bei der sexuellen Kunst liege nicht in der Nacktheit als solcher, sondern in der Art seiner Darstellung und in der Art, wie es angeschaut werde. Die Aufgabe des Künstlers sei es, den Inhalt eines Kunst­werkes so darzustellen, daß daS etwas Verletzende desselben durch die Kunst der formalen Ausgestaltung zurückgedrängt werde. Das sei bei allen wahren und echten Kunstwerken der Fall. Es sei ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, daß jemand, der unsittliche Verhältnisse schildert, selbst uiisitt- i sich sei. Künstler hätten ja vielfach freiere sexuelle An-

bindenden Offerten zum Bau einer Luftschiffhalle in Friedrichs­hafen für leistungsfähige Firmen und Bewerber, die mit solchen in Verbindung stehen, ein Wettbeiverb ausgeschrieben. Die Bedingungen werden von der Luflschiffvau-Zeppelin- Gcscllschaft m. b. H. in Friedrichshafen und zwar nur an obengenannte Bewerber abgegeben. Für die nach dem Urteil des Preisgerichts am geeignetsten erscheinenden Entwürfe sind drei Preise von 3000., 2000. und 1000. Mark aus­gesetzt. Das Preisgericht wird sich aus Fachleuten zusammen- setzen, die von dem Grafen Zeppelin berufen werden sollen. Wenn man erst einen geeigneten Entwurf für eine Luftschiff­halle hat, will man gleich an den Bau zweier Hallen nach biefem System gehen, um im Jahre die Fertigstellung von acht Luftschiffen erreichen zu können.

Was Menschenhände und Menschenverstand tun können, um das kühne Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu führen, ist von feiten des Grafen und seiner Mitarbeiter getan worden, bezw. der Vollendung nahe. Hoffentlich maltet am Aufstiegstage ein günstigerer Stern über dem Werke des Grafen als ant Unglückstage von Echterdingen.

Hus Ban au Stadt und Tand,

âttau, 14. Oktober.

* Posipersonalien. Versetzt sind die Postsekretäre Grunewald von Hanau nach Cassel, Scheffler von Neumark (Westpr.) nach Hanau, Telegraphenmechaniker Künkler von Cassel nach Hanau. Etatsmäßig ange­stellt ist der Postasststent Sandrock in Hanau.

* Geschichtsverein. In einer am 19. d. M., abend» */*9 Uhr, im roten Sälchen des Bürgervereins stattfindenden Monatsversammlung wird Herr Professor Macke über Uwe Jens Lornsen, den Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Schleswig - Holsteins von Dänemark, reden. Gâste, auch Damen, sind willkommen.

* Geistliche Mustkanfführung. Am Sonntag den 25. Oktober, abends 8 Uhr, wird in der Marienkirche eine geistliche Musikaufführung zum Besten des hiesigen Diakoniffen- Heims stattfinden. Näheres in der Samstagsnummer.

* Stadttheater.2 x 2 = 5", Gustav Wieds Satyrspiel gelangt heute zum zweiten Male zur Aufführung. Durch seinen köstlichen Humor und seinen geistvollen Dialog hat das Stück sich an fast allen größeren Bühnen als überaus zugkräftig bewährt und wird sicherlich auch heute wieder einer freundlichen Aufnahme gewiß sein. Morgen Donnerstag geht Wildenbruchs SchauspielDie Raben- steinerin" bei kleinen Preisen, neu einstudiert, in Szene. Das hier in voriger Spielzeit mit so starkem Bei­fall gegebene Werk wird auch jetzt wieder Gefallen finden. Die Vorstellung beginnt um ^28 Uhr. Am Freitag geht die Operetten-NovitätDie Dollarprinzessi 11" noch­mals in Szene und am Samstag nachmittag ^26 Uhr wird Shakespeares TragödieJulius Cäsar" zum letzten Male bei kleinen Preisen gegeben.

* Diskrttier-Ahende. Die Ortsgruppe Hanau de» Reichsverbandes gegen die Sozial dem 0-^ kratie beabsichtigt im Laufe des Winters regelmäßige Dis­kutierabende einzurichten. Diese Abende verfolgen denselben Zweck wie der Informations-Kursus für politische Fragen, welcher im Winter des vorigen Jahres unter dem Namen Re duerschule von feiten des Reichsverbandes in Hanau abgehalten worden ist. Herren, welche geneigt sind, an den geplanten Veranstaltungen teil zu nehmen, sei es als Vor­tragende, sei cs als Zuhörer, werden gebeten, sich Donners­tag den 15. Oktober abends 8ft, Uhr im Vereinszimmer der Concordia zu einer Besprechung einfinden zu wollen. Angehörige aller bürgerlichen Parteien sind will­kommen. Sollten Herren, welche Lust haben, die Diskutier- Abende mitzumachen, verhindert sein, am Donnerstag zur Be­sprechung zu erscheinen, so werden sie gebeten, sich schriftlich beim Vorstand der Ortsgruppe anmelden zu wollen. schauungen, aber zu behaupten, daß die Künstlerrnoral eine laxe sei, daß eine sexuellfreie Kunst liederlichen Lebenswandel voraussetze, sei psychologisch unhaltbar. Man habe häufig gesagt, die Antike zeige eine nackte Frau wirklich nackt, die Moderne zeige sie ausgezogen. Es gebe in der Tat Kitschei und Modemaler, die eine ganz bestimmte Art haben, baJ Nackte darzustellen.

Die wahre künstlerische Stilisierung bestehe in einer Reihe von Umänderungen der Natur in der Uebersetzung der Natur in die Sprache der Kunst. Gewisse Dinge könne man nun einmal nicht darstellen, weil keine Kunst der Welt imstande sei, sie in eine ideale Sphäre emporzuheben. jDie wahre Kunst werde in dieser Beziehung selten fehlgreifen. Die Hauptschwierigkeit liege darin, zu entscheiden, wem das Urteil hierüber zusteht. Diè hierzu erforderliche Einsicht versteht sich nicht einmal bei Gebildeten. Ein Schutzmann, der in einem Kunstladen den Apoll von Belvedere stehen sieht und sich dabei denkt, wie anstößig es sein würde, wenn er selbst in dieser adamitischen Nacktheit dastände, sei gewiß nicht die geeignete Persönlichkeit, um über die Anstößigkeit von Kunst­werken zu entscheiden. Im Gebiete der eigentlichen, der höheren Kunst sei es besser, um Mißgriffe zu vermeiden, überhaupt möglichst wenig zu reglementieren. Der menschliche Körper sei immer noch eines der interessantesten künstlerischen Probleme und der Künstler, der den höchsten Idealen nach- strebe, denke sich sein Publikum als auf der gleichen Höh« stehend wie er selbst. Sache der Eltern sei eS, ihre Kinder vor einer Kunst zu bewahren, für die sie noch nicht reif feien. Aufgabe der Pädagogik sei es, die Kinder möglichst früh an die Darstellung deS Nackten zu gewöhnen, und zwar in natura wie in der Kunst. Das Bewußtsein der Verschieden­heit der Geschlechter erwachse durch gegenseitige Anschauung z. B. beim Baden. Mit dem Beginn der Schulzeit pflege das gemeinsame Baden der Kinder aufzuhören und von da bis zur Pubertät haben die Kinder keine Gelegenheit, nackt« Körper deS anderen Geschlechts zu sehen. Darin liege ein« große Gefahr, denn daS Nackte und Sexuelle werde dadurch mit einem geheimnisvollen Schleier umwoben, der die Phan­tasie der Kinder mächtig anreize.Ich habe den Eindruck", so führte der Redner weiter aus,als ob unsere Kinder-