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deutschril und ihrem entschiedenen Willen nach wie vornach pflichtgemäßem Ermessen" über die Budgeifrage selbständig zu entscheiden, machtlos sein werden. Die Süddeutschen sehen der Entwicklung der Dinge mit Ruhe entgegen. DerVor­wärts" bezeichnet den von Scgitz verlesenen Protest gegen den Parteitagsbeschluß als einkleines Nachspiel" und bemerkt dazu:Eine eigenartige Erklärung, an der der Vordersatz den Nachsatz oder der Nachsatz den Vordersatz aufzuheben scheint. Wir glauben indessen, die widerspruchsvolle Er­klärung dahin auslegen zu dürfen, daß die süddeutschen Frak­tionen in freier, selbständiger Entscheidung zu der Ueber­zeugung gelangen werden, daß eine Budgetdewilligung künftig mir in den Ausnahmefällen zulässig ist, die die Lübecker und die im Sinne sich mit ihr deckende Nürnberger Nesolution nach nunmehr zweifelsfreier Deklaration des Parteitags vor­sehen. Wir bringen also der Minderheit des Parteitags das Vertrauen entgegen, daß sie den Willen der Partei gewissen­haft respektieren wird. Sollten wir in unserem Vertrauen getäuscht werden, so wären allerdings die letzten Konsequenzen aus solchem Verhalten zu ziehen!" Der Parteitag wurde SamStag mittag geschlossen. Singer hielt die Schlußrede, die in mancherlei Hinsicht bemerkenswert war. Er führte aus: Wir haben reiche Arbeit geleistet. Wir haben durch Resolutionen unsere Meinung kundgegebm. Wir haben unsere Feindschaft gegen den bestehenden Klassenstaat ivieber scharf hervorgehoben. Die Jugend wollen wir kampfbereit machen. Aufräumen müssen wir mit dem Wüste öden Krams, mit dem die Köpfe der Jugend in der Schule gefüllt werden. Heiß umstritten wurde die Frage der Budgctbewilligung. Vor 40 Jahren wurde hier beschlossen, die Arbeitervereine loszulösen aus dem Banne bürgerlicher Vormundschaft. Da­mals wurde den deutschen Arbeitervereinen ein sozialdemo­kratisches Programm gegeben. Es wurde beschlossen, daß der Kampf nur geführt werden könne durch die Arbeiter selbst. Hier haben wir ausgesprochen, daß der Kampf, den wir führen, nicht geführt werden darf in einem Sinne des Ent­gegenkommens gegen die bürgerliche Gesellschaft. Wir werden unsere Politik weiter auf dem Boden des Klassenkampfes führen. Jedes Entgegenkommen gegenüber den bürgerlichen Parteien ist zurückzuweisen. Der Kampf um die Frage der Budgetbewilligung war heiß. Er ist zu Ende. Wenn dieser Gegenstand weiter berührt werden sollte in der Presse und in den Vereinen, dann bitte ich, das ohne Verbitterung zu tun. Schwere Aufgaben stehen der Partei bevor. Es wäre geradezu selbstmörderisch, wenn die Frage aufs neue in der heftigen Weise diskutiert würde, wie das geschehen ist und geschehen mußte. Für uns handelt es sich darum, einig und geschlossen zu sein, damit wir den mächtigen Gegner nieder- ringen. Der Feind ist nicht in unseren Reihen, der steht draußen. Ich hoffe, daß auch die süddeutschen Genossen von nun an die Wege finden werden, die Beschlüsse des Partei­tags zu respektieren. Wir müssen einig sein. Vorwärts an die Arbeit! Die Fahnen hoch zum Kampfe gegen Kapitalis­mus und Militarismus!

Der interparlamentarische Friedenskongreß.

Berlin, 19. Sept. Die Tagung des interparlamen­tarischen Friedenskongresses konnte für ihre Teilnehmer keinen bessern Abschluß finden als durch die Stunden, die sie heute im Palais des deutschen Reichskanzlers verbrachten. Der günstigen Witterung wegen fand der Empfang in dem ge­räumigen Garten zwischen der Wilhelm- und Königgrätzer Straße statt, und es hatten sich dort bald nach 5 Uhr fast alle die deutschen und fremden Parlamentarier eingefunden, deren wir in den Berichten über die Krongreß-Sitzungen schon Erwähnung getan haben. Fräderic Passy und Lord Wcardale, der Däne Bajer, der Schweizer Gobat, die Herren aus Belgien, Italien, den skandinavischen Ländern wie aus Oesterreich-Ungarn; auch Vertreter des japanischen Parlaments waren erschienen. Ebenso waren fast alle deutschen Staats­sekretäre und preußischen Minister anwesend, die verantwort­lichen Hüter unseres Heers und unserer Marine, v. Einem und Tirpitz in Uniform. Ueber dem Garten lag ein präch­tiger Herbsthimmel, eine milde Sonne durchleuchtete die bereits stark gelichteten Bäume. In der Atmosphäre regte sich kein Lüftchen, gleich als wollten auch die Elemente ihre Friedensliebe betonen. Der Reichskanzler erschien bald in­mitten seiner Gäste und ließ sich von dem Vorsitzenden des Kongresses, dem Prinzen Schânaich-Carolath und dem Prof. Eickhoff bald diesen bald jenen der fremden Herren vor­stellen. Da und dort begrüßte er auch die vertrauten ein­heimischen Gesichter. Da sich alles bald auf der weiten Rasenfläche des Gartens verstreut hatte, entwickelte sich ein

Dienstag, 29. Septbr., abends 7 Uhr. Zum ersten Male:Das wahre Gesicht." Drama in 5 Auszügen von Max Halbe. Mittwoch, 30. Septbr., abends 7 Uhr.Husarenfieber." Im Abonnement. Gewöhnt. Preise.

Kunst und Leven.

Hedin lebt. Der berühmte Forscher telegraphiert soeben am 17. September via Teheran an seinen Verleger Brock- haus-Leipzig aus dem Sommerpalast des Vizekönigs von Indien in Schimla - Herzlichen Dank für Begrüßung. Ge­sundheit glänzend. Schönere Resultate als alle früheren Ressen zusammen. Hedin.

Amerikanische Nationalspende für Wright- In den finanziellen Kreisen der Vereinigten Staaten wird nach dem Absturz und der Vernichtung des Wrightschen Aero­plans der Plan erwogen, für Orville Wright nach dem Muster der deutschen Zeppelin-Spende Geldsammlungen ein­zuleiten. In den Vereinigten Staaten hat das Unglück die allgemeine Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung ge-

Zahllose Sympathiekundgebungen lausen fortgesetzt der Wright im Krankenhause ein. In New-Pork ist sofort eine Natwnassubvenlion für Wright eröffnet worden. Das «ißtwltorpS, das den Asroplan bei günstigem Ausfall der Versuche am 30. September übernehmen sollte, hat die Frist für die amtlich geforderte Probefahrt verlängert.

Montng _____________

buntes Bild: neben den Uniformen ergingen sich die meisten Gäste im Gehrock und Zylinder, die Damen in hellen Toiletten, auch anmutige Jugend war vertreten. Ganz besonders fielen die fremden Bischöfe in ihren bunten Schärpen auf. Der Reichskanzler, der, von der Norderneyer Sonne gebräunt, sich äußerst frisch und lebhaft bewegte und augenscheinlich sich in bester Laune befand, unterhielt sich be­sonders eingehend mit der englischen Abordnung, bereit Führer Lord Weardale eine kurze Ansprache an den Fürsten richtete. Der Fürst antwortete aus englisch in so herzlicher Weise, daß feine Worte durch vielfache hear, hear! unter­brochen wurden. Wie die Einheimischen werden wohl auch die fremden Gäste diesen würdigen Abschluß der Tagung im gastfreien Palais des deutschen Reichskanzlers nicht oer- gesfen.

Berlin, 19. Septbr. Die Schlußrede des Prinzen Heinrich zu Schönaich Carolath in der heutigen Schlußsitzung deS interparlamentarischen Friedenskongresses hatte folgenden Wortlaut:

Ich banse Sr. Exzellenz Herrn v. Plener von ganzem Herzen für die schönen Worte, die er so liebenswürdig war, an mich zu richten. Meine Herren! Werte Kollegen! Ich sage Ihnen lebhaften Dank für die Unterstützung und Hilfe, die mir zu gewähren, Sie so gütig waren. Ich hoffe, daß die Konferenz von Berlin einen neuen Fortschritt unserer Sache bedeuten wird und daß diese unsere Sache ihren glor­reichen Triumphmarsch fortsetzen wird zur Aufrechterhaltung des Friedens und zur Entwicklung der Schiedsgerichtsbarkeit zum Heile der Völker, die uns teuer sind. Meine Herren! Werte Kollegen! Einigkeit macht stark. Nun wohl! Seien wir und bleiben wir einig! Ich hoffe, daß Sie sich in Deutschland und in Berlin wohlgefühlt haben und daß Sie es in guter Erinnerung behalten werden. Auch ich bitte Sie, mir ein gutes Andenken zu bewahren. Leben Sie wohl, meine Herren und werte Kollegen. Auf Wiedersehen! (Leb­hafter Beifall.)

Saatenstands- und Cruteberichte.

Berlin, 19. Sept. (W. B.) Der Saatenstand in Preußen für Mitte September stellt sich, wenn 2 gut, 8 mittel und 4 gering bedeutet, folgendermaßen: Kartoffeln 2,7 (im August 1908: 2,6): Zuckerrüben 2,7 (August 1908 : 2,6); Klee 2,7 (August 2,8), Luzerne: 2,6 (August 2,6); Rieselwiesen: 2,5 (August 2,5); andere Wiesen 2,9 (August 3,0). In den Bemerkungen derStatistischen Korrespondenz" heißt es: Der soeben abgelaufene Berichtsmonat brachte wenig freund­liche und warme Tage; vorherrschend war die regnerische und kühle Witterung bei heftigen Winden. Die Niederschläge waren in manchen Gegenden schon erforderlich; allerdings wurde durch sie die Erntearbeit verzögert. Manches Hafer- feld ist noch im Rückstand. Von Kartoffeln waren erst ver­hältnismäßig wenige Felder mit halbspäten Sorten geräumt. Ihre Beurteilung ist sehr verschieden. Sie sollten im Durch­schnitt unter mittelgroß, aber doch zahlreich sein. Ueber die Löhnung der späten Sorten können sich die Vertrauens­männer noch kein Urteil bilden, da die Knollen vorwiegend noch im Wachsen sind. Auch für Zuckerrüben wird vielfach noch eine gedeiliche Weiterentwicklung erwartet. In einzelnen Gegenden Posens und Schlesiens sind die Rüben bereits aus­genommen und im Gewicht nicht ganz, im Zuckergehalt aber doch zufriedenstellend befunden worden. Die Nachmahd von Futterpflanzen, Klee und Luzerne, fällt sehr verschieden aus; während mitunter der zweite Schnitt nicht der Arbeit wert war und abgeweidet wurde, erwartet man andererseits noch einen genügenden dritten Schnitt. Die Grummeternte von den Wiesen ist noch vielfach rückständig, hier und da auch verdorben.

Wien, 19. Sept. Nach dem Saatenstands- und Ernte­bericht des AckerbanministeriumS für Mitte September ergab die Ernte für Winterweizen und Roggen durchschnittlich einen gut-mittleren Kornertrag und ziemlich guten Stroh­ertrag; für Sommergetreide, Roggen und Weizen, ist Aus­sicht auf eine ziemlich gute bis schwach-mittlere, für Gerste auf eine gute Ernte vorhanden, ebenso für Zuckerrüben, da­gegen für Futterrüben auf eine mittlere Ernte. Die Grummet­ernte ergab im Durchschnitt einen mittleren Ertrag. Die Aussichten für die Weinlese sind sehr gut. Das Frühobst lieferte zumeist ein mittleres, das Spätobst ein recht gutes Erträgnis. Die Kartoffeln stehen sehr gut bis mittel.

Paris, 19. Sept. Das Landwirtschaftsministerium ver­öffentlicht die jährliche Schätzung der Ernte in Frankreich. Der Ertrag an Weizen wird auf 109 428 755 Hektoltr. gleich 84138854 Doppelzentnern gegen 132953578 Hektoltr. oder gleich 103 753 000 Doppelzentnern im Vorjahre geschätzt. Der Ertrag an Roggen auf 18 274692 Hek»-»It. gleich 13 029 313 Doppelzentnern gegen 19 697 811 Hektoltr. gleich 13 342187 Doppelzentnern im Vorjahre.

Hus aller Mett.

Als Kuriosum wird aus dem kleinen Städtchen Alcudia auf der Insel Mallorca von dem letzten dort abgehaltenen Stiergesecht berichtet: Die zum Kampf bestimmten Stiere waren noch junge Tiere und zeigten sich trotz aller Angriffe der Picadores und Banderilleros so zahm, daß das heiß­blütige Publikum, das eher den Anblick eines tödlich ver­wundeten Stierkämpfers, als den eines unluftigen oder sogar feigen Stieres ertragen kann, in helle Wut ausbrach. Als alle Kundgebungen nach x» Präsidentenloge hin nichts helfen wollten und trotz gellenden Pfeifens und Schreiens von dem Leiter der Corrida keine Anstalten gemacht wurden, daS Stierlein herauszulocken und für bessern Ersatz zu sorgen, sprangen einige verwegene Aficionados aus dem Publikum kurz entschlossen in die Arena, packten den geduldigen Stier und trugen ihn unter jauchzendem Beifall der Anwesenden über die Reihen der Steinsitze hinauf zur Präsidentenloge. Dort rief der seltsame Besuch natürlich großen Widerspruch hervor und der Skandal war dort allgemein. Die Corrida wurde unterbrochen und es blieb der anwesenden Schutzmann- schaft nichts anderes übrig, als das sich dort oben recht un­gemütlich fühlende Tier auf demselben Wege wieder herunter in die Arena und von dort in den Stall zu schaffen. Der Bürgermeister des Ortes, der es für angebracht fand, die Unternehmer der Corrida ob der schlechten Stiere, die so wenig den berechtigten Anforderungen des kunstverständigen

LI. ^epremver

Publikums entsprochen hatten, zu strafen, ließ die .einge­nommenen Eintrittsgelder mit Beschlag belegen und will die betreffende Summe für wohltätige Zwecke zugunsten der Ge­meinde verwenden.

Acht Stunden blind war jüngst ein junger Mensch in Wien. Er saß im Gasthaus beim Mittagsessen, als er sich plötzlich ans dem lichten Tag in Finsternis versetzt fühlte. Anfangs glaubte er, das Gefühl werde schnell vorübergehen, da er nie krank war. Indessen kehrte das Augenlicht nicht zurück. Es wurde ihm zur schrecklichen Gewißheit, daß er auf beiden Augen erblindet sei. Er ließ sich schleunigst ins Allgemeine Krankenhaus fahren, wo man ihn in der Augen­klinik sofort in Behandlung nahm. Der behandelnde Arzt stellte fest, daß die Blindheit die Folge eines Schlaganfalles sei, und behandelte ihn mit Elektrizität. Nach zwei Stunden der elektrischen Einwirkung stellte sich ein schwacher Licht­schimmer ein, bei dem Leseproben gelangen. Nun steckte man den Patienten in ein Schwitzbad, das den HeilungSprozeß so beförderte, daß abends 8 Uhr die alte Sehkraft zurück- gekehrt war und der blind und niedergeschmettert vor wenigen Stunden Eingebrachte sehend und freudestrahlend entlassen werden konnte.

«vi« Vorsicht bei EmaiKegeschirr. Ein in der Kosel­straße in Frankfurt a. M., wohnender Mann hatte Speisen genossen, die in einem Topf gekocht waren, der mit Emaille überzogen war. Ein Splitterchen der Emaille geriet mit unter das Essen und in den Magen des Mannes, der da­durch erkrankte. Nur dadurch, dciß das Splitterchen wieder weg ging, wurde eine gefährliche Krankheit verhütet, die evtl, zu einer Operation geführt hätte.

Ueber einen schrecklichen Selbstmord berichtet die Ostdeutsche Rundschau" aus Schwarzenau. Ein junges Dienstmädchen von dem Gute Colcz nahm eine Kanne mit Petroleum und begab sich nach einem an dem Wege nach Jarschomkowo stehenden Kreuz. Nachdem sie sich über und über mit Petroleum begossen hatte, zündete sie ihre Kleidung an, und warf sich mit auSgebreiteten Armen vor das Kruzi­fix. In dieser Lage wurde sie später in schrecklich ver­branntem Zustande tot aufgefunden.

Von einem Zuge zermalmt. Der Hofapotheker Rath in Rastede, der den Bahndamm entlang gegangen war, wurde in der Nähe des Bahnhofs Rastede von dem Abend- schnellzuge aus Wilhelmshaven erfaßt und getötet.

Cvm. Wieder einer Die Pfalz ist durch zweierlei in den letzten Jahren berühmt geworden : durch die Weinprozesse und durch verduftete ©emeinberedjner ec. Auch jetzt liegt wieder eine solche Meldung vor. Der Gemeindeschreiber und Rechner der Spar- und Darlehenskasse Niedermiesau in der Pfalz ist spurlos verschwunden. Ob ein Manko in der Kasse ist, konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden, da die Kassen- und Bücherrevision längere Zeit in Anspruch nimmt.

Unter den Rädern einer Kanone den Tod ge« funden. Einen schrecklichen Tod fand der 13jährige Sohn des Schmiedemeisters Pläfke aus Kalkberge-Rüdersdorf. Der Knabe hatte dem Vorbeimarsch eines Artillerie-Regiments, das aus dem Manöver zurückkehrte, auf der Landstraße zu­gesehen. Er wollte sich dann zwischen zwei Geschützen hin­durch nach der anderen Straßenseite begeben, wurde aber niedergerissen und überfahren. Die Räder des schweren Ge­schützes gingen ihm über die Brust. Wenige Minuten später war er den schweren Verletzungen erlegen. Die Fahrer des Geschiitzes trifft keine Schuld.

64 000 000 Mark alsHochzeitssouvenir" zit^*" verteilen dürfte selbst bei amerikanischen Millionären selten vorkommen. Einem Amerikaner deutscher Herkunft, Herrn William Singer aus Pittburg, war es vorbehalten, diesen Souvenir-Rekord aufzustellen. Denn als die vier Kinder des Singerschen Ehepaares am Tage der goldenen Hochzeit ihrer Eltern sich beim Festmahl zur Tafel setzten, entdeckten sie unter der Serviette je einPreispaket" im Werte vonnur" 16 000 000 Mark, bestehend aus Wertpapieren. Mr. Singer wird auf einhundert Millionen Mark geschätzt, die er durch glückliche Stahl- und Bauspekulationen erworben hat. Jetzt hat er sich vom Geschäft zurückgezogen, aber, ungleich König Lear, noch immer genug für sich zurückbehalten, um nicht auf seine Kinder angewiesen zu sein. Denn schließlich kann selbst ein Millionär von 36 000 000 Mark nochganz gut leben.

Ein schwerer Automobilunfull ereignete sich auf der Chaussee von Büchen nach Gudow. Dort überholte das aus dem Manövergelände zurückkehrende Automobil des Kommandierenden Generals des H. Armeekorps von Vieting- hoff ein Dungfuhrwerk, das der 20jährige Landmannssohr Johannes Manshardt aus Büchen führte. Dieser bog, als er das Auto hinter sich kommen sah, soweit es ihm möglich war, aus, sein Fuhrwerk wurde aber doch von dem Kraft­wagen erfaßt, und durch den Anprall flog M. in weitem Bogen von seinem Sitze und kam unter die Räder zu liegen, wobei ihm ein Fuß oberhalb des Fußgelenks glatt abge­fahren wurde. Der General bemühte sich nach Kräften um den Verunglückten, den er nach Büchen in das Elternhaus brachte. Hier versprach der General, er werde dafür sorgen, daß der ältere Sohn Manshardts, der gegenwärtig seine» Militärpflicht genügt, unverzüglich entlassen werde, um bem Vater an Stelle des verunglückten Sohnes in bet Wirtschaft helfen zu können.

Die Choleraepidemie in Petersburg.

Jetzt endlich scheinen sich die Behörden der russischen Hauptstadt zu einem energischen Vorgehen gegen die Cholera aufzuraffen, nachdem die furchtbare Seuche von Tag zu Tag immer größere Ausdehnung angenommen hat. Allen voran geht Ministerpräsident Stolypin, der sich persönlich durch den Allgenschein von der bestehenden Mißwirtschaft über­zeugt hat. Ein Bericht aus Petersburg vom 19. September meldet: Gestern abend fand im Rathaus eine Extrasitzung der Stadtverordneten statt, die sich bis nach Mitternacht aus« dehnte und die Krebsschäden des Petersburger Sanitätë» wesens schonungslos aufdeckte. Dr. Oppenheim, Chef des Sanitätswesens, erlitt ein schmähliches Fiasko. Oberbürger­meister Reszew beantragte eine Million Mark zur Bekämpfung der Cholera, die auch bewilligt wurde. Premierminister Stolypin hat heute nacht, begleitet vom Petersburger Stadt- Hauptmann General Dratschewski, persönlich die Cholera­baracken besucht, genaue Umschau gehalten und mit verschie­denen Cholerakranken gesprochen. Darauf inspizierte der Minister verschiedene Nachtasyle. Sein persönliches Ein­greifen in die Sanitätsfrage wird allgemein sympatisch be­grüßt. Ein großer llebelftanb ist der Mangel an Trans­portmitteln für Erkrankte; die Stadt Petersburg besitzt nur 20 Krankenwagen, gestern erkrankten 390 Personen. Sie